Agilität als Fähigkeit
Der Begriff "agil" kann auf das lateinische Wort "agilis" zurückgeführt werden, das "flink, wendig oder beweglich" bedeutet. Im Kontext des Sports beschreibt der Begriff Agilität die Wendigkeit oder Manövrierfähigkeit des Körpers – die durch Balance, Koordination, Tempo und Kraft trainiert werden kann. Aber was bedeutet Agilität für Unternehmen und Organisationen?
Für Unternehmen und Organisationen bedeutet Agilität, schnell auf Marktveränderungen reagieren zu können, indem sie innovative Lösungsansätze entwickeln und traditionelle Herangehensweisen durch flexible und adaptive Prozesse ersetzen. In der heutigen Zeit, in der Unternehmen und Volkswirtschaften einem konstanten und schnellen Wandel unterworfen sind, wird agiles Handeln in zunehmendem Maße wichtig. Aber warum ist das so?
Wenn Unternehmen und Organisationen mehr Agilität zulassen, sind sie in der Lage, sich schneller an neue interne und externe Veränderungen, Herausforderungen und Unsicherheiten anzupassen. Agilität hilft Unternehmen dabei, diese Unsicherheiten gut bewältigen zu können.
Aber sind nur Unternehmen und Organisationen von Unsicherheiten und dem schnellen Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft betroffen? Und besteht die Notwendigkeit, innovativ zu sein und Unsicherheiten gut meistern zu können, nur für Unternehmen und Organisationen? Die Anforderungen von Kunden und Stakeholdern zu erfüllen sowie in der Lage zu sein, Herausforderungen willkommen zu heißen und flexibel darauf zu reagieren, ist nicht nur für Unternehmen und Organisationen wichtig. Agilität kann auch ein wertvoller Ansatz für unser persönliches Leben sein, da wir auch als Individuen immer wieder mit Unsicherheiten und Herausforderungen konfrontiert sind. Jeder Einzelne kann agile Prinzipien in seinem Alltag anwenden, um Neues zu lernen, sich weiterzuentwickeln und flexibler mit den Unsicherheiten und Anforderungen unserer sich stetig wandelnden Zeit umzugehen zu können.
Beginnen wir mit einem Zitat von Arie van Bennekum, Co-Autor des Agilen Manifests: "Agilität ist die Fähigkeit eines Unternehmens, die Vorteile des 'agil Seins' zu nutzen."
Aus unserer Sicht sollten die sich immer schneller ändernden Anforderungen an Produkte auch im Projektmanagement berücksichtigt werden. Deshalb lautet die wichtigste Frage, ob Ihre Organisation oder Sie als Führungskraft bzw. Projektmanager in der Lage sind, externe und interne Veränderungen zu begrüßen. Denn eines der Hauptkriterien für ein agiles Mindset, Agilität oder "agil sein" besteht darin, Veränderungen freudig annehmen zu können.
Wenn Unternehmen ihren Kunden in einer komplexen und unsicheren Umwelt einen Mehrwert bieten können, indem sie flexibel auf interne und externe Veränderungen reagieren, dann hilft diese Fähigkeit ihnen dabei, den Vorteil des "agil Seins" für sich zu nutzen. Führungskräfte und Teams aus jedem Bereich können agiles Denken und Arbeiten lernen, um auf die zukünftigen Anforderungen der Kunden, des Marktes und der Arbeitswelt vorbereitet zu sein. Ob Produktdesigner, Content Creator, Marketingmanager, HR-Manager, Finanzexperten oder Vertriebsmitarbeiter – alle Unternehmensbereiche können vom agilen Mindset und dieser Art des Arbeitens profitieren.
Wie Sie bereits festgestellt haben, sprechen wir schon die ganze Zeit von einem gewissen "Mindset" und der dazugehörigen "Fähigkeit". Doch um welche Fähigkeit handelt es sich hier eigentlich genau und welche Idee, welche geistige Haltung steht hinter dieser Fähigkeit?
Das agile Mindset
Um das agile Mindset besser zu verstehen, stellen wir hier die beiden grundlegenden Denkweisen vor, die die US-amerikanische Psychologin Dr. Carol Dweck definiert hat:
- Das Fixed Mindset
- Das Growth Mindset (agile Mindset)
Beim Fixed Mindset herrscht die Überzeugung vor, dass die eigene Intelligenz und persönliche Eigenschaften weitestgehend angeboren und nicht veränderbar sind. Typische Verhaltensweisen und Überzeugungen sind demnach:
- Fehler werden vermieden
- Herausforderungen werden vermieden
- Fehlende Bereitschaft zur Veränderung (und damit auch zur Verbesserung)
- Der Erfolg anderer wird als Bedrohung wahrgenommen
- Anstrengung, Fehler und Scheitern werden als Beweis mangelnder Begabung und Fähigkeiten erlebt
Im Zentrum des agilen Mindsets steht das sogenannte "Growth Mindset", das auf dem Glauben an die eigene Fähigkeit zu kontinuierlichem Lernen und stetiger Weiterentwicklung basiert. Laut dieser Denkweise kommen Menschen zwar mit bestimmten Begabungen und Charaktereigenschaften auf die Welt, diese sind jedoch zu jeder Zeit veränderbar.
Winston Churchill soll gesagt haben: "Erfolg ist nicht endgültig, Misserfolg ist nicht fatal; was zählt, ist der Mut weiterzumachen." Dieses Zitat bringt den Spirit des Growth Mindset gut zum Ausdruck: Scheitern wird als Chance angesehen, die eigenen Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Typische Überzeugungen und Einstellungen dieses Mindsets sind demnach:
- große Bereitschaft zu kontinuierlichem Lernen
- Unsicherheiten werden willkommen geheißen
- Herausforderungen werden begrüßt
- Fehler und Feedback werden als Chance gesehen, Neues zu lernen und sich weiterzuentwickeln
- Übung ist der Weg zur Meisterschaft
- Der Erfolg anderer wird als Inspiration für die eigene Entwicklung wahrgenommen
| Fixed Mindset | Agiles Mindset/Growth Mindset |
|---|---|
| Überzeugung, dass die eigene Intelligenz, persönliche Eigenschaften und Talente angeboren und unveränderbar sind | Überzeugung, dass die eigene Intelligenz, persönliche Eigenschaften und Talente kontinuierlich weiterentwickelt werden können und das eigene Potenzial nicht begrenzt ist |
|
Der Wunsch, eine gute Figur zu machen, steht im Vordergrund Scheitern wird vermieden Herausforderungen werden vermieden Festhalten an Bekanntem Feedback und Kritik werden persönlich genommen (defensive Haltung) Fehlende Bereitschaft zur Veränderung (und damit auch zur Verbesserung) Der Erfolg anderer wird als Bedrohung wahrgenommen |
Streben nach kontinuierlichem Lernen / kontinuierlicher Entwicklung Unsicherheiten werden konfrontiert Herausforderungen werden freudig angenommen Keine Angst vor Scheitern Feedback wird (nur) auf momentane Fähigkeiten bezogen und als Gelegenheit zur Verbesserung genutzt Große Bereitschaft, Neues zu lernen und sich weiterzuentwickeln (lernorientiert) Der Erfolg anderer wird als Lernchance und Inspiration wahrgenommen |
| Auf unsicherem Terrain dominiert der Wunsch, Dinge "einzufrieren" oder in gewohnte Bahnen zurückzulenken, um das Risiko des Scheiterns zu minimieren | Auf unsicherem Terrain dominiert der Wunsch, lieber "schnell" zu scheitern und sich durch Feedback und Ausprobieren weiterzuentwickeln. Verbunden mit der Bereitschaft, die eigene Vorgehensweise aufgrund des neu Erlernten flexibel anzupassen |
Stellen Sie sich vor, jemand fragt Sie, ob Sie ein guter Koch sind. Wenn Sie auf diese Frage mit einem klaren "Ja" oder "Nein" antworten, entspricht dies einem Fixed Mindset. Denn Ihre Antwort spiegelt Ihre Überzeugung wider, dass Sie mit einem gewissen Talent zum Kochen gesegnet sind. Der Aspekt des Lernens und der eigenen Weiterentwicklung spielt bei dieser Antwort keine Rolle. Wenn Sie hingegen antworten, dass Sie gerne mehr üben würden, um besser kochen zu können oder Ihr Gegenüber gar fragen, ob er Ihnen das Kochen beibringen kann, weisen Ihre Antworten auf ein agiles Mindset hin.
"Agil sein" bezeichnet eine Art des Denkens und Arbeitens, die tief in einer Kultur des kontinuierlichen Lernens und Ausprobierens verwurzelt ist – verbunden mit der Bereitschaft, das eigene Verhalten jederzeit anzupassen und das neu Erlernte direkt anzuwenden. Der Übergang von einem Fixed Mindset zum agilen Mindset kann nicht über Nacht erfolgen und erfordert Geduld und Mühe. Aber die Reise lohnt sich, und eines Tages wird die neue Denkweise zur Gewohnheit werden. Sich kleine oder große Ziele auf dem Weg zu setzen, kann eine wichtige Hilfe dabei sein, sich auch in schwierigen und herausfordernden Situationen nicht entmutigen zu lassen und den Blick wieder nach vorne zu richten. Wenn einzelne Personen und Organisationen über ein agiles Mindset verfügen, führt dies außerdem zu mehr Offenheit und Vertrauen untereinander – zwei Schlüsselfaktoren, die als wichtige Voraussetzung für eine sich stetig weiterentwickelnde Lernkultur und bessere Kommunikation in Teams und Unternehmen angesehen werden können.

Abbildung 1: From doing agile to being agile (eigene Darstellung)
Agil zu sein, bedeutet, ein agiles Mindset (Growth Mindset) zu haben, was sicherlich nicht von heute auf morgen zu erreichen ist. Denn ein agiles Mindset fordert Organisationen und Führungskräfte dazu auf, Macht und Kontrolle zugunsten von Vertrauen in Mitarbeitende und Eigenverantwortung von Mitarbeitenden abzugeben – und das ist herausfordernd.
Agil vs. Agilität
Die Herausforderung für Unternehmen liegt darin, "agil" nicht mit Agilität zu verwechseln. Die beiden Begriffe stehen zwar eng miteinander in Verbindung, meinen jedoch nicht dasselbe. Wenn wir den Begriff "agil" verwenden, sind damit in der Regel Methoden, Frameworks, Prozesse und Werkzeuge gemeint, die wir anwenden, um ein Produkt zu entwickeln. Agilität bezeichnet hingegen eine bestimmte Art zu denken und zu handeln – um von Veränderungen zu lernen und die eigenen Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Bei der Agilität liegt der Fokus demnach nicht auf Werkzeugen oder Methoden, sondern auf den Menschen und ihrer Einstellung zur Arbeit. So kann Agilität beispielsweise im Mut zum Scheitern zum Ausdruck kommen – und in der Bereitschaft, verschiedene Ansätze auszuprobieren, um die beste Lösung zu finden.
Agilität bedeutet mehr, als nur "agil zu tun" und bekannte Methoden wie Scrum, Kanban, XP usw. anzuwenden. "Agil sein" verlangt von Organisationen, sich in einer komplexen und unsicheren Umwelt, die durch dynamische Kunden-, Marktanforderungen und neue Technologien geprägt ist, kontinuierlich weiterzuentwickeln und zu verbessern.
Leider haben zahlreiche Unternehmen die agile Arbeitsweise in Form bestimmter Werkzeuge, Prozesse und Frameworks übernommen, ohne den Unterschied zwischen "agil zu tun" und "agil zu sein" verinnerlicht zu haben. So entstehen immer wieder Situationen, in denen Führungskräfte von ihren Teams verlangen, agil zu arbeiten und den Fokus dabei in erster Linie auf bestimmte Methoden, Prozesse und Werkzeuge legen. Die eigentliche Bedeutung von Agilität – wie z.B. eine offene Lernkultur und die Bereitschaft zur kontinuierlichen Verbesserung – wird jedoch nicht gelebt. Dies kann laut Gunther Verheyen, ehemaliger Mitarbeiter der Organisation Scrum.org und Autor verschiedener Bücher zu Scrum, zur sogenannten Illusion von Agilität führen. Dieses Phänomen kann Unternehmen und Organisationen deutlich in ihrem Wachstum bremsen. Häufig zeigen sich die Folgen einer solchen Schein-Agilität erst nach Jahren, wenn gesetzte Ziele nicht erreicht wurden.

Abbildung 2: The illusion of agility (© Ullizee-Inc | Gunther Verheyen)
Im Grunde zielt "agil" einzig und allein darauf ab, Agilität zu erlangen. Für Unternehmen bedeutet dies, die Fähigkeit zu entwickeln, schnell und effektiv auf interne und externe Veränderungen reagieren zu können – und den Kunden einen Mehrwert anzubieten, der auf einer Kultur der kontinuierlichen Verbesserung basiert. Agile Frameworks sind horizontale Werkzeuge, die bestimmte Vorgehensweisen definieren. Dabei ändert sich jedoch nicht automatisch die Einstellung, mit der wir an Dinge herangehen. Echte Agilität bedeutet eine vertikale Entwicklung, bei der Führungskräfte und Mitarbeitende die neuen Verhaltensweisen auch verinnerlichen – vom reaktiven Handeln und gewohnten Abläufen hin zu proaktiver Gestaltung und kreativen Herangehensweisen.
Doch wie kann diese vertikale Entwicklung mit Hilfe der entsprechenden horizontalen Werkzeuge gelingen? Bevor wir diese Frage beantworten, wollen wir den Unterschied zwischen agilem "TUN" und agilem "SEIN" beleuchten und aufzeigen, wie diese beiden Ebenen miteinander zusammenhängen.
Agil tun vs. agil sein
Agilität ist das übergeordnete Ziel, um ein nachhaltiges, wachsendes und sich ständig verbesserndes Arbeitsumfeld zu schaffen. Da es immer Verbesserungspotenzial gibt, hat Agilität keinen Endpunkt. Agil "tun" bedeutet, bestimmte Methoden und Prozesse anzuwenden, um das Ziel der Agilität zu erreichen.
Die Erfahrung zeigt, dass Teams, die sich zum ersten Mal mit Agilität beschäftigen, am Anfang eher agil tun, als agil zu sein. Dies liegt daran, dass sie darauf fokussiert sind, agile Prozesse (wie z.B. Scrum) zu implementieren, um schnelle Ergebnisse liefern zu können. Um agil zu sein, braucht es jedoch nicht nur Prozesse, sondern auch eine tiefgreifende Veränderung in der Haltung der Teammitglieder und der Unternehmenskultur. Nur durch einen echten kulturellen Wandel können eine neue Ebene der Kommunikation und ein echtes Wachstum der Menschen erreicht werden.

Abbildung 3: Die agile Zwiebel (eigene Darstellung)
Agile Adaption vs. agile Transformation
Der Unterschied zwischen "agil tun" und "agil sein" kann gut anhand der Konzepte der agilen Adaption und der agilen Transformation verdeutlicht werden.
Die agile Adaption in Organisationen bezeichnet die Einführung und Implementierung agiler Methoden und Prozesse auf Teamebene.
Eine agile Transformation bedeutet hingegen eine tiefgreifende Veränderung in der gesamten Unternehmenskultur und der Denkweise von Führungskräften und Mitarbeitenden. Nur so kann der Boden für eine offene Lernkultur und für die Bereitschaft zu kontinuierlicher Verbesserung in Unternehmen bereitet werden. Dieser Wandel erfordert intensive Anstrengungen und einen langen Atem, da es sich um einen fortlaufenden Prozess und kein einmaliges Projekt handelt.
Agilität muss in Organisationen sowohl horizontal als auch vertikal implementiert werden, damit das eigentliche Ziel des "agil Seins" – kontinuierliches Lernen und die Fähigkeit, schnell auf Veränderungen in einer unsicheren Umgebung reagieren zu können – auch gelebt werden kann.


