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Erfolgsfaktoren bei der Auswahl von Projektmanagementmodellen im IT-Projektmanagement bei deutschen Großunternehmen der Softwarebranche

Masterarbeit zur Erlangung des akademischen Grades

Master of Business Administration

an der FH Burgenland

Daniela Herkert

2030027142

Betreuer/in: Mag. Ingrid Simanov-Budka, M.A., MBA, DBA, MSc, MSc

Einreichungsdatum: 01.09.2024

Ich erkläre hiermit an Eides statt, dass ich die vorliegende Arbeit selbständig ohne die Verwendung unerlaubter Hilfsmittel verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen verwendet habe. Alle Stellen, die wörtlich oder sinngemäß den angegebenen Quellen entnommen wurden, sind als solche kenntlich gemacht.

Sofern in der Masterarbeit eine Verwendung von Hilfsmitteln (insbesondere IT- und KI-gestützte) vorgesehen ist, erkläre ich, diese in der Arbeit mit dem jeweiligen Produktnamen, der Produktversion und einer Beschreibung des genutzten Funktionsumfangs vollständig angeführt zu haben.

Zudem versichere ich, dass ich diese Arbeit gemäß der geltenden Prüfungsordnung der FH Burgenland sowie den Richtlinien der Österreichischen Agentur für wissenschaftliche Integrität zur guten wissenschaftlichen Praxis (https://oeawi.at/richtlinien/) verfasst habe. Die Arbeit wurde bisher weder im Inland noch Ausland zur Begutachtung oder Beurteilung vorgelegt und nicht veröffentlicht.

Hirschhorn, 01.09.2024

Ort und Datum      eigenhändige Unterschrift


1 Abstract

Empirische Studien belegen, dass die Selektion eines idealen Vorgehensmodells einen bedeutenden Erfolgsfaktor für Softwareprojekte darstellt. Daher ist es besonders wichtig, zu verstehen, welche Faktoren diese Wahl in der Praxis beeinflussen, und wie deutsche Großunternehmen in der Softwarebranche dabei erfolgreiche Entscheidungen treffen.

Im Rahmen dieser Arbeit wurde eine systematische Literaturrecherche mit einer quantitativen Befragung kombiniert, um die Anwendung theoretischer Erfolgsfaktoren in der Praxis zu überprüfen. Hierfür wurden 50 Projektmitarbeitende in deutschen Großunternehmen der Softwarebranche befragt, die als Entscheidungsträger:innen bei der VM-Auswahl fungieren können und mindestens über drei Jahre Erfahrung in IT-Projekten in diesen Unternehmen verfügen, darunter IT-Projektmanager:innen, Scrum Master:innen, Product Owner:innen, Agile Coach:innen, Projektmanagement-Berater:innen, Solution Architect:innen und Führungskräfte. Die Umfrage untersuchte, inwieweit theoretische Erfolgsfaktoren wie Flexibilität und Anpassungsfähigkeit des Vorgehensmodells, Projekttyp, Dynamik der Anforderungen, Komplexität des Projekts und Unternehmenskultur und Mindset des:der Auftragnehmer:in bei der Auswahl von Vorgehensmodellen in der Praxis angewendet werden und welche Maßnahmen ergriffen werden, wenn das gewählte Modell nicht zum Erfolg führte.

Die Flexibilität und Anpassbarkeit des Vorgehensmodells erwies sich im Kontext deutscher Software-Großunternehmen als der wichtigste Erfolgsfaktor für den Projekterfolg, dessen Signifikanz auch empirisch belegt werden konnte (p < 0,05). Weitere signifikante Erfolgsfaktoren waren der Projekttyp und die erwartete Beteiligung der Kund:innen, obwohl Letzterer in der Praxis neutral bewertet wurde.

Insgesamt konnte gezeigt werden, dass eine enge Übereinstimmung zwischen mehreren theoretischen und praktischen Erfolgsfaktoren besteht. Zudem wird deutlich, dass bei Misserfolgen häufig Anpassungen am Vorgehensmodell vorgenommen werden.

Die Ergebnisse lassen vermuten, dass die Vorgabe des Vorgehensmodells durch das Unternehmen und das Management in vielen Fällen eine entscheidende Rolle spielt und die Entscheidungsfreiheit der Projektmanager:innen einschränkt.

Schlüsselwörter

IT-Projektmanagement

Erfolgsfaktoren

Vorgehensmodelle

Auswahl

Deutsche Softwarebranche

Großunternehmen

2 Vorwort

Im Rahmen dieser Masterarbeit durfte ich mich eingehend mit einem Thema befassen, das sowohl für meine berufliche Tätigkeit als auch für die Entwicklung effektiver Projektmanagementpraktiken von großer Bedeutung ist: die Erfolgsfaktoren bei der Auswahl von Projektmanagementmodellen im IT-Projektmanagement in deutschen Großunternehmen der Softwarebranche.

Mein besonderer Dank gilt meiner Betreuerin – Frau Mag. Simanov-Budka, M.A., MBA, DBA, MSc, MSc, deren wertvolle Unterstützung, fachliche Expertise und konstruktives Feedback maßgeblich zum Gelingen dieser Arbeit beigetragen haben. Ebenso möchte ich der Lehrgangsleitung, Herrn Hon. Prof. (FH) Mag. Dr. Helmut Siller, MSc, meinen aufrichtigen Dank für sein Entgegenkommen und seine exzellente Unterstützung während des gesamten Studiums aussprechen.

Darüber hinaus möchte ich insbesondere meinem Manager, Herrn Mehrschad Zaeri Esfahani (Dipl.-Inform. FH), herzlich danken für die außergewöhnlichen Arbeitsbedingungen, die er für mich geschaffen hat. Sein Leadership und Mentorship haben mich stets inspiriert und motiviert, neue Herausforderungen anzunehmen. Sein Buch "Hybrides Projektdesign - Modernes Projektmanagement abseits von Königreichen" (2023) war eine wertvolle Quelle der Inspiration für diese Arbeit.

Ich möchte mich auch bei den Teilnehmer:innen meiner Online-Umfrage bedanken, die durch ihre Zeit und Mühe maßgeblich zur Qualität meiner Forschung beigetragen haben und deren Mitwirkung einen wichtigen Teil dieser Untersuchung ausmacht.

Besonderen Dank möchte ich meinem Mann, Steffen Herkert, aussprechen. Sein Verständnis, seine großartige Unterstützung und sein unermüdliches Korrekturlesen haben mir geholfen, diese Arbeit in ihrer jetzigen Form fertigzustellen.

Ein herzlicher Dank geht auch an meine Familie – Zhivka Koleva, Bozhana Avramova, Angelika und Karl-Heinz Herkert – die uns durch ihre liebevolle Betreuung unseres Sohnes entlastet haben und mir so den nötigen Freiraum zum Schreiben ermöglicht haben.

Abschließend möchte ich meinem Sohn, Vincent Herkert, für sein Verständnis und seine Geduld danken, dass wir die vielen Spiele, die wir nicht spielen konnten, nun endlich nachholen werden.

3 Abkürzungsverzeichnis

APM

Agiles Projektmanagement

EF

Erfolgsfaktor

EI

Erfolgsindikator

IKT

Informations- und Kommunikationstechnik

IPMA

International Project Management Association

F

Frage im Onlinefragebogen

FF

Forschungsfrage

M

Mittelwert

PM

Projektmanagement

PMngr

Projektmanager:in

PMI

Project Management Institute

PMO

Projektmanagement Office

PO

Product Owner:in

SD

Standardabweichung

SM

Scrum Master:in

TPM

Traditionelles Projektmanagement

VM

Vorgehensmodell

4 Abbildungsverzeichnis

5 Tabellenverzeichnis


6 Übersicht über verwendete Softwaretools

Verwendung

Verwendete Tools

(KI, weitere Tools)

Verwendungsdetails

Themenwahl/ Gliederung

 n/a

n/a

Recherche

 n/a

n/a

Textentwurf

n/a

n/a

Erstellung von Bildern/ Grafiken/ Videos

Miro (2024),

Excel (2019), Powerpoint (2019), Snippingtool, (2023), Luxa (2024)

Manuelle Erstellung von Workflowdiagrammen via Miro & Powerpoint, Screenshots via Snippingtool, Konvertierung von Bildern in Graustufen via Luxa

Feinschliff/ Textoptimierung

DeepL Write (kostenlose Version, 2024)

Grammatikprüfung und stilistische Unterstützung via DeepL Write

Übersetzung

DeepL Übersetzer (kostenlose Version, 2024)

Übersetzung einzelner Textstellen ins Englische via DeepL Übersetzer

Datenerhebung

SoSci Survey (2024)

 Online-Fragebogen via SoSci Survey

Datenauswertung

Excel (2019),

DATAtab (2024)

 Korrelationsanalyse via Excel, Lage- & Streuungsparameter und Regressionsanalyse via DATAtab

Daten-interpretation

DATAtab (2024)

Nutzung der Optionen „Prüfen von Voraussetzungen“ und „Zusammenfassung in Worten für die Lineare Regression“ in DATAtab

Literatur-verwaltung

Google Books (2024)

Erstellen von APA-Zitationen via Google Books

Datenbanken

Google Scholar (2024), Datenbank der FH Burgenland (2024), Researchgate (2024),

Google Search (2024)

Systematische Literaturrecherche via Google Scholar, Quellensuche via Google Scholar, Datenbank der FH Burgenland, ResearchGate, Google Search

Sonstiges

DATAtab (2024)

Stichprobenrechner via DATAtab

7 Einleitung

7.1 Problemstellung

Der rasante technologische Fortschritt durch innovative Technologien wie Internet der Dinge, Roboter, künstliche Intelligenz, mobile Technologien, Big Data und Cloud Computing und die digitale Transformation führen zu kontinuierlichen Veränderungen sowohl in Produkten und Wertschöpfungsketten, als auch in der Arbeitswelt. Dadurch stehen alle Branchen vor Veränderungen (Lippold 2019, S. 24).

Laut einer Umfrage unter 255 CFOs und CIOs von Dezember 2012 scheitert etwa jedes sechste geschäftskritische IT-Projekt. Die von IDG Business Research Services durchgeführte Studie in den Regionen DACH, USA/Kanada und Großbritannien, zeigte, dass 46,8% der Projekte Verzögerungen hatten, 11,8% teurer wurden und bei 8,1% der Projekte der erwartete Nutzen nicht erreicht wurde. In der DACH-Region beträgt die durchschnittliche Projektlaufzeit für die Durchführung 13 Monate, mit einer sechsmonatigen Planungsphase, was zu einer Gesamtlaufzeit von 19 Monaten führt. Bei längeren Projektlaufzeiten neigt die Aufgabenstellung von IT-Projekten allerdings häufig dazu, sich während der Laufzeit zu verändern, was auf eine mangelnde Projektvorbereitung oder die Zugehörigkeit des Auftraggebers zu einer besonders dynamischen Branche zurückgeführt werden kann (vgl. Berg et al. 2014, S. 1).

In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben die zunehmende Dynamik und steigende Komplexität von Projektobjekten in der Unternehmenspraxis den Weg für neue, agile Projektansätze geebnet (vgl. Dittmann /Zaeri Esfahani 2023, S.13).

Agiles Projektmanagement wird oft als schlank, kundenorientiert und zeitgemäß angesehen. Dennoch ist es nicht für jedes Unternehmen und jedes Projekt gleichermaßen geeignet. Zudem kann eine unüberlegte Umstellung von traditionellem auf agiles Projektmanagement durch Nicht-Berücksichtigung von Stakeholdern scheitern (vgl. Timinger 2017, S. 242).

Vorgehensmodelle fungieren als Leitfaden und Orientierungshilfe für die Projektbearbeitung und sind somit ein wesentlicher Treiber für den Projekterfolg. Die Auswahl eines nicht zum Unternehmen passenden Standards oder ungeeigneten Vorgehensmodells kann zu vielfältigen Problemen führen. Diese Probleme betreffen nicht nur ein einzelnes Projekt, sondern können sich auf alle Projekte auswirken, die dem gewählten Standard folgen. Daher ist es entscheidend, Standards und Vorgehensmodelle nicht ungeprüft zu übernehmen (vgl. Timinger 2017, S. 241-242).

Das Konzept des hybriden Projektmanagements, das unter anderem auch eine Kombination aus klassischen und agilen Ansätzen ermöglicht, wird zunehmend als vielversprechend erachtet, denn es bietet eine undogmatische Sichtweise und trägt somit zur Gestaltung eines angemessenen Projektdesigns bzw. einer angemessenen projektspezifischen Vorgehensweise. Insbesondere für Projektleiter:innen, Trainer:innen und Coach:innen wird deutlich, dass im Kontext des sich rasch ändernden Unternehmensumfelds eine Transformation in Richtung mehr Agilität lediglich durch eine Kombination aus verschiedenen Vorgehensmodellen in Projekten gelingen kann (vgl. Dittmann & Zaeri 2023, S. 17-19).

Empirische Studien belegen, dass die Wahl eines geeigneten Vorgehensmodells entscheidend für den Erfolg von Softwareprojekten ist (vgl. Standish Group 2001, S. 4). Aufgrund der Wichtigkeit und der Notwendigkeit, aus der Fülle der verfügbaren Vorgehensweisen zu schöpfen um einen passenden, erfolgversprechenden Ansatz für jedes spezifische Projekt auszuwählen bzw. zu entwickeln (vgl. Dittmann & Zaeri 2023, S. 19), stellt sich die Frage, welche Faktoren eine ausschlaggebende Rolle bei der Auswahl von Projektmanagementmodellen spielen und wie deutsche Großunternehmen in der Softwarebranche erfolgreiche Entscheidungen beim Selektieren von Projektmanagementmodellen im IT-Projektmanagement treffen können.

7.2 Ziel der Arbeit

Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, die Erfolgsfaktoren bei der Auswahl von Projektmanagementmodellen im IT-Projektmanagement bei deutschen Großunternehmen der Softwarebranche zu identifizieren. Durch eine profunde Literaturrecherche sollen theoretische Erkenntnisse zur Auswahl eines geeigneten Projektmanagementansatzes gewonnen werden und im Rahmen eines quantitativen empirischen Ansatzes auf ihre Anwendung in der Praxis von IT-Projekten in deutschen Großunternehmen der Softwarebranche überprüft werden.

Diese Arbeit hat als primäres Ziel, Handlungsempfehlungen für Projektmanager:innen im IT-Bereich zu erarbeiten. Durch die Erarbeitung von Handlungsempfehlungen soll ein Beitrag zur Unterstützung und Verbesserung der Entscheidungsfindung bei der Auswahl von Projektmanagementmodellen geleistet werden.

7.3 Forschungsfragen

Der Fokus dieser Arbeit liegt auf der Identifikation von ausschlaggebenden Faktoren, die eine Auswahl von geeigneten und erfolgsbringenden Vorgehensmodellen im IT-Projektmanagement bei deutschen Großunternehmen der Softwarebranche ermöglichen. Bezugnehmend darauf sollen folgende Forschungsfragen beantwortet werden:

  • FF1: Welche in der wissenschaftlichen Literatur diskutierten Erfolgsfaktoren bei der Auswahl von Projektmanagementmodellen, sind im Kontext des IT-Projektmanagements in deutschen Großunternehmen der Softwarebranche besonders relevant?

  • FF2: Welche konkreten Erfolgsfaktoren werden von Projektmanager:innen bei der Auswahl von Projektmanagementmodellen für IT-Projekte in deutschen Großunternehmen der Softwarebranche in der Praxis angewendet und inwieweit stimmen diese mit den theoretischen Erfolgsfaktoren überein?

  • FF3: Welche Handlungsmaßnahmen werden von IT-Projektmanager:innen in deutschen Großunternehmen der Software-Branche ergriffen, wenn das ausgewählte Projektmanagementmodell nicht erfolgsführend war?

7.4 Methode

Die Thematik der Projektmanagement-Modelle im IT-Management und die entscheidenden Faktoren, die zur Auswahl von Projektmanagement-Modellen herangezogen werden, werden anhand einer profunden Literaturrecherche herausgearbeitet. Dabei wird angestrebt, dass der aktuelle Forschungsstand möglichst vollumfänglich wiedergegeben wird. Zur Sicherstellung der Vollständigkeit erfolgt daher eine systematische Literaturrecherche mit diversen Keyword-Kombinationen in der Datenbank Google Scholar mit den Suchbegriffen „IT-Projektmanagement“, „Vorgehensmodelle“, „Softwareentwicklung“, „Auswahlkriterien“, „Stacey-Matrix“, „Cynefin-Framework“ wie bspw. „Auswahlkriterien AND Vorgehensmodelle AND Softwareentwicklung“, „IT-Projektmanagement“, „Vorgehensmodelle AND Softwareentwicklung“ und „Auswahlkriterien AND Vorgehensmodelle AND Softwareentwicklung“, etc..

Um die Forschungsfragen dieser Arbeit zu beantworten, ist ein quantitativer Ansatz geeignet. Die quantitative Sozialforschung erlaubt die Erfassung von Teilen der beobachteten Realität, die in einer statistischen Auswertung der Messdaten resultiert (vgl. Berger-Grabner 2016, S. 169). Die Umwandlung in quantifizierbare Werte, also die Zuordnung von Zahlenwerten, wird durch die Operationalisierung (Messbarmachung) von Merkmalen erreicht (vgl. Berger-Grabner 2016, ebd.). Dabei werden die Ergebnisse anhand von uni- und bivariaten Methoden ausgewertet (vgl. Berger-Grabner 2016, S. 184).

Als Erhebungsinstrument kommt ein anonymisierter und standardisierter Online-Fragebogen zum Einsatz. Dieser Fragebogen richtet sich an Projektmanager:innen und weitere Projektmitarbeitende in IT-Projekten im deutschsprachigen Raum, die zum Zeitpunkt der Befragung über mindestens 3 Jahre Berufserfahrung im IT-Projektmanagement verfügen. Damit wird gewährleistet, dass die Teilnehmer:innen der Online-Befragung eine ausreichende Praxiserfahrung mitbringen.

Online-Befragungen werden den Befragten elektronisch, oft über einen per E-Mail verschickten Link oder mittels QR-Codes, übermittelt. Diese Methode bietet den Vorteil, in kurzer Zeit eine repräsentative Stichprobe im dreistelligen bis vierstelligen Bereich zu erhalten. Das Aufsetzen, die Durchführung und die Analyse von Online-Umfragen werden durch eine Reihe von Softwaretools wie Limesurvey, 2ask, Unipark, SurveyMonkey und UmfrageOnline unterstützt (vgl. Berger-Grabner 2016, S. 177). Diese Tools ermöglichen oft eine direkte Transformation der ausgefüllten Fragebögen in Excel oder SPSS, wodurch eine manuelle Dateneingabe vermieden und die Auswertung erleichtert wird. Trotzdem ist eine Überprüfung der übernommenen Daten in der SPSS-Eingabemaske ratsam, um Auswertungsfehler zu vermeiden (vgl. Berger-Grabner 2016, ebd.).

7.5 Aufbau der Arbeit

Die vorliegende Arbeit ist in fünf Abschnitte gegliedert, die im Folgenden erläutert und in Abbildung 1.1 grafisch veranschaulicht werden.

Einleitung

In der Einleitung wird die Problemstellung, die zur Durchführung dieser Forschungsarbeit geführt hat, beschrieben. Es wird die Zielsetzung der Arbeit erläutert und die daraus abgeleiteten Forschungsfragen vorgestellt. Anschließend wird die angewandte Methodik zur Beantwortung der Forschungsfragen beschrieben und der Aufbau der Arbeit dargelegt.

Theoretischer Teil

Im zweiten Kapitel wird das Forschungsumfeld detailliert beschrieben. Zunächst erfolgt eine Erläuterung der Definitionen und Charakteristika von Großunternehmen sowie der spezifischen Merkmale der Softwarebranche. Zudem werden die Auswahlkriterien für deutsche Software-Großunternehmen festgelegt, welche im empirischen Teil berücksichtigt werden sollen.

Daraufhin werden die begrifflichen und theoretischen Grundlagen für die Auswahl zwischen planbasierten, agilen und hybriden Vorgehensmodellen in der Softwarebranche dargelegt. Eine systematische Literaturanalyse sowie eine anschließende Häufigkeitsanalyse dienen der Ermittlung eines Erfolgsmodells für die Auswahl von Projektmanagementmodellen in der Softwarebranche gemäß der Theorie. Abschließend erfolgt eine Zusammenfassung der theoretischen Erkenntnisse.

Empirischer Teil

Das dritte Kapitel beschreibt das Forschungsdesign und die angewandten Methoden. Der Aufbau des Online-Fragebogens wird erläutert und die Vorgehensweise bei der Datenerhebung und -auswertung detailliert dargestellt. Anschließend werden die quantitativen Ergebnisse der Umfrage präsentiert und interpretiert.

Ergebnisse

Im vierten Kapitel werden die aus der empirischen Untersuchung gewonnenen Ergebnisse interpretiert und diskutiert. Dabei wird ein Vergleich der erhobenen Daten mit den theoretischen Erkenntnissen und mit den Ergebnissen vergleichbarer Studien vorgenommen. Es wird analysiert, inwieweit die empirischen Befunde mit den theoretischen Erwartungen übereinstimmen und welche neuen Erkenntnisse gewonnen wurden.

Fazit

Das abschließende Kapitel fasst die wesentlichen Ergebnisse der Arbeit zusammen und beantwortet die Forschungsfragen. Daraus werden Handlungsempfehlungen abgeleitet und ein Ausblick auf zukünftige Forschung gegeben. Zudem werden die Limitationen der Studie erörtert und die wesentlichen Erkenntnisse der Arbeit zusammengefasst.Here is a picture
Abbildung 1.1: Aufbau der Arbeit
(Quelle: eigene Darstellung)

8 Theoretischer Teil

Im vorliegenden Kapitel wird zunächst das relevante Forschungsumfeld analysiert (Kapitel 2.1) und im Rahmen dieser Arbeit abgegrenzt (Kapitel 2.2). In einem nächsten Schritt werden die Schlüsselbegriffe (Kapitel 2.3) im Zusammenhang mit dem Untersuchungsgegenstand der Arbeit – „Projektmanagementmodelle im IT-Projektmanagement bei deutschen Großunternehmen der Softwarebranche“ – erläutert. Im Anschluss werden relevante traditionelle, agile und hybride Vorgehensmodelle im IT-Projektmanagement (Kapitel 2.4) beleuchtet und existierende Hilfsmodelle (Kapitel 2.5) zu deren Auswahl vorgestellt. Abschließend wird ein eigenes Erfolgsfaktorenmodell (Kapitel 2.6) präsentiert, das anhand einer systematischen Literaturrecherche und anschließender Häufigkeitsanalyse ermittelt wurde.

8.1 Das Forschungsumfeld 

Die Identifizierung und Charakterisierung von Großunternehmen in der Softwarebranche sind von wesentlicher Bedeutung, um das Forschungsumfeld der vorliegenden Arbeit klar abzugrenzen.

Zu diesem Zweck wird zunächst in Abschnitt 2.1.1 auf die Definition und Charakteristika von Großunternehmen näher eingegangen. Dabei werden sowohl quantitative Kriterien für die Einstufung von Unternehmen als Großunternehmen gemäß den EU-Richtlinien, als auch ihre qualitativen Merkmale, darunter Führungs-, Organisations- und Personalmerkmale, erläutert.

Als Nächstes werden in Abschnitt 2.1.2 die Ursprünge und die Merkmale der Softwarebranche beleuchtet. Dies ist entscheidend, um das Umfeld zu verstehen, in dem die Projektmanagementmodelle Anwendung finden.

Die Softwarebranche unterscheidet sich grundlegend von anderen Branchen aufgrund der spezifischen Eigenschaften ihrer Produkte, der Umsatzrealisierung, der Struktur ihrer Märkte und ihrer Marktdynamik. Diese Besonderheiten werden näher betrachtet, um ein umfassendes Verständnis für die Dynamik und die Herausforderungen dieser Industrie zu gewinnen. Anschließend wird auf die Klassifikation von Softwareunternehmen näher eingegangen.

Nachdem ein umfassender Einblick in die Softwarebranche gegeben wurde, werden spezifische Aspekte der deutschen Softwarebranche (Abschnitt 2.1.3) näher betrachtet. Zunächst wird auf die Primär- und Sekundärbranchen sowie auf die Produkte und Anwendungsbereiche eingegangen.

Die Bedeutung des deutschen Softwaremarktes erstreckt sich sowohl auf Unternehmen der Primärbranche als auch auf verschiedene Sekundärbranchen, in denen Software ein wesentlicher Bestandteil von Produkten und Dienstleistungen ist.

Die Produktpalette deutscher Softwarehersteller umfasst betriebswirtschaftliche Software, Multimedia- und Internetsoftware sowie technische Software. Es wird deutlich, dass Softwareentwicklung in allen Wirtschaftsbereichen unverzichtbar ist.

Darüber hinaus werden Einblicke in die Marktverhältnisse, Unternehmensstrategien und die Herausforderungen, vor denen deutsche Unternehmen aufgrund des Mangels an qualifizierten Fachkräften stehen, gegeben. Die deutsche Softwarebranche ist der größte Markt in Europa und wird vor allem von dynamischen kleinen und mittleren Unternehmen geprägt. Es werden Trends in der digitalen Wirtschaft vorgestellt, darunter Big Data, IT-Sicherheit, Enterprise Resource Planning (ERP) und Künstliche Intelligenz (KI).

Im Anschluss werden die praktischen Trends der deutschen Softwareentwicklung erläutert. Der Fokus liegt dabei auf den Anforderungen an die Entwicklung, den Trends bei den Entwicklungsprozessen, der Innovationsdynamik, den Entwicklungszyklen und -dauern sowie den Besonderheiten der Softwareentwicklung.

Abschließend werden im Abschnitt 2.1.4 die Lünendonk-Ranking-Listen zu Top Standard-Software-Unternehmen in Deutschland vorgestellt, um konkrete Beispiele von deutschen Software-Großunternehmen aufzuzeigen. Dabei nimmt bei den Unternehmen mit Hauptsitz Deutschland die SAP AG die Spitzenposition ein, gefolgt von Software AG und Datev eG.

Nachdem ein Einblick in die Lünendonk-Rankings gegeben wurde, werden im Abschnitt 2.2, die Auswahlkriterien für die Unternehmen, die für den Forschungsteil der vorliegenden Arbeit in Frage kommen, ausgearbeitet. Dabei werden multinationale Großunternehmen wie die Microsoft Deutschland GmbH nicht ausgeschlossen, da diese Unternehmen eine bedeutende Rolle im deutschen Sektor spielen, selbst wenn sie ihren Hauptsitz nicht in Deutschland haben.

8.1.1 Großunternehmen – Definition und Charakteristika

Quantitative Kriterien

Die Europäische Kommission verwendet zur Klassifizierung von Unternehmen nach Größe die in Tabelle 2.1 dargestellten Kriterien: (1) Anzahl Beschäftigte pro Jahr, (2) Umsatzerlöse und (3) Bilanzsumme. Eine Zuordnung von einem Unternehmen zur Unternehmensgröße kann gemäß EU Richtlinien nur dann erfolgen, wenn die Bedingung für die Anzahl Beschäftigte und „zusätzlich entweder die Bedingung für die Umsatzerlöse oder die Bilanzsumme“ erfüllt ist (vgl. Thommen et al. 2023, S. 29).

Unternehmenstyp

Ø Beschäftigte pro Jahr

Umsatzerlöse

Bilanzsumme

Kleinstunternehmen

< 10

≤ 2 Mio. €

≤ 2 Mio. €

Kleine Unternehmen

< 50

≤ 10 Mio. €

≤ 10 Mio. €

Mittlere Unternehmen

< 250

≤ 50 Mio. €

≤ 43 Mio. €

Großunternehmen

≥ 250

> 50 Mio. €

> 43 Mio. €

Tabelle 2.1: Größenkategorien gemäß den Vorschriften der EU-Kommission
(Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Thommen et al. 2023, S. 30)

Die Europäische Union, das Statistische Bundesamt sowie das Handelsgesetzbuch verwenden zur quantitativen Klassifizierung von Unternehmen unter anderem die Kriterien "Anzahl der Beschäftigten" und "Umsatz". Gemäß dieser Definition werden Unternehmen mit mindestens 250 Mitarbeitenden und mit einem Jahresumsatz über 50 Mio. € als Großunternehmen eingestuft. Im Gegensatz dazu legt das Institut für Mittelstandsforschung fest, dass Unternehmen erst ab einer Mitarbeiterzahl von 500 als "groß" gelten (vgl. Stecher 2024a).

Qualitative Charakteristika

Neben den quantitativen Abgrenzungskriterien weisen Großunternehmen weitere spezifische Führungs-, Organisations- und Personalmerkmale auf. Während sich quantitative Definitionen an festen Werten orientieren, werden qualitative Merkmale nicht an einer genau definierten Schwelle erreicht und treten mit zunehmender Mitarbeiteranzahl deutlicher hervor (vgl. Stecher 2024b).

Laut Stecher (2024b) weisen Großunternehmen folgende Merkmale in Bezug auf die Unternehmensführung auf:

  • In der Regel sind die Geschäftsführer nicht persönlich finanziell am Unternehmen beteiligt.

  • Die Manager:innen verfügen über umfassende Kenntnisse in Unternehmensführung.

  • Es ist ein fundiertes technisches Wissen in Fachabteilungen und Stäben vorhanden.

  • Die Führung erfolgt nach dem Prinzip des "Management by Prinzipien".

  • Entscheidungen werden oft in Gruppen getroffen.

  • Es wird wenig Wert auf Improvisation und Intuition gelegt.

  • Umfangreiche Planung ist üblich.

  • Die Aufgaben und Verantwortlichkeiten innerhalb des Unternehmens sind stark spezialisiert und auf bestimmte Sachgebiete bezogen.

  • Die Geschäftsführung ist oft fern vom operativen Geschehen.

Anders als bei KMU-Unternehmen sind Geschäftsführer von Großunternehmen in der Regel nicht persönlich an das Unternehmen gebunden, da es keine Eigenkapitalbindung vorliegt und legen einen starken Fokus auf Gewinnmaximierung. Dies resultiert aus der Tatsache, dass die Leistungsfähigkeit des Geschäftsführers anhand des Unternehmensgewinns beurteilt wird (vgl. Stecher 2024b).

Die Organisationsstruktur von Großunternehmen ist durch folgende Eigenschaften gekennzeichnet (vgl. Stecher 2024b):

  • Die Organisationsstruktur ist stark an den sachlichen Gegebenheiten orientiert und weniger personenabhängig.

  • Es gibt eine ausgeprägte Arbeitsteilung und umfangreiche Abteilungen.

  • Die Informationswege sind vorgeschrieben.

  • Persönliche Bindungen sind gering.

  • Die Weisungs- und Kontrollbeziehungen sind formalisiert und unpersönlich.

  • Es gibt häufig Koordinierungsprobleme aufgrund der Komplexität.

  • Der Formalisierungsgrad ist hoch.

  • Die Flexibilität ist gering, was zu langsameren Reaktionszeiten bei Veränderungen führt.

Diese Merkmale der Organisationsstruktur von Großunternehmen führen zu langen Entscheidungswegen, Schwierigkeiten bei der umfassenden Kontrolle und einer trägen Anpassungsfähigkeit. Darüber hinaus hingegen führen zahlreiche Hierarchieebenen zu Unübersichtlichkeit und Distanz zwischen der Unternehmensführung und den Mitarbeiter:innen (vgl. Stecher 2024b).

In Bezug auf das Personal führt Stecher (2024b) folgende Charakteristika von Konzernen auf:

  • Große Anzahl von Mitarbeiter:innen;

  • Eine hohe Anzahl von Mitarbeiter:innen mit Berufsausbildung;

  • Beschäftigung von Akademikern in größerem Umfang;

  • Stark ausgeprägte Tendenz zum Spezialistentum;

  • Niedrigere Arbeitszufriedenheit im Vergleich zu KMU;

  • Gute Möglichkeit zur Kompensation von Fehlentscheidungen und Fehlzeiten.

Aufgrund der großen Mitarbeiterzahl besteht tendenziell eine schwächere persönliche Bindung. Durch die niedrige Arbeitszufriedenheit wird die Gesundheit und Produktivität der Mitarbeiter:innen negativ beeinträchtigt. Die starke Neigung zum Spezialistentum geht häufig mit erhöhter psychischer Belastung einher, da viele Aufgaben als repetitiv und belastend empfunden werden (vgl. Stecher 2024b).

8.1.2 Die Softwarebranche – Ursprünge und Charakteristika

Ursprünge

Die Softwareindustrie stellt eine relativ junge Branche dar und hat ihre Anfänge in den fünfziger Jahren. Zu dieser Zeit bildete Software einen integralen Bestandteil von Hardware und wurde mit dem Letzteren noch gemeinsam verkauft. In den USA entstanden ab diesem Zeitpunkt auch die ersten auf individuelle Softwareprojekte spezialisierten Unternehmen. Durch die Forderung des amerikanischen Justizministeriums nach separater Abrechnung von Hardware und Software im Jahr 1969 nahm die Bedeutung von Software weiterhin zu (vgl. Buxmann 2011, S. 4).

In den siebziger Jahren entstanden vermehrt Unternehmen, die sich ausschließlich auf Softwareentwicklung fokussierten, darunter Microsoft und SAP, und die den Markt maßgeblich prägten. Während Microsoft heute weltweit führend bei Office-Anwendungen und Betriebssystemen ist, hält SAP die Spitzenposition im Bereich der Enterprise Resource Planning Software (ERP-Software) inne (vgl. Buxmann 2011, S. ebd.).

Diese Entwicklungen machen eine Besonderheit der Softwareindustrie ersichtlich: oft setzt sich auf dem Markt nur eine Technologie oder ein Anbieter durch (vgl. Buxmann 2011, ebd.).

Die Softwareindustrie unterscheidet sich grundlegend von anderen Branchen, sowohl aufgrund der spezifischen Eigenschaften des Produkts Software als auch aufgrund der Struktur der Softwaremärkte (vgl. Buxmann 2011, S. 3).

Eigenschaften des Produktes Software

Ähnlich wie andere digitale Güter verfügen Softwareprodukte über die herausragende Eigenschaft, sich zu minimalen Kosten reproduzieren zu lassen. Dadurch fallen kaum variable Kosten an. Diese Kosteneffizienz führt dazu, dass das Lizenzgeschäft eines Softwareanbieters in der Regel profitabler zu sein scheint als das Servicegeschäft. Darüber hinaus kann Software beliebig oft ohne Qualitätsverlust kopiert werden, was dazu führt, dass die Durchsetzung von Urheber- und Verfügungsrechten praktisch unmöglich ist, sobald eine Kopie im Internet verbreitet ist. Ferner ist es vergleichsweise einfach, verschiedene Versionen oder Pakete eines bestehenden Softwareprodukts zu erstellen und diese zu unterschiedlichen Preisen an diverse Kundengruppen zu veräußern (vgl. Buxmann 2011, S. 3).

In den letzten Jahren haben Softwareunternehmen ihre Produkte auf zwei verschiedene Arten angeboten: traditionelle Softwarelizenzen für die Installation auf Kundengeräten (On-Premise) und Cloud-Services, bei denen der Anbieter die Software hostet und der:die Kunde:in über das Internet darauf zugreift (Cloud-Geschäft). Dies umfasst auch "Software-as-a-Service" (SaaS) Lösungen, bei denen Kund:innen Zugriff auf gehostete Softwarefunktionen erhalten. Es gibt auch hybride Modelle, bei denen Kund:innen Lizenzen erwerben, aber der Anbieter die Software betreibt. In beiden Modellen steht die Nutzung von Software im Mittelpunkt, entweder durch den Verkauf von Lizenzen oder den Zugang zu Dienstleistungen (vgl. Hütten 2019, S. 103-104).

Der immaterielle Charakter von Softwareprodukten und Cloud-Services wirft dabei die Frage auf, was der:die Kunde:in tatsächlich erwirbt und wann die Lieferung erfolgt. Beispielsweise ist zu klären, ob der:die Kunde:in bei einer Software, deren Preis von der Anzahl der Nutzer:innen abhängt, eine einzige Lizenz erwirbt, für die er ein nutzungsabhängiges Vergütungsmodell vereinbart hat, oder ob er für jede:n Nutzer:in eine separate Lizenz erwirbt (vgl. Hütten 2019, S. 104).

Typisch für immaterielle Software-Leistungen ist auch die Schwierigkeit, den genauen Lieferzeitpunkt festzulegen. Beispielsweise ergeben sich im On-Premise-Geschäft Fragen wie (vgl. Hütten 2019, S. 104-105):

  • Wird die Lieferung beim Download, der Implementierung oder dem tatsächlichen Nutzungsbeginn betrachtet?

  • Wann gilt die Lieferung als erfolgt, wenn nach der Erstbereitstellung Updates folgen, die noch fehlende Funktionen ergänzen sollen?

Herausforderungen der Umsatzrealisierung

Eine weitere Besonderheit der Softwarebranche betrifft die Umsatzrealisierung. Aufgrund der einzigartigen Merkmale ihrer Produkte stehen Softwareunternehmen vor Herausforderungen bei der Bestimmung des Zeitpunkts der Umsatzrealisierung und der Klassifizierung von Umsätzen (vgl. Hütten 2019, S. 101-116).

Nach den IFRS 15-Richtlinien wird der Zeitpunkt der Umsatzrealisierung durch den Zeitpunkt bestimmt, zu dem das liefernde Unternehmen seine Lieferverpflichtung erfüllt. Während dies bei materiellen Gütern wie Lebensmitteln in der Regel durch den Kontrollübergang klar definiert ist, erweist sich die Zeitpunktbestimmung für Software aufgrund ihres immateriellen Charakters komplexer. Bei elektronischer Lieferung von On-Premise-Software stellt sich die Frage, wann der Kontrollübergang stattfindet, und somit wann der Umsatz realisiert werden kann. Softwareunternehmen interpretieren die IFRS 15-Richtlinien so, dass der Kontrollübergang normalerweise erfolgt, wenn der:die Kunde:in Zugang zur Software erhält. Es gibt jedoch Situationen, in denen der Umsatz teilweise oder vollständig erst nach Nachlieferung oder -besserung von Funktionalitäten realisiert werden kann (vgl. Hütten 2019, S. 111).

Analog zum Verkauf einer Softwarelizenz muss bei einer Cloud-Lösung zunächst festgestellt werden, welche Komponenten dem:der Kunden:in verkauft werden. Eine Cloud-Lösung umfasst typischerweise das Recht zur Nutzung von Softwarefunktionalitäten, Wartung, Hosting und technisches Management. Die Frage, ob diese Komponenten als Bündel oder separat verkauft werden, muss geklärt werden. Wenn die Cloud-Leistung eine eigenständige Lizenz enthält, wird ein Teil des Umsatzes zu Vertragsbeginn realisiert; andernfalls erfolgt eine ratierliche Umsatzrealisierung, wenn die Leistung darin besteht, ein Zugriffsrecht bereitzustellen (vgl. Hütten 2019, S. 112).

Neue Angebote im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung kombinieren oft verschiedene Leistungen, wie On-Premise-Software, Cloud-Lösungen und weitere Dienstleistungen. Zum Beispiel erfordert das Internet der Dinge die Sammlung von Daten direkt an der Quelle und deren digitale Verarbeitung in der Cloud. Solche Angebote können als Bündel von Software und Cloud-Lösungen betrachtet werden, die integriert sein müssen, damit der:die Kunde:in eine Gesamtlösung nutzen kann (vgl. Hütten 2019, S. 113).

Auch die Klassifizierung von Umsätzen stellt eine Herausforderung dar, denn Unternehmen müssen oft eigene Kriterien entwickeln, da IFRS 15 kaum Vorschriften zur Klassifizierung von Umsatzströmen enthält. Andererseits wird die Anwendung von Klassifizierungskriterien besonders für Softwareunternehmen wie SAP durch die Entwicklung neuer Angebote im Zuge des digitalen Wandels erschwert (vgl. Hütten 2019, S. 114-115).

Beispielsweise erfolgt die Klassifizierung von Umsätzen bei SAP nach folgenden Grundsätzen:

  • Softwareumsätze: sie resultieren aus den Erlösen der Lizenzgebühren, die aus dem Verkauf oder der Lizenzierung von Software an Kund:innen erzielt werden.

  • Cloud-Umsätze: sie beziehen sich auf Verträge, die es Kund:innen erlauben, während der Vertragslaufzeit auf spezifische von SAP gehostete Softwarelösungen zuzugreifen. Die Abgrenzung zwischen Software- und Cloud-Umsätzen hängt davon ab, ob der:die Kunde:in das Recht hat, die Software während der Vertragslaufzeit zu besitzen und selbst oder von einer Drittpartei betreiben zu lassen.

  • Support-Umsätze: sie entstehen aus technischem Kundensupport sowie nicht spezifizierten Software-Upgrades, -Updates und -Erweiterungen.

  • Serviceumsätze: sie umfassen alle anderen von SAP angebotenen Dienstleistungen (vgl. Hütten 2019, S. 115).

Im Bereich Cloud, wie z. B. bei "Data-as-a-Service", ermöglicht allerdings die fortschreitende Digitalisierung die Sammlung und Nutzung einer wachsenden Menge an Daten. Die Art der Leistung, die hierbei bereitgestellt wird – Datennutzung – lässt sich somit nur schwer in eine – wie die oben dargestellte – Umsatzklassifikation einordnen, die primär auf die Nutzung von Softwarefunktionalitäten ausgerichtet ist (vgl. Hütten 2019, S. 114).

Struktur der Softwaremärkte

Zu den Besonderheiten der Softwaremärkte gehört unter anderem die ausgeprägte Internationalisierung. Software kann global entwickelt und über das Internet zu minimalen Kosten innerhalb von Sekunden vertrieben werden. Dies führt zu einem globalen Wettbewerb unter den Softwareanbietern (vgl. Buxmann 2011, S. 3).

Im Gegensatz zu anderen Branchen ist der Heimvorteil auf nationalen Märkten für Anbieter in vielen Segmenten eher unbedeutend. So generieren deutsche Softwareanbieter beispielweise im Durchschnitt mehr als die Hälfte ihres Umsatzes im Ausland. Lünendonk (2009, S. 388) zufolge machen die Exporte bei den beiden größten deutschen Softwareanbietern, SAP und Software AG, 80 bzw. 85 Prozent des Umsatzes aus (vgl. Buxmann 2011, S. 3).

Je mehr Personen ein Softwareprodukt nutzen, desto mehr nimmt sein Nutzen bzw. seine Attraktivität für jede:n einzelne:n Nutzer:in zu. Diese Eigenschaft von Software wird als „Netzeffektcharakter“ bezeichnet und führt dazu, dass Softwaremärkte oft als "Winner-takes-it-all"-Märkte fungieren, was wiederum die Vielzahl von Unternehmensübernahmen erklärt (vgl. Buxmann 2011, S. 3).

Marktdynamik

Ein weiteres Merkmal der Softwarebranche ist ihre Dynamik und Schnelllebigkeit, die stark von der digitalen Transformation beeinflusst wird. Diese Transformation führt zu raschen Veränderungen in den Abläufen von Softwareunternehmen und ihren Kund:innen sowie zu neuen Geschäftsmodellen. Unternehmen wie SAP müssen nicht nur auf diese Veränderungen reagieren, sondern sie auch vorwegnehmen, um ihre Kund:innen mit digitalen Lösungen zu unterstützen und zu optimieren. Daher werden kontinuierlich neue Produkte oder Versionen entwickelt (vgl. Hütten 2019, S. 105).

Ein Beispiel für aktuelle Trends in der Softwarebranche ist die Entwicklung neuer Datenbanken, die in der Lage sind, massive Datenmengen zu speichern und zu verarbeiten, die wiederum durch die fortschreitende Digitalisierung entstehen. Darüber hinaus steigt die Nachfrage nach Analysesoftware, die nicht nur Daten aufbereitet, konsolidiert und analysiert, sondern auch Methoden der künstlichen Intelligenz einsetzt. KI findet auch in vielen anderen Bereichen ihren Platz in Softwarelösungen. Im Internet der Dinge (IoT), das die Vernetzung von Geräten und Maschinen umfasst, werden ebenfalls neue Softwarelösungen benötigt. Kund:innen zeigen zunehmendes Interesse an umfassenden Cloud-Lösungen anstelle traditioneller On-Premise-Softwarelizenzen, was diesen inhaltlichen und technologischen Trends entspricht (vgl. Hütten 2019, S. 105).

Klassifikation von Softwareunternehmen

Buxmann (2011, S. 5) unterscheidet zwei Typen von Softwareanbietern – Softwareunternehmen im engeren Sinne und im weiteren Sinne. In Abbildung 2.1 werden die Klassifikation von Softwareanbietern und ihre essenziellen Merkmale zusammenfassend dargestellt.

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Abbildung 2.1: Klassifikation von Softwareunternehmen
(Quelle: Buxmann 2011, S. 9)

Buxmann (2011, S. 5) zufolge besteht der primäre Zweck eines Softwareunternehmens im engeren Sinne darin, Software zu entwickeln. Je nach ihrer Nähe zur Hardware kann Software in Systemsoftware (z. B. Betriebssysteme), systemnahe Software (z. B. Datenbanksysteme oder Middleware) und Anwendungssoftware (z. B. Textverarbeitung oder Rechnungswesen) eingeteilt werden. Eine weitere Unterscheidung ist die zwischen kommerzieller und privater Software. Ein wesentliches Kriterium zur Klassifikation von Software ist der Standardisierungsgrad. Dabei stellen Individual- und Standardsoftware die zwei Extreme der Skala dar. Der Übergang zwischen ihnen ist jedoch fließend (vgl. Buxmann 2011, S. 5-6).

Während es sich bei Individualsoftware um maßgeschneiderte Entwicklung basierend auf spezifischen Anforderungen handelt, wird Standardsoftware üblicherweise für den Massenmarkt entwickelt, wobei „die Anbieter von weitestgehend standardisierten Bedürfnissen der potenziellen Nutzer“ ausgehen (vgl. Buxmann 2011, S. 6).

Unternehmen, die in späteren Phasen des Lebenszyklus einer Softwarelösung tätig sind, werden von Buxmann (2011, S. 6) als Softwareanbieter im weiteren Sinne bezeichnet. Diese Dienstleistungen beinhalten sowohl die Unterstützung von Anwendern bei der Implementierung von Softwarelösungen als auch die Verwaltung der Produkte im laufenden Betrieb. Besonders für komplexe Softwarelösungen besteht eine hohe Nachfrage nach solchen Dienstleistungen, was zu einer Vielzahl von Anbietern auf diesem Markt führt. Dazu gehören IT-Beratungs- und Systemintegrationsunternehmen, IT-Serviceunternehmen sowie Business Innovation/Transformation Partner, die Management- und IT-Beratung sowie System-Realisierung anbieten (vgl. Buxmann 2011, ebd.).

8.1.3 Die deutsche Softwarebranche

Einen umfassenden Einblick in die deutsche Softwarebranche bietet die Studie von Friedewald et al. (2000), die in Friedewald et al. (2001) zusammenfassend vorgestellt wurde. Diese wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) von der GfK Marktforschung GmbH in Zusammenarbeit mit den Fraunhofer-Instituten für Experimentelles Software Engineering (IESE) und für Systemtechnik und Innovationsforschung (ISI) durchgeführt (vgl. Friedewald et al. 2000, S. 5).

Die Studie hatte das Ziel, den sich zunehmend als führenden Markt etablierenden Softwaremarkt in Deutschland sowohl quantitativ als auch qualitativ zu analysieren, um die damit verbundenen Anforderungen zu definieren (vgl. Friedewald et al. 2001, S. 81). Zu diesem Zweck wurden telefonische Befragungen und Experteninterviews kombiniert, um quantitative und qualitative Erkenntnisse zu gewinnen (vgl. Friedewald et al. 2000, S. 5, Friedewald et al. 2001, S. 81). Die Ergebnisse zeigten, dass sowohl die Softwareindustrie im engeren Sinne (Primärbranche) als auch immer mehr Unternehmen aus den Sekundärbranchen, in denen Software einen entscheidenden Anteil ihrer Produkte ausmacht, durch die zunehmende Relevanz als zentraler Markt beeinflusst werden (vgl. Friedewald et al. 2001, ebd.).

Eine weitere relevante Untersuchung zur deutschen Softwareindustrie bietet die Studie von Friedewald et al. (2002), die sich mit der Innovationsaktivität deutscher Softwareunternehmen auseinandersetzt.

Primär- und Sekundärbranchen

Als Teil der Primärbranche werden in der Studie nicht nur Softwareunternehmen, sondern auch Dienstleister für Datenverarbeitung sowie Hersteller von Datenverarbeitungsgeräten und -einrichtungen definiert (vgl. Friedewald et al. 2001, S. 81). Bei den Sekundärbranchen wurden beispielsweise Unternehmen in Bereichen wie Fahrzeugbau und Finanzdienstleistungen untersucht, um eine Repräsentation des Produktions- und Dienstleistungssektors zu gewährleisten, die besonders stark in der Softwareentwicklung involviert sind (vgl. Friedewald et al. 2001, ebd.).

Friedewald et al. (2001, S. 82) zufolge wird die Struktur der deutschen Softwarebranche gemäß dem Stand im Jahre 2000 durch etwa 19.200 Unternehmen geprägt. Davon sind 10.550 in der Primärbranche und 8.650 in den Sekundärbranchen tätig. Wie aus Abbildung 2.2 ersichtlich, besteht die Primärbranche hauptsächlich aus kleinen Unternehmen mit 1-9 Mitarbeiter:innen, während in den Sekundärbranchen eher mittlere und große Unternehmen dominieren.

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Abbildung 2.2: Deutsche Softwareunternehmen - nach Größe und Branche
(Quelle: Friedewald et al. 2001, S. 82)

Die Primärbranche zeichnet sich durch eine hohe Anzahl junger Unternehmen aus, wovon 67 % erst nach 1990 gegründet wurden (Friedewald et al. 2001, S. 83).

Produkte und Anwendungsbereiche

Friedewald et al. (2002, S. 154) beschreiben die Charakteristika deutscher Softwareprodukte basierend auf einer Umfrage unter Unternehmen. Dabei werden verschiedene Dimensionen betrachtet, darunter die Eigenständigkeit der entwickelten Produkte und ihre Funktionalität.

Bezüglich der Eigenständigkeit der entwickelten Produkte, die von Standalone-Lösungen bis zur vollständigen Integration in andere Software oder Hardware reicht, weisen Unternehmen der Primär- und Sekundärbranche signifikante Unterschiede auf (s. Abbildung 2.3).

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Abbildung 2.3: Umsatzverteilung nach Softwaretypen aus Eigenentwicklung
(Quelle: Friedewald et al. 2002, S. 155)

In der Primärbranche macht der Umsatzanteil mit Standalone-Softwareprodukten über 58 % aus, während er in der Sekundärbranche ca. 35 % ausmacht. Bezüglich der "Embedded Software", die fest mit Hardware verbunden ist, zeigt sich ein umgekehrtes Verhältnis – 7 % in der Primärbranche und 36 % in der Sekundärbranche (vgl. Friedewald et al. 2002, S. 154-155).

Friedewald et al. (2001, S. 84) zufolge konzentriert sich die deutsche Softwarebranche hauptsächlich auf betriebswirtschaftliche Software, mit etwa 5000 Unternehmen (55%), gefolgt von Multimedia- und Internetsoftware mit 4200 Unternehmen (46%) sowie technischer Software mit 3000 Unternehmen (33%) (s. Abbildung 2.4).

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Abbildung 2.4: Produktspektrum von deutschen Softwareherstellern
(Quelle: Friedewald et al. 2001, S. 84)

Primärbranchenunternehmen bieten Systemsoftware an, während eingebettete Softwareentwicklung hauptsächlich in den Sekundärbranchen stattfindet (vgl. Friedewald et al. 2001, S. 84).

Im Gegensatz zur Sekundärbranche bietet die Primärbranche sowohl kundenspezifische Einzelprodukte als auch Massenprodukte an. Der Fokus der Sekundärbranche liegt überwiegend auf der Implementierung einer geringen Anzahl maßgeschneiderter Lösungen für eine begrenzte Kundenbasis (vgl. Friedewald et al. 2002, S. 155).

Es herrscht der Trend einer deutlichen Verschiebung von Hardware zu Software in der Entwicklung in allen Branchen. Auch in den Sekundärbranchen liegt das Wachstumspotenzial im Dienstleistungsbereich (vgl. Friedewald et al. 2001, S. 84).

Marktverhältnisse und Unternehmensstrategien

Die Marktbeziehungen und Unternehmensstrategien in der Softwareentwicklung unterliegen einem tiefgreifenden Wandel. Der Mangel an qualifizierten Fachkräften treibt viele Unternehmen dazu, die Softwareentwicklung auszulagern. Dies führt jedoch oft zu komplexen Beziehungen zwischen Auftraggeber:innen und Auftragnehmer:innen (vgl. Friedewald et al. 2001, S. 84).

Diese Veränderungen führen zu einer langsamen, aber stetigen Differenzierung der Rollen in der Softwareentwicklung. Selbst wenn Entwicklung ausgelagert oder Software zugekauft wird, müssen Unternehmen weiterhin über fundierte Kenntnisse der implementierten Anwendungen verfügen, um eine optimale Durchführung der Entwicklungsarbeiten zu gewährleisten (vgl. Friedewald et al. 2001, S. 85).

In der Studie konnte unter anderem festgestellt werden, dass Software in allen Wirtschaftsbereichen unverzichtbar geworden ist und dass der Wettbewerb zunehmend durch die Qualität und Funktionalität dieser Software bestimmt wird. Infolgedessen werden in Wohlstandsländern wie Deutschland Arbeitsplätze mit hohen Qualifikationsanforderungen, insbesondere in der Softwareentwicklung, immer wichtiger (vgl. Friedewald et al. 2001, ebd.).

Personalsituation in der Softwareentwicklung

Die Personalsituation in der Softwareentwicklung zum Zeitpunkt der Studie im Jahre 2000 ist durch einen deutlichen Mangel an qualifizierten Fachkräften geprägt. Die ermittelten Zahlen zeigen einen erheblichen Bedarf an Softwareentwicklern, der durch altersbedingte Fluktuation und einen zusätzlichen Bedarf an Anwendungsentwicklern weiter verstärkt wird. Viele Unternehmen sehen den Mangel an Mitarbeiter:innen als ein besonders eilbedürftiges Problem an, denn aufgrund dessen vielversprechende Projekte zurückgestellt werden müssen (vgl. Friedewald et al. 2001, S. 85).

Die Qualifikation der Beschäftigten ist hauptsächlich akademisch geprägt, wobei Informatiker in der Primärbranche dominieren und in den Sekundärbranchen vermehrt nach branchenspezifischer Qualifikation gefragt wird. Aufgrund unklarer Rollendefinitionen und unzureichender Qualifikationsanforderungen ergeben sich allerdings Probleme bei der Zuordnung von Fachkräften (vgl. Friedewald et al. 2001, S. 86).

Die Entwicklung des Personalbedarfs bis 2005 zeigt weiterhin einen starken Anstieg, insbesondere in der Primärbranche. Eine signifikante Verschiebung von der Hardware- zur Softwareentwicklung wird erwartet, was zu einem erhöhten Bedarf an qualifizierten Mitarbeiter:innen führt (vgl. Friedewald et al. 2001, S. 87).

Nach aktuellen Prognosen von Bitkom (2024) wird in Deutschland bis 2040 einen Mangel von 663.000 IT-Expert:innen erwartet, falls keine Maßnahmen ergriffen werden. Diese Einschätzung basiert auf einer Langzeitstudie des Verbands. Im letzten Jahr blieben etwa 149.000 IT-Stellen in deutschen Unternehmen unbesetzt, im Vergleich zu 82.000 vor fünf Jahren (vgl. Bitkom 2024a).

Bitkom (2024a) zufolge kann die Lücke durch Förderung von Quereinsteiger:innen, Investitionen in Ausbildung und Studium sowie längere Arbeitsdauer älterer Arbeitnehmer:innen und IT-Expert:innen aus dem Ausland geschlossen werden (vgl. Bitkom 2024a).

Unabhängig von der Unternehmensgröße steigt auch der Bedarf an Führungskräften mit Informatikausbildung kontinuierlich an. Dies ist auch insbesondere auf die wachsende Bedeutung von Software in den Sekundärbranchen zurückzuführen. Da Software einen zunehmend entscheidenden Wettbewerbsfaktor darstellt, ist ein Verständnis für Informationstechnologie auf allen Führungsebenen von grundlegender Relevanz für den Unternehmenserfolg (vgl. Friedewald et al. 2001, S. 87 – 88).

Trends in der digitalen Wirtschaft

Die Softwarebranche in Deutschland stellt den größten Markt in Europa dar und macht etwa ein Viertel des gesamten europäischen Marktes aus. Trotz weltweiter Wirtschaftskrisen hat sich der deutsche Softwaremarkt als widerstandsfähig erwiesen und ist durch ein solides Wachstum und durch kontinuierliche Innovation gekennzeichnet. Die steigende Nachfrage nach cloudbasierten Datenprodukten und -diensten treibt das Wachstum des Marktes an (vgl. GTAI 2024).

Große Unternehmen wie IBM, Microsoft, Oracle und SAP (eines der größten deutschen Softwareunternehmen) sind zwar auf dem deutschen Softwaremarkt vertreten, jedoch wird der Markt vor allem von dynamischen und hochspezialisierten kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) geprägt. Letztere treiben die Nachfrage nach Softwarelösungen voran und bieten vielversprechende Chancen für etablierte sowie neue Anbieter von branchenspezifischen Softwareprodukten und -dienstleistungen (vgl. GTAI 2024).

GTAI (2024) zufolge liegen folgende Marktchancen in der digitalen Wirtschaft vor:

  • Big Data: Big Data ist ein Schlüsselkonzept in der digitalen Welt und wird als bedeutender Megatrend angesehen, der das Potenzial hat, verschiedene Wirtschaftsbereiche maßgeblich zu verändern. Obwohl der deutsche Big-Data-Markt noch in den Anfängen steckt, wird ein erhebliches Wachstum erwartet. Dieser Markt wird vor allem von Branchen wie Internet, E-Commerce und Werbung angetrieben. Die Investitionsbereiche konzentrieren sich hauptsächlich auf Hardware, Infrastruktur und Datenbank- sowie Analysetechnologien (vgl. GTAI 2024).

  • IT-Sicherheit: Die zunehmende Digitalisierung führt zu erhöhten Sicherheitsrisiken, was die Nachfrage nach IT-Sicherheitslösungen steigen lässt. Die Investitionen in den deutschen Markt für IT-Sicherheit beliefen sich 2015 auf 3,7 Milliarden Euro (vgl. GTAI 2024).

  • Enterprise Resource Planning: ERP bietet weiterhin beträchtliches Marktpotenzial, insbesondere für branchenspezifische Lösungen mit verbesserten Analysefähigkeiten und Integration (vgl. GTAI 2024).

  • Smart Social Business Platforms: Social-Business-Plattformen werden in Unternehmen immer beliebter und bieten erhebliche Chancen für Anbieter. Der Markt für diese Plattformen wird voraussichtlich stark wachsen (vgl. GTAI 2024).

  • E-Energy and Smart Grids: Die Energiewende in Deutschland treibt den Markt für E-Energy und Smart Grids an, mit erwarteten Investitionen von 500 Milliarden Euro in intelligente Netze bis 2030 (vgl. GTAI 2024).

Als eine weitere entscheidende Zukunftstechnologie für die Wirtschaft wird die Künstliche Intelligenz betrachtet. Die Ergebnisse einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom (2024) zeigen, dass eine deutliche Mehrheit der Deutschen davon ausgeht, dass der Erfolg deutscher Unternehmen künftig stark von der Entwicklung und Anwendung von KI abhängen wird. Jedoch wird Deutschland in diesem Bereich von der Mehrheit der Befragten nicht als weltweit führend angesehen. Als führende KI-Nationen gelten dabei die USA und China, gefolgt von Japan. Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst zufolge kann die Entwicklung von KI in Deutschland durch eine verstärkte Förderung von KI-Anwendungen und Schaffung eines geeigneten Rechtsrahmens optimal unterstützt werden (vgl. Bitkom 2024b).

Softwareentwicklung in der Praxis

Die Softwarebranche gilt heute als der innovativste und technologisch am schnellsten fortschreitende Wirtschaftszweig, da neue Versionen von Softwareprodukten in kurzen Abständen ausgeliefert werden. Friedewald et al. (2002, S. 151) zufolge bezieht sich dieses Bild jedoch hauptsächlich auf die weit verbreiteten Standardprodukte großer (amerikanischer) Softwarekonzerne und nicht auf die Tätigkeitsbereiche typischer deutscher Softwareunternehmen. Im Folgenden soll daher auf die Spezifika der deutschen Softwareentwicklung in der Praxis eingegangen werden.

Anforderungen an die Entwicklung

Software unterliegt vielfältigen Anforderungen, die sich aus ihren unterschiedlichen Anwendungsbereichen ergeben. Oftmals stehen in der Praxis Kosten- und Terminvorgaben im Vordergrund, was dazu führt, dass Qualitätsmängel erst spät im Entwicklungsprozess erkannt werden. Es entsteht jedoch zunehmend das Bewusstsein, dass frühzeitige Berücksichtigung der Qualität Kosten und Entwicklungszeiten minimieren kann (vgl. Friedewald et al. 2001, S. 88).

Trends zu risikominimierenden Entwicklungsprozessen

Friedewald et al. (2001, S. 88) beobachten einen „Trend zu risikominimierenden Entwicklungsprozessen [wie] z. B. inkrementelle[n] Prozesse[n]“. Projekte, bei denen die Entwicklungsinkremente in kleinere, überschaubare Einheiten aufgeteilt wurden, waren erfolgreicher und zeichneten sich durch eine deutlich bessere Projektplanung aus (ebd.). Anhand der durchgehend durchgeführten Inspektionen und Reviews konnten Probleme frühzeitig erkannt und gelöst werden (ebd.).

Zudem wird zunehmend angestrebt, durch den Einsatz von Komponententechnologien Kosten zu senken und für eine bessere Zusammenarbeit zwischen den Entwicklungsteams und den für die Anforderungsanalyse verantwortlichen Abteilungen zu sorgen (vgl. Friedewald et al. 2001, S. 89).

Innovationsdynamik, Entwicklungszyklen und -dauer

Im Zuge ihrer Untersuchung zur Innovationsaktivität in der deutschen Softwareindustrie im Jahr 2002 konnten Friedewald et al. feststellen, dass sowohl in der Primärbranche als auch in den Sekundärbranchen eine äußerst hohe Innovationsdynamik in der Softwareentwicklung herrscht. Etwa 90 % der Unternehmen in beiden Teilbereichen gaben an, im Jahr 2000 neue Softwareprodukte entwickelt zu haben (vgl. Friedewald et al., 2002, S. 155). Dabei waren inkrementelle Weiterentwicklungen häufiger als Marktneuheiten, was auch die wettbewerbsentscheidende Bedeutung schneller Innovationen und effektiver Entwicklungsprozesse unterstreicht (vgl. Friedewald et al., 2002, S. 156).

Weitere Indikatoren für die hohe Innovationsdynamik waren die relativ kurze Entwicklungsdauer, die in 40 % der Fälle nur 5 Monate betrug, und der relative Anteil des Umsatzes mit Neuentwicklungen, der in einigen Fällen bis zu 30 % ausmachte (vgl. Friedewald et al., 2002, S. 156).

Die äußerst kurzen Entwicklungszyklen spiegelten das wahrgenommene Nachfrageverhalten im Softwarebereich wider. Über 75 % der Kund:innen in der Primärbranche und etwa 66 % in den Sekundärbranchen ersetzten ihre Software innerhalb eines Jahres durch verbesserte Produkte (vgl. Friedewald et al., 2002, S. 156). Zudem zeigte sich, dass in 40 % der Fälle neue Softwaretools bestehende Produkte ablösten (ebd.).

Besonderheiten der Softwareentwicklung

Die Softwareentwicklung weist einige Besonderheiten auf, die sich von der Entwicklung physischer Produkte unterscheiden. Diese Besonderheiten können in drei Hauptaspekte unterteilt werden:

  • Sequenzialität und Komplementarität von Innovationen: In der Softwarebranche bauen Innovationen oft aufeinander auf, und verschiedene Ansätze zur Lösung eines Problems erhöhen die Erfolgschancen. Eine wichtige Eigenschaft ist die Sequenzialität, was bedeutet, dass jede Innovation auf früheren Entwicklungen aufbaut. Zudem ist die Komplementarität von Innovationen ein wichtiger Faktor, da verschiedene Ansätze zur Lösung eines Problems die Erfolgschancen erhöhen. Die Wiederverwendung von Code für neue Entwicklungen ist ein Indikator für die Sequenzialität der Softwareentwicklung. Einer Umfrage zufolge bezieht fast ein Drittel der Unternehmen mehr als die Hälfte ihres Inputs aus bestehendem Code (vgl. Friedewald et al., 2002, S. 157-160).

  • Bedeutung von quelloffener Software: In der Primärbranche macht quelloffene Software bereits einen signifikanten Anteil des Inputs für Softwareentwicklungen aus. Unternehmen erwarten, dass die Bedeutung von quelloffener Software in Zukunft weiter steigen wird, insbesondere zur Verbesserung der Qualität und zur Anbahnung von Kooperationen (vgl. Friedewald et al., 2002, S. 157-160).

  • Interoperabilität: Die Interoperabilität zwischen verschiedenen Systemen und Anwendungen ist von entscheidender Bedeutung. Unternehmen messen der Interoperabilität mit Kundensoftware und Zulieferprodukten eine hohe Bedeutung bei und setzen dabei vor allem auf die Offenlegung von Schnittstellen und die Verwendung standardisierter Branchenstrukturen (vgl. Friedewald et al., 2002, S. 157-160).

Diese Besonderheiten zeigen, dass die Softwareentwicklung eine einzigartige Dynamik und Anforderungen hat, die eine differenzierte Herangehensweise erfordern (vgl. Friedewald et al., 2002, S. 160).

8.1.4 Listen deutscher Software-Großunternehmen

Die Lünendonk GmbH ist ein Unternehmen, das europaweit Analyse und Beratung von und für Unternehmen in den Bereichen Informationstechnologie, Beratung und Dienstleistungen anbietet. Seit 1983 ist sie auf unabhängige Marktforschung, Marktanalyse und Marktberatung spezialisiert (vgl. Lünedonk 2007).

Die von Lünendonk jährlich erstellten Listen und Studien dienen als wichtige „Marktbarometer“ und werden oft in der Fachliteratur zitiert. Sie bieten Daten und Informationen zu verschiedenen Marktsektoren, darunter Standard-Software-Unternehmen, IT-Beratungs- und Systemintegrations-Unternehmen, IT-Service-Unternehmen und Managementberatungs-Unternehmen (vgl. Lünedonk 2007).

In den Lünedonk-Listen 2006 wurde ein Ranking der „TOP 25 der Standard-Software-Unternehmen in Deutschland“ veröffentlicht (Lünedonk 2007). Dabei wurde bei diesen deutschen Unternehmen 60% des Umsatzes durch Standard-Software generiert, was auch die Voraussetzung für ihre Aufnahme in die Liste war (vgl. Lünedonk 2007).

Im Jahre 2006 betrug der Marktanteil der aufgelisteten Standard-Software-Unternehmen über 35 % (vgl. Lünedonk 2007). Die führende Position im Ranking und somit das Unternehmen mit dem höchsten Umsatz war die Microsoft Deutschland GmbH, gefolgt von der SAP Deutschland AG & Co. KG und der Oracle Deutschland GmbH (s. Abbildung 2.5).

In den Lünedonk-Listen 2014 wurde das Aufnahmekriterium beim Ranking der „TOP 10 der deutschen Standard-Software-Unternehmen 2013“ weiter auf Unternehmen mit Hauptsitz ausschließlich in Deutschland eingegrenzt (vgl. Lünedonk 2014).

Ein Ranking nach Deutschland-Umsätzen unter Berücksichtigung sowohl deutscher Standard-Software-Unternehmen als auch multinationaler Standard-Software-Konzerne durchzuführen, erscheint nicht mehr angemessen. Dies liegt daran, dass viele der multinationalen Konzerne in Deutschland lediglich als Vertreter ihrer Muttergesellschaften auftreten, wodurch nur Provisionen und Kostenerstattungen in ihre finanziellen Berichte einfließen. Dies führt zu einer unklaren Darstellung des Gesamtverkaufsvolumens in Deutschland, da die genauen Firmenangaben nicht verifiziert werden können. Angesichts der globalen Präsenz der großen Anbieter wäre ein Ranking, das sich ausschließlich auf Deutschland-Umsätze stützt, nicht aussagekräftig (vgl. Lünedonk 2014).

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Abbildung 2.5: TOP 25 der Standard-Software-Unternehmen in Deutschland 2006
(Quelle: Lünedonk 2007)

Die Platzierung in der dargestellten Übersicht in Abbildung 2.6 erfolgte auf Basis von „kontrollierten Selbstauskünften“ der Konzerne sowie Schätzungen der Lünendonk GmbH (Lünedonk 2014). In dieser Konstellation belegt die SAP AG die Spitzenposition, gefolgt von der Software AG und der Datev eG (vgl. Lünendonk 2014).

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Abbildung 2.6: TOP 10 der Standard-Software-Unternehmen in Deutschland 2013
(Quelle: Lünedonk 2014)

Der Fokus dieser Arbeit liegt auf Großunternehmen der deutschen Softwarebranche. Dies schließt sowohl Unternehmen mit Hauptsitz in Deutschland (z. B. SAP SE) als auch multinationale Großunternehmen mit deutschen Niederlassungen (z. B. Microsoft Deutschland GmbH) ein. Da multinationale Standard-Software-Konzerne wichtige Akteure in der deutschen Softwarebranche sind und zur Erreichung der Forschungsziele beitragen können, ist es angemessen, sie einzubeziehen.

8.2 Auswahlkriterien für deutsche Software-Großunternehmen

Nachdem ein Überblick über die Listen deutscher Software-Großunternehmen gegeben wurde, ist es nun erforderlich, die Kriterien zu definieren, nach denen die Unternehmen im empirischen Teil der vorliegenden Arbeit ausgewählt werden. Dieses Kapitel widmet sich daher der Definition von deutschen Software-Großunternehmen und den quantitativen Kriterien, die für ihre Auswahl herangezogen werden

8.2.1 Abgrenzung anhand quantitativer Kriterien

Um eine klare Abgrenzung zu gewährleisten, werden in dieser Arbeit deutsche Großunternehmen der Softwarebranche unter Berücksichtigung quantitativer Kriterien definiert. Somit werden gemäß den EU-Richtlinien Unternehmen ab 250 Mitarbeitenden und mit jährlichen Umsatzerlösen in Höhe von über 50 Mio. € als Großunternehmen eingestuft (vgl. Thommen et al. 2023, S. 29; Kapitel 2.1.1).

8.2.2 Zuordnung zu Primär-Softwarebranche

Wie bereits im Kapitel 2.1.3 erläutert, unterscheidet die Fachliteratur zwischen Primär- und Sekundär-Softwarebranche, da nicht nur spezialisierte Softwareunternehmen, sondern auch Unternehmen aus verschiedenen Wirtschaftszweigen Software entwickeln (vgl. Friedewald et al. 2002, S. 151).

In der vorliegenden Arbeit werden dabei ausschließlich Großunternehmen der Primärbranche betrachtet, die auf die Entwicklung von Software als Kerngeschäft ausgerichtet sind. Großunternehmen der Sekundärbranchen, die neben ihren Haupttätigkeiten (z. B. Telekommunikation, Finanzdienstleistungen usw.) auch Software entwickeln, werden daher nicht weiter berücksichtigt (vgl. auch Friedewald et al., 2002, S. 151).

8.2.3 Einbeziehung multinationaler Großunternehmen

Als deutsche Software-Großunternehmen werden sowohl Unternehmen mit Hauptsitz in Deutschland als auch multinationale Großunternehmen wie die Microsoft Deutschland GmbH in die Untersuchung einbezogen, da Letztere eine bedeutende Rolle in der deutschen Softwarebranche spielen. Dies ermöglicht eine umfassendere Analyse der Branche und trägt zur Erreichung der Forschungsziele bei.

8.2.4 Verwendung der Lünendonk-Listen als Auswahlrichtlinie

Die im Kapitel 2.1.4 präsentierten Lünendonk-Listen 2007 & 2014 von Softwareunternehmen der Primärbranche dienen als Richtlinie für die Auswahl potenzieller Kandidaten für die in dieser Arbeit durchzuführende Befragung mittels Online-Fragebogen.

8.3 Begriffliche Grundlagen

Das Ziel des vorliegenden Kapitels besteht darin, relevante Begriffe im Kontext des Untersuchungsgegenstands – Erfolgsfaktoren bei der Auswahl von Projektmanagementmodellen im IT-Projektmanagement bei deutschen Großunternehmen der Softwarebranche – zu erörtern. Dabei werden Definitionen und Besonderheiten von Konzepten beleuchtet, die als grundlegend für das Verständnis der vorliegenden Arbeit erachtet wurden. Zunächst werden die Begriffe Projekt (Kapitel 2.3.1) und Projektmanagement (Kapitel 2.3.2), und die Abgrenzung zwischen traditionellem und agilem Projektmanagement (Kapitel 2.3.3) vorgestellt. Anschließend wird auf die Definition von IT-Projektmanagement (Kapitel 2.3.4) und die Besonderheiten von IT-Projekten (Kapitel 2.3.5) näher eingegangen.

Im Kapitel 2.3.6. wird der Begriff der Erfolgsfaktoren im Rahmen der Erfolgsfaktorenforschung und im Kontext des Projekterfolgs behandelt. Darüber hinaus werden die Unterschiede in der Erfolgsmessung bei traditionellen und agilen Projekten sowie die kritischen Erfolgsfaktoren von IT-Projekten aufgezeigt.

Kapitel 2.3.7 beleuchtet die Komplexität und Definitionen rund um das Konzept „Vorgehensmodell“ im Projektmanagement, insbesondere im Kontext der Softwareentwicklung und des IT-Projektmanagements. Dabei wird ein besonderer Fokus auf die Einordnung, Anpassung und Standardisierung von Vorgehensmodellen sowie deren Rolle als Erfolgsfaktor gelegt.

Abschließend wird in Kapitel 2.3.8 die Strukturierung der Vorgehensmodelle in dieser Arbeit durch einen umfassenden Überblick über die Klassifizierungsarten und Definitionen der verschiedenen Vorgehensmodellen begründet. Zudem werden Studienergebnisse zu den in Deutschland gängigen Vorgehensmodellen präsentiert.

8.3.1 Definition „Projekt

Der Projektbegriff wird in diversen international bedeutenden Standards im Projektmanagement erläutert. Weit verbreitet sind die Definitionen der deutschen DIN-Norm 69901, des britischen PRINCE2-Standards, des amerikanischen PMBOK®-Standards und der zwei internationalen Standards – der ISO-Norm 21500:2012 und der Individual Competence Baseline (vgl. Aichele & Schönberger 2014, S. 15, Dittmann & Dirbanis 2020, S. 16).

Nach dem Standard PRINCE2 ist ein Projekt „[a] temporary organization that is created for the purpose of delivering one or more business products according to an agreed business case“ (AXELOS 2017, S. 34). Dabei weisen Projekte im Vergleich zur normalen Geschäftstätigkeit mehrere Unterscheidungsmerkmale auf:

  • Veränderung: Projekte sind das Mittel, um Veränderungen einzuleiten.

  • Temporär: Projekte haben einen definierten Start und ein definiertes Ende. Sie sind zeitlich begrenzt und enden, sobald die angestrebte Veränderung umgesetzt ist.

  • Funktionsübergreifend: In Projekten arbeiten Teams mit unterschiedlichen Fähigkeiten zusammen, um Veränderungen einzuführen, die sich auf Personen außerhalb des Teams auswirken. Projekte überschreiten oft die normalen Funktionsbereiche einer Organisation und können sogar verschiedene Organisationen umfassen, was zu Spannungen führen kann.

  • Einzigartig: Jedes Projekt ist einzigartig, auch wenn eine Organisation viele ähnliche Projekte durchführt. Unterschiede im Team, bei den Kund:innen, am Standort und in der Zeit machen jedes Projekt einzigartig.

  • Ungewissheit: Projekte bringen Risiken und Chancen mit sich, die über die normalen Geschäftsaktivitäten hinausgehen. Sie sind risikoreicher als der reguläre Betrieb einer Organisation (vgl. AXELOS 2017, S. 34-35).

Der PMBOK® Guide erläutert den Begriff Projekt wie folgt:

„[e]in zeitlich definiertes und begrenztes Vorhaben mit dem Ziel, ein einmaliges Produkt, eine Dienstleistung oder ein Ergebnis zu schaffen. Weil Projekte von ihrem Wesen her vorübergehend sind, heißt das, dass Projektarbeit oder die Phasen der Projektarbeit einen Anfang und ein Ende haben. Projekte können allein existieren oder Teil eines Programms oder Portfolios sein“ (PMI 2017, S. 4).

Die Definition des Begriffs nach IPMA/ICB4 lautet:

„Ein Projekt ist deniert als ein einmaliges, zeitlich befristetes, interdisziplinäres und organisiertes Unterfangen, um festgelegte Arbeitsergebnisse im Rahmen vorab denierter Anforderungen und Randbedingungen zu erzielen“ (GPM 2017, S. 38).

Während die ISO-Norm 21500:2012 den Fokus auf Prozesse als Bestandteile eines Projekts legt, betont die DIN-Norm 69901 den einzigartigen Charakter der spezifischen Gegebenheiten (vgl. ISO 21500 2012; DIN 2009, zitiert in: Aichele & Schönberger 2014, S. 15-16).

8.3.2 Definition „Projektmanagement

Analog zum Projektbegriff wird in den genannten Standards auch der Begriff Projektmanagement definiert.

Der PRINCE2-Standard definiert Projektmanagement als “the planning, delegating, monitoring and control of all aspects of the project, and the motivation of those involved, to achieve the project objectives within the expected performance targets for time, cost, quality, scope, benefits and risk” (AXELOS 2017, S. 34).

ISO 21500, ICB4 und der PMBOK® Guide betonen ebenfalls den methoden- und prozessorientierten Charakter des Projektmanagements, während DIN 69901 insbesondere Wert auf organisatorische und führungsbezogene Aspekte legt (vgl. DIN 2009 und ISO 21500:2012, zitiert in: Aichele & Schönberger 2014, S. 19; PMI 2021, S. 4; GPM 2017, S. 38). Zudem wird das Erreichen der Projektvorgaben durch den gezielten Einsatz von methodischen und technischen Kompetenzen ermöglicht (vgl. GPM 2017, ebd.). Eine wesentliche Aufgabe des Projektmanagements besteht darin, die Phasen des Projektlebenszyklus mit den spezifischen Phasen des jeweiligen Projekts miteinander zu verknüpfen (vgl. ISO 21500:2012, zitiert in: Aichele & Schönberger 2014, S. 19; GPM 2017, S. 38).

Das Projektlebenszyklus stellt die Gesamtheit aller Projektmanagementphasen dar (s. Abbildung 2.7). Sie sind gemäß DIN 69901-2:2009 nicht mit Projektphasen gleichzusetzen, denn Letztere variieren je nach Projekttyp, Branche und Organisation und sind spezifisch auf das jeweilige Produkt bzw. den jeweiligen Gegenstand und Kontext angepasst. (vgl. Gessler & Kaestner 2009, S. 352-353)

Im Gegensatz dazu sind die PM-PhasenInitialisierung, Definition, Planung, Steuerung und Abschluss – in allen Projekten vorhanden und repräsentieren grundlegende Anforderungen unabhängig von der konkreten Problemstellung oder dem Kontext. Jede Phase umfasst spezifische Aktivitäten und Prozesse, die jeweils auf die formale Durchführung eines Projekts abzielen (vgl. Gessler & Kaestner 2009, S. 352).

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Abbildung 2.7: Projektlebenszyklus des Projektmanagements
Quelle: Timinger (2017, S. 68)

8.3.3 Traditionelles vs. agiles Projektmanagement

Traditionelles Projektmanagement

Timinger (2017, 2021) fasst das traditionelle Projektmanagement als „planbasiertes“ bzw. „plangetriebenes“ Projektmanagement auf, bei dem der Projektablauf auf klaren Plänen aufbaut. Zuerst werden Pläne zur Umsetzung der festgelegten Vorgaben hinsichtlich des Umfangs, der Kosten und des zeitlichen Rahmens ausgearbeitet (vgl. Timinger 2017, S. 29; Timinger 2021, S. 12). Die Planumsetzung und die Minimierung von Planabweichungen werden in der Steuerungsphase vorgenommen (vgl. Timinger 2017, ebd.; Timinger 2021, ebd.).

Planbasiertes Projektmanagement ist durch sorgfältig ausgearbeitete Pläne gekennzeichnet, die die zukünftigen Entwicklungen des Projekts abbilden. In der Regel werden diese Pläne sequenziell erstellt, d.h. sie sind „nacheinander und aufeinander aufbauend“. Zusätzlich beinhaltet das traditionelle PM kontinuierliche Aufgaben, die während der gesamten Projektdauer anfallen, wie zum Beispiel das Risiko- und Stakeholdermanagement, um Unsicherheiten in der Planung entgegenzusteuern (Timinger 2021, S. 14).

Die Pläne des traditionellen Projektmanagements lassen sich, wie in Abbildung 2.8 dargestellt, den PM-Phasen zuordnen (vgl. Timinger 2021, S. 15).

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Abbildung 2.8: Zuordnung von Plänen des TPM zu PM-Phasen
(Quelle: Timinger 2021, S. 14)

TPM-Standards

Die traditionelle Perspektive des Projektmanagements wird in folgenden relevanten Standards abgebildet:

  • DIN 69901

  • ISO 21500

  • ICB4

  • ​PMBOK

  • PRINCE2 (vgl. Dechange 2020, S. 57).

Beispielsweise beinhaltet die Norm 69901-2 der Deutschen Institut für Normung e. V. (DIN) ein Prozessmodell mit den 5 Standard-PM-Phasen (wie z.B. Initialisierung, Definition, etc.) und 11 Prozessgruppen (wie z.B. Ablauf und Termine, Änderungen, Projektstruktur, Ziele, usw.), denen 59 Prozesse (wie z.B. Meilensteine definieren, Terminplan erstellen, Termine steuern, usw.) zugeordnet werden. Das Controlling des Projektverlaufs erfolgt durch Werkzeuge wie beispielsweise die Meilenstein-Trendanalyse (vgl. Timinger 2017, S. 15).

Agiles Projektmanagement

Während das traditionelle Projektmanagement (TPM) den Fokus auf „Pläne und Abläufe“ legt, stellt das agile Projektmanagement (APM) „Individuen und Interaktion“ in den Vordergrund (Timinger 2017, S.165).

Der Begriff „Agiles Projektmanagement“ vereint Projektmanagementansätze, die auf den agilen Werten und Prinzipien des Agilen Manifests aufbauen (vgl. Beck, K. et al. 2001, Timinger 2021, S.12) und sich durch flexible, iterative, kundenorientierte und unbürokratische Vorgehensweisen auszeichnen (vgl. Timinger 2021, ebd.).

Das agile Manifest

Das agile Manifest umfasst 4 grundlegende Werte und 12 Prinzipien, die einen Rahmen für die agilen Ansätze in der Softwareentwicklung bilden. Aus der Formulierung der agilen Werte geht folgende Priorisierung hervor:

  • „Individuen und Interaktionen“ vor „Prozesse und Werkzeuge“ (Beck, K. et al. 2001)

  • „Funktionierende Software“ vor „umfassende Dokumentation“

  • „Zusammenarbeit mit Kund:innen“ vor „Vertragsverhandlung“,

  • „Reagieren auf Veränderung“ vor „Befolgen eines Plans“ .

Im Rahmen der 12 Grundsätzen des agilen Manifests wird die Zufriedenheit der Kund:innen in den Vordergrund gestellt und die Bedeutung von Kooperation, Motivation, Selbstorganisation im Projektteam und des direkten Austauschs hervorgehoben (vgl. Beck, K. et al. 2001). Zudem wird großer Wert auf Anpassungsfähigkeit, stetige Lieferzyklen, Simplizität sowie kontinuierliche Verbesserung durch Reflexion gelegt (vgl. Beck, K. et al. 2001). Eine funktionsfähige Software wird als das wichtigste Instrument zur Beurteilung der Zielerreichung betrachtet (vgl. Beck, K. et al. 2001). Des Weiteren wird die langfristige Stabilität, sowie die Qualität des Designs und der technischen Umsetzung gefördert (vgl. Beck, K. et al. 2001).

Unterschiede zwischen TPM und APM

Wysocki (2014, S. 40) zufolge unterscheiden sich das TPM und das APM bezüglich der logischen Abfolge der Prozesse Scoping, Planning, Launching, Monitoring & Controlling, und Closing im Projektmanagementlebenszyklus.

Das TPM basiert auf einem linearen oder inkrementellen PM-Lebenszyklus, während das APM auf einem iterativen oder adaptiven PM-Lebenszyklus beruht (vgl. Abbildung 2.9).

Im planbasierten Projektmanagement verläuft das Projekt sequenziell, wobei eine umfassende Planung bis zum Projektabschluss erfolgt. Eine iterative Bearbeitung des Projektgegenstands findet meist nur während der Umsetzung in der Steuerungsphase statt (vgl. Timinger 2021, S.13).

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Abbildung 2.9: Traditionelles vs. agiles PM-Lebenszyklus
(Quelle: Wysocki 2014, S. 59)

Im Gegensatz dazu wird beim agilen Projektmanagement nach der Initialisierung und Definition der Projektziele ein iterativer Umsetzungsplan erstellt. Eine genaue Planung wird jeweils nur für die bevorstehende Iteration durchgeführt. Die Umsetzung erfolgt ebenfalls in der Steuerungsphase, wobei am Ende geprüft wird, ob weitere Iterationen erforderlich sind. Dabei erstreckt sich das iterative Vorgehen nicht nur auf die Umsetzung, sondern auch auf die Planung. Dieser Prozess wiederholt sich, bis das Projekt abgeschlossen ist. In einigen Fällen ist sogar eine iterative Anpassung der Projektziele bereits in der Definitionsphase möglich (vgl. Timinger 2021, S.13).

Das TPM setzt voraus, dass „die Zukunft des Projekts planbar ist“. Dies setzt voraus, dass die Anforderungen an den Projektgegenstand ausreichend definiert und die Methoden zu ihrer Umsetzung bekannt sind (vgl. Timinger 2021, S.13). TPM-Projekte sind plangesteuerte Projekte und ihr Erfolg wird an der Einhaltung und Umsetzung des Plans gemessen (vgl. Wysocki 2014, S. 45). Sie sind änderungsintolerant und Änderungen würden Zeit- und Ressourcenverschwendung durch die Notwendigkeit der Überarbeitung der Pläne verursachen (vgl. Wysocki 2014, S. 48).

Anders als das TPM bietet das APM dagegen Ansätze und Werkzeuge für den Umgang mit unklaren Anforderungen an. Darüber hinaus wird auch Unterstützung gewährleistet, wenn die Methoden zur Umsetzung der Anforderungen nicht bekannt sind (vgl. Timinger 2021, S.13). APM-Projekte sind auf Veränderungen angewiesen, um erfolgreich zu sein. Sie verwenden Just-in-Time-Planungsmodelle und vermeiden Ressourcenverschwendung, wodurch sie effizient und schlank sind (vgl. Wysocki 2014, S. 48).

Ein weiterer grundlegender Unterschied zwischen TPM und APM lässt sich insbesondere am Konzept des magischen Dreiecks des PM verdeutlichen (vgl. Abbildung 2.10). Die traditionelle Betrachtung planbasierter Projekte beruht auf einem festen Leistungsumfang, auf dessen Grundlage Aufwände, Termine, Ressourcen und Kosten geschätzt werden. Im Gegensatz dazu erfolgt bei rein agilen Projekten eine Festlegung der Kosten und Termine im Voraus, während der Leistungsumfang durch eine „konsequente Priorisierung“ angepasst wird (vgl. Timinger 2021, S.17).

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Abbildung 2.10: Das magische Dreieck – traditionelle vs. agile Sicht
(Quelle: Timinger 2021, S 17)

8.3.4 Definition „IT-Projektmanagement

Der Begriff "IT-Projektmanagement" bezeichnet das Management von IT-Projekten und „unterscheidet sich vom allgemeinbezogenen Projektmanagement hauptsächlich durch die im Fokus stehende Entwicklung von IKT“ (Aichele & Schönberger 2014, S. 20). Während das Grundkonzept des Projektmanagements generell und unabhängig vom spezifischen Projektinhalt ist, bezieht sich das IT-Projektmanagement ausschließlich auf die Leitung und Abwicklung von Projekten im IT-Bereich. Diese Unterscheidung ist wichtig, da diese Projekte spezielle Eigenschaften aufweisen, die einen individuellen Ansatz erfordern. Daher sind fundiertes Know-how über die verschiedenen Ansätze und Werkzeuge, die in IT-Projekten zum Einsatz kommen, sowie das Bewusstsein für ihre spezifischen Anforderungen essenziell für ihren Erfolg (Wieczorrek & Mertens 2008, S. 14-15).

Zu den Aufgaben des IT-Projektmanagements aus strategischer Sicht gehört Tiemeyer (2018, S. 10) zufolge unter anderem auch der Entwurf eines Vorgehensmodellplans (z.B. sequenziell, agil, etc.). Eine ähnliche Auffassung findet sich bei Ruf & Fittkau (2008, S. 23), die die „Vorgehensplanung durch Auswahl und Anpassung von Vorgehensmodellen“ ebenfalls zum Aufgabenbereich des IT-Projektmanagements eingeordnet werden.

8.3.5 Besonderheiten von IT-Projekten

Definition

Projekte in der Softwareentwicklung werden als IT-Projekte bezeichnet (Berg, B. et al. 2014, S. 7). IT-Projekte befassen sich mit der Entwicklung von Informations- und Kommunikationssystemen und sind temporäre Organisationsformen innerhalb von Unternehmen (Wieczorrek & Mertens 2008, S. 9). Sie weisen jedoch ähnliche Merkmale wie allgemeine Projekte auf (Wieczorrek & Mertens 2008, ebd.).

IT-Projekte haben jedoch auch spezifische Eigenschaften, wie z. B. die Problematik der Personalvariation ab einem bestimmten Projektstatus, bei dem die Kosten und der Aufwand für die Einarbeitung neuer Mitarbeiter:innen höher als der eigentliche Gewinn ausfallen würden (Wieczorrek & Mertens 2008, S. 9). Darüber hinaus lassen sich IT-Projekte in wiederkehrende Phasen unterteilen, was eine standardisierte Abwicklung ermöglicht. Daher wird der Einsatz einheitlicher Verfahren, wie Vorgehensmodellen, bevorzugt (Wieczorrek & Mertens 2008, ebd.).

Im Allgemeinen weisen IT-Projekte folgende Charakteristika auf (vgl. Ruf & Fittkau 2008, S. 8):

  • Die „Gestaltung von Software (Einsatz, Anpassung oder Neuentwicklung)“ ist eine zentrale Aufgabe.

  • Sie setzen den Einsatz von Hardware voraus.

  • Die Projektmitarbeiter:innen sind in der Regel IT-Spezialist:innen.

  • Das Endergebnis stellt ein Anwendungssystem zur Unterstützung von Geschäftsprozessen dar.

IT-Projekte lassen sich durch folgende wesentliche Kriterien differenzieren:

  • „Aufgabenstellung (Projektinhalte),

  • Größe/Umfang (Projektbudget, Projektdauer),

  • Innovationsgrad und Komplexität,

  • Auftraggeber-/Auftragnehmerverhältnis“ Tiemeyer (2018, S. 3).

Arten von IT-Projekten

Je nach Aufgabenstellung ergeben sich folgende Projekttypen (Tiemeyer 2018, S. 3):

  • Strategische IT-Projekte: Roadmapping für bspw. Outsourcing- oder Cloud-Lösungen.

  • Digitale Transformation: bspw. Projekte zur Entwicklung digitaler Produkte;

  • Integration und Implementierung von Business-Software: bspw. ERP;

  • Informationssystemprojekte: bspw. Datenbanken;

  • Softwareentwicklungsprojekte: bspw. Web-Development;

  • IT-Infrastrukturprojekte: bspw. Virtualisierung usw.

Darüber hinaus lassen sich Projekte Tiemeyer (2018, S. 290) zufolge nach betriebswirtschaftlicher und technischer Sicht unterscheiden.

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht lassen sich drei Projektarten unterscheiden:

  • Projekte, die nach tatsächlichem Aufwand abgerechnet werden (Dienstverträge);

  • Festpreisprojekte (Werkverträge);

  • Projekte, die Festpreis und Abrechnung nach tatsächlichem Aufwand kombinieren (Mischverträge) (vgl. Tiemeyer 2018, S. 290).

Aus technischer Sicht können IT-Projekte je nach geplantem Vorhaben – wie z.B. Integration, Weiterentwicklung, etc. untergliedert werden (vgl. Tiemeyer 2018, S. 291).

Berg et al. (2014) definieren diese IT-Projektarten wie folgt:

  • Neu-Entwicklung: Ein Projekt zur Neu-Entwicklung konzentriert sich auf die Erstellung neuer Programme und Datenbanken. Es ist ein traditionelles Softwareentwicklungsprojekt und wird oft als Individualentwicklung bezeichnet (vgl. Berg et al. 2014, S. 10).

  • Wartung: In der Wartungsphase von IT-Projekten liegt der Fokus auf der kontinuierlichen Weiterentwicklung bestehender Anwendungen und Systeme (vgl. Berg et al. 2014, S. 10).

  • Migration: Bei Migrationsprojekten findet einen Umzug von Programmen und Datenbanken in eine neue Umgebung. Dabei soll eine identische Funktionalität der Anwendung erreicht werden (vgl. Berg et al. 2014, S. 10).

  • Sanierung: Wenn Programme und Datenbanken in derselben Umgebung verbessert werden, spricht man von einem Sanierungs- oder Reengineering-Projekt (vgl. Berg et al. 2014, S. 10).

  • Einführung: Der Fokus eines Einführungsprojekt von Standardsoftware in einer Organisation liegt auf Altdatenmigrationen und die Implementierung von Schnittstellen zu angrenzenden Systemen (vgl. Berg et al. 2014, S. 10).

  • Integration: Bei Integrationsprojekten werden bestehende Systeme miteinander verknüpft. Dabei soll eine systemweite Transaktion ohne Medienbruch erreicht werden (vgl. Berg et al. 2014, S. 10).

Die Zuordnung des IT-Projektes zu Projektart (z.B. Wartungsprojekt), Projektgröße (z.B. mittelgroßes Projekt) und Anwendungsgebiet (z.B. ERP-Projekt) stellt die Voraussetzung für die Auswahl eines Vorgehensmodells dar (vgl. Wieczorrek & Mertens 2008, S. 9).

Projektumfang

Die Größe eines Vorhabens wird durch verschiedene Indikatoren wie Umsatz, Personentage (PT), Dauer, Anzahl Codezeilen und andere bestimmt. Dabei wird zwischen kleinen, mittleren und großen Vorhaben unterschieden (vgl. Berg et al. 2014, S. 8). Mit steigender Projektgröße kann der Aufwand exponentiell ansteigen, was als "Größennachteil" bezeichnet wird (Berg et al. 2014, S. 8). Dies ist darauf zurückzuführen, dass größere Projekte auch mehr Koordination zwischen größeren Personengruppen erfordern, was den Kommunikationsaufwand erhöht (vgl. Berg et al. 2014, ebd.).

Bei der Klassifikation von IT-Projekten nach Projektgröße (s. Tabelle 2.2) werden Teamgröße, Dauer und Budget berücksichtigt (vgl. Tiemeyer 2018, S. 4).

Projektgröße

Anzahl Mitarbeiter:innen

Personenjahre

Mio. Euro

Sehr klein

< 3

< 0,4

< 0,05

Klein

3 –10

0,4 – 5

0,05 – 0,5

Mittel

10 – 50

5 – 50

0,5 – 5

Groß

50 –150

50 – 500

5 – 50

Sehr groß

> 150

> 500

> 50

Tabelle 2.2: IT-Projekte nach Projektgröße
(Quelle: Tiemeyer 2018, S. 4)

In der Praxis reicht die Projektdauer von wenigen Monaten bis zu mehreren Jahren. Ein Projekt sollte jedoch nicht weniger als zwei Monate und nicht länger als fünf Jahre dauern. Die Projektdauer ist grundsätzlich beeinflussbar, etwa über die Anzahl der eingesetzten Projektmitarbeiter:innen. Insbesondere hängen Projektdauer und Projektgröße voneinander ab (vgl. Tiemeyer 2018, S. 4).

Die Einzigartigkeit der Aufgabenstellung spielt eine wichtige Rolle für die Klassifizierung von Projekten (vgl. Tiemeyer 2018, S. 4). Daher betont Tiemeyer (2018, S. 4) die Bedeutung eines gezielten und flexiblen projektspezifischen Einsatzes von fachlichen Kenntnissen.

Projektdimensionen

Im Bereich des Projektmanagements wird oft der Begriff "Iron Triangle" verwendet, um die grundlegenden Dimensionen eines Projekts zu verdeutlichen. Die Dimensionen, Zeit, Kosten und Nutzen, stehen in direktem Konflikt zueinander und beeinflussen die Qualität des Ergebnisses (vgl. Berg et al. 2014, S. 9).

Appelo (2011, S. 185) erweitert dieses Konzept, indem das Dreieck zu einem Quadrat wird, bei dem der Qualitätsaspekt als eigenständige Größe betrachtet wird (vgl. Abbildung 2.11). Dies ermöglicht eine gezieltere Betrachtung agiler Methoden, bei denen Qualität eine zentrale Rolle spielt. Die Grundidee hinter diesem neuen Modell ist, dass jede Veränderung in einer Dimension Auswirkungen auf die anderen Dimensionen hat. Beispielsweise erfordern zusätzliche Funktionen entweder mehr Zeit oder Ressourcen oder führen zu einer niedrigeren Qualität. Ein Mangel an Ressourcen wiederum kann zu weniger Funktionen, niedrigerer Qualität oder einem längeren Zeitplan führen (vgl. Berg et al. 2014, S. 9).

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Abbildung 2.11: Projektmanagement-Dreieck und Quadrat nach Appelo (2011)
(Quelle: Berg et al. 2014, S. 9)

Stakeholder

Im traditionellen Verständnis der Betriebswirtschaftslehre werden Stakeholder:innen einer Organisation als Personen betrachtet, die ein direktes oder indirektes Interesse am Unternehmen haben, wie Mitarbeiter:innen, Lieferant:innen, Kund:innen und die Öffentlichkeit. Dies schließt alle internen und externen Gruppen ein. Bei einem IT-Projekt gilt ein ähnlicher Ansatz. Die Stakeholder:innen können sich beispielweise aus dem Top-Management, den IT- und Fachabteilungen sowie dem Projektteam zusammensetzen (vgl. Berg et al. 2014, S. 8).

Interne Projekte haben in der Regel die Unternehmensführung oder eine Fachabteilung als Auftraggeber:innen, die grob die Zielsetzungen und erwarteten Ergebnisse vorgibt. Externe Projekte werden hingegen für externe Auftraggeber:innen durchgeführt, beispielsweise von spezialisierten IT-Softwarehäusern oder Systemhäusern, die ein IT-Projekt für ein anderes Unternehmen umsetzen (vgl. Tiemeyer 2018, S. 4).

8.3.6 Erfolgsfaktoren und Projekterfolg

Erfolgsfaktorenforschung

Das grundlegende Denkmodell der Erfolgsfaktorenforschung geht davon aus, dass trotz der Komplexität des Erfolgs und der Vielfalt potenzieller Faktoren „einige wenige Erfolgsfaktoren existieren, die den langfristigen Erfolg maßgeblich beeinflussen“ (Baumgarth & Evanschitzky 2009, S. 237). Die Aufgabe der Erfolgsfaktorenforschung umfasst die Selektion der relevanten Faktoren, die Explikation ihrer Beziehung zum Erfolg und die technologische Unterstützung bei der Gestaltung dieser Faktoren (vgl. Baumgarth & Evanschitzky 2009, S. 238).

Es gibt verschiedene Methoden der Erfolgsfaktorenforschung, die sich je nach der eingesetzten Methode zur Ermittlung der Faktoren unterscheiden. Direkte Methoden befragen direkt erfolgsrelevante Größen, während indirekte Methoden die potenziellen Erfolgsfaktoren und die Erfolgsindikatoren getrennt erheben und dann die Beziehung zwischen ihnen ermitteln. Im Rahmen der indirekten Methoden kommen qualitative und quantitative (explorative und konfirmatorische) Methoden zum Einsatz (vgl. Baumgarth & Evanschitzky 2009, S. 230-240).

Der Forschungsprozess der Erfolgsfaktorenforschung umfasst vier Schritte: die Ableitung eines Erfolgsfaktorenmodells, die Operationalisierung der Faktoren und Indikatoren, die Durchführung und Auswertung der Forschung sowie die Publikation der Ergebnisse. Die Datenerhebung kann über Befragungen, Beobachtungen oder Sekundäranalysen erfolgen, und die Auswertung wird in der Regel durch multivariate Verfahren durchgeführt (vgl. Baumgarth & Evanschitzky 2009, S. 240-241).

Der Erfolgsfaktor im Kontext des Projekterfolgs

Das Gabler Online-Lexikon (2018) definiert „kritische Erfolgsfaktoren“ als „Faktoren und Schlüsselgrößen“, die entscheidend sind, um die Gesamtziele eines Vorhabens zu erreichen. Die Erfüllung dieser Faktoren führt insgesamt zum Erfolg des Vorhabens, während Mängel in diesen Bereichen den gesamten Vorhaben-Erfolg unmittelbar beeinträchtigen (vgl. Gabler Online-Lexikon 2018).

Möller (2009, S. 57-58) erläutert Projekterfolg im Kontext des Projektmanagement als die „Einhaltung der vertraglich definierten Parameter des Magischen Dreiecks“ (Leistung, Termine und Kosten). Darüber hinaus müssen die Stakeholder:innen des Projektes (Auftraggeber:innen, Kund:innen, Projektmitarbeiter:innen) mit der Durchführung und den Ergebnissen zufrieden sein und das Projekt als positiv bewerten.

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Abbildung 2.12: Das magische Dreieck des Projektmanagements
Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Möller (2009, S. 60)

Die Begriffe "Kriterium" und "Faktor" sind Möller (2009, S. 60) zufolge nicht als synonym zu verwenden. Ein Kriterium ist ein Merkmal, mit dem der „Zustand einer Sache oder Person“ von anderen unterschieden werden kann. Ein Faktor hingegen ist ein Einflussfaktor auf den „Zustand einer Sache oder Person“. Beispielsweise ist die Anwesenheitsquote in einem Projekt ein Erfolgskriterium. Ein Erfolgsfaktor, der Einfluss auf die „Ausprägung dieses Erfolgskriteriums“ könnte in dieser Hinsicht die aktive Einbeziehung der Mitarbeiter:innen sein.

Die Berücksichtigung eines Erfolgsfaktors kann den Erfolg fördern, während dessen Vernachlässigung den Erfolg beeinträchtigen kann (Lechler 1996, S. 45, zitiert nach Möller 2009, S. 60).

Erfolgsmessung bei traditionellen und agilen Projekten

Bei planbasierten TPM-Projekten wird von stabilen und bekannten Projektdaten ausgegangen. Ein detaillierter Projektplan spezifiziert alle Aufgaben, Zeitpläne und Ressourcen. Der Erfolg von traditionellen Projekten wird anhand der Planerfüllung und der termingerechten Lieferung gemessen (vgl. Wysocki 2014, S. 45).

Agile Projekte zeichnen sich durch Flexibilität aus und passen sich an Veränderungen an. Es wird an der kontinuierlichen Entwicklung einer Lösung gearbeitet, selbst wenn der endgültige Umfang noch nicht vollständig festgelegt ist. Agile Projekte werden als erfolgreich betrachtet, wenn sie eine hohe Beteiligung und Zusammenarbeit zwischen Kund:innen und Entwicklungsteams aufweisen. Die Lösung kann nur dann entdeckt werden, wenn der:die Kunde:in und das Entwicklungsteam in einer offenen und ehrlichen Umgebung auf sinnvoller Weise zusammenarbeiten (vgl. Wysocki 2014, S. 48-49).

Kritische Erfolgsfaktoren von IT-Projekten

Die folgenden kritischen Erfolgsfaktoren für Software-Entwicklungsprojekte wurden durch verschiedene empirische Studien (Standish Group 1994 & 2001) bestätigt (zitiert in: Moll, K.-R. et al. 2004, S. 420; Abts & Mülder 2017, S. 473):

  • EF1 Top-Management-Support

    Projektmanager:innen benötigen schnelle Entscheidungen des Top-Managements in Bezug auf Ressourcenvergabe, Prioritätensetzung und Konfliktlösung und sind dabei besonders auf die Kooperation des Top-Managements angewiesen (vgl. Abts & Mülder 2017, S. 473).

  • EF2 Nutzereinbindung

    Die frühzeitige Einbindung zukünftiger Benutzer:innen in die verschiedenen Projektphasen ist entscheidend. Ihre Anforderungen müssen bekannt sein und erfüllt werden, um die Akzeptanz des neuen Anwendungssystems sicherzustellen und nachträgliche, kostspielige Änderungen zu vermeiden (vgl. Abts & Mülder 2017, S. 473).

  • EF3 Erfahrene Projektmanager:innen

    Erfahrene Projektleiter:innen sind ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Sie fungieren als Bindeglied zwischen Auftraggeber:innen und Entwickler:innen und sorgen für einen reibungslosen Projektablauf (vgl. Abts & Mülder 2017, S. 473).

  • EF4 Klare Projektziele

    Die präzise Formulierung der Projektziele ist ein weiterer Erfolgsfaktor. Auftraggeber:innen müssen klare Ziele festlegen. Diese Ziele unterstützen die Geschäftsziele und -prozesse des Unternehmens und müssen allen Projektbeteiligten von Anfang an bekannt sein (vgl. Abts & Mülder 2017, S. 473).

  • EF5 Überschaubarer Projektumfang

    Die Größe und Komplexität eines Softwareprojekts haben einen erheblichen Einfluss auf den Projekterfolg. Größere und komplexere Projekte sind schwerer zu steuern. Daher sollte angestrebt werden, umfangreiche Vorhaben in kleinere, besser handhabbare Einheiten zu unterteilen (vgl. Abts & Mülder 2017, S. 473).

  • EF6: Standardisierte Software-Infrastruktur

    Eine stabile Software-Infrastruktur ist entscheidend, auch wenn funktionelle Anforderungen oft wechseln (vgl. Moll, K.-R. et al. 2004, S. 423).

  • EF7: Stabile grundlegende Anforderungen

    Projekte sollten mit stabilen, grundlegenden Anforderungen beginnen, die als Basis für weitere Entwicklungsstufen dienen (vgl. Moll, K.-R. et al. 2004, S. 423).

  • EF8: Angemessenes Vorgehensmodell einschließlich Qualitätssicherung

    Ein standardisierter Entwicklungs- und Wartungsprozess mit Qualitätssicherungsmaßnahmen sollte die spezifischen Bedürfnisse eines Unternehmens erfüllen. Wesentliche Aspekte sind Risikominderung durch Phasenansätze, Entlastung der Entwickler:innen durch geeignete Methoden und Sicherstellung der Qualität durch konkrete Qualitätssicherungsprozesse (vgl. Moll, K.-R. et al. 2004, S. 423).

8.3.7 Definition und Einordnung des Begriffs „Vorgehensmodell“

Einordnung im Kontext des Projektmanagements

Dechange (2020, S. 55) fasst den Begriff Vorgehensmodell als „die Beschreibung des Projektmanagements auf Basis von Phasen, Prozessen, Methoden, Instrumenten, Strukturen, Rollen, Checklisten sowie Vorlagen" auf.

Standardisierung stellt ein zentraler Aspekt im Projektmanagement dar und erfordert, dass Projekte gemäß einheitlicher Vorgehensmodelle durchgeführt werden. Dabei kann jedes Vorgehensmodell einen unterschiedlichen Detaillierungsgrad aufweisen und muss nicht zwangsläufig alle in der Definition genannten Elemente wie Phasen, Prozesse, Methoden, Instrumente, etc. beinhalten (vgl. Dechange 2020, S. 55-56).

Laut Dechange (2020, S. 56) repräsentiert eine Vorgehensweise oder ein Ansatz die „vereinfachte Form eines Vorgehensmodells“, die oft lediglich den Ablauf (Phasen, Hauptprozesse) umfasst. Die Begriffe "Vorgehensweise" und "Ansatz" werden dabei synonym verwendet.

Ferner setzt sich Dechange (2020, S. 56-58) mit den wesentlichen Bestandteilen des Vorgehensmodell-Konzepts auseinander. Im Folgenden werden seine Erläuterungen zusammenfassend aufgelistet:

  • Phase: Unter Phase wird ein zusammenhängender zeitlicher Abschnitt verstanden, der entweder wiederholt oder einmalig auftreten kann (vgl. Dechange 2020, S. 56).

  • Prozess: Ein Prozess umfasst festgelegte Tätigkeiten und Ressourcen, die Inputs in Ergebnisse transformieren und somit Wertschöpfung generieren. Prozesse sind gemäß (ISO 2000) wiederkehrend. Sowohl Phasen als auch Prozesse sind zeitlich begrenzt (vgl. Dechange 2020, S. 56). Der Hauptunterschied zwischen einem Prozess und einer Phase liegt in der Wertschöpfung. Während bei einem Prozess stets eine Umwandlung von Inputs in Ergebnisse stattfindet, ist dies bei Phasen nicht zwingend der Fall. Darüber hinaus können Prozesse im Gegensatz zu Phasen sowohl sequenziell als auch überlappend oder parallel verlaufen (vgl. Dechange 2020, S. 57).

  • Methode: Unter Methode wird ein systematisches Verfahren zur Erreichung eines Ziels – bzw. „die Art und Weise, wie ein Ziel erreicht wird“, verstanden (Dechange 2020, S. 57).

  • Instrument: Ein Instrument stellt ein konkretes Werkzeug dar, das als Mittel eingesetzt wird, um ein Ziel zu erreichen. Während eine Aufbauanleitung für einen Schrank eine Methode darstellt, lassen sich Instrumente durch die verwendeten Werkzeuge wie Schraubendreher und Wasserwaage repräsentieren (vgl. Dechange 2020, S. 57).

Während für jedes Projekt aufgrund des Merkmals „einzigartiges Vorhaben“ eine gewisse Flexibilität notwendig ist, ist gleichzeitig eine effiziente und effektive Abwicklung unerlässlich, um den Projekterfolg sicherzustellen. Die Standardisierung kann dazu beitragen, Effektivität und Effizienz zu erreichen. Die Herausforderung für viele Organisationen besteht folglich darin, das richtige Maß an standardisiertem Projektmanagement zu bestimmen (vgl. Dechange 2020, S. 57).

Einordnung im Kontext der Softwareentwicklung

Laut Fischer et al. (1998, S. 13-14) sind aufgrund der zunehmenden Komplexität von Softwareentwicklungsprojekten zunehmend spezialisierte Vorgehensmodelle notwendig, die dazu dienen sollen, Risiken besser zu kontrollieren und den Fortschritt transparenter zu gestalten. Dieser Bedarf führte zu einem deutlichen und unübersichtlichen Anstieg an verfügbaren Vorgehensmodellen (vgl. Fischer et al. 1998, S. 14; Aichele & Schönberger 2014, S. 57).

Um der Unübersichtlichkeit von Vorgehensmodellen entgegenzusteuern, gründete die Gesellschaft für Informatik e.V. (GI) im Jahre 1993 die Fachgruppe „Vorgehensmodelle für die betriebliche Anwendungsentwicklung“ mit dem Ziel begriffliche Grundlagen dieses Fachgebietes zu klären und eine Zuordnung zu ermöglichen (vgl. Fischer et al. 1998, S. 14-15).

Vorgehensmodell

Fischer et al. (1998, S. 18) verwenden den Begriff „Vorgehensmodell“ synonym zu „Prozessmodell“ und definieren ihn als „ein Muster zur Beschreibung eines Entwicklungsprozesses auf der Basis eines Entwicklungsschemas“.

Dabei wird unter Entwicklungsprozess der „Software-Lebenszyklus“ verstanden (Fischer et al. 1998, S. 18). Der Software-Lebenszyklus (Software Life Cycle, vgl. Abbildung 2.13: Der Software-Lebenszyklus) umfasst die gesamte Lebensdauer eines Softwareprodukts – von der Entstehung über die Inbetriebnahme und Wartung bis zur Ablösung durch ein anderes Produkt (vgl. Abts & Mülder 2017, S. 479, Fischer et al. 1998, S. 18).

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Abbildung 2.13: Der Software-Lebenszyklus
(Quelle: Abts & Mülder 2017, S. 479)

Ein Entwicklungsschema stellt eine Vorgehensstrategie bzw. ein Entwicklungsansatz dar und wird von Fischer et al. (1998, S. 18) aufgefasst als „die Fokussierung des repräsentierten Wissens einer soziotechnischen Umgebung (Entwicklungsphilosophie, SW-Werkzeuge, Projektorganisation) bezüglich der Art und Weise, wie Software-Systeme gestaltet und betreut werden“.

Ein Vorgehensmodell bietet eine abstrakte Beschreibung der Entwicklungs- und Nutzungsphasen eines Informationssystems, unabhängig von konkreten Projektplänen und stellt eine spezifische Ausprägung eines Entwicklungsschemas dar. Dabei können sich mehrere Vorgehensmodelle nach dem gleichen Schema richten (vgl. Fischer et al. 1998, S. 19).

Ordnungsschema

Um die Zuordnung von Vorgehensmodellen zu erleichtern wurde von der Fachgruppe ein Metamodell bzw. ein Ordnungsschema (vgl. Abbildung 2.14) entworfen. Im Schema werden „sowohl die architektonische Struktur eines konkreten Vorgehensmodells“ als auch die Beziehungen zwischen den zugehörigen Begriffen abgebildet (Fischer et al. 1998, S. 16-17). Alle thematisch zusammenhängenden Begriffe werden in übergeordneten Themenbereichen gruppiert, die miteinander verbunden sind (ebd.). Ein Vorgehensmodell erfüllt nach Fischer et al. (1998, S. 17) die Funktion eines Regelwerks. Dieses beinhaltet die Regeln für die Anwendung des Modells als Ganzes und die sinnvolle Interaktion seiner Bestandteile (ebd.).

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Abbildung 2.14: Ordnungsschema eines Vorgehensmodells
(Quelle: Fischer et al. 1998, S. 17)

Die Struktur eines Vorgehensmodells umfasst verschiedene Tätigkeitsbereiche wie Projektmanagement, Konfigurationsmanagement, Qualitätsmanagement und Systementwicklung, die als Aktivitäten und Ergebnisse definiert und beschrieben sind. Dabei bilden Aktivitäts- und Ergebnistypen die grundlegenden Bausteine des Modells. Es legt auch die Methoden und Werkzeuge fest, die während der Aktivitäten zur Erstellung von Ergebnissen verwendet werden. Bestimmte Rollen sind jedem Tätigkeitsbereich zugeordnet und im Modell definiert, wie zum Beispiel die Rolle des Projektleiters im Projektmanagement (vgl. Fischer et al. 1998, S. 17-18).

Im Themenbereich "Aktivitäten" werden die zentralen Komponenten von Vorgehensmodellen, nämlich Aktivitäten und Ergebnisse beleuchtet. Aktivitätstypen sind „abstrakte Beschreibung[en] von Arbeitsschritten“, die Ergebnistypen erzeugen oder verändern. Aktivitäten sind die konkrete Ausführung dieser Aktivitätstypen im Softwareentwicklungsprozess. Die hierarchische Struktur umfasst Phasen, die Aktivitäten zu „planbaren und kontrollierbaren Einheit[en]“ gruppieren, sowie Arbeitspakete, die als Einheit zur Durchführung und Kontrolle von Aktivitäten im Projektmanagement dienen. Die Abfolge und Abhängigkeiten der Aktivitätstypen und Aktivitäten werden als Aktivitätenfolge bezeichnet (vgl. Fischer et al. 1998, S. 19-21).

Der Themenbereich "Ergebnisse" betont die enge Verbindung zwischen Aktivitäten und Ergebnissen auf verschiedenen Ebenen. Dies umfasst die Zuordnung von Aktivitätstypen zu Ergebnistypen auf Typebene, die Entstehung konkreter Ergebnisse aus Aktivitäten sowie das Statuskonzept für Aktivitäten (Aktivitätsstatus) und Ergebnisse (Ergebniszustand). Phasen (Aktivitäten) und Meilensteine (Ergebnisse) stellen die statische Struktur dar, während die Aktivitätenfolge und der Ergebnisfluss die dynamische Struktur ausmachen. Input-/Output-Beziehungen bestimmen die Abfolge der Aktivitäten. Ergebnistypen sind abstrakte Resultate, während Ergebnisse konkrete Ausprägungen darstellen. Der Zustand eines Ergebnisses zeigt seinen Bearbeitungsstatus bzw. Reifegrad an. Unter den Begriffen, die eine hierarchische Aggregation im Bereich Ergebnissen, darstellen spielt insbesondere der Begriff "Meilenstein" eine wichtige Rolle. Ein Meilenstein bezeichnet eine „geschlossene Ergebnismenge“, die an einem spezifischen Überprüfungspunkt vorliegt und versionsfähig ist. Im Projektmanagement wird ein Meilenstein auch als Zeitpunkt betrachtet, an dem ein besonderes Ereignis eintritt, das die Fertigstellung oder den Zeitpunkt des Vorliegens einer festgelegten Ergebnismenge markiert (vgl. Fischer et al. 1998, S. 21-23).

Der Themenbereich "Methoden und Werkzeuge" befasst sich mit abstrakten Konzepten wie Methoden und Werkzeugen sowie ihrer praktischen Anwendung. Methoden werden als gezielte Vorgehensweisen definiert, die auf festgelegten Prinzipien basieren und klare Schritte zur Zielerreichung vorgeben. Werkzeuge hingegen sind softwarebasierte Hilfsmittel, die die automatisierte Verarbeitung von Daten ermöglichen und Methoden sowie Verfahren unterstützen. Software-Entwicklungsumgebungen (SEUs) stellen umfassende Systeme dar, die aus einer Reihe von Methoden und Werkzeugen bestehen und nahtlos miteinander interagieren, um verschiedene Aspekte des Entwicklungsprozesses abzudecken. SEUs können die Umsetzung verschiedener Vorgehensmodelle erleichtern (vgl. Fischer et al. 1998, S. 26-27).

Der Themenbereich "Rollenmodell" umfasst folgende wesentliche Aspekte:

  • Definition von Rollen: Eine Rolle beschreibt die Funktion, in der eine Person eine bestimmte Aktivität ausführt. Rollen sind durch erforderliche Erfahrungen, Kenntnisse und Fähigkeiten definiert (vgl. Fischer et al. 1998, S. 27).

  • Zuordnung von Rollen: Im V-Modell werden Aktivitäten spezifischen Rollen wie Systemanalytiker, DV-Designer, Programmierer und Support-Berater zugewiesen. Diese Zuordnung erfolgt zu Beginn eines Projekts und stellt sicher, dass das Vorgehensmodell unabhängig von organisatorischen und projektspezifischen Randbedingungen bleibt (vgl. Fischer et al. 1998, S. 27).

  • Teamarbeit und Benutzerpartizipation: Eine besondere Herausforderung in der Anwendungsentwicklung ist die Zusammenarbeit verschiedener Beteiligter in den frühen Phasen eines Projekts. Unterschiedliche Ausbildungen, fachliche Orientierungen und berufliche Hintergründe können zu terminologischen Differenzen und Inkonsistenzen führen (vgl. Fischer et al. 1998, S. 28).

Der Themenbereich „Konfigurationsmanagement“ befasst sich mit der Identifizierung und Verwaltung der Software- und Softwareprojektkonfiguration zu bestimmten Zeitpunkten. Das Ziel des Konfigurationsmanagements ist es, Konfigurationsänderungen systematisch zu kontrollieren und die Vollständigkeit sowie Rückverfolgbarkeit der Konfiguration während des gesamten Lebenszyklus der Software sicherzustellen. Dieser Bereich umfasst auch Teilaspekte wie Versionsverwaltung und Änderungsmanagement. Eine Software-Konfiguration besteht aus passenden Software-Elementen, wobei die "Passung" sich in den Versionen der verschiedenen Software-Elemente durch einen bestimmten Änderungsstand konkretisiert (vgl. Fischer et al. 1998, S. 24-25).

Der Themenbereich „Qualitätsmanagement“ umfasst Tätigkeiten, Objekte und ihre Eigenschaften. Innerhalb der Vorgehensmodelle wird das umfassende Thema des Qualitätsmanagements jedoch nur oberflächlich behandelt und auf einige Schnittstellen beschränkt. Qualitätsmanagement ist eine Führungsaufgabe, die die Festlegung von Qualitätspolitik, -zielen und die Verantwortung für Qualität einschließt. Es beruht auf einem Bewusstsein für Qualität, der Fähigkeit zur Qualitätssicherung und der Förderung von Qualität. Eine wesentliche Komponente ist die innere Einstellung zur Qualität, die es ermöglicht, mit Veränderungen in der Arbeitsumgebung umzugehen. Die Qualität von Software wird unter anderem durch den Entwicklungsprozess (Personal, Technologie, Management) beeinflusst. Im Kontext von Vorgehensmodellen werden Begriffe verwendet, die sich mit der praktischen Umsetzung von Qualitätsmanagement im Projekt befassen, wie QS-Plan, Review oder Audit. Zum Beispiel kann ein Review als eine projektspezifische Überprüfung definiert werden, um den Status der Softwareentwicklung an einem Meilenstein zu überprüfen (vgl. Fischer et al. 1998, S. 24-25).

Der Fokus des Themenbereichs „Systementwicklung“ liegt auf der eigentlichen Erstellung von Anwendungen, während andere Bereiche des Entwicklungsprozesses unterstützende Aufgaben übernehmen. Methoden und Werkzeuge spielen eine entscheidende Rolle in der Begriffswelt der Systementwicklung, wobei spezifische Konzepte aus übergeordneten methodischen Ansätzen wie Strukturierte Analyse / Strukturiertes Design oder Information Engineering sowie aus spezifischen Methoden wie dem Entity-Relationship-Modell übernommen werden. Dieser Zusammenhang wird durch die praktische Anwendung einzelner Methoden und den Einsatz von Werkzeugen deutlich. Zusätzlich finden sich in diesem Bereich Aspekte aus der Terminologie der Aktivitäten und Ergebnisse, wie etwa die Bezeichnungen von Phasen wie Analyse, Entwurf, Implementierung und Einführung. Spezifische Begriffe stammen aus den Bereichen Hardware- und Softwaretechnik, die eine Vielzahl weiterer grundlegender und spezialisierter Konzepte umfassen. Zum Beispiel erfolgt das Design einer Benutzeroberfläche gemäß bestimmten Prinzipien und Methoden und wird anschließend mit Werkzeugen umgesetzt. Der resultierende Code wird in einer Datei gespeichert und repräsentiert ein Ergebnis eines spezifischen Typs, wie beispielsweise eines Funktionsbausteins. Die Einzelergebnisse eines Feindatenmodells werden als Tabellen in einem Datenbankmanagementsystem implementiert (vgl. Fischer et al. 1998, S. 25-26).

Der Themenbereich „Projektmanagement“ dient im Kontext von Vorgehensmodellen

oft als umschließendes Rahmenkonzept für den Software-Entwicklungsprozess. Allgemeine Projektmanagement-Verfahren werden auf das Entwicklungsumfeld angepasst, wobei spezifische Objekte der Vorgehensmodelle verwendet werden (vgl. Fischer et al. 1998, S. 23).

Zum einen werden allgemeine Begriffe des Projektmanagements auf die Softwareentwicklung übertragen und angepasst, zum anderen werden spezielle Begriffe und Elemente der Vorgehensmodelle genutzt und integriert wie z. B.:

  • Projektpläne enthalten Aktivitäten, Arbeitspakete und Meilensteine;

  • Fertigstellungsgrade basieren auf Aktivitätsstatus oder Ergebniszustand;

  • Abnahmeverfahren sichern die Softwarequalität von Ergebnissen durch Reviews (vgl. Fischer et al. 1998, S. 23).

Die Bedeutung der Projektmanagement-Begriffe wird dabei jedoch nicht stark verändert, sondern es handelt sich um einen Synergieeffekt zwischen beiden Bereichen (vgl. Fischer et al. 1998, ebd). Letzteres wird insbesondere in der Fachliteratur zu IT-Projektmanagement ersichtlich.

Einordnung im Kontext des IT-Projektmanagements

In der Fachliteratur zum IT-Projektmanagement gibt es verschiedene Definitionen des Begriffs 'Vorgehensmodell'. Allen Definitionen ist gemeinsam, dass das allgemeine Konzept des Vorgehensmodells, wie es in der Projektmanagement-Literatur verbreitet ist, mit dem in der Softwareentwicklung üblichen Konzept verschmilzt. Aichele & Schönberger (2014, S. 58) definieren beispielsweise ein Vorgehens- oder Entwicklungsmodell als einen „Entwicklungsplan zur Konzeption, Herstellung und Wartung von Softwareprodukten oder -systemen, welcher durch standardisierte Phasen, Aktivitäten und Werkzeuge das generelle Vorgehen der Softwareentwicklung festlegt“.

Vorgehensmodelle im IT-Projektmanagement bieten „einen übergeordneten Ablauf für Projekte“ (Albers 2021, S. 22). Sie stellen Prozesse und Methoden bereit, um wiederkehrende Tätigkeiten des Projektmanagements konsistent umzusetzen (Broy & Kuhrmann 2013, zitiert in: Albers 2021, S. 22). In dieser Funktion dienen Vorgehensmodelle als systematisches Werkzeug für die Planung, Durchführung und Überwachung von Projekten und betten diese in einen standardisierten Rahmen ein (Wieczorrek & Mertens 2011, zitiert in: Albers 2021, S. 22). Darüber hinaus definieren sie die Schnittstellen für die Kommunikation zwischen dem Projekt und seinem unternehmerischen Umfeld (Broy und Kuhrmann 2013, zitiert in: Albers 2021, S. 22).

Laut Wieczorrek & Mertens (2008, S. 64-65) haben Vorgehensmodelle den Zweck, dass IT-Projekte systematisch in vordefinierten Phasen durchlaufen. Aufgrund der Vielfalt von IT-Projekttypen ist es jedoch nicht möglich, ein einheitliches Vorgehensmodell zu etablieren. Die Verantwortung, ein passendes Modell auszuwählen, obliegt dem:der Projektleiter:in.

Im Wesentlichen folgt jedes Vorgehensmodell einem ähnlichen Aufbau. Dies beinhaltet die klare Abgrenzung der einzelnen Phasen durch definierte Meilensteine oder Entscheidungspunkte sowie die Transformation eines vorläufigen Konzepts in ein funktionierendes Softwareprodukt (vgl. Schönberger & Aichele 2014, S. 139). Alle Vorgehensmodelle zur Softwareentwicklung durchlaufen in der Regel unabhängig von den spezifischen Ausprägungen folgende Phasen (vgl. Aichele & Schönberger 2014, S. 59):

  • Problemanalyse: Untersuchung der betriebswirtschaftlichen Problemstellung.

  • Sollkonzept: Entwurf einer zukünftigen betriebswirtschaftlichen Prozessgestaltung.

  • Systementwurf: Umsetzung der optimierten Geschäftsprozesse und Datenstrukturen in eine modellhafte, codierbare Form.

  • Programmierung: Implementierung des Codes.

  • Test: Prüfung von Funktionen durch den Einsatz praxisnaher Szenarien.

  • Inbetriebnahme: Produktivgang und Ausführung realer Prozesse und Funktionen.

  • Wartung: Behebung von Fehlern und Integration neuer Anforderungen und Funktionen.

Anpassung von Vorgehensmodellen

Der Einsatz eines Vorgehensmodells in einem Entwicklungsprojekt in der Praxis erfordert eine Anpassung von einem generischen Vorgehensmodell hin zu einem Modell für ein konkretes Projekt (vgl. Fischer et al. 1998, S. 28). Dies erfolgt in folgenden zwei Schritten:

  • Spezialisierung: Die Spezialisierung des Vorgehensmodells wird durch die Rahmenvorgaben des Unternehmens beeinflusst. Dadurch entstehen Vorgehensmodelle für bestimmte Projekttypen. Beispiele solcher Rahmenvorgaben sind (vgl. Fischer et al. 1998, S. 29):

    • Projektgröße und Anwendungsbereich (z. B. Eigenentwicklung, Wartung, Reengineering, Standardsoftware-Einführung, etc.).

    • Art der Vorgehensstrategie (z. B. sequenzielles Vorgehen, evolutionäres Vorgehen, Prototyping, etc.)

  • Tailoring: Die „Anpassung der Aktivitäten und Ergebnisse eines Vorgehensmodells auf spezifische Projektsituationen“ wird als Tailoring bezeichnet (Fischer et al. 1998, S. 29). Dies umfasst sowohl vertragsrelevantes als auch technisches Tailoring. Durch diesen Prozess wird das Vorgehensmodell so angepasst, dass es den Anforderungen und Rahmenbedingungen des konkreten Projekts entspricht und somit effektiv angewendet werden kann (vgl. Fischer et al. 1998, S. 29-30).

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Abbildung 2.15: Spezialisierung und Tailoring von Vorgehensmodellen
(Quelle: Fischer et al. 1998, S. 28)

Standardisierung

Dechange (2020, S. 56) zufolge bedeutet Standardisierung im Kontext des Projektmanagements die Durchführung von Projekten auf der Grundlage einheitlicher Vorgehensmodelle (vgl. Dechange 2020, S. 57).

Besonders in komplexen Projekten mit verschiedenen Stakeholder:innen kann ein fehlendes gemeinsames Verständnis des Vorgehens die Zusammenarbeit beeinträchtigen und die Zielerreichung erschweren. Folglich werden Projektmitarbeiter:innen in vielen Unternehmen entsprechend großer Projektmanagementstandards geschult. Dabei sollten die Auswahl und die Anpassung eines Standards auf die spezifischen Bedürfnisse und die Arbeitsweise des Unternehmens abgestimmt sein, denn ein ungeeigneter Standard würde bei allen Projekten, die sich daran halten, zu Ineffizienz oder Ineffektivität führen (vgl. Timinger 2017, S. 13-14).

Das Vorgehensmodell als Erfolgsfaktor

Vorgehensmodelle bilden die Basis für die Planung und Kontrolle von umfangreichen Software-Entwicklungsprojekten. Kaum ein bedeutender industrieller Software-Anbieter kann heutzutage noch auf eine auf Phasen oder einem ähnlichen Konzept basierende Struktur bei der Projektführung verzichten (vgl. Scharch 2016, S. 2; Hesse 1992, S. 14). Dabei ist die Auswahl eines geeigneten Vorgehensmodells entscheidend für den Erfolg und die Qualität des IT-Projektes sowie für die Einhaltung von Zeitplänen und Budgets (vgl. Aichele & Schönberger 2014, S. 58).

8.3.8 Vorgehensmodelle im Überblick

Klassifikation

Vorgehensmodellen werden in der Literatur nach verschiedenen Kriterien strukturiert. In der Fachliteratur zu Softwareentwicklung wird häufig eine Klassifikation „nach Art der Vorgehensstrategie“ (Fischer et al. 1998, S. 26) bzw. „nach Art der Phasendurchläufe“ (Hansen et al. 2019, S. 368) vorgenommen.

Nach der „Art der Vorgehensstrategie“ unterscheiden Fischer et al. (1998, S. 26) zwischen sequentiellem Vorgehen, zyklischem Vorgehen, evolutionärem Vorgehen, partizipativem Vorgehen und Prototyping.

Hansen et al. (2019, S. 368) differenzieren zwischen Vorgehensmodellen basierend auf dem Phasenablauf und dem Projektumfang (vgl. Abbildung 2.16).

Je nach „Art der Phasendurchläufe“ können Vorgehensmodelle in erster Linie wie folgt unterteilt werden (vgl. Hansen et al. 2019, ebd.):

  • sequenziell (z.B. Klassisches Wasserfallmodell),

  • inkrementell (z.B. Entwicklung von Prototypen),

  • iterativ (z.B. Spiralmodell).

Nach Projektumfang ergeben sich folgende Hauptkategorien:

  • Prozessmodelle für große Projektteams (V-Modell XT, Unified Process (UP),

  • Prozessmodelle für kleine Projektteams (Agile Entwicklungsprozessmodelle, Agile Unified Process (UP), Scrum) (vgl. Hansen et al. 2019, ebd.).

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Abbildung 2.16: Systematisierung von Vorgehensmodellen
(Quelle: Hansen et al. 2019, S. 368)

Vorgehensmodelle werden in der Fachliteratur zu IT-Projektmanagement vorwiegend „nach ihrer Ausrichtung“ betrachtet: sei es als klassisch, modern und agil (vgl. Aichele & Schönberger 2014, S. 59; Schönberger & Aichele 2014, S. 139 f.) oder als traditionell, agil und hybrid (vgl. Timinger 2017 S. 10). Dabei werden die traditionellen bzw. klassischen Vorgehensmodelle wiederum nach Vorgehensstrategie in sequenziell, iterativ, inkrementell, etc. weiter untergliedert (vgl. Timinger 2017; Timinger 2021; Dechange 2020).

Im Folgenden werden die in der Literatur am meisten diskutierten Klassen von Vorgehensmodellen nach Vorgehensstrategie (vgl. Tabelle 2.3) und nach Ausrichtung (vgl. Tabelle 2.4) und ihre Definitionen tabellarisch zusammengefasst.

VM-Klasse

nach Vorgehensstrategie

Definition

Sequenziell

Vorgehensmodelle, die auf einer sequenziellen Vorgehensstrategie basieren, gliedern Projekte in Abschnitte, die in einer festen, linearen Abfolge durchgeführt werden (vgl. Timinger 2017, S. 38). Das sequenzielle Entwicklungsprozessmodell verfolgt einen Top-down-Ansatz, bei dem ohne Abschluss einer gegenwärtigen Phase nicht mit der nächsten gestartet werden kann (vgl. Fischer et al. 1998, S. 26, vgl. Timinger 2017, S. 38). Das als „Wasserfall“ bekannte VM und das V-Modell gehören zu den bekanntesten Vertretern dieser Klasse (vgl. Timinger 2017, S. 38).

Parallel

Parallele Vorgehensmodelle beinhalten die Überlappung von Phasen und ermöglichen dadurch eine schnellere Bearbeitung und frühzeitige Risikoerkennung. Ein häufig erwähnter Vertreter dieser Klasse ist das Simultaneous Engineering VM (vgl. Timinger 2021, S. 145).

Wiederholend

Die wiederholenden Vorgehensmodelle lassen sich in inkrementell, iterativ, rekursiv und evolutionär gliedern (vgl. Timinger 2021, S. 148). Dabei werden die Projektphasen mehrfach durchgeführt, was eine schrittweise Implementierung des Projektergebnisses ermöglicht (vgl. Timinger 2021, ebd.). Jeder Durchlauf, auch Inkrement genannt, ermöglicht Inspektion und Feedback zu den erzielten Teilergebnissen (vgl. Timinger 2021, ebd.). Die dadurch gewonnenen Erkenntnisse können dann in die nächste Phase einbezogen werden (vgl. Timinger 2021, ebd.).

Inkrementell

In einem inkrementellen Softwareentwicklungsprozessmodell erfolgt die Weiterentwicklung der Software schrittweise. Dabei stellt das Ergebnis jedes angeschlossenen Schrittes eine um neue Features erweiterte ausführbare Software (vgl. Hansen 2019, S. 368).

Iterativ

Bei einem iterativen Entwicklungsprozessmodell werden die Entwicklungsphasen wiederholt durchgeführt. Diese Modelle basieren auf einem evolutionären Gesamtprozess, der kontinuierliche Verbesserungen am Softwaresystem ermöglicht (vgl. Hansen 2019, S. 369).

Evolutionär

Evolutionäre Vorgehensmodelle basieren auf einem iterativen Entwicklungsprozess, bei dem der Einsatz der Software ihre Anforderungen verändert. Verbesserungsvorschläge, die während der Anwendung auftreten, dienen als Ausgangspunkt für einen neuen Entwicklungsprozess, der die Folgeversion des Anwendungssystems hervorbringt und somit die Anpassungsfähigkeit der Anwendung unterstreicht (vgl. Fischer et al. 1998, S. 26).

Prototyping

Prototyping hat zum Ziel, spezifische Aspekte eines Softwareobjekts in einem bestimmten Stadium des Softwareentwicklungsprozesses testbar oder vorführbar zu machen. Die gewonnenen Erkenntnisse aus dem Prototyp werden genutzt, um Anpassungen vorzunehmen, die zur Entwicklung eines neuen Systems führen (vgl. Fischer et al. 1998, S. 26).

Tabelle 2.3: Klassen und Definition von VM nach Vorgehensstrategie
(Quelle: eigene Darstellung)

VM-Klasse

nach Ausrichtung

Definition

Klassisch

In Anlehnung an Angermeier (2014) weist Timinger (2017) darauf hin, dass der Begriff "klassisch" ausschließlich für etablierte oder standardisierte Vorgehensmodelle verwendet werden sollte, denn diese können sowohl traditionelle als auch agile Ansätze umfassen. Beispielweise liegen mittlerweile viele Zertifizierungsmöglichkeiten für Scrum vor, sodass Scrum als klassisch agiles Projektmanagement betrachtet werden kann (vgl. Timinger 2017, S. 29).

Traditionell

Die Begriffe "traditionell", "klassisch" oder "konventionell" werden verwendet, um nicht-agile Vorgehensmodelle von agilen abzugrenzen. Nicht-agile Vorgehensmodelle finden weiterhin eine weite Verbreitung und stellen die Basis für die gängigsten PM-Zertifizierungen dar (vgl. Timinger 2017, S. 29).

Traditionelle Vorgehensmodelle bilden die Zukunft des Projekts durch detaillierte Pläne ab und setzen anschließend diese Pläne Schritt für Schritt um. Daher werden sie auch als planbasierte Vorgehensmodelle bezeichnet (vgl. Timinger 2017, S. 12). Zu den Vertretern traditioneller Vorgehensmodelle gehören das Wasserfallmodell, das V-Modell, das Spiralmodel (vgl. Timinger 2017, S. 37).

Agil

Agile Entwicklungsprozessmodelle werden als leichtgewichtige Vorgehensmodelle für die Softwareentwicklung aufgefasst, die wenig Bürokratie erfordern. Sie bestehen aus kleinen Projektabschnitten, die klare Ergebnisse liefern. Diese Modelle bieten Flexibilität, fördern Teamarbeit und Selbstorganisation. Agile VM entstanden als Gegenstück zu komplexen Modellen, die für große Teams ausgerichtet sind (vgl. Hansen 2019, S. 372-373). Verbreitete Vertreter sind Scrum, Kanban und das speziell für Softwareprojekte entwickelte Extreme Programming (Timinger 2021, S.190).

Hybrid

Hybride Vorgehensmodelle vereinen traditionelle Phasenmodelle wie das Wasserfallmodell mit agilen Methoden wie sie beispielsweise bei Scrum zum Einsatz kommen (vgl. Berg et al. 2014, S. 54). Das Ziel dieses Modells besteht darin, die Schwächen von Vorgehensmodellen zu minimieren und ihre Stärken durch eine gezielte Kombination zu maximieren (vgl. Berg et al. 2014, ebd.). Die Kombination von Vorgehensmodellen kann sequenziell, parallel oder integriert erfolgen. Beispiele für solche Modelle sind das Wasser-Scrum-Fall-Modell, V-Scrum und ScrumBan (Timinger 2021, S.190).

Tabelle 2.4: Klassen und Definition von Vorgehensmodellen nach Ausrichtung
(Quelle: eigene Darstellung)

Wie aus den oben beschriebenen Klassifikationen ersichtlich wird, liegt in der Fachliteratur keine einheitliche Gliederung von Vorgehensmodellen vor.

In der weiteren Ausführung der vorliegenden Arbeit wird die Strukturierung nach traditionell, agil und hybrid als Basis gewählt, da sie eine klare Abgrenzung zwischen nicht-agilen und agilen Vorgehensmodellen bietet. Dabei wird aus Komplexitätsgründen auf eine weitere Einteilung der Modelle in sequenziell, iterativ, inkrementell etc. verzichtet. In der Fachliteratur werden zwar meistens nur die traditionellen Modelle zusätzlich nach Vorgehensstrategie gegliedert, jedoch können agile Modelle ebenfalls noch zusätzlich in iterativ und inkrementell unterteilt werden.

Albers (2021, S. 26) ermittelte anhand Literaturrecherche folgende 22 Vorgehensmodelle im IT-Projektmanagement, die in der Literatur und aktuellen Forschungsarbeiten am häufigsten behandelt werden und somit als besonders relevant gelten:

  • Traditionelle Vorgehensmodelle – Vertreter:

    • das Wasserfallmodell,

    • das V-Modell XT,

    • das Spiralmodell,

    • RUP (Rational Unifed Process),

    • Build & Fix,

    • HERMES,

    • IPMA,

    • PMBoK,

    • PRINCE2,

    • SSADM.

  • Agile Vorgehensmodelle – Vertreter:

    • Kanban,

    • Scrum,

    • SAFe,

    • OEP,

    • TDD,

    • Crystal,

    • DSDM,

    • FDD.

  • Hybride Vorgehensmodelle – Vertreter:

    • AUP,

    • PRINCESS,

    • ScrumBan,

    • SoDa.

Eine Auswahl dieser konkreten Vorgehensmodelle wird im Kapitel 2.4 vorgestellt.

Vorgehensmodelle in Deutschland

Die Verwendung von Vorgehensmodellen in Deutschland wurde von Kuhrmann & Linssen (2015) untersucht. Basierend auf den Ergebnissen der IOSEW2-Studie von 2006 und dem 3ProcSurvey von 2012/2013 wurden folgende Trends beobachtet:

  1. Es gibt eine große Vielfalt an verwendeten Prozessmodellen, ohne dass ein bestimmter Ansatz dominiert (vgl. Abbildung 2.17 Abbildung 2.1).

  2. Agile Ansätze sind weit verbreitet, jedoch nicht dominierend.

  3. Die meisten Organisationen nutzen mehrere Prozessmodelle gleichzeitig.

  4. Die Anpassung der Prozessmodelle (Tailoring) an die jeweilige Projektsituation erfolgt oft ohne definierte Regeln (vgl. Kuhrmann & Linssen 2015, S. 44).

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Abbildung 2.17: Einsatz von Vorgehensmodellen in Deutschland (2012/13)
(Quelle: Kuhrmann & Linssen 2015, S. 36)

Die Teilnehmer:innen der Studien repräsentierten diverse Unternehmensgrößen, Tätigkeitsfelder (Softwareentwicklung, Dienstleistung, Beratung) und Domänen (Informationssysteme, eingebettete Systeme, Automotive, usw.). Aufgrund der geringen Datenbasis konnten die Studien-Ergebnisse jedoch nicht als repräsentativ für die deutsche Software-Branche angesehen werden (vgl. Kuhrmann & Linssen 2015, S. 33).

In der IOSEW2-Studie stellte sich heraus, dass eine Anpassung von Vorgehensmodellen an spezifische Projekte üblich ist. In fast der Hälfte aller Fälle wird auf Projektebene entschieden, ob die Vorgaben eines Vorgehensmodells eingehalten werden oder nicht. Kuhrmann & Linssen (2015) zufolge birgt dieses Vorgehen das Risiko, Modelle als optional zu betrachten und die Überprüfung wichtiger Artefakte zu versäumen (vgl. Kuhrmann & Linssen 2015, S. 44).

Etwa 50% der Angaben zur Verwendung von Vorgehensmodellen bezogen sich auf das V-Modell XT, Scrum oder eine Kombination aus beiden (vgl. Kuhrmann & Linssen 2015, S. 45).

Aus den Ergebnissen des 3ProcSurvey konnten trotz der kleinen Studienpopulation folgende zwei Erkenntnisse gewonnen werden:

  • Reichhaltige Vorgehensmodelle (sog. Rich Processes) wie das V-Modell XT oder der Rational Unified Process werden in der Regel mit verschiedenen agilen Vorgehensmodellen kombiniert – eine direkte Anwendung der Standardmodelle kommt nicht vor (vgl. Kuhrmann & Linssen 2015, S. 40).

  • Agile Vorgehensmodelle werden selten allein angewendet, sondern meist in Kombination mit anderen Modellen, überwiegend mit einem reichhaltigen Modell, das den organisatorischen Rahmen liefert, der agilen Methoden oft fehlt. Ein klarer Trend zeigt, dass Scrum häufig mit dem V-Modell XT kombiniert wird, was darauf zurückzuführen ist, dass das V-Modell XT der offizielle Standard des Bundes für IT-Projekte ist (vgl. Kuhrmann & Linssen 2015, S. 41).

In Kapitel 2.4 werden einige der in Deutschland am häufigsten verwendeten Vorgehensmodelle näher erläutert.

8.4 Vorgehensmodelle im IT-Projektmanagement

Im Folgenden wird auf die allgemeinen Charakteristika von traditionellen, agilen und hybriden Vorgehensmodellen näher eingegangen und eine Auswahl von entsprechenden Vertretern vorgestellt, die im IT-Projektmanagement zum Einsatz kommen.

8.4.1 Traditionelle Vorgehensmodelle

Allgemeines

Traditionelle Vorgehensmodelle zeichnen sich durch die Planung zukünftiger Ereignisse aus und setzen auf die Einhaltung dieser Pläne für den Projekterfolg (vgl. Timinger 2017, S. 32). Diese Modelle können entweder sequenziell oder inkrementell sein, wobei das Projekt zu Beginn vollständig geplant wird. Projektmanagementphasen können standardisiert sein – beispielsweise Initialisierung, Definition, Planung, Steuerung und Abschluss nach DIN 69901. Verschiedene Branchen oder Unternehmen bevorzugen jedoch individuelle Phasen (vgl. Timinger 2017, ebd.). Rollen und Schnittstellen in traditionellen Vorgehensmodellen sind typischerweise von einem traditionellen Rollen- und Management-Verständnis geprägt und umfassen folgende Rollen und Schnittstellen: Auftraggeber:innen, Lenkungsausschuss, Projektmanager:innen, Projektmitarbeiter:innen, andere Stakeholder:innen und Lieferant:innen (vgl. Timinger 2017, S. 35).

Traditionelle Vorgehensmodelle können sequenziell, nebenläufig oder wiederholend verlaufen, wobei jedes Modell unterschiedliche Ansätze zur Strukturierung und Durchführung von Projekten bietet (vgl. Timinger 2017, S. 38).

Laut Wysocki (2014, S. 42-45) zeichnet sich die Projektlandschaft, die für traditionelle Vorgehensmodelle geeignet ist, durch folgende Merkmale aus:

  • Klare Zielsetzung, Lösung und Anforderungen;

  • Geringe Komplexität: Projekte sind oft einfach und vertraut, basierend auf etablierten Geschäftsregeln und Technologien;

  • Wenige Änderungen am Umfang: Die Anforderungen sind weitgehend bekannt und stabil, was zu minimalen Änderungswünschen führt;

  • Gut bekannte Technologie-Infrastruktur: Die Technologie, auf der das Projekt basiert, ist stabil und bekannt, was zu geringen Risiken führt;

  • Erfahrene und kompetente Projektteams: Teammitglieder haben ihre Fähigkeiten und Kompetenzen durch frühere Projekte entwickelt und sind gut aufgestellt, um das Projekt erfolgreich abzuschließen;

Im folgenden Abschnitt werden drei konkrete Vertreter traditioneller Vorgehensmodelle vorgestellt: das Wasserfallmodell, das V-Model XT und PRINCE2.

Das Wasserfallmodell

Die Bezeichnung "Wasserfallmodell" wurde 1980 von Barry W. Boehm eingeführt (vgl. Aichele & Schönberger 2014, S. 60). Das Modell wird von mehreren Autor:innen darunter – Abts & Mülder (2017), Aichele & Schönberger (2014), Broy & Kuhrmann (2021), Hansen et al. (2019) als das „klassische“ Phasenmodell in der Softwareentwicklung betrachtet, denn es unterteilt die Projektarbeit in sequenzielle Phasen, die nacheinander durchlaufen werden (vgl. Abts & Mülder, 2017, S. 432). Dieser sequenzielle Ansatz umfasst die Phasen Anforderungsanalyse, Entwurf, Implementierung, Test und Wartung (vgl. Hansen et al. 2019, S. 368). Rückkopplungen zwischen den Phasen sind möglich, um Mängel zu beheben. Meilensteine dienen als Kontroll- und Entscheidungspunkte während des Projektverlaufs (vgl. Abts & Mülder, 2017, S. 432). Das Modell zeichnet sich durch klare Abgrenzung der Phasen aus, wobei jedes Ergebnis einer Phase als Eingabe für die folgende dient (vgl. Abbildung 2.18). Obwohl das Modell als strikt sequenziell gilt, sind Rückkopplungen zwischen einzelnen „unmittelbar benachbarten Phasen vorgesehen“ (Broy & Kuhrmann 2021, S. 87).

Philosophie: Das Modell verfolgt als zentrales Prinzip die Strukturierung eines Vorhabens in Phasen. Jede Phase enthält spezifische Aktivitäten, die in der richtigen Reihenfolge durchgeführt werden müssen, was paralleles Arbeiten erschwert (vgl. Broy & Kuhrmann 2021, S. 87-88).

Auswirkungen auf die Softwareentwicklung: Die sequenzielle Natur des Wasserfallmodells hat weitreichende Auswirkungen auf die Systementwicklung. So wird der Architekturentwurf erst nach vollständiger Anforderungsbeschreibung begonnen, was Lerneffekte und Änderungen während des Projekts nicht berücksichtigt. Daher ist dieses Modell grundsätzlich für Projekte geeignet, die durch ein minimales Risiko, klar definierte initiale Requirements und einen bekannten Lösungsweg gekennzeichnet sind (vgl. Broy & Kuhrmann 2021, S. 88).

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Abbildung 2.18: Das Wasserfallmodell – Phasen
(Quelle: Abts & Mülder, 2017, S. 431)

Phasen: Im Weiteren werden die Phasen Analyse, Konzept (Anforderungserhebung), Entwurf (Architekturentwurf), Realisierung (Implementierung, Verifikation und Integration) und Einführung (Betrieb) genauer betrachtet (vgl. Abts & Mülder, 2017, S. 432, Broy & Kuhrmann 2021, S. 87).

  • Analyse: Die Analysephase des Phasenmodells ist besonders relevant, wenn bestehende IT-Systeme ersetzt werden sollen. Sie umfasst zwei Teile: die Erfassung und Beschreibung des Ist-Zustands, bei der die Arbeitsabläufe in Organisationseinheiten untersucht werden, sowie die Analyse und Bewertung des Ist-Zustands, bei der Schwachstellen identifiziert und bewertet werden, um sie durch ein neues IT-System zu beheben. Die Ergebnisse dieser Analyse werden dokumentiert und auf ihre Korrektheit geprüft (Abts & Mülder, 2017, S. 432).

  • Konzept: Nach der Erfassung der Ist-Situation wird das Soll-Konzept für das zukünftige IT-System formuliert. Hier werden die erwarteten Verbesserungen gegenüber den aufgedeckten Mängeln beschrieben, unabhängig von IT-technischen Details. Das Soll-Konzept umfasst ausführliche Beschreibungen zu verschiedenen Aspekten, darunter das zu lösende, fachliche Problem, den Funktionsumfang, den Entwicklungsaufwand, den Zeitplan bis zur Einführung sowie mögliche Einsparungen und den erwarteten Nutzen des neuen IT-Systems. Die Phase des Soll-Konzepts wird mit einer Ergebnispräsentation für die Entscheidungsträger:innen abgeschlossen, die dann über den weiteren Verlauf des Projekts entscheiden (Abts & Mülder, 2017, S. 433).

  • Entwurf: In der Entwurfsphase erfolgt die detaillierte Planung der technischen Aspekte für die spätere Realisierung des Systems durch Programmierung. Ziel ist ein übersichtlicher, widerspruchsfreier und vollständiger System- und Programm-Entwurf. Am Ende der Entwurfsphase findet ein Review mit dem Management statt, um über die weitere Vorgehensweise im Projekt zu entscheiden (Abts & Mülder, 2017, S. 434).

  • Realisierung: Während der Realisierungsphase werden die geplanten Programme aus den vorangegangenen Phasen entwickelt. Dabei werden Teilfunktionalitäten auf ihre Einhaltung der Vorgaben getestet. Der Einzeltest überprüft einzelne Programmteile (Module), während später System- oder Integrationstests das Zusammenspiel mehrerer Komponenten überprüfen (Abts & Mülder, 2017, S. 434).

  • Einführung: In der Einführungsphase wird das neue IT-System dem Auftraggeber:innen oder den zukünftigen Benutzer:innen übergeben, nachdem es von dem:der IT-Projektleiter:in freigegeben wurde. Anschließend erfolgt die Abnahme der Programme durch den Auftraggeber:innen oder die Fachabteilung, wobei das Abnahmeverfahren dokumentiert werden muss. Dabei überprüft der:die Benutzer:in, ob die ursprünglichen Anforderungen und Vorgaben der Konzeption und des Entwurfs erfüllt wurden. Nach Freigabe und Abnahme des Anwendungssystems folgt die Benutzerschulung. Anschließend folgt der Echtbetrieb (Abts & Mülder, 2017, S. 435).

Vorteile: Das Wasserfallmodell ist leicht verständlich und ermöglicht einen kontrollierten Projektverlauf durch Meilensteine am Ende jeder Phase. Es ist mit relativ geringem Aufwand für den Projektmanager:innen verbunden (Abts & Mülder, 2017, S. 435).

Durch die einfache Struktur des Modells wird eine übersichtliche Projektorganisation und -kontrolle ermöglicht. Allerdings wird die Flexibilität eingeschränkt, was bei notwendigen Änderungen problematisch ist. Risiken und Planungsfehler werden oft zu spät erkannt, und Umplanungen sind kostspielig und schwer umzusetzen. Ein Teil dieser Risiken kann durch kontinuierliche Qualitätssicherung gemindert werden (Broy & Kuhrmann 2021, S. 88-89).

Nachteile: Fehler in frühen Phasen werden erst spät erkannt und sind dann nur mit hohem Aufwand korrigierbar. Neue Anforderungen im Projektverlauf können nicht mehr berücksichtigt werden, da Aktivitäten vergangener Phasen abgeschlossen sind. Das Anwendungssystem wird erst nach vollständiger Fertigstellung den Benutzern vorgestellt, und das Testen beginnt erst nach Abschluss der Entwicklung (Abts & Mülder, 2017, S. 435).

Grundlage für hybride Modelle: Bei einer konsequenten Anwendung des Wasserfallmodells überwiegen die Nachteile, aufgrund seiner einfachen Handhabung setzen es jedoch viele Unternehmen in abgewandelter Form ein (Abts & Mülder, 2017, S. 435). Phasenorientierte Modelle wie das Wasserfallmodell bilden oft die Grundlage für hybride Modelle, die Flexibilität durch spezifische Methoden und Praktiken erhöhen (Broy & Kuhrmann 2021, S. 89).

Das V-Modell® XT

Das V-Modell® XT ist eine Weiterentwicklung des V-Modell 97, das im Auftrag des Bundesministeriums der Verteidigung und des Bundesministeriums des Innern entwickelt wurde und als Referenzmodell für Systementwicklungsprojekte konzipiert wurde. Das V-Modell® ist eine geschützte Marke der Bundesrepublik Deutschland (vgl. Broy & Rausch 2005, S. 220).

Ziele: Das Modell verfolgt das Ziel, Projektrisiken zu minimieren und die Qualität der Entwicklungsergebnisse zu verbessern. Darüber hinaus soll auch eine transparente Kontrolle der Gesamtkosten über den gesamten Lebenszyklus eines Systems sichergestellt und die Kommunikation zwischen allen Beteiligten verbessert werden. (vgl. Broy & Rausch 2005, S. 221).

Struktur: Das Vorgehensmodell ist modular aufgebaut und besteht aus kombinierbaren Bausteinen. Im Mittelpunkt stehen die Artefakte, die als V-Modell-Produkte bezeichnet werden und die in einem Projekt erstellt werden. Diese Produktorientierung gewährleistet, dass die Ergebnisse im Vordergrund stehen, während spezifische Arbeitsprozesse in den Hintergrund treten. Für alle Projektaktivitäten sind prüfbare Artefakte definiert, was eine Qualitätssicherung ermöglicht (vgl. Broy & Kuhrmann 2021, S. 98).

Rollenmodell: Im Modell sind 38 Rollen definiert, die in zwei Hauptkategorien unterteilt sind: Organisationsrollen (z.B. Datenschutzbeauftragter) und Projektrollen (z.B. Projektleiter, Systemarchitekt, SW-Entwickler, Prüfer). Organisationsrollen haben projektübergreifende Verantwortlichkeiten, während Projektrollen nur während eines Projekts existieren. Jede Rolle ist für die Erstellung bestimmter V-Modell-Produkte verantwortlich, wodurch Zuständigkeitskonflikte vermieden werden (vgl. Broy & Kuhrmann 2021, S. 98-99).

V-Modell XT Produkte: Das Modell umfasst eine Reihe von Beschreibungen und Definitionen relevanter Artefakte für die Systementwicklung. Wesentliche Produkte sind unter anderem die Beschreibung des Gesamtsystems, Hardware- und Softwareeinheiten sowie externe Einheiten. Zu jedem Produkt gehören Artefakte zur Qualitätssicherung – Prüfspezifikationen, Prüfprotokolle und Prüfprozeduren. Ein alphabetischer Produktindex in der V-Modell-Referenz dient als hilfreicher Einstiegspunkt (vgl. Broy & Kuhrmann 2021, S. 99).

Vorgehensweisen und Entwicklungsprozesse: Der V-Modell XT Grundablauf folgt diesem des klassischen V-Modells (vgl. Abbildung 2.19), jedoch markieren die Entscheidungspunkte kein Ende einer Phase, sondern dienen als Quality-Gates, an denen bestimmte Ergebnisse fertiggestellt und qualitätsgesichert sein müssen. Alle Entscheidungspunkte stehen in einer planungstechnischen Ende-zu-Ende-Beziehung zueinander. Arbeiten können grundsätzlich frühestmöglich und überlappend beginnen, solange die erforderlichen Ergebnisse rechtzeitig vorliegen. Die grundlegende Struktur des klassischen V-Modells ermöglicht es weiterhin, Entwurfs- und Integrationsphasen gegenüberzustellen und die notwendigen Maßnahmen zur Qualitätssicherung im Projekt zu verankern. Der Entwicklungszyklus im V-Modell XT ist iterativ-inkrementell gestaltet, wobei das "V" mehrfach durchlaufen wird und das System mit jeder Iteration wächst. Ähnlich dem Spiralmodell können Arbeiten parallelisiert werden, was bedeutet, dass praktisch mehrere "V‘s" gleichzeitig durchlaufen werden können (vgl. Broy & Kuhrmann 2021, S. 101).

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Abbildung 2.19: V-Modell XT – Vorgehensweise
(Quelle: Broy & Kuhrmann 2021, S. 101)

Auftraggeber:in-/Auftragnehmer:in-Schnittstelle: Das V-Modell® XT unterstützt Systementwicklungsprojekte für Auftraggeber:innen (AG) und Auftragnehmer:innen (AN). Ein Systementwicklungsprojekt umfasst sowohl Projekte auf der Auftraggeber- als auch auf der Auftragnehmerseite, die über eine Schnittstelle (s. Abbildung 2.20) miteinander verbunden sind (vgl. Broy & Rausch 2005, S. 222).

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Abbildung 2.20: V-Modell XT – Auftraggeber-/Auftragnehmerschnittstelle
(Quelle: Broy & Kuhrmann 2021, S. 104)

Die Schnittstelle zwischen Auftraggeber:innen und Auftragnehmer:innen wird durch das V-Modell standardisiert und transparent gemacht. Es gibt definierte Schnittstellenprodukte und regelmäßigen Informationsaustausch, um eine effektive Zusammenarbeit sicherzustellen (vgl. Broy & Rausch 2005, S. 224-226).

Projektdurchführungsstrategie: Nach der Anpassung des V-Modells an die projektspezifischen Bedingungen wird eine Projektdurchführungsstrategie (inkrementell, komponentenbasiert und agil) festgelegt, die die Reihenfolge der Entscheidungspunkte definiert. Produkte und Aktivitäten werden entsprechend eingeplant und kontinuierlich überprüft, um den Projektfortschritt und die Projektrisiken systematisch zu steuern (vgl. Broy & Rausch 2005, S. 224-227).

Systementwicklung: Die Systementwicklung im V-Modell® XT umfasst eine hierarchische Zerlegung des Systems in immer kleinere Einheiten, bis diese realisiert werden können. Jeder Zerlegungsschritt folgt einem festgelegten Vorgehen zur Sicherstellung der Anforderungen. Verifikation und Validierung erfolgen auf jeder Konstruktionsstufe (vgl. Broy & Rausch 2005, S. 224).

Qualitätsmanagement: Das Modell verfügt über einen Projekttyp zur Einführung und Pflege eines organisationsspezifischen Vorgehensmodells für das Qualitätsmanagement. Dabei wird ein Verfahren zur Einführung und kontinuierlichen Verbesserung von organisationsweiten Prozessbeschreibungen beschrieben. Die formalen und inhaltlichen Vorgaben für die Produkte werden regelmäßig überprüft, um die Produktqualität zu gewährleisten (vgl. Broy & Rausch 2005, S. 224-226).

Konfigurationsmanagement: Das Konfigurationsmanagement verwaltet Produkte und Produktkonfigurationen in einer Produktbibliothek. Es dokumentiert den Projektfortschritt und identifiziert spezifische Versionen einer Menge von Produkten (vgl. Broy & Rausch 2005, S. 228).

Tailoring: Durch die erweiterten Möglichkeiten des Tailorings kann das Modell an die spezifischen Bedingungen eines Projekts angepasst werden. Das Tailoring, beinhaltet die Auswahl eines Projekttyps, der Vorgehensbausteine und der Projektdurchführungsstrategie. Ein Vorgehensbaustein enthält Produkte (WAS), Aktivitäten (WIE) und Rollen (WER), die für die Erfüllung einer spezifischen Aufgabe wichtig sind und thematisch zusammenhängen. Es werden inkrementelle, komponentenbasierte und agile Projektdurchführungsstrategien (WANN) der Systementwicklung unterstützt. Durch Tailoring können nicht benötigte Teile des V-Modells ausgeblendet werden. Darüber hinaus kann eine Anpassung an neue Erkenntnisse oder Projektgegebenheiten dynamisch erfolgen (vgl. Broy & Rausch, A. 2005, S. 222-223).

Problem- und Änderungsmanagement: Das V-Modell® XT regelt die formale Vorgehensweise zur Erfassung, Verfolgung und Nachverfolgung von Änderungen an Produkten. Probleme und Änderungen werden dokumentiert und bewertet, wobei das weitere Vorgehen durch eine Änderungssteuerungsgruppe festgelegt wird (vgl. Broy & Rausch 2005, S. 228).

Zusammenfassend bietet das V-Modell® XT eine flexible Anpassbarkeit und ein Mindestmaß an Qualitätsvorgaben, was jedoch ein hohes Maß an Expertenwissen seitens der Projektmanager:innen erfordert (vgl. Broy & Rausch 2005, S. 229). Broy und Rausch (2005, S. 229) bewerten die Überwindung des Gegensatzes zwischen übermäßiger Bürokratie und chaotischen Vorgehensweisen im Rahmen des V-Modells XT als erfolgreich und empfehlen das Modell als ein effektives Instrument für die Systementwicklung.

Projects in Controlled Environments (PRINCE2)

PRINCE2® wurde Ende der 1990er Jahre ursprünglich als offizieller Regierungsstandard für IT-Projekte in Großbritannien entwickelt (vgl. Tiemeyer 2018, S. 616). Der Name PRINCE2 steht für 'Projects In a Controlled Environment' und wird heute vom britischen Unternehmen Axelos Ltd. als Projektmanagement-Framework für verschiedene Branchen und Projektarten herausgegeben. Das System basiert auf 7 Grundprinzipien, 7 Prozessen und 7 Themen (vgl. Angermeier, 2014, S. 93-94; Timinger 2017, S. 22-23).

7 Grundprinzipien: Die 7 Grundprinzipien von PRINCE2® sind:

  • Fortlaufende geschäftliche Rechtfertigung: Jedes Projekt muss einen berechtigten Grund haben;

  • Lernen aus Erfahrung: Relevanz von Wissensmanagement und den Transfer von Wissen zwischen Projekten wird betont;

  • Definierte Rollen und Verantwortlichkeiten: Klare Definition und Kommunikation von Rollen und Verantwortlichkeiten;

  • Steuern über Managementphasen: Phasenübergänge bedürfen Freigabe durch den Lenkungsausschuss;

  • Steuern nach dem Ausnahmeprinzip: Festlegung von Toleranzen für wichtige Projektziele;

  • Produktorientierung: Fokussierung auf das Projektergebnis als Produkt;

  • Anpassen an die Projektumgebung: Anpassung an spezifische Gegebenheiten, um Effizienz und Effektivität zu gewährleisten (vgl. Timinger 2017, S. 22-23).

7 Prozesse: Das Prozessmodell besteht aus 7 Prozessen, von denen sechs die Projektaktivitäten umfassen und einer die Vorbereitungen vor dem Projekt abbildet. Das Modell beginnt mit einem Projektauftrag und endet mit der Lieferung des Projektprodukts (Angermeier, 2014, S. 94).

In Tabelle 2.5 sind die verschiedenen Prozesse des PRINCE2®-Modells und ihre zugehörigen Aktivitäten, Ausgangsgrößen und Zielen dargestellt.

PM-Prozess

Verantwortlich

Aktivitäten

Ausgangsgrößen

Zweck

Vorbereiten eines Projekts

(vgl. Angermeier 2014, S. 96)

Unternehmens-führung, Programm-Management, Projektmanager:in

Vorläufige Projektorganisation benennen, vorläufigen Business Case erstellen

Projektbeschreibung, Plan der Initiierungsphase

Übergang von Projektidee zur Initiierung, Entscheidung über Projektbeginn

Lenken eines Projekts

(vgl. Angermeier 2014, S. 97)

Lenkungs-ausschuss

Freigeben von Phasen, Projekt und Änderungen, strategische Entscheidungen treffen

Genehmigungen und Freigaben

Sicherstellen der geschäftlichen Rechtfertigung des Projekts

Initiieren eines Projekts

(vgl. Angermeier 2014, S. 98)

Projektmanager:in

Detaillierte Planung des Projekts

Projektleit-dokumentation, Business Case

Bereitstellung einer Entscheidungsgrundlage für Investitionen

Managen eines Phasen-übergangs (vgl. Angermeier 2014, S. 98)

Projektmanager:in

Berichten, Planen, Entscheidungsgrundlage für nächste Phase erstellen

Aktualisierte Projektleit-dokumentation; Phasenabschluss-bericht

Sicherstellung der Steuerung durch den Lenkungsausschuss

Steuern einer Phase (vgl. Angermeier 2014, S. 99)

Projektmanager:in

Überwachen, Steuern, Berichten

Projektstatusberichte, Ausnahmeberichte

Führung des Projektteams und Überprüfung der Projektausführung

Managen der Produkt-lieferung (vgl. Angermeier 2014, S. 100)

Teammanager:in

Erstellen, Prüfen und Abnehmen von Produkten

Abgeschlossenes Arbeitspaket, Teamstatusberichte

Durchführung der wertschöpfenden Projektarbeit

Abschließen eines Projekts

(vgl. Angermeier 2014, S. 101)

Projektmanager:in

Prüfen, Dokumentieren, Übergeben

Projektabschluss-bericht, Empfehlungen, Erfahrungsbericht

Beendigung des Projekts und Übergabe der Ergebnisse an die Trägerorganisation

Tabelle 2.5: PRINCE2® – 7 Prozesse
(Quelle: eine Darstellung in Anlehnung an Angermeier 2014, S. 96-101)

Der Ablauf eines PRINCE2-Projekts wird in Abbildung 2.21 schematisch veranschaulicht (vgl. Angermeier, 2014, S. 95).

7 Themen: Das PRINCE2-Prozessmodell setzt eine Ergänzung mit spezifischen Inhalten voraus. Dies erfolgt durch die Integration der folgenden 7 „Themen“ (Wissensgebiete) (vgl. Angermeier 2014, S. 101):

  1. Business Case: Sicherstellung der Interessen der Trägerorganisation, Initiierung von Projekten nur mit genehmigtem Business Case, regelmäßige Überprüfung (vgl. Angermeier 2014, S. 102).

  2. Organisation: Definition klarer Rollen und Verantwortlichkeiten innerhalb der Projektorganisation. Sicherstellung, dass alle Beteiligten ihre Aufgaben kennen und das Projekt die nötige Management-Aufmerksamkeit erhält (vgl. Angermeier 2014, S. 102).

  3. Qualität: Umsetzung der Kundenerwartungen anhand überprüfbaren Qualitätskriterien und deren Überwachung im Prozess, Managen der Produktlieferung (vgl. Angermeier 2014, S. 102).

  4. Pläne: Erstellung von detaillierten, jedoch flexiblen Plänen, Anpassung an neue Informationen während der Durchführung (vgl. Angermeier 2014, S. 103).

  5. Risiken: Integration des Risikomanagements in den gesamten Projektablauf, regelmäßige Überprüfungen und spezielle Prozesse für den Umgang mit Ausnahmesituationen (vgl. Angermeier 2014, S. 103).

  6. Änderungen: Management durch strukturiertes Verfahren zur Behandlung offener Punkte und Änderungsanträge (vgl. Angermeier 2014, S. 103).

  7. Fortschritt: Messung des Projektfortschritts anhand erzielter und abgenommener Ergebnisse, nicht nur der aufgewendeten Ressourcen (vgl. Angermeier 2014, S. 104).

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Abbildung 2.21: PRINCE2 – Schematische Darstellung des Projektmodells
(Quelle: Angermeier 2014, S. 95)

8.4.2 Agile Vorgehensmodelle

Allgemeines

Agile Vorgehensmodelle fördern die Umsetzung agiler Werte und Prinzipien des Agilen Manifests. Die tatsächliche Agilität in der Praxis hängt jedoch von den beteiligten Personen ab. Prozesse und Methoden können die Bereitschaft für Veränderungen, die Fokussierung auf den Kund:innen, eine gute Kommunikation und die Selbstreflexion unterstützen. Die Umsetzung dieser Prinzipien liegt jedoch in der Verantwortung der Anwender:innen (vgl. Timinger 2021, S. 152).

Laut Wysocki (2014, S. 47-52) zeichnet sich die Projektlandschaft, die für agile Vorgehensmodelle geeignet ist, durch folgende Merkmale aus:

  • Variabler Umfang der Anforderungen,

  • Unklare Lösung: Das benötigte Ergebnis ist klar, jedoch der Weg dorthin ist nicht offensichtlich. Diese Projekte sind zu komplex für traditionelle Ansätze.

  • Komplexe Projekte, die kritisch für das Unternehmen sind: Projekte müssen durchgeführt werden, obwohl die Lösung nicht bekannt ist. Agile Ansätze ermöglichen das Entdecken der Lösung während des Projekts.

  • Neue Geschäftsmöglichkeiten: Projekte, die darauf abzielen, ungenutzte Geschäftsmöglichkeiten zu nutzen, bei denen die Lösung weitgehend unbekannt ist.

  • Änderungsgetrieben: Agile Projekte sind flexibel und passen sich an Änderungen an.

  • Bedeutende Kundenbeteiligung: Enge Zusammenarbeit zwischen Kund:innen und Entwicklungsteam ist essentiell, um eine Lösung zu finden.

  • Kleine, zusammenarbeitende Teams: Agile Projekte funktionieren am besten mit kleinen Teams, die am gleichen Ort lokalisiert sind und lassen sich nicht gut auf große Teams skalieren.

Im folgenden Abschnitt werden folgende konkrete Vertreter agiler Vorgehensmodelle vorgestellt: eXtreme Programming, Kanban, Scrum und SAFe®.

eXtreme Programming

eXtreme Programming (XP) wurde um 1997 von Kent Beck, Ward Cunningham und Ron Jeffries bei Chrysler entwickelt. Der Name deutet darauf hin, dass bewährte Prinzipien bis ins Extreme weitergeführt werden. Bei XP wird kontinuierliches Testen und Pair Programming gefördert, bei dem der Code ständig überprüft wird. Methodologie: Die Methodologie von XP basiert auf Werten, Praktiken und Prinzipien (vgl. Tiemeyer 2018, S. 98).

Werte: Die XP Werte sind Mut, Respekt, Feedback, Einfachheit und Kommunikation. Mut bedeutet die Bereitschaft, bestehenden Code zu verändern. Refactoring findet kontinuierlich statt, um den Code einfach und verständlich zu gestalten. Offene, unmittelbare und direkte Kommunikation sowie Respekt zwischen Teammitgliedern und Kund:innen sind essenziell. Feedback bedeutet, unerwartete Ereignisse oder Probleme frühzeitig zu kommunizieren. Bei XP werden bewährte Praktiken der Softwareentwicklung verwendet, die als Best-Practice-Ansätze gelten. Es wird zwar betont, dass Erfolg nur durch die Anwendung des Gesamtmodells erreicht werden kann, dennoch sind Anpassungen und Adaptionen möglich (vgl. Tiemeyer 2018, S. 98-99).

Praktiken: Einige wichtige XP Praktiken sind – Arbeit des gesamten Teams an einem Ort, Informative Arbeitsumgebung energiegeladene Arbeitsweise, Pair Programming, User Stories, wöchentliche und quartalsweise Zyklen, entspannte Arbeitsatmosphäre, Zehn-Minuten-Builds, Fortlaufende Integration, Testen, Inkrementelle Entwicklung (vgl. Tiemeyer 2018, S. 99).

Bei XP wird bevorzugt, dass alle Teammitglieder am selben Ort arbeiten, idealerweise in einer kreisförmigen Anordnung mit Blick nach außen. Die Arbeitsumgebung soll informativ sein, um Beobachter:innen Einblicke zu ermöglichen. Die Arbeitszeit beträgt 40 Stunden pro Woche ohne Überstunden, um die Produktivität zu erhalten. Pair Programming folgt dem Prinzip von Test Driven Development (TDD), bei dem Tests vor der Implementierung geschrieben werden. Builds sollten nicht länger als zehn Minuten dauern und mehrmals täglich durchgeführt werden (vgl. Tiemeyer 2018, S. 99).

Rollenverteilung:

  • Kund:innen sind Teil des Teams und arbeiten vor Ort aktiv mit. Sie erstellen und beschreiben die User Stories, spezifizieren Akzeptanztests und beantworten Fragen des Teams. Durch die Teilnahme an täglichen Meetings können Kund:innen den Projektfortschritt einschätzen und in quartalsweisen Meetings die langfristige Ausrichtung beeinflussen (vgl. Tiemeyer 2018, S. 100).

  • Programmierer:innen werden in Driver:innen und Partner:innen unterteilt. Driver:innen implementieren aktiv, während Partner:innen unterstützend wirken. Die Rollen wechseln regelmäßig, sodass alle Entwickler:innen Einblicke in verschiedene Programmbereiche erhalten (vgl. Tiemeyer 2018, S. 101).

  • Der:die XP-Coach:in sorgt für die Einhaltung der Werte, Praktiken und Prinzipien (vgl. Tiemeyer 2018, S. 101).

Verwendung: Die XP-Praktiken insbesondere Test Driven Development und das kontinuierliche Refactoring erfordert vom Team eine hohe Disziplin. Eine starke emotionale Bindung der Programmierer:innen zum Code kann zu Konflikten führen, wenn andere Teammitglieder Änderungen vornehmen (vgl. Tiemeyer 2018, S. 101). Die enge Einbindung der Kund:innen vor Ort ist für XP entscheidend, ebenso wie die Begrenzung der Teamgröße auf etwa zehn bis maximal 15 Mitglieder. Untersuchungen belegen, dass ein diszipliniertes XP-Team produktiver sein kann als ein Team, das einem sequenziellen Vorgehensmodell folgt. Ein Team von 16 Personen (vier Kundenvertreter:innen, zwölf Programmierer:innen) kann die gleichen Ergebnisse liefern wie ein klassisches Team mit 25 Mitgliedern. Eine sinnvolle Skalierung von XP basiert daher auf der Komplexität des Problems, nicht auf der Teamgröße (vgl. Cockburn 2003, zitiert in: Tiemeyer 2018, S. 101).

Kanban

Das agile Vorgehensmodell Kanban leitet sich vom japanischen Begriff "Signalkarte" ab und gründet sich auf den Prinzipien der Lean Produktion in Japan. In der Softwareentwicklung strebt Kanban verkürzte Durchlaufzeiten und die frühzeitige Identifizierung von Problemen an (vgl. Alpar et al. 2019, S. 373).

Das Modell, das maßgeblich von David J Anderson entwickelt wurde, bietet ein strukturiertes System zur Organisation und Optimierung der Softwareentwicklung. Es folgt dem Grundsatz "beginne mit dem, was du jetzt tust" und dient als Auslöser für schnelle und gezielte Veränderungen in Organisationen, wodurch Widerstände gegen sinnvolle Veränderungen gemäß den Organisationszielen verringert werden. Ziel ist Planungs- und Denkprozesse sichtbar und nachvollziehbar zu machen, um sicherzustellen, dass Arbeiten den Anforderungen und Bedürfnissen der Kund:innen entsprechen und nur innerhalb der verfügbaren Ressourcen und Fähigkeiten erfüllt werden können (vgl. Anderson & Carmichael 2015, S. 1).

Der kontinuierliche Verbesserungsprozess (KVP oder KAIZEN) ist ein integraler Bestandteil von Kanban in der Softwareentwicklung (vgl. Alpar et al. 2019, S. 374). Ein Kanban-System begrenzt die Anzahl der laufenden Arbeiten (WiP) durch visuelle Signale auf Kanban-Boards, die WiP-Limits anzeigen. Diese Limits etablieren ein Pull-System, bei dem Arbeit in das System "gezogen" wird, wenn andere Arbeiten abgeschlossen sind und Kapazitäten verfügbar werden (vgl. Anderson & Carmichael 2015, S. 1). Durch die Begrenzung des WiP und die Visualisierung des Arbeitsflusses an einem Kanban-Board (s. Abbildung 2.22) können Engpässe erkannt und Maßnahmen zur Nachsteuerung eingeleitet werden (vgl. Alpar et al. 2019, S. 374).

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Abbildung 2.22: Kanban – Das Kanban-Board
(Quelle: Anderson & Carmichael 2015, S. 23)

Im Folgenden wird ein Überblick über die wesentlichen Konzepte und Prinzipien von Kanban gegeben.

Die Kanban-Werte sind (vgl. Anderson & Carmichael 2015, S. 3):

  • Transparenz: Sichtbarkeit der Arbeit und der Prozesse.

  • Balance: Ausgleich zwischen Nachfrage und Kapazität.

  • Kollaboration: Zusammenarbeit zur Verbesserung der Prozesse.

  • Kundenfokus: Ausrichtung auf den Wert für die Kund:innen.

  • Flow: Kontinuierlicher Fluss der Arbeit.

  • Führung: Führung auf allen Ebenen zur Wertschöpfung.

  • Verständnis: Selbstkenntnis und Verständnis der Arbeit.

Es werden drei verschiedene Handlungsaufforderungen als Kanban-Agenden identifiziert, die auf den organisatorischen Bedürfnissen basieren (vgl. Anderson & Carmichael 2015, S. 7):

  • Nachhaltige Veränderung: Verbesserung der Arbeitsweise.

  • Serviceorientierung: Fokus auf die Erbringung von Dienstleistungen.

  • Kundenzufriedenheit: Erfüllung der Kundenbedürfnisse.

Kanban basiert auf 4 Grundprinzipien (vgl. Anderson & Carmichael 2015, S. 9):

  • Beginne mit dem, was Du jetzt tust: Es soll mit aktuellen Prozessen begonnen werde.

  • Strebe inkrementelle, evolutionäre Veränderungen an: Es soll auf schrittweise Veränderungen gesetzt werden.

  • Respektiere bestehende Prozesse, Rollen, Verantwortlichkeiten und Titel: Die aktuelle Struktur soll akzeptiert werden.

  • Fördere Führungsverhalten auf allen Ebenen: Führungsrollen innerhalb des Teams sollen unterstützt werden.

Allgemeine Kanban-Praktiken sind (vgl. Anderson & Carmichael 2015, S. 17):

  • Visualisiere: Arbeit und Prozesse sollen sichtbar gemacht werden, um Transparenz zu schaffen und Verbesserungsmöglichkeiten zu identifizieren (vgl. Anderson & Carmichael 2015, S. 18). In der Praxis werden einzelne Arbeitsschritte transparent als Karteikarten (Tickets) auf einem Kanban-Board dargestellt und durch verschiedene Phasen wie Anforderungsdefinition oder Test geführt (vgl. Alpar et al. 2019, S. 373).

  • Begrenze die Work in Progress (WiP): Die Anzahl der gleichzeitig in Arbeit befindlichen Elemente soll begrenzt werden, um Überlastung zu vermeiden und den Fluss zu verbessern (vgl. Anderson & Carmichael 2015, S. 19). Hier wird das Pull-Prinzip angewendet, bei dem die fertigen Ergebnisse nicht automatisch an die nächste Station weitergeleitet werden, sondern vom Nachfolger aktiv zur weiteren Bearbeitung abgeholt werden müssen, sobald Kapazitäten verfügbar sind (vgl. Alpar et al. 2019, S. 373).

  • Verwalte den Arbeitsfluss: Es soll eine gleichmäßige Wertschöpfung gewährleistet werden (vgl. Anderson & Carmichael 2015, S. 21). Die Messung und Steuerung des Arbeitsflusses erfolgt durch Erfassung verschiedener Kenngrößen wie Zykluszeit, Fehlerrate, etc. für die einzelnen Tickets oder Stationen. Gegebenenfalls wird die Arbeitsorganisation an einzelnen Stationen optimiert (vgl. Alpar et al. 2019, S. 373).

  • Formuliere klare Richtlinien: Es soll Klarheit über Regeln und Prozesse geschaffen werden (vgl. Anderson & Carmichael 2015, S. 22). Die Prozessregeln sollen allen Mitarbeiter.innen transparent erläutert werden, insbesondere die Annahmen und Prinzipien des Kanban-Systems, wie etwa die Kriterien für die Fertigstellung eines Ergebnisses und den Zeitpunkt, zu dem ein Ticket gezogen werden darf (vgl. Alpar et al. 2019, S. 374).

  • Implementiere Feedback-Schleifen: Kontinuierliche Verbesserung und Anpassung sollen gefördert werden (vgl. Anderson & Carmichael 2015, S. 22). Anhand der Begrenzung von der WIP und der Visualisierung auf einem Kanban-Board kann rasch erkannt werden, wie effektiv Tickets die Stationen durchlaufen und wo Engpässe auftreten. Basierend darauf können gezielte Maßnahmen ergriffen werden z.B. eine Steigerung des Engagements von Mitarbeiter:innen an einer spezifischen Station (vgl. Alpar et al. 2019, S. 374).

    Kanban definiert sieben Feedback-Möglichkeiten – Kadenzen genannt, die zyklische Besprechungen und Überprüfungen umfassen, um Veränderungen voranzutreiben. Diese sollen nicht als zusätzliche Meetings aufgesetzt, sondern in bestehende Meetings integriert werden. (vgl. Anderson & Carmichael 2015, S. 24). Die Kadenzen umfassen folgende Themen:

    • Strategy Review: Auswahl von Aufgaben, Überwachung externer Veränderungen;

    • Operations Review: Ausgleich von Ressourcen zwischen Aufgaben;

    • Risk Review: Identifizierung und Besprechung von Lieferrisiken;

    • Service Delivery Review: Verbesserung der Effektivität von Aufgaben;

    • Replenishment Meeting: Bewegung von Elementen und Planung zukünftiger Auswahlmöglichkeiten;

    • Das Kanban Meeting: Tägliche Koordination und Problemlösung;

    • Delivery Planning Meeting: Überwachung und Planung von Kundenlieferungen (vgl. Anderson & Carmichael 2015, S. 25).

  • Verbesserung durch Zusammenarbeit und experimentelle Entwicklung: Teamarbeit und Experimente sollen zur Prozessoptimierung genutzt werden (vgl. Anderson & Carmichael 2015, S. 26). Es werden verschiedene Modelle, auch aus dem Bereich der traditionellen Produktion verwendet, um Engpässe zu identifizieren und Verschwendung aufzudecken (vgl. Alpar et al. 2019, S. 374).

Kanban-Rollen: Kanban sieht zunächst keine neuen Rollen in der Organisation vor. Aus der Praxis sind jedoch zwei Rollen entstanden:

  • der:die Service Request Manager:in – der:die Kundenbedürfnisse versteht und Arbeitsgegenstände auswählt,

  • der:die Service Delivery Manager:in – der:die den Arbeitsfluss für die Lieferung an Kund:innen verantwortet (vgl. Anderson & Carmichael 2015, S. 33).

Werkzeuge: Kanban verwendet diverse Prognosen und Metriken zur Überwachung und Verbesserung der Leistung des Kanban-Systems. Es werden Probabilistic Forecasting, basierend auf dem Wertefluss und Monte Carlo-Simulationen genutzt, um Fertigstellungstermine und Abschlussdaten vorherzusagen (vgl. Anderson & Carmichael 2015, S. 35). Die Erfassung von Metriken wie Lead Time und Delivery Rates ist entscheidend für genaue Vorhersagen. Visuelle Darstellungen wie Scatterplots und Flussdiagramme unterstützen dabei, die Systemleistung zu überwachen und Verbesserungsmöglichkeiten aufzuzeigen (vgl. Anderson & Carmichael 2015, S. 39).

Scrum

Das von Ken Schwaber und Jeff Sutherland im Jahre 1993 entwickelte Scrum-Modellkonzept wurde zuerst im Jahr 2010 als Scrum Guides veröffentlicht, um Anwender:innen weltweit bei dem Einsatz von Scrum zu unterstützen (vgl. Schwaber & Sutherland 2020, S. 1).

Scrum verwendet einen iterativen und inkrementellen Prozessrahmen und wird wie folgt definiert:

(Schwaber & Sutherland 2020, S. 3).

Die Scrum-Theorie stützt sich auf empirischen Prinzipien und Lean Thinking. Dabei bedeutet Empirie, Wissen durch Erfahrungen zu sammeln und Entscheidungen auf Basis von Beobachtungen zu treffen. Lean Thinking hingegen fokussiert sich darauf, Verschwendung zu reduzieren und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren (vgl. Schwaber & Sutherland 2020, S. 3).

Wie in Abbildung 2.23 dargestellt, repräsentiert der untere Kreis eine Iteration von Entwicklungsaktivitäten, die aufeinanderfolgend durchgeführt werden. Jede Iteration führt zu einem neuen Inkrement des Produkts. Der obere Kreis symbolisiert die tägliche Inspektion während der Iteration, bei der sich die Teammitglieder treffen, um die Aktivitäten der anderen zu überprüfen und erforderliche Anpassungen vorzunehmen. Der Treiber von Iterationen ist eine Liste von Anforderungen und der Iterationszyklus wiederholt sich bis zum Abschluss des Projekts (vgl. Schwaber 2004, S. 15).

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Abbildung 2.23: Scrum – Funktionsweise des Scrum-Skeletts
(Quelle: Schwaber 2004, S. 15)

Werte: Die folgenden fünf zentralen Werte bilden die Basis der Scrum-Arbeitsweise: feste Verpflichtung, Fokus, Offenheit, Respekt und Mut (vgl. Schwaber & Sutherland 2020, S. 4). Das Scrum-Team verpflichtet sich zur Realisierung seiner Ziele und konzentriert sich darauf, im Sprint optimalen Fortschritt zu erzielen (vgl. Schwaber & Sutherland 2020, ebd.). Zudem ist Offenheit gegenüber Arbeit und Herausforderungen sowie gegenseitiger Respekt als fähige und unabhängige Teammitglieder von Bedeutung (ebd.). Mut zeigt sich darin, dass man sich herausfordernden Problemen stellt (ebd.).

Diese Werte leiten das Team und sollten bei Entscheidungen und Handlungen gestärkt werden. Wenn sie gelebt werden, unterstützen sie die Grundprinzipien von Scrum - Transparenz, Überprüfung und Anpassung - und fördern das Vertrauen (Schwaber & Sutherland 2020, S. 5).

Das Scrum Team und Scrum-Rollen: Das Scrum Team umfasst in der Regel 10 oder weniger Personen und setzt sich aus einem:er PO, einem:er SM und Entwickler:innen zusammen. Jedes Teammitglied verfügt über klar definierte Verantwortungsbereiche. Ziel ist es, in jedem Sprint ein wertvolles Inkrement zu liefern (vgl. Schwaber & Sutherland 2020, S. 5).

  • Product Owner:in: Der:die PO repräsentiert die Interessen aller Beteiligten und stellt sicher, dass die wertvollsten Funktionen zuerst entwickelt werden, indem das Product Backlog kontinuierlich priorisiert wird (vgl. Schwaber 2004, S. 16).

  • Team: Das Entwicklungsteam soll eine selbstorganisierte Arbeitsweise etablieren und funktionsübergreifende Rollen übernehmen. Es trägt Verantwortung für die Entwicklung der Funktionalität und die Verwaltung seiner eigenen Arbeit (vgl. Schwaber 2004, S. 16).

  • Scrum Master:in: Der:die SM ist verantwortlich für die Implementierung und Einhaltung des Scrum-Prozesses, er:sie begleitet das Team und sorgt für das Einhalten aller Regeln und Praktiken (Schwaber, 2004, S. 16).

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Abbildung 2.24: Scrum – Übersicht des Scrum-Prozesses
(Quelle: Schwaber 2004, S. 18)

Der Scrum-Prozess

Ein Scrum-Projekt beginnt mit einer Vision des zu entwickelnden Systems. Der:die PO entwickelt einen Plan, der das priorisierte Product Backlog mit den Funktionsanforderungen enthält (Schwaber, 2004, S. 17). Die Arbeit wird in 30-tägigen Sprints organisiert (Schwaber, 2004, ebd.).

Eine Übersicht des Scrum-Prozesses ist in Abbildung 2.24 dargestellt.

Scrum Events: Die Scrum Events stellen die empirischen Überprüfungs- und Anpassungsmechanismen von Scrum dar. Sie fördern eine kontinuierliche Verbesserung und Anpassung des Entwicklungsprozesses, wodurch das Team effizient auf neue Herausforderungen und Anforderungen reagieren kann (vgl. Schwaber 2004, S. 17).

  • Der Sprint: Der Sprint bildet den Kern von Scrum. Zu Beginn jeder Iteration prüft das Team die bevorstehenden Aufgaben und entscheidet, welche davon bis zum Iterationsende umgesetzt werden können, sodass ein potenzielles Inkrement ausgeliefert werden kann (vgl. Schwaber 2004, S. 15). Anschließend arbeitet das Team eigenständig und präsentiert am Ende der Iteration das erstellte Inkrement, damit die Stakeholder:innen die Funktionalität überprüfen und notwendige Anpassungen am Projekt vornehmen können (vgl. Schwaber 2004, ebd.). Das Team analysiert dabei die Anforderungen, die verfügbare Technologie und die eigenen Fähigkeiten, um zu entscheiden, wie die Funktionalität umgesetzt werden soll (ebd.). Die Vorgehensweise wird täglich an neue Komplexitäten und Herausforderungen angepasst (ebd.). Dieser kreative Prozess soll die Produktivität von Scrum fördern (vgl. Schwaber 2004, S. 15).

  • Sprint-Planning: In einem Sprint-Planungsmeeting vor Sprint-Anfang legen der:die PO und das Team die zu erreichenden Zielen für den nächsten Sprint fest (Schwaber, 2004, S. 17).

  • Daily Scrum: Während des Sprints trifft sich das Team täglich für ein 15-minütiges Daily-Meeting. Dabei beantwortet jedes Teammitglied drei Fragen: Was wurde seit dem letzten Treffen erreicht? Was soll bis zum nächsten Treffen erledigt werden? Welche Hindernisse liegen vor? Am Ende des Sprints präsentiert das Team die Ergebnisse in einem Sprint-Review. Danach führt der:die SM eine Sprint-Retrospektive durch, um weitere Optimierungen am Prozess vornehmen zu können (vgl. Schwaber 2004, S. 17).

  • Sprint Review: Das Sprint Review ist das vorletzte Sprint Event und ist auf maximal vier Stunden beschränkt. In diesem Meeting präsentiert das Team dem:der PO und anderen interessierten Stakeholdern:innen die im Sprint entwickelte Funktionalität. Ziel dieses informellen Treffens ist es, alle Beteiligten zusammenzubringen, um gemeinsam festzulegen, welche Schritte als nächstes unternommen werden sollten (vgl. Schwaber 2004, S. 17; Schwaber & Sutherland 2020, S. 10).

  • Die Sprint-Retrospektive findet zwischen dem Sprint Review und dem nächsten Sprint Planning Meeting statt. Der:die SM organisiert ein zeitlich begrenztes, dreistündiges Treffen mit dem Team zwecks Reflexion über den vergangenen Sprint. Während dieses Treffens ermutigt der:die SM das Team, den eigenen Entwicklungsprozess innerhalb des Scrum-Rahmens und der Praktiken zu überarbeiten, um ihn für den kommenden Sprint effektiver zu gestalten (vgl. Schwaber 2004, S. 17).

Die Scrum-Artefakte repräsentieren entweder Arbeit oder Wert und dienen der Transparenz (vgl. Schwaber & Sutherland 2020, S. 11). Je Artefakt sollen die folgenden relevanten Informationen bereitgestellt werden, um den Fortschritt nachvollziehbar zu machen: das Produktziel, das mit dem Product Backlog erreicht werden soll, das Sprintziel, das das Sprint Backlog definiert und die Definition of Done für das Inkrement (vgl. Schwaber & Sutherland 2020, S. 11). Diese Verpflichtungen unterstützen die Festigung der empirischen Prinzipien sowie der Scrum-Werte für das Team und seine Stakeholder:innen (vgl. Schwaber & Sutherland 2020, ebd.).

  • Im Product Backlog werden sämtliche Anforderungen an das zu entwickelnde System festgehalten. Der.die PO trägt die Verantwortung für den Inhalt und die Priorisierung dieser Liste. Sie ist dynamisch und wird kontinuierlich aktualisiert, um den sich ändernden Geschäftsanforderungen gerecht zu werden (vgl. Schwaber 2004, S. 19).

  • Das Sprint Backlog definiert die Aufgaben, die das Team während eines Sprints aus dem Product Backlog in ein Inkrement umsetzen will. Nur das Team kann das Sprint Backlog ändern, und es wird kontinuierlich aktualisiert, um den aktuellen Stand der Arbeit widerzuspiegeln (vgl. Schwaber 2004, S. 20).

Werkzeuge: Das Framework bietet verschiedene Instrumente wie bspw. Burn-Down-Charts, die die Messung des Entwicklungsfortschritts ermöglichen. Es wird jedoch betont, dass diese zwar nützlich sind, aber den Wert der empirischen Herangehensweise nicht ersetzen können (vgl. Schwaber & Sutherland 2020, S. 8).

Potenziell auslieferbares Produktinkrement: Scrum fordert von den Teams, in jedem Sprint ein Inkrement der Produktfunktionalität zu erstellen, das potenziell auslieferbar ist. Da der:die Product Owner:in sich dafür entscheiden könnte, die Funktionalität sofort zu implementieren, muss dieses Inkrement gründlich getestet, gut strukturiert und ausführbar sein. Zudem muss die Nutzung der Funktionalität für den Benutzer:innen dokumentiert sein, sei es durch Hilfedateien oder Benutzerdokumentation. Diese Anforderungen definieren ein „fertiges“ Inkrement (vgl. Schwaber 2004, S. 21).

Agile Skalierung

Im Kontext agiler Arbeitsweisen bezeichnet Skalierung die Ausweitung auf mehrere Teams oder Produkte. Dabei ist die Koordination verschiedener Aspekte wie Planung, Backlogs und Rollen über mehrere Teams hinweg erforderlich. Die Zusammenarbeit erfolgt ohne zentrale Managementinstanz, ähnlich wie bei selbstorganisierten Teams, und führt zur Bildung eines "Team of Teams" (vgl. Pfeffer 2019, S. 151).

Zur Skalierung agiler Teams wurden verschiedene Frameworks konzipiert, die es ermöglichen sollen, agile Methoden mit mehr als einem einzelnen Team anzuwenden. Dabei bleiben die grundlegenden Mechanismen von Scrum weitgehend unverändert. Die bestehenden Rahmenbedingungen wie bspw. die Unternehmenskultur, stellen jedoch die größte Herausforderung bei der Implementierung des Skalierungskonzepts dar (vgl. Pfeffer 2019, S. 151).

Eine erfolgreiche Skalierung setzt voraus, dass stabile, erfahrene Scrum-Teams vorhanden sind. Dysfunktionale Aspekte der Organisation sollten nicht über Frameworks hochskaliert werden, da dies nicht zum gewünschten Erfolg führt. Häufig verwendete Frameworks sind (vgl. Pfeffer 2019, S. 153):

  • Nexus

  • Large Scale Scrum (LeSS)

  • Scaled Agile Framework (SAFe®)

  • Scrum@Scale

Im Folgenden wird auf das Scaled Agile Framework (SAFe®) näher eingegangen.

SAFe®

Das Scaled Agile Framework (SAFe), von Dean Leffingwell entworfen und erstmals 2011 veröffentlicht, bietet eine Struktur für die skalierte agile Entwicklung. Das Framework entwickelt sich durch kontinuierliches Anwenderfeedback weiter und ist bereits in der Version 6.0 verfügbar. SAFe gliedert die Arbeit in vier Ebenen und ermöglicht flexible Konfigurationen je nach den Bedürfnissen. Im Vergleich zu anderen Frameworks deckt SAFe auch Multiprodukt-Umgebungen, Portfolio-Management sowie Dokumentation und Compliance ab. Es ist umfangreicher und bietet eine breitere Palette von Konzepten für die Systementwicklung. Die Beschreibung von SAFe erstreckt sich über mehrere hundert Seiten und ist ausführlicher als bei anderen Frameworks. Im Folgenden werden die Kernkonzepte von SAFe über alle vier Ebenen kurz erläutert (vgl. Pfeffer 2019, S. 153).

Teamebene: Auf der Teamebene, der untersten Ebene des SAFe, arbeiten mehrere agile Teams zusammen. Diese Teams können verschiedene agile Methoden anwenden, müssen jedoch die vier Kernkomponenten – Planung, Umsetzung, Überprüfung und Rückblick – in zweiwöchigen Iterationen durchführen. SAFe verwendet den Begriff "Iterationen", um neutral zu bleiben, wobei diese in Scrum-Implementierungen als Sprints bekannt sind. Elemente im Backlog dieser Ebene werden als "Stories" bezeichnet und müssen klein genug sein, um innerhalb der zweiwöchigen Iteration abgeschlossen werden zu können. Jedes agile Team besteht aus einem Product Owner, der für die Inhalte zuständig ist, einem Scrum Master, der das Team unterstützt und kontinuierliche Verbesserungen fördert, sowie dem Entwicklungsteam, das für die technische Umsetzung verantwortlich ist (vgl. Pfeffer 2019, S. 164).

Programmebene: Auf der Programmebene im SAFe wird ein Programm definiert, das aus einem oder mehreren Produkten besteht. Statt eines Product Backlogs gibt es ein Program Backlog, das "Features" enthält. Diese Ebene ist eng mit der Teamebene verbunden und bildet die kleinste SAFe-Konfiguration (vgl. Pfeffer 2019, S. 164). Mit dem Übergang vom Scrum Product Backlog zum Program Backlog führt SAFe auch das "Program Increment" (PI) ein, ein Planungszeitraum von 8 bis 12 Wochen. Releases werden bei Bedarf erzeugt, und die Entwicklung erfolgt nach dem Prinzip „Develop on Cadence – Release on Demand". Features im Program Backlog können über Iterationen hinweg gehen und werden in Stories unterteilt. Das Team auf Programmebene, genannt "Agile Release Train" (ART), besteht aus maximal 150 Personen (vgl. Pfeffer 2019, S. 165). Auf Programmebene im SAFe skalieren die agilen Team-Rollen wie folgt:

  • Der:die Scrum Master:in wird als "Release Train Engineer" (RTE) bezeichnet und ist für den Prozess und die Beseitigung von Hindernissen auf dieser Ebene verantwortlich (vgl. Pfeffer 2019, S. 165).

  • Da auf Programmebene mehrere Produkte vorhanden sein können, gibt es keine:n einzelne:n Product Owner:in mehr, sondern die Rolle des "Product Managements", die auch von einem kleinen Gremium wahrgenommen werden kann (vgl. Pfeffer, 2019, S. 165).

  • Die technische Expertise der Entwicklungsteams wird durch eine Gruppe von System-Architekten oder System Engineers repräsentiert, die für alle Teams die technischen Leitplanken festlegen (vgl. Pfeffer, 2019, S. 165).

Planungskonzept: Das Planungskonzept von SAFe – die sogenannte PI Plannung – ist ein essenzieller Bestandteil des Frameworks, das auf den Ebenen Programme und Teams stattfindet. Diese in der Regel zweitägige Planungssitzung umfasst alle relevanten Beteiligten und beinhaltet die Festlegung der Inhalte für das kommende PI sowie die Identifizierung von Abhängigkeiten und Risiken. Am ersten Tag werden durch Vorträge und Diskussionen ein gemeinsames Verständnis und technische Rahmenbedingungen geschaffen. Die Teams wählen Features aus dem Programm Backlog aus, brechen sie in Stories herunter und berücksichtigen dabei Abhängigkeiten zwischen den Teams. Am zweiten Tag wird der Planentwurf überprüft und Risiken werden identifiziert. Ein Confidence Vote signalisiert, ob die Teammitglieder Vertrauen in den Plan haben (vgl. Pfeffer 2019, S. 166-167).

Die oberen Ebenen, Large-Solution und Portfolio, sind optional und bieten Mechanismen zur Synchronisation und Verwaltung unternehmensweiter strategischer Initiativen. Auf diesen Ebenen verwendet SAFe Kanban-Systeme, um Backlog-Items zu reifen, und WIP-Limitierung, um die Anzahl der gleichzeitigen Initiativen zu begrenzen (vgl. Pfeffer 2019, S. 168-169).

8.4.3 Hybride Vorgehensmodelle

Allgemeines

Hybride Vorgehensmodelle basieren auf einer Kombination von unterschiedlichen planbasierten und/ oder unterschiedlichen agilen Vorgehensmodellen (vgl. Timinger 2021, S.184). Hybride Modelle entstehen durch sequenzielle, parallele oder integrierte Anwendung mehrerer Ansätze (vgl. Timinger 2021, S.184-185).

Sequenzielle hybride Modelle zeichnen sich durch die zeitlich abgegrenzte Anwendung verschiedener Ansätze aus. Zu jedem Zeitpunkt dominiert die Anwendung eines bestimmten Modells. Die Herausforderung besteht darin, die Übergänge zwischen den Modellen zu gestalten. Beispiele dafür sind das Wasser-Scrum-Fall-Modell und das V-Scrum-Modell (vgl. Timinger 2021, S.184-185).

Sequenzielle Anwendung traditioneller und agiler Vorgehensmodelle wird eingesetzt, wenn volatile Anforderungen mithilfe agiler Modelle in stabile umgewandelt und dann traditionell umgesetzt werden sollen. Dabei besteht die Herausforderung darin, die grundsätzlich unterschiedliche Denk- und Handlungsweise traditioneller und agiler Modelle kompatibel zu machen (vgl. Timinger 2017, S.269).

Bei parallelen hybriden Modellen werden verschiedene Teilprojekte mit unterschiedlichen Ansätzen bearbeitet, wodurch im Projekt mehrere Ansätze parallel existieren. Ein Beispiel hierfür sind Projekte, bei denen technische Entwicklungen einem wasserfallähnlichen Prozess folgen, während andere Teilprojekte agil mit Scrum arbeiten (vgl. Timinger 2021, S.184-185). Die unterschiedliche Philosophie kann zu Spannungen führen, daher ist die Definition von Synchronisationspunkten entscheidend (vgl. Timinger 2017, S.269).

Integrierte hybride Modelle zeichnen sich durch eine sehr enge Verknüpfung verschiedener Ansätze aus, so dass eine klare Trennung nicht möglich ist. Ein Beispiel dafür ist ScrumBan, das Scrum und Kanban integriert. Hier arbeitet das gesamte Team über das gesamte Projekt mit dem gleichen Ansatz. Die Herausforderung liegt darin sicherzustellen, dass die Integration zu einem konsistenten Projektverlauf führt und die geforderte Qualität erreicht wird (vgl. Timinger 2021, S.185). Fast alle traditionellen und agilen Elemente können kombiniert werden, aber nicht alle Kombinationen sind sinnvoll. Eine hohe Anzahl von Schnittstellen und Synchronisationspunkten erhöht die Komplexität und Fehleranfälligkeit (vgl. Timinger 2017, S.269).

Im folgenden Abschnitt werden zwei konkrete Vertreter hybrider Vorgehensmodelle vorgestellt: das V-Scrum-Modell XT und Scrumban.

Das V-Scrum-Modell XT

Das V-Modell XT wird in Deutschland häufig mit Scrum kombiniert. Das V-Modell XT stellt dabei den organisatorischen Rahmen bereit und definiert Projekte sowie deren Schnittstellen zur umgebenden Organisation auf einer grundlegenden Ebene (zum Beispiel Anforderungsanalyse, Vertragsgestaltung, Kommunikation zwischen Auftraggeber:innen und Auftragnehmer:innen sowie Abnahme). Scrum dient, oft in Verbindung mit spezifischen agilen Praktiken, als Grundlage für das konkrete Vorgehen in der Softwareentwicklung (vgl. Broy & Kuhrmann 2021, S. 86).

Canditt et al., (2011) setzen sich mit relevanten Aspekten der Integration beider Vorgehensmodelle auseinander und zeigen auf, inwieweit ihre Kombination sinnvoll und machbar ist.

Vorteile der Integration von Scrum und V-Modell XT

Die Verbindung zwischen Scrum und dem V-Modell XT eröffnet eine Reihe von Vorteilen, da sie die jeweiligen Stärken dieser Modelle vereint. Insbesondere in Projekten mit unklaren Anforderungen oder bei der Einführung neuer Technologien erweist sich diese Kombination als besonders vorteilhaft (Canditt et al., 2011, S. 1). Scrum legt den Fokus auf Flexibilität, intensive Zusammenarbeit mit den Kund:innen und selbstorganisierte Teams. Demgegenüber bietet das V-Modell XT eine formale Prozessunterstützung und hilft agilen Unternehmen bei verschiedenen Aspekten wie Ausschreibungen, Teamzusammensetzung und der Berücksichtigung von Lebenszykluskosten. Die Integration dieser beiden Methoden ermöglicht es, Lücken im Scrum-Framework mit passenden Elementen des V-Modell XT zu füllen, was zu einer effizienten Kombination beider Ansätze führt (vgl. Canditt et al., 2011, S. 1).

Herausforderungen und Möglichkeiten

Die Integration von Scrum in die Systementwicklung birgt einige Herausforderungen bei der Anwendung außerhalb der klassischen Softwareentwicklung, etwa in Hardwareprojekten. In solchen Projekten fallen Änderungsprozesse häufig kostspieliger aus, was grundlegende Entscheidungen in den frühen Projektphasen besonders wichtigmacht. Ein weiteres Problem ist die Synchronisation der Entwicklungszyklen von Hardware und Software, die oft schwer zu koordinieren ist (Canditt et al., 2011, S. 3).

Ein detaillierter Überblick über die Systemarchitektur ist von entscheidender Bedeutung, wobei der Detailgrad stark von den spezifischen Anforderungen und den erwarteten Kosten für spätere Änderungen abhängt. Es ist daher wichtig, die Systemarchitektur von Anfang an in den Entwicklungsprozess einzubeziehen (Canditt et al., 2011, S. 3).

Das V-Modell XT bietet eine hierarchische Strukturierung des Gesamtsystems und unterstützt verschiedene Disziplinen wie Hardware, Software, Logistik und Systemsicherheit. Besonders in der Hardwareentwicklung stellt die Forderung nach kurzen Iterationen eine große Herausforderung dar (Canditt et al., 2011, S. 3).

Scrum kann als spezielle (Projekt-)Management-Vorgehensweise im Rahmen des V-Modells genutzt werden, um Abläufe, Ergebnisse und Rollen umfassend zu integrieren (Canditt et al., 2011, S. 3).

Es gibt verschiedene Ansätze, um Scrum-Elemente in das V-Modell zu integrieren. Dazu gehört die Kombination von Scrum-Rollen, Artefakten und Meetings mit den Strukturen des V-Modells. Scrum kann auf unterschiedlichen Ebenen der Systementwicklung im V-Modell XT angewendet werden, wobei die Artefakte des V-Modells in die „Done“-Kriterien von Scrum integriert werden können (Canditt et al., 2011, S. 3).

Beide Vorgehensmodelle – Scrum und das V-Modell XT – basieren auf einem iterativ-inkrementellen Ansatz, wobei die Iterationen im V-Modell XT in der Regel länger sind als die Sprints in Scrum. Ein flexibler Ansatz ermöglicht es, nach jedem Sprint Teilergebnisse zu liefern, die sich an den äußeren Lieferphasen des V-Modells orientieren. Durch Feedback-Schleifen und die aktive Rolle des:der Product Owner:in wird sichergestellt, dass Kund:innen einbezogen werden und Ergebnisse an deren Bedürfnisse angepasst werden (Canditt et al., 2011, S. 3).

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Abbildung 2.25: Integration von Scrum in Ebenen vom V-Model XT
(Quelle: Canditt et al., 2011, S. 4)

Abläufe

Die Integration von V-Modell XT und Scrum (s. Abbildung 2.25) ermöglicht eine effektive Vereinigung strukturierter Prozesse mit agilen Vorgehensweisen. Schlüsselpunkte dabei sind unter anderem festgelegte Entscheidungspunkte im V-Modell XT und vordefinierte Projektdurchführungsstrategien, die Iterationen auf verschiedenen Ebenen ermöglichen, sowie die Integration von Scrum-Elementen wie Product Backlog, Sprint Backlog und Done-Kriterien, um klare Arbeitsrichtlinien zu schaffen (vgl. Canditt et al., 2011, S. 4).

Die Integration von Scrum erfordert, dass Produktabhängigkeiten berücksichtigt werden. Dazu gehören Anpassungen an Dokumentationsanforderungen, die Nutzung der prototypischen Strategie und die Festlegung von Produktabhängigkeiten zur Sicherung der Konsistenz (vgl. Canditt et al., 2011, S. 4).

Ergebnissen und Dokumentation

Obwohl Scrum das Ziel hat, die interne Dokumentation zu minimieren, können bestimmte Elemente flexibel in den Entwicklungsprozess integriert werden (vgl. Canditt et al., 2011, S. 4-5). Die Nutzung von V-Modell-XT-Templates kann in Scrum-Projekten hilfreich sein, da Scrum keine vergleichbaren Vorlagen bietet. Eine konsequente Einhaltung der Done-Kriterien ist für die Systemintegration wichtig (vgl. Canditt et al., 2011, S. 5).

Rollen und Teamzusammensetzung

Das Rollenmodell von Scrum besteht aus der:dem Product Owner:in (PO), der:dem Scrum Master:in (SM) und dem Team, wobei das selbstorganisierende Team die Verantwortung für die Arbeitsergebnisse trägt (vgl. Canditt et al., 2011, S. 5). Im Gegensatz dazu definiert das V-Modell XT eine Vielzahl von Rollen mit spezifischen Fähigkeitsprofilen und Anforderungen bezüglich der Rollenbesetzungen (vgl. Canditt et al., 2011, S. 6). Zur Integration beider Modelle können die Scrum-Rollen auf den verschiedenen Ebenen festgelegt werden, wobei die:der PO als Schnittstelle zu den Kund:innen auf der Gesamtsystemebene fungieren sollte (vgl. Canditt et al., 2011, S. 6). Die Scrum-Meetings können ebenfalls auf jeder Ebene abgehalten werden. Dabei sollen die Abhängigkeiten zwischen den Teams beachtet und der Informationsfluss sichergestellt werden (vgl. Canditt et al., 2011, S. 6). Die hierarchische Struktur und das Zusammenwirken mehrerer POs und Teams können zu längeren und komplizierteren Entscheidungswegen führen (vgl. Canditt et al., 2011, S. 6).

V-Modell-XT-Konformität

Eine Integration von V-Modell XT und Scrum soll im Rahmen der V-Modell-XT-Konformität geprüft werden, wobei potenzielle Abweichungen im Projekthandbuch dokumentiert und mit dem Auftraggeber:innen abgestimmt werden müssen (vgl. Canditt et al., 2011, S. 7).

Fazit

Die Integration von Scrum in das V-Modell XT erfordert sorgfältige Planung, ist jedoch laut Canditt et al. (2011, S. 8) durchaus umsetzbar. Unter bestimmten Bedingungen, wie unvollständigen oder sich ändernden Anforderungen und der Einführung neuer Technologien, kann sie Vorteile bieten. Eine wesentliche Komponente ist die geschickte Aufteilung des Gesamtsystems in Teilsysteme und die Bildung cross-funktionaler Teams. Ein hierarchisches Scrum-of-Scrum-Modell auf den Ebenen des V-Modells XT kann die Informationswege verkürzen und angemessene Feedback-Zyklen ermöglichen. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Auftraggeber:innen und Auftragnehmer:innen ist entscheidend, um den Prozess an die spezifische Projektsituation anzupassen (vgl. Canditt et al., 2011, S. 8).

Scrumban

(vgl. Broy & Kuhrmann 2021, S. 96). In Scrumban werden Scrum und Kanban kombiniert. Im Falle von Scrum werden hauptsächlich Teamrituale formalisiert und grundlegende Abläufe vorgegeben, es fehlen jedoch oft konkrete Vorgaben für viele Aufgaben, insbesondere in Bezug auf den tatsächlichen Arbeitsprozess des Teams. In Scrumban wird das Aufgabenmanagement in einem nach Scrum organisierten Projekt durch Kanban ergänzt (vgl. Broy & Kuhrmann 2021, S. 112).

Scrumban eignet sich besonders für Teams, die bereits mit Scrum arbeiten und gleichzeitig Prozessverbesserungen durch Kanban nutzen möchten. Die Kombination ermöglicht Unternehmen, die Effizienz zu steigern und besser auf Veränderungen zu reagieren (vgl. Banijamali A. et al. 2017, S. 230).

Vorteile von Scrumban

Die Kombination von Lean- und Agile-Methoden in Scrumban ermöglicht es den Projektmitgliedern, schnelles und iteratives Feedback zu erhalten. Durch die Integration wird die Koordination verbessert, die Teammoral gesteigert und überlegene Ergebnisse erzielt. Lean-Prinzipien erhöhen die Effizienz des Entwicklungsprozesses, während Agile-Prinzipien für Flexibilität sorgen (vgl. Banijamali A. et al. 2017, S. 230, 232).

Aspekte der gemeinsamen Verwendung von Scrum und Kanban

Sowohl Scrum als auch Kanban priorisieren Transparenz, schnelle Softwareveröffentlichung, Arbeitsaufteilung und kontinuierliche Optimierung des Projektplans. Die Kombination von Scrum und Kanban in Scrumban ergänzt sich gegenseitig und erzeugt einen Synergie-Effekt. Scrumban übernimmt von Kanban die Visualisierung von Arbeitsabläufen und bietet mehr Flexibilität als Scrum. Im Gegensatz zu Scrum fördert Scrumban selbstorganisierte Teams und ermöglicht schnellere Entscheidungen. Eine Fallstudie zur Umstellung von Scrum auf Scrumban zeigte eine systematische Verbesserung der Leistung der Entwickler:innen (vgl. Banijamali A. et al. 2017, S. 233-234).

Tabelle 2.6

Kanban

Scrum

Scrumban

Rollen

Keine vordefinierten Rollen für Mitglieder

Vordefinierte Rollen der:des Scrum-Master:in und der Teammitglieder

Vordefinierte Rollen der:des Scrum-Master:in und der Teammitglieder können sich im Laufe des Projekts ändern

Lieferung

Kontinuierliche Lieferung

Zeitlich begrenzte Sprints

Aufgaben-Board basierte Iterationen

Limits

WIP begrenzt die Menge der Arbeit

Sprint begrenzt die Menge der Arbeit

WIP begrenzt die Menge der Arbeit

Änderungen

Änderungen können jederzeit vorgenommen werden

Keine Änderungen während des Sprints erlaubt

Änderungen während des Sprints erlaubt

Planung

Frühere Planung und Dokumentation erforderlich

Planung nach jedem Sprint

Bedarfsgerechte Planung, auch innerhalb der Sprints

Board

Kanban-Board ist fortdauernd

Scrum-Board wird nach jedem Sprint zurückgesetzt

Scrumban-Board ist fortdauernd

Aufgabengröße

Größe der Aufgabe ist nicht begrenzt

Größe der Aufgabe ist auf einen Sprint begrenzt

Größe der Aufgabe ist nicht begrenzt

Management

Arbeitsmanagement basierend auf dem Pull-Prinzip

Arbeitsmanagement basierend auf dem Sprint-Backlog

Arbeitsmanagement basierend auf dem Pull-Prinzip

Tabelle 2.6: Kanban, Scrum und Scrumban im Vergleich
(Quelle: Banijamali A. et al. 2017, S. 234)

Abbildung 2.26Broy & Kuhrmann 2021, S. 114

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Abbildung 2.26: Anpassung eines Kanban-Boards für Scrum
(Quelle: Broy & Kuhrmann 2021, S. 114)

Folgende Herausforderungen bei der Implementierung von Scrumban werden von Banijamali A. et al. (2017, S. 234) betont:

  • Die Flexibilität von Scrumban kann neue Herausforderungen bei der Ressourcenzuweisung und der Entwicklung von Projektzeitplänen mit sich bringen.

  • Die Lean-Methodologie fordert während der Implementierung die Betrachtung der gesamten Organisation. Folglich kann die Kombination von Kanban und Scrumban die Komplexität der Planung von Aktivitäten in der gesamten Organisation.

  • Darüber hinaus ist es nicht immer möglich, Führungskräfte einzubeziehen, die Projekt-Backlogs entwickeln oder regelmäßiges Feedback geben.

8.5 Hilfsmodelle zur Auswahl eines geeigneten Vorgehensmodells

8.5.1 Status quo zur Auswahl eines VMs

Die Forschung und die Fachliteratur sind sich einig, dass die Selektion eines optimalen Vorgehensmodells (VMs) ein wesentlicher Erfolgsfaktor für Softwareprojekte darstellt (vgl. Aichele & Schönberger 2014, S. 150; Broy & Kuhrmann 2021, S. 84; Standish Group 2001, S. 4). Dabei obliegt die Aufgabe zur Wahl eines Vorgehensmodells der Projektleitung und des Managements (vgl. Kuster et al. 2019, S. 34; Broy & Kuhrmann 2013, S. 88; Schatten et al. 2010, S. 69). Albers (2021, S. 21) führt neben diesen Rollen auch Mitarbeitende im Programm- und Produkt Management als weitere Entscheider:innen auf.

Die Aufgabe zur Auswahl eines Vorgehensmodells erweist sich jedoch aufgrund der hohen Anzahl von Vorgehensmodellen, Auswahlkriterien und den diversen Möglichkeiten zur Kombination und Tailoring als besonders komplex (vgl. Kuster et al. 2019, S. 34; Timinger 2017, S. 242; Albers 2021, S. 21).

Ein standardisiertes Verfahren zur Auswahl von Vorgehensmodellen ist allerdings nicht vorhanden. Eine Reihe von Autor:innen empfehlen zwar Hilfsmodelle zur Ermittlung der Ausrichtung des geeigneten VMs (traditionell, agil, hybrid) – beispielsweise die Stacey Matrix, das Cynefin Framework und das Diamantenmodell nach Shenhar & Dvir, betonen jedoch zugleich, dass diese Modelle zur Orientierung dienen sollen und dass zusätzlich diverse andere Faktoren aus dem Projektumfeld (Unternehmenskultur, Qualifikation des Teams, etc.) zu berücksichtigen sind (vgl. Brönimann & Bommer 2022; Dittmann & Zaeri 2023; Timinger 2021). Zum anderen besteht eine Reihe von Vergleichsansätzen, die konkrete VM nach ihren Eigenschaften bewerten und bei denen überwiegend objektive Kriterien der VM (Prozessabdeckung, Phasenabdeckung, etc.) im Fokus stehen (vgl. Albers 2016; Berg et. al. 2014, Aichele & Schönberger 2014).

Albers (2016, S. 1) weist darauf hin, dass die zahlreichen theoretischen Ansätze zur Auswahl und zum Vergleich von VM jedoch kaum Anwendung in der Praxis finden. Die Selektion des VM basiert dabei häufig auf der Meinung einer einzelnen Person (Albers (2016, ebd.). Daher plädiert Albers (2016, S. 5) für die Entwicklung eines praxisnahen und akzeptierten Auswahl- und Vergleichsansatzes. Dieser sollte alle VM-Typen (klassisch, agile und hybride) und neben objektiven Kriterien auch subjektive Aspekte (Eigenschaften des Projektteams, Unternehmenskultur, etc.) berücksichtigen (vgl. Albers 2016, S. 4). Dieses Modell ist anschließend anhand empirischer Methoden wie Expertenbefragungen zu evaluieren. Zusätzlich ist eine praktische Implementierung des Modells erforderlich, die von IT-Entscheider:innen direkt genutzt werden kann (vgl. Albers 2016, S. 5). Eine Umsetzung könnte Albers (2016, S. 5) zufolge unter dem Einsatz von einem speziellen künstlichen neuronalen Netz – dem Self-Enforcing Network (SEN) erfolgen.

In den folgenden Kapiteln wird zunächst auf die klassischen Hilfsmodelle zur Auswahl von Vorgehensmodellen näher eingegangen – die Stacey Matrix, das Cynefin Framework von Snowden und das Diamantenmodell nach Shenhar & Dvir. Im Anschluss werden zwei moderne Modelle betrachtet: das projektumfeld- und projektgegenstandsbezogene Netzdiagramm von Timinger (2021) und das Kompassmodell von Dittmann & Zaeri (2023). Letzteres stellt einen ganzheitlichen Ansatz bei der Wahl eines geeigneten hybriden Projektdesigns dar. Abschließend wird beispielhaft das Bewertungsverfahren konkreter Modelle nach ihren Eigenschaften von Berg et al. (2014) vorgestellt.

8.5.2 Die Stacey-Matrix

Die Bestimmung des Grads der Komplexität eines Projektes spielt eine entscheidende Rolle bei der Wahl eines geeigneten Vorgehensmodells (vgl. Brönimann & Bommer 2022, S. 123). Ein häufig eingesetztes Mittel für die Bestimmung des Komplexitätsgrades ist die Stacey-Matrix (vgl. Brönimann & Bommer 2022, Dittmann & Zaeri 2023, Timinger 2021), die auf Ralph Stacey (Professor für Management und Leiter des Zentrums Complexity and Management Center an der Universität Hertfordshire) zurückzuführen ist. Als ein renommierter Berater für führende Unternehmen und Autor mehrerer Bücher setzte sich Stacy mit den Bereichen Management und Organisation auseinander (vgl. Stacey, 1996).

Laut Zimmermann (2001, S. 1) stellt Stacey's Matrix (s. Abbildung 2.27) eine Methode zur Entscheidungsfindung im Management dar, die auf den zwei Dimensionen: den Grad der Gewissheit (the degree of certainty) und den Grad des Konsens (the level of agreement) innerhalb einer Gruppe basiert: „[a] method to select the appropriate management actions in a complex adaptive system based on the degree of certainty and level of agreement on the issue in question“.

Zimmermann (2001, S. 4) vereinfachte Stacey’s Version der Matrix und entwickelte basierend darauf Empfehlungen zu Management-Herangehensweisen in Abhängigkeit vom Komplexitätsgrad.

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Abbildung 2 . 27: Stacey's Agreement & Certainty Matrix
(Quelle: Zimmermann 2001, S. 4)

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Abbildung 2.28: Einsatz von Zimmermanns Stacey-Matrix bei Schwaber
(Quelle: Adaptiert von Schwaber 2004 S. 13)

Schwaber (2004, S. 13) verwendet die durch Zimmermann adaptierte Matrix (s. Abbildung 2.28) um die Komplexität der Software-Entwicklung zu veranschaulichen und bezeichnet es als „Complexity assessment graph“. Dabei repräsentiert die vertikale Achse die Komplexität der Anforderungen, während die horizontale Achse die Komplexität der Technologie darstellt. Die Schnittmenge dieser Komplexitäten ergibt den Komplexitätsgrad des Projektes. Die Mehrheit der aktuellen Softwareentwicklungsprojekte ist gemäß Schwaber (2004, ebd.) als komplex einzustufen. Projekte, die als chaotisch eingestuft wurden, lassen sich Schwaber (2004, ebd.) zufolge nicht durchführen. Der erste Schritt bei solchen Projekten wäre die Aspekte ihrer Komplexität zu lösen, bevor Fortschritte erzielt werden können (vgl. Schwaber 2004, S. 13).

Die drei wichtigsten Dimensionen der Komplexität in der Softwareentwicklung sind nach Schwaber (2004, S. 13): Anforderungen, Technologie und Menschen.

  • Anforderungen: Kund:innen entwickeln oft erst ein klares Verständnis ihrer Bedürfnisse, wenn sie eine Implementierung ihrer Anforderungen sehen. Diese Anforderungen sind komplex, da sie nicht nur mehrdeutig sind, sondern sich auch kontinuierlich ändern. Kund:innen mit einfachen Anforderungen stellen eher die Ausnahme dar (vgl. Schwaber 2004, S. 13).

  • Technologie: In der Softwareentwicklung werden in der Regel mehrere Technologien verwendet. Dies ist mit einer ansteigenden Komplexität verbunden, da Schnittstellen zwischen verschiedenen Technologien weitaus komplexer als die Komplexität der einzelnen Technologien selbst sind (vgl. Schwaber 2004, S. 13).

  • Menschen: Die Zusammenarbeit der Menschen, die an der Entwicklung von Software beteiligt sind, führt aufgrund ihrer unterschiedlichen Fähigkeiten, Erfahrungen usw. zu einer erheblichen Steigerung des Komplexitätsgrads (vgl. Schwaber 2004, S. 13).

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Abbildung 2.29: Adaptierte Stacey-Matrix zur Einstufung der VM-Ausrichtung
(Quelle: Brönimann & Bommer 2022, S. 124)

Die Stacey-Matrix wurde von diversen Autor:innen weiterentwickelt (s. Abbildung 2.29) und dient als Hilfsmodell zur Einstufung der Ausrichtung eines geeigneten Vorgehensmodells (vgl. Brönimann & Bommer 2022, S. 123). Dabei ergibt sich der Komplexitätsgrad anhand der „Kombination aus Klarheit der Anforderungen und Bekanntheit des Lösungswegs“ (Timinger 2021, S. 196).

Anhand der Bestimmung des Komplexitätsgrads des Projektes (der Aufgabenstellung) als komplex, kompliziert oder einfach, kann die Ausrichtung eines geeigneten Vorgehensmodells bestimmt werden (vgl. Brönimann & Bommer 2022, S. 124).

  • Komplexe Projekte charakterisieren sich durch unbekannte Einflussfaktoren und stellen ein unvorhersagbares System dar. Sie erfordern hohe Flexibilität, da neue Erkenntnisse aus unerwarteten Situationen gewonnen werden. Der gewählte Lösungsweg wird dabei kontinuierlich überprüft (vgl. Brönimann & Bommer 2022, S. 124). Agile Vorgehensmodelle unterstützen diese Flexibilität besser als traditionelle Modelle (vgl. Brönimann & Bommer 2022, S. 125), da Pläne im Falle von Unsicherheit nicht zielführend sind. Vielmehr kann der Projektgegenstand im Rahmen einer iterativ-inkrementellen Entwicklung anhand „Feedbackzyklen mit relevanten Stakeholdern“ erarbeitet werden (Timinger 2021, S. 197).

  • Komplizierte Projekte sind im Gegensatz zu komplexen Projekten vorhersehbar, jedoch unübersichtlich. Die Ausgangsbedingungen für solche Projekte bleiben bei wiederholter Durchführung konstant. Dabei können agile Modelle bei der erstmaligen Durchführung Unterstützung bieten. Mit zunehmender Routine und insbesondere für eingespielte Teams mit klarer Aufgabenverteilung ist ein strukturiertes Phasenmodell jedoch unter Umständen besser geeignet. In solchen Fällen wäre eine agile Transformation aufgrund der gleich bleibenden Aufgabenstellung nicht notwendig, da sie keine Vorteile bietet (vgl. Brönimann & Bommer 2022, S. 125). Je nach Grad der Unklarheit oder Instabilität können auch hybride Vorgehensmodelle zum Einsatz kommen (vgl. Timinger 2021, S. 197).

  • Einfache Projekte kennzeichnen sich durch eine klar definierte und übersichtliche Aufgabenstellung und lassen sich mit einfachen Prozessen durchführen. Dabei sind der Einsatz von Best Practices und „Tailoring des gewählten Vorgehensmodells an die Aufgabenstellung“ relevant (vgl. Brönimann & Bommer 2022, S. 125). Aufgrund der Bekanntheit und Stabilität der Anforderungen sowie des Lösungswegs lassen sich solche Projekte gut planen. Folglich sind hierfür planbasierte Vorgehensmodelle geeignet (vgl. Timinger 2021, S. 196).

Die Auswahl des geeigneten Vorgehensmodells kann nicht allein auf den Typ der Aufgabenstellung beschränkt werden, andere Faktoren, insbesondere das Projektumfeld, sind dabei von entscheidender Bedeutung (vgl. Brönimann & Bommer 2022, S. 125). Es gilt folglich auch Einflussgroßen wie Stakeholder-Charakteristika, Unternehmenskultur oder Teamqualifikationen zu berücksichtigen (vgl. Timinger 2021, S. 197). Dennoch stellt die Stacey-Matrix eine erste Orientierung bei der Suche nach einem angemessenen Vorgehensmodell dar (vgl. Timinger, 2021, S. 197).

8.5.3 Das Cynefin-Framework (Snowden)

Das Cynefin-Framework wurde von Snowden, Boone et al. mit dem Ziel entwickelt, Führungskräften neue Perspektiven für Führung und Entscheidungsfindung zu bieten (Snowden & Boone 2007, S. 1). Dabei bezeichnet das walisische Wort Cynefin ([kə'nɛvɪn]) „die Vielfalt der Faktoren aus unserer Umgebung und Erfahrung, die uns auf einer Art und Weise beeinflussen, die wir nie begreifen können“ („the multiple factors in our environment and our experience that influence us in ways we can never understand“) (Snowden & Boone 2007, S. 2).

Gemäß Snowden & Boone (2007, S. 1) erhöht sich mit steigernder Komplexität die Wahrscheinlichkeit, dass traditionelle Herangehensweisen der Führung und der Entscheidungsfindung versagen. Dabei betrachten Snowden & Boone (2007, S. 3) Komplexität als eine Art des Denkens über die Welt („a way of thinking about the world“). Die aktuellen Erkenntnisse der Komplexitätsforschung und der kognitiven Wissenschaften können nach Snowden & Boone (2007, S. 3) die Führung dabei unterstützen, die Komplexität der heutigen Welt – fortschrittliche Technologie, Globalisierung, usw. zu verstehen (vgl. Snowden & Boone 2007, S. 3). Dabei ist ein Wandel des Denkens bei Führungsskräften erforderlich: “Leaders who want to apply the principles of complexity science to their organizations will need to think and act differently than they have in the past. This may not be easy, but it is essential in complex contexts” (vgl. Snowden & Boone 2007, S. 3).

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Abbildung 2.30: Cynefin-Framework
(Quelle: vgl. Snowden & Boone 2007, S. 4)

Das auf Basis der Komplexitätswissenschaft entwickelte Cynefin-Framework (s. Abbildung 2.30) soll Führungskräfte in die Lage versetzen, den vorherrschenden Kontext, in dem sie sich befinden – einfach, kompliziert, komplex, chaotisch, unklar – zu erkennen und diesem entsprechend angemessen zu agieren. Somit können nicht nur bessere Entscheidungen getroffen werden, sondern auch Probleme vermieden werden, die aufgrund eines bevorzugten Managementstils entstehen können (vgl. Snowden & Boone 2007, S. 2). Effektives Management entsteht durch die Anpassung des Entscheidungsstils an die Veränderungen des Geschäftsumfelds, wobei jeder Kontext einer spezifischen Reihenfolge von Handlungen bedarf. Führungskräfte können in verschiedenen Situationen effektiv agieren, indem sie den aktuellen Kontext richtig erkennen, Warnsignale wahrnehmen und unangemessene Reaktionen vermeiden (vgl. Snowden & Boone 2007, S. 7).

Einfache und komplizierte Kontexte korrelieren mit faktenbasiertem (fact-based) Management. Dabei liegt ein geordnetes System vor, in dem sich Ursache-Wirkungs-Beziehungen wahrnehmen lassen. Die richtigen Antworten können anhand von Fakten ermittelt werden (vgl. Snowden & Boone 2007, S. 4).

Im Gegensatz dazu sind komplexe und chaotische Kontexte durch musterbasiertes (pattern-based) Management gekennzeichnet und stellen ungeordnete Systeme dar, da die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung nicht unmittelbar erkannt werden kann. Die zukünftige Vorgehensweise wird durch die Identifizierung von Mustern bestimmt (vgl. Snowden & Boone 2007, S. 4).

Der fünfte Kontext – Unordnung (disorder) – ist schwer identifizierbar. In diesem Bereich konkurrieren verschiedene Perspektiven, was zu Konflikten führt. Als Lösung schlagen Snowden & Boone (2007, S. 4) vor, die Situation zu analysieren, in ihre Komponenten zu zerlegen und diese anschließend den anderen vier Bereichen zuzuordnen, damit Führungskräfte auf einer kontextuell angemessenen Weise eingreifen können (vgl. Snowden & Boone 2007, S. 4).

Im Folgenden werden die wesentlichen Aspekte der Eigenschaften des Kontexts und der Handlungsempfehlungen von Snowden & Boone (2007, S. 7) und ihre entsprechende Zuordnung zu Vorgehensmodellen gemäß Timinger (2021, S. 200-201) tabellarisch dargestellt (s. Tabelle 2.7).

Eigenschaften

des Kontexts

(Snowden & Boone 2007, S. 7)

Handlungs-empfehlungen

(Snowden & Boone 2007, S. 7)

Zuordnung zu Vorgehensmodellen

(Timinger 2021, S. 200-201)

EINFACH

  • Sich wiederholende Muster

  • Konstante Ereignisse

  • Klare Ursache-Wirkungs-Beziehungen

  • Die richtige Antwort existiert

  • Known knowns

  • Faktenbasiertes Management

Beobachten → Kategorisieren → Reagieren

(Best Practices nutzen)

  • Standardisiertes Vorgehensmodell gemäß Bearbeitungskategorie (Organisationsprojekt, Investitionsprojekt etc.). wählen

KOMPLIZIERT

  • Ursache-Wirkungs-Beziehungen erkennbar (nicht für jeden sofort ersichtlich);

  • Mehr als eine richtige Antwort möglich

  • Unknown unknowns

  • Faktenbasiertes Management

Beobachten → Analysieren → Reagieren

  • Tailoring: Standardisiertes Vorgehensmodell an die neue Situation anpassen;

  • Planbasierte Vorgehensmodelle aufgrund des definierten Verhaltens möglich

KOMPLEX

  • Fluss und Unvorhersehbarkeit

  • Keine richtigen Antworten;

  • auftauchende lehrreiche Muster

  • Unknown unknowns

  • Viele konkurrierende Ideen

Probieren → Beobachten → Reagieren

(Umgebungen und Experimente schaffen, die die Entstehung von Mustern ermöglichen)

  • Agile iterative oder inkrementelle Vorgehensmodelle

CHAOTISCH

  • Hohe Volatilität;

  • Keine eindeutigen Ursache-Wirkungs-Beziehungen;

  • kein Grund, nach richtigen Antworten zu suchen

  • Unvorhersehbarkeit

  • Treffen von vielen Entscheidungen notwendig;

  • keine Zeit zum Nachdenken

  • Hohe Spannung

  • Musterorientierte Führung

Handeln → Beobachten → Reagieren

  • Aufgrund der Unvorhersehbarkeit selbst iterative und inkrementelle Vorgehensweise schwer durchführbar

Tabelle 2.7: Das Cynefin-Framework – Zuordnung von VM zu Kontext
(Quelle: adaptiert von Snowden & Boone 2007, S. 7; Timinger 2021, S. 200-201)

8.5.4 Das Diamantmodell (Shenhar & Dvir)

Ziel von Shenhar & Dvir (2007, S. 40) ist es, die einzigartigen Merkmale von Projekten in ein Modell zu integrieren, das Managern ermöglicht, diese zu klassifizieren und einen geeigneten Ansatz auszuwählen. Projekte lassen sich Shenhar & Dvir (2007, S. 40) zufolge anhand von drei wesentlichen Faktoren systematisieren: Ziel, Aufgabe und Umfeld.

  • Ziel (Goal): Das spezifische Ergebnis oder Produkt, das durch das Projekt erzielt werden soll;

  • Aufgabe (Task): Die konkrete zu erledigende Aufgabenstellung, einschließlich ihrer Dimensionen: Schwierigkeit, Bekanntheit, Komplexität, verfügbare Zeit (vgl. Shenhar & Dvir 2007, S. 40);

  • Umfeld (Environment): Das Projektumfeld, das das Geschäfts- und Marktumfeld, die verfügbare Technologie, die branchenspezifischen Bedingungen sowie das interne Unternehmensumfeld (Kultur, Mitarbeiter:innen, Verfahren) umfasst (vgl. Shenhar & Dvir 2007, S. 40).

Shenhar & Dvir (2007, S. 40) streben ein universelles Framework an, das ein breites Spektrum von Projekten, unabhängig von Branche, Technologie oder spezifischer Organisation, abdeckt. In Anlehnung an die Kontingenztheorie folgerten Shenhar & Dvir (2007, S. 41), dass Projekte sich durch drei Dimensionen charakterisieren lassen:

  • Unsicherheit (Uncertainty): Der Kenntnisgrad über Informationen in Bezug auf das Projektziel, die Aufgabenstellung und das Umfeld, der oft am Anfang unvollständig ist;

  • Komplexität (Complexity): Die Maßeinheit für den Projektumfang, einschließlich die Aufgabenanzahl und deren wechselseitige Abhängigkeiten;

  • Tempo (Pace): Bezieht sich auf die zeitliche Dimension und die festgelegten Fristen (vgl. Shenhar & Dvir 2007, S. 41).

Basierend auf praktischen Erfahrungen stellten Shenhar & Dvir (2007, S. 41) fest, dass es hilfreich sein kann, zudem die Dimension der Unsicherheit (Uncertainty) auf Basis der zwei Hauptquellen von Unsicherheit in die Kategorien Marktunsicherheit (oder Zielunsicherheit) und technologische Unsicherheit (oder Unsicherheit der Aufgabe) zu unterteilen. Shenhar & Dvir (2007, S. 41) nannten die zwei daraus entstandenen neuen Dimensionen wie folgt:

  • Neuheit (Novelty): Grad der Ziel- oder der Marktunsicherheit.

  • Technologie (Technology): Grad der technologischen Unsicherheit.

Auf Basis der vier Dimensionen zur Charakterisierung von Projekten - Novelty, Technology, Complexity und Pace) wurde das NTCP-Diamantenmodell entwickelt (vgl. Shenhar & Dvir 2007, S. 41).

Im deutschprachigen Raum werden für die Dimensionen des Diamantenmodells von Shenhar & Dvir folgende Bezeichnungen verwendet (vgl. Timinger 2021, Dittmann & Zaeri 2023):

  • Novelty = Missionsgrad

  • Technology = Innovationsgrad

  • Complexity = Abstraktionsgrad

  • Pace = Managementgrad

Das NTCP-Diamantenmodell soll Manager:innen bei der Entscheidungsfindung in Bezug auf Projekte und ihrer Durchführung unterstützen. Solche Entscheidungen sind unter anderem wie folgt (vgl. Shenhar & Dvir 2007, S. 46):

  • Auswahl der passenden Projekte und ihrer Manager:innen,

  • Wahl des Projektmanagementstils,

  • Strukturierung des Projekts,

  • Auswahl von Werkzeugen.

Jede Dimension des Modells umfasst drei bis vier Stufen, zu denen ein Projekt zugeordnet werden kann.

Missionsgrad (Novelty): „Wie neu ist Ihr Produkt auf dem Markt?“

Diese Dimension stellt zum einen dar, in welchem Maße Kund:innen mit dem Produkt im Sinne von Produktart, Anwendung und Vorteilen vertraut sind und zum anderen repräsentiert sie die Unsicherheit des Projektziels – die Klarheit über die Anforderungen und der Kundenbedürfnisse (vgl. Shenhar & Dvir 2007, S. 46-47). Die Arten der Produkte je nach Missionsgrad sind:

  • Derivative Produkte: Erweiterungen und Verbesserungen bestehender Produkte;

  • Plattform-Produkte: Neue Generationen einer bestehenden Produktlinie in einem etablierten Marktsektor, die frühere Produkte ersetzen (z.B. neue Automodelle);

  • Durchbruch-Produkte (Breakthrough): Neuartige auf einem neuen Konzept oder einer neuen Idee basierende Produkte (vgl. Shenhar & Dvir 2007, S. 46-47).

Innovationsgrad (Technology): Technologische Unsicherheit

Technologische Unsicherheit ist die Hauptquelle von Unsicherheit in Aufgaben. Andere mögliche Quellen sind mangelnde Teamerfahrung oder knappes Budget (vgl. Shenhar & Dvir 2007, S. 46). Technologische Unsicherheit stellt die Unsicherheit bezüglich der eingesetzten Technologie im Projekt dar. Diese Dimension hat einen Einfluss auf das Design, die Kommunikation und die technische Kompetenz des Teams (vgl. Shenhar & Dvir 2007, S. 46). Technologische Unsicherheit wird in vier Stufen untergliedert:

  • Low-tech: Verwendung etablierter Technologien (z.B. Bauprojekte);

  • Medium-tech: Nutzung von überwiegend bestehenden Technologien, geringe Interaktion mit neuen Technologien (z.B. Automotive Projekte);

  • High-tech: Verwendung von für das Unternehmen unbekannten, jedoch bereits existierenden Technologien (z.B. Softwareprojekte);

  • Super-high-tech: Technologien existieren nicht zu Projektbeginn und müssen während des Projekts entwickelt werden. Diese Projekte zeichnen sich durch eine klare Mission und durch einen unklaren Lösungsweg aus (z.B. Mondlandung) (vgl. Shenhar & Dvir 2007, S. 46-47).

Abstraktionsgrad (Complexity): Die Komplexität des Projekts (Systemumfang)

Die Projekt-Komplexität wird durch den Umfang des Systems definiert, der hierarchisch aus Systemen und Teilsystemen besteht. Die Projekt-Komplexität korreliert mit dem Systemumfang und hat Auswirkungen auf die Projektorganisation und den Grad der Formalisierung des Projektmanagements (vgl. Shenhar & Dvir 2007, S. 47). Dabei werden drei Stufen der Komplexität zur Unterscheidung der Projektmanagementpraktiken verwendet: Assembly, System und Array (vgl. Shenhar & Dvir 2007, S. 47).

  • Assembly-Projekte beinhalten die Zusammenstellung von Elementen, Komponenten und Modulen zu einer einzigen Einheit, die eine spezifische Funktion erfüllt (z.B.Standalone Produkte, Aufbau eines Teilsystems von einem größeren System);

  • Systemprojekte beinhalten eine komplexe Zusammenstellung von interaktiven Elementen und Teilsystemen, die zusammen verschiedene Funktionen zur Abdeckung eines bestimmten betrieblichen Bedarfs erfüllen (z.B. Autos, Computer);

  • Array-Projekte beinhalten eine große, weit verteilte Sammlung von Systemen (Systeme von Systemen, Supersysteme), die zur Erreichung eines gemeinsamen Ziels zusammenarbeiten (z.B. ganze Konzerne, nationale Kommunikationsnetze) (vgl. Shenhar & Dvir 2007, S. 48-49).

Managementgrad (Pace): Wie kritisch ist der Zeitrahmen des Projekts?

Der Managementgrad eines Projekts wird durch die Dringlichkeit des Zeitrahmens und die Konsequenzen bei Nichteinhaltung der Zeitvorgaben bestimmt. Es beeinflusst die Autonomie der Projektteams, die Bürokratie, die Geschwindigkeit der Entscheidungsfindung und die Einbindung des Topmanagements (vgl. Shenhar & Dvir 2007, S. 49). Shenhar & Dvir (2007, S. 49) unterscheiden vier Stufen des Managementgrads: regulär, schnell/kompetitiv, zeitkritisch und blitzschnell.

  • Reguläre Projekte: Bei diesen Projekten ist der zeitliche Faktor nicht entscheidend für den unmittelbaren Unternehmenserfolg;

  • Schnelle/kompetitive Projekte: Sie dienen zur Nutzung von Marktchancen, Stärkung einer strategischen Position oder Erschließung neuer Geschäftsfelder und sind am häufigsten in profitorientierten Organisationen verbreitet;

  • Zeitkritische Projekte: Diese Projekte müssen innerhalb eines definierten Zeitrahmens abgeschlossen werden. Dabei liegt eine Beschränkung aufgrund eines spezifischen Ereignisses vor. Die Nicht-Einhaltung des Abschlusstermins führt zum Scheitern des Projekts;

  • Blitzprojekte sind Krisenprojekte und sind dringend und zeitkritisch. Eine schnelle Behebung der Krise stellt dabei ein Erfolgskriterium dar (vgl. Shenhar & Dvir 2007, S. 49).

Verwendung

Das Diamantenmodell bietet eine grafische Darstellung eines Projekts nach Ausprägungsgrad der Parameter: Mission (Novelty), Innovation (Technology), Abstraktion (Complexity), Management (Pace) und hat zum Ziel die Art des Projekts zu verdeutlichen (vgl. Shenhar & Dvir 2007, S. 49).

In der Abbildung 2.31 wird der Diamant eines Plattform-, hochtechnologischen, System- und zeitkritischen Projekts dargestellt. Eine bestimmte Projektzuordnung wird im Vektorformat anhand der abgekürzten Stufenbezeichnung einer Dimension kodiert – beispielswese D = (Pl, HT, Sy, TC) für das oben genannte Beispiel. Die Kodierung eines bahnbrechenden, mitteltechnischen, Array-, schnellen und kompetitiven Projekts wäre dagegen wie folgt D = (Br, MT, Ar, FC) (vgl. Shenhar & Dvir 2007, S. 50).

Während Untersuchungen erfolgloser Projekte beobachteten Shenhar & Dvir (2007, S. 14) oft eine Diskrepanz zwischen der Diamantenform der geforderten Projektmerkmale und der Diamantenform des tatsächlich angewandten Managementstils. Diese Abweichungen lieferten im Nachhinein eine Erklärung für das Scheitern des Projekts (Shenhar & Dvir 2007, S. 14).

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Abbildung 2.31: Das Diamantenmodell nach Shenhar & Dvir (2007)
(Quelle: Shenhar & Dvir 2007, S. 50)
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Abbildung 2.32: Diamant des verwendeten vs. erforderlichen Managementstils
(Quelle: Shenhar & Dvir 2007, S. 51)

Folglich kann das Diamantenmodell als visuelles Hilfsmittel dienen, um die Diskrepanzen zwischen dem notwendigen und dem tatsächlich angewendeten Managementstil zu verdeutlichen (s. Abbildung 2.32). Dabei symbolisiert eine durchgezogene Linie den erforderlichen Stil, während eine gestrichelte Linie den tatsächlich angewendeten Stil repräsentiert (vgl. Shenhar & Dvir 2007, S. 50-51).

8.5.5 Das Netzdiagramm-Modell (Timinger)

Für die Auswahl von Vorgehensmodellen sind verschiedene Parameter von entscheidender Bedeutung, beispielweise „die Unternehmenskultur, die Stabilität der Anforderungen und die Art des Projektgegenstands“ (vgl. Timinger 2021, S. 224).

Konkrete Parameter, die einen Einfluss auf die Wahl von Vorgehensmodellen haben, sind von Boehm & Turner (2004) und Špundak (2014) untersucht worden (vgl. Timinger 2021, S. 202). Timinger (2021, S. 202) fasst diese Parameter in einem gemeinsamen Netzdiagramm (s. Abbildung 2.33) zusammen, dass zur Auswahl zwischen planbasierten und agilen Vorgehensmodellen verwendet werden kann.

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Abbildung 2.33: Netzdiagramm zur parametergestützten VM-Auswahl
(Quelle: Timinger 2021, S. 202)

Timinger (2021, S. 202) teilt die von Boehm & Turner (2004) und Špundak (2014) untersuchten Parameter in folgende zwei Gruppen ein:

  • Parameter, die das Umfeld und die direkten Projektbeteiligten betreffen und

  • Parameter, die das Projekt charakterisieren.

Die auf der linken Seite des Netzdiagramms dargestellten Parameter kennzeichnen das Projektumfeld, während die Parameter auf der rechten Seite des Diagramms das Projekt charakterisieren (vgl. Timinger 2021, S. 202).

Projektumfeld charakterisierende Parameter

Zu den Parametern, die das Umfeld und die direkten Projektbeteiligten betreffen gehören:

  • Unternehmenskultur,

  • Qualifikation des Teams,

  • Stabilität des Teams,

  • Größe des Teams,

  • Verteilung des Teams (vgl. Timinger 2021, S. 202).

Unternehmenskultur: Die Umsetzung agiler Arbeitsweisen wird durch eine Unternehmenskultur mit flachen Hierarchien begünstigt. Im Gegensatz dazu erfordern viele Hierarchieebenen und die damit verbundenen Abstimmungsprozesse die Erstellung detaillierter Pläne. Eine Veränderung der Unternehmenskultur ist nicht trivial. Bei der Transformation eines stark hierarchisch strukturierten Unternehmens zu einer agilen Organisation ist in der Regel ein längerer Veränderungsprozess erforderlich. Eine „ehrliche Bestandsaufnahme“ ist dabei von entscheidender Bedeutung. Flache Hierarchien implizieren nicht nur eine geringe Anzahl an Hierarchieebenen, sondern auch „kooperative Strukturen“ sowie Mitarbeiter:innen (vgl. Timinger 2021, S. 202).

Qualifikation des Teams: Die Anwendung agiler, selbstorganisierter Arbeitsweisen bedarf eine entsprechende Qualifikation des Teams. Ist diese Voraussetzung nicht gegeben, kann die Koordination der Aufgaben besser durch ein planbasiertes Arbeiten unterstützt werden (vgl. Timinger 2021, S. 202-203).

Stabilität des Teams: Unter optimalen Gegebenheiten bleibt die Teamzusammensetzung bei agilen Vorgehensmodellen stabil, sodass dasselbe Team kontinuierlich an einem Projekt arbeitet und auch über mehrere Projekte hinweg zusammenbleibt. Ist diese Stabilität jedoch nicht gegeben, sind für die Abstimmung und die Koordination der Ressourcen Pläne erforderlich (vgl. Timinger 2021, S. 202-203).

Größe des Teams: Die Größe des Teams stellt ebenfalls einen Faktor dar, der die Effektivität agiler Arbeitsweisen und die Förderung der direkten Kommunikation beeinflusst. Kommunikation in größeren Teams erfordert einen zusätzlichen Koordinationsaufwand, der durch spezifische Pläne unterstützt werden kann. Inzwischen sind Ansätze für agile Zusammenarbeit vorhanden, die auch für größere Teams geeignet sind (vgl. Timinger 2021, S. 203). Timinger (2021, ebd.) zufolge ist die Teamgröße zwar ein relevanter Parameter bei der Auswahl des Vorgehensmodells, jedoch ist ihre Auswirkung im Vergleich zur Unternehmenskultur weniger signifikant (vgl. Timinger 2021, S. 203).

Verteilung des Teams: Teams, die an einem gemeinsamen Standort arbeiten, können effektiv kommunizieren, ohne dass umfangreiche Koordinationspläne erforderlich sind. Ist das Team jedoch über mehrere Standorte verteilt, sind Pläne erforderlich, um die Zusammenarbeit zu gewährleisten. Jedoch stehen derzeit softwarebasierte Lösungen zur Verfügung, sodass verteilte Teams kein Hindernis für agile Arbeitsweisen darstellen (vgl. Timinger 2021, S. 203).

Projektgegenstand charakterisierende Parameter

Zu den Parametern, die das Projekt charakterisieren, zählen:

  • Einbeziehung der Kund:innen,

  • Dokumentationsanforderungen,

  • Stabilität der Anforderungen,

  • Gefährdungspotenzial,

  • Projektgegenstand (vgl. Timinger 2021, S. 203).

Einbeziehung der Kund:innen: Die aktive Einbindung der:des Auftraggeber:in ist für agile Arbeitsweisen unerlässlich. Sofern seitens des:der Kunden:in kein Interesse an einer gemeinsamen, iterativen oder inkrementellen Vorgehensweise besteht, sind agile Vorgehensmodelle nur begrenzt geeignet. In solchen Fällen kann die Verwendung von Plänen, die auf dem Lasten- und Pflichtenheft basieren, ein effektiveres Werkzeug für die Zusammenarbeit mit dem:der Kunden:in darstellen (vgl. Timinger 2021, S. 203).

Dokumentationsanforderungen: Dokumentationsanforderungen können aus rechtlichen Vorgaben, branchenüblichen Standards oder den Anforderungen des Auftraggebers entstehen. Während das Agile Manifest den Fokus auf die Ergebnisse legt und weniger auf ausführliche Dokumentation, ist es dennoch von Bedeutung, zu beachten, dass agile Methoden Dokumentation grundsätzlich nicht ausschließen (vgl. Timinger 2021, S. 203). Daher ist dieser Aspekt laut Timinger (2021, ebd.) lediglich ein schwacher Indikator für die Notwendigkeit von einem agilen oder planbasierten Vorgehen.

Stabilität der Anforderungen: Die Stabilität der Anforderungen stellt einen wesentlichen Indikator für agiles oder planbasiertes Vorgehen dar. Bei instabilen Anforderungen ist „ein agiles, iteratives oder inkrementelles Vorgehen“ empfehlenswert. Im Falle von stabilen Anforderungen, ist eine gute Planung und eine entsprechende Umsetzung möglich (vgl. Timinger 2021, S. 203).

Gefährdungspotenzial: Das Gefährdungspotenzial ist ebenfalls als ein Einflussfaktor bei der Auswahl des Vorgehensmodells zu berücksichtigen. In einigen Branchen existieren spezifische Vorgaben oder Richtlinien für die Entwicklung von Produkten oder Dienstleistungen, die bei der VM-Auswahl beachtet werden sollten. In Branchen, in denen sicherheitskritische Produkte (z.B. Medizintechnik) entwickelt werden, werden traditionelle Methoden der Qualitätssicherung des Wasserfall- oder V-Modells vorausgesetzt. Hybride Vorgehensmodelle können in diesem Kontext herangezogen werden, die Agilität zu unterstützen, sofern dies gewünscht ist (vgl. Timinger 2021, S. 204).

Projektgegenstand: Gemäß Timinger (2021, S. 204) ist der Projektgegenstand ein starker Indikator für die Wahl eines geeigneten Vorgehensmodells. Anhand der Stacey-Matrix und des Cynefin-Frameworks wird ersichtlich, dass agiles, iteratives oder inkrementelles Vorgehen vor allem für komplexe Projekte geeignet ist. Allerdings setzt diese Arbeitsweise eine zyklische Entwicklung des Projektgegenstands voraus. Als alternative Vorgehensweise kann bei komplexen Projektgegenständen, die für eine iterative Arbeitsweise nicht geeignet sind, Kanban gewählt werden, da dieses Modell keine Zyklen vorsieht (vgl. Timinger 2021, S. 204).

Strukturiertes Vorgehen bei der Wahl eines Vorgehensmodells

Des Weiteren schlägt Timinger (2017, S. 263) ein strukturiertes Vorgehen bei der Wahl eines unternehmensindividuellen Vorgehensmodells vor. Dieses umfasst folgende Schritte:

  1. Analyse der spezifischen Unternehmenssituation und der Projekte innerhalb des Unternehmens (vgl. Timinger 2017, S. 263);

  2. Ermittlung von Kriterien auf Basis der vorangegangenen Analyse, die für die Bewertung eines Vorgehensmodells relevant sind (vgl. Timinger 2017, S. 263);

  3. Formulierung von Zielen, die ein neues Vorgehensmodell (traditionell, agil oder hybrid) erfüllen muss (vgl. Timinger 2017, S. 263);

  4. Erarbeitung von mehreren Lösungsalternativen. Dabei sollten auch unvertraute Vorgehensmodelle berücksichtigt werden (vgl. Timinger 2017, S. 263);

  5. Auswahl derjenigen Lösungsalternative, welche die Ziele und Kriterien am besten erfüllt (vgl. Timinger 2017, S. 263);

  6. Nachhaltige Einführung des ausgewählten Vorgehensmodells im Unternehmen (vgl. Timinger 2017, S. 263);

8.5.6 Der Kompass für hybrides Projektdesign (Dittmann & Zaeri)

Nach Dittmann & Zaeri (2023, S. 18-19) erfordern die dynamischen Anforderungen moderner Projekte ein flexibles Projektdesign, das sowohl die Integration von plangetriebenen und/oder wertgetriebenen Ansätzen als auch eine kontinuierliche Anpassung ermöglicht. Der von Dittmann & Zaeri (2023, S. 19) entwickelte Kompass soll als zentrales Modell zur Orientierung und zum Verständnis der verschiedenen Dimensionen dienen, die die Auswahl des Projektdesigns beeinflussen. Das Kompass-Modell ( Abbildung 2.34) ist ein ganzheitlicher Ansatz, der unterschiedliche Aspekte des Projektdesigns anhand von vier Dimensionen („Himmelsrichtungen“) strukturiert:

  • Der Norden: Mindset und Haltung;

  • Der Osten: Organisation;

  • Der Westen: Technik und Methoden;

  • Der Süden: Praktische Erfahrungen (vgl. Dittmann & Zaeri 2023, S. 19).

Durch die Anwendung des Kompasses soll sichergestellt werden, dass sowohl die Organisationsbedingungen als auch die spezifischen Anforderungen des Projekts reflektiert und angepasst werden, um den besten Ansatz für jede Situation zu finden. Dabei sollen stets alle Dimensionen berücksichtigt werden (vgl. Dittmann & Zaeri 2023, S. 102).

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Abbildung 2.34: Das Kompass-Modell nach Dittmann & Zaeri (2023)
(Quelle: Dittmann & Zaeri 2023, S. 102)

Der Norden (Mindset und Haltung)

Diese Richtung betont die Bedeutung der Einstellung und der Werte innerhalb einer Organisation für den Projektdesign-Erfolg. Sowohl das Mindset der Projektbeteiligten als auch die Organisationskultur spielen dabei eine entscheidende Rolle (vgl. Dittmann & Zaeri 2023, S. 102-103). Dabei sprechen Dittmann & Zaeri (2023) folgende Empfehlungen aus:

  • Mindset: Sowohl das agile Mindset (Flexibilität und Anpassungsfähigkeit) als auch das traditionelle Mindset (Planung, Struktur und Kontrolle) sind relevant und sollen je nach spezifischen Anforderungen eines Projekts berücksichtigt werden (vgl. Dittmann & Zaeri 2023, S. 102, 117-118).

  • Agilität: Vor Projektbeginn sollte festgelegt werden, wie viel Agilität benötigt wird und wie viel Aufwand und Ressourcen in die Entwicklung eines entsprechenden Mindsets investiert werden soll (vgl. Dittmann & Zaeri 2023, S. 117-118).

  • Auswahl eines geeigneten Vorgehensmodells: Die Auswahl eines passenden Frameworks sollte sowohl auf den Projektanforderungen als auch auf den Führungsqualitäten der Projektmitarbeiter:innen basieren. Bei der Umstellung auf ein agiles Framework ist es wichtig, die Förderung der Selbstorganisation und die Verantwortungsdelegation im Team schrittweise vorzunehmen (vgl. Dittmann & Zaeri 2023, S. 129-130).

  • Erfolgsfaktoren: Führungskräfte sollten als Partner agieren und Vertrauen aufbauen, anstatt autoritär zu handeln. Eine enge Zusammenarbeit, klare Kommunikation und die Einbindung der Mitarbeiter:innen in die Selbstorganisation sind entscheidend für den Projekterfolg (vgl. Dittmann & Zaeri 2023, S. 131-132).

Osten (Organisation)

Der Osten befasst sich mit dem Zusammenspiel zwischen Linien- und Projektorganisationen (vgl. Dittmann & Zaeri 2023, S. 19).

Die Abstimmung zwischen Linien- und Projektorganisationen ist entscheidend für den Erfolg beider Strukturen. Projekte werden oft aus der Linie heraus initiiert und nach Abschluss wieder in die Linie integriert. Eine sorgfältige Wahl der Projektorganisationsform ist essenziell um Konflikte zu vermeiden (vgl. Dittmann & Zaeri 2023, S. 150).

Die Hauptunterschiede zwischen Linien- und Projektorganisationen in projektorientierten Unternehmen betreffen ihre Ziele, Organisation und Organisationskultur:

  • Ziele:

    • Linienorganisation: Fokus auf Prozesse mit gleichbleibender oder verbesserter Qualität;

    • Projektorganisation: Ziel ist es, Neues zu entwickeln, komplexe Probleme zu bewältigen und spezifische, einmalige Ergebnisse zu erzielen (vgl. Dittmann & Zaeri 2023, S. 153).

  • Aufbau- und Ablauforganisationen:

    • Linienorganisation: Hierarchische Strukturen und definierte Arbeitsprozesse;

    • Projektorganisation: Flexible Strukturen, die auf Innovation und Veränderung ausgerichtet sind (vgl. Dittmann & Zaeri 2023, S. 154).

  • Organisationskultur:

    • Linienorganisation: Ausgerichtet auf Effizienz und Kontinuität;

    • Projektorganisation: Fokussiert auf Innovation und Veränderung,

    • Die Unterschiedliche Ausrichtung führt oft zu zwei unterschiedlichen "Kulturen" (vgl. Dittmann & Zaeri 2023, S. 154).

Sowohl die Linienorganisation als auch die Projektorganisation sind unverzichtbar und müssen sorgfältig aufeinander abgestimmt werden. Je nach Innovationsgrad und Komplexität kann die Projektorganisation entweder klassisch oder agil gestaltet sein (vgl. Dittmann & Zaeri 2023, S. 154).

Während herkömmliche Linien- und Projektorganisationen keine umfassende "Übersetzungsarbeit" erfordern, ist bei hybriden Projekten, die sowohl klassische als auch agile Elemente integrieren, eine intensive Kommunikation und Aufklärung notwendig. Agile Rollen müssen im traditionellen Umfeld erklärt und integriert werden, und die unterschiedlichen Begriffe und Methoden müssen den Beteiligten verständlich gemacht werden. (vgl. Dittmann & Zaeri 2023, S. 154-155).

Ungeklärte Rollen und Aufgabenverteilungen führen häufig zu Konflikten. Eine klare Rollenklärung ist daher entscheidend.

Für den Erfolg hybrider Projektsituationen sind enge Zusammenarbeit, Kommunikation und das Verständnis der unterschiedlichen Systeme (Linien- und Projektorganisationen) entscheidend. Geeignete Schulungen und erfahrene Fachkräfte sind erforderlich, um die Unterschiede zwischen klassischen und agilen Ansätzen zu überbrücken (vgl. Dittmann & Zaeri 2023, S. 155).

Darüber hinaus ist eine eindeutige Rollenklärung von entscheidender Bedeutung, da unklare Rollen und Aufgaben oft Quellen für Konflikte im organisatorischen Kontext sind (vgl. Dittmann & Zaeri 2023, S. 157).

Westen (Technik und Methoden)

Der Westen befasst sich mit der Gegenüberstellung von klassischen und agilen Techniken und Methoden im Projektmanagement und ihre Anwendung in der Praxis. Diese Richtung bietet Unterstützung bei der Auswahl und Anwendung von passenden Werkzeugen und Techniken für hybride Projekte. Es wird betont, dass die Durchführung eines Projektes sowohl theoretische Kenntnisse als auch ihre korrekte praktische Anwendung erfordert (vgl. Dittmann & Zaeri 2023, S. 176).

Die Integration von klassischen und agilen Methoden ist notwendig, um den spezifischen Anforderungen eines Projekts gerecht zu werden. Dies kann bedeuten, dass verschiedene Methoden je nach Projektphase oder -anforderung kombiniert werden (vgl. Dittmann & Zaeri 2023, S. 192-193).

Süden (Praktische Erfahrungen)

Der Süden steht für die praktische Implementierung und Durchführung des Projektdesigns (vgl. Dittmann & Zaeri 2023, S. 235) und beschäftigt sich mit der Frage „was wollen wir mit der Einführung von professionalisiertem und standardisiertem Projektmanagement […] erreichen?“ (Dittmann & Zaeri 2023, S. 245).

Dabei wird ein konkretes Projekt-Beispiel im Finanzbereich aus der Perspektive des hybriden Ansatzes analysiert und der Einsatz des Kompasses in einem konkreten Beratungsprojekt für ein Start-up-Unternehmen erläutert (vgl. Dittmann & Zaeri 2023, S. 235, 244). 

Anhand des Projekts aus der Finanzbranche werden einige kritische Erfolgsfaktoren für hybride Projekte erläutert. Diese sind (vgl. Dittmann & Zaeri 2023, S. 241-243):

  • Rechtliche Vorgaben: Klassische Herangehensweise und Integration in das Backlog;

  • Risikoanalyse: Klassische Herangehensweise nach Grundsätzen der IPMA®; Präventive Maßnahmen – Einbindung in das Stakeholdermanagement oder Integration in das Backlog;

  • Abnahmeprozesse: Klassisch definierte Abnahmeprozesse zur Sicherstellung der Compliance;

  • Implementierungsphase: Agile Herangehensweise (Scrum) zur Vereinheitlichung und Umsetzung der Prozesse;

  • Teamstabilisierung: Sicherstellung eines stabilen Scrum-Teams ohne häufigen Personalwechsel;

  • Reviews: Reviews führten zur Steigerung der Motivation der internen Kund:innen.

Im Rahmen des Projektes aus der Finanzbranche wird auch ein konkretes Vorgehen bei der Auswahl und Implementierung des Projektdesigns vorgestellt:

  • Gezielte Komplexitätsreduktion: Die initiale Entscheidung des Unternehmens, das Projekt mit Scrum umzusetzen, führte zu einer signifikanten Erhöhung des Komplexitätsgrades und der Entstehung chaotischer Zustände in der Anfangsphase. Maßnahmen zur gezielten Komplexitätsreduktion, wie die Aufteilung in klassische und agile Projektphasen sowie regelmäßige Retrospektiven stabilisierten das Projekt und förderten den „emergenten Zustand“ des Systems (vgl. Dittmann & Zaeri 2023, S. 243).

  • Analyse der Systemkomplexität: Anhand des Diamantmodells (Shenhar und Dvir 2007) wurde eine dem Projektbedarf entsprechende Kombination klassischer und agiler Phasen ermittelt (vgl. Dittmann & Zaeri 2023, S. 243).

  • Projekt als soziales System: Mithilfe von Scrum Master:innen wurde das Projekt als soziales System geformt. Durch intensive Kommunikation und gezielte Bewusstseinsarbeit wurde das Projekt erfolgreich auf die Projektziele ausgerichtet. Dies umfasste die Sensibilisierung des oberen Managements, die Unterstützung der:des Product Owner:in sowie die Durchführung von Reviews in den Fachabteilungen (vgl. Dittmann & Zaeri 2023, S. 243).

8.5.7 Bewertungsverfahren konkreter Vorgehensmodelle (Berg et al.)

Berg et al. (2014, S. 40) bewerten eine Auswahl von konkreten Modellen hinsichtlich einer Reihe von modellinhärenten Eigenschaften. Bei dem Vergleich zwischen Vorgehensmodellen wird geprüft, ob ein VM die gewählten Kriterien erfüllt. Ziel der Bewertung ist die Eignung von Modellen für Festpreisprojekte zu ermitteln.

Folgende Eigenschaften wurden berücksichtigt (vgl. Berg et al. 2014, S. 40 ff.):

  • Strukturierung in Phasen

  • Skalierbarkeit

  • Flexibilität

  • Vorgehen

  • Methoden

  • Werkzeuge

  • Unterstützende Prozesse

  • Praxisnähe

  • Risikosteuerung

  • Qualitätssicherung

Die von Berg et al. (2014) angewandten Bewertungskriterien werden anschließend zusammenfassend erläutert (vgl. Berg et al. 2014, S. 41).

Strukturierung in Phasen

Ein Phasenmodell innerhalb eines Vorgehensmodells strukturiert das Projekt und ermöglicht dessen Realisierung „mit festem Endzeitpunkt, definiertem Funktionsumfang und vorgegebenem Budget“ (Berg et. al. 2014, S. 41).

Nach Berg et. al. (2014, S. 41) bieten Modelle wie das V-Modell und RUP eine klare Phasenstruktur, die gut für große Projekte mit festen Zielen geeignet ist. Agile Methoden wie XP und Scrum konzentrieren sich laut Berg et. al. (2014, S. 41) auf den Prozess der Softwareerstellung. Sie sind iterativ und flexibel, jedoch weniger geeignet für Festpreisprojekte wegen der Herausforderungen bei Aufwandsschätzung und Vertragsgestaltung (vgl. Berg et. al. 2014, S. 42).

Skalierbarkeit

Die Skalierbarkeit von Vorgehensmodellen hängt von folgenden Faktoren ab:

  • „Produktarchitektur,

  • Entwicklungsprozess,

  • Unternehmensorganisation,

  • Teamgröße,

  • Abzuliefernde Funktionalität zu einem festen Zeitpunkt“ (Berg et. al. 2014, S. 43).

Empirische Untersuchungen von Stephens und Rosenberg (2003, zitiert in Berg et. al. 2014, S. 43) zeigen, dass agile Ansätze für Großprojekte weniger geeignet sind. Phasenorientierte Modelle wie das V-Modell sind trotz Möglichkeiten des Tailorings aufgrund der umfangreichen Dokumentation aller Prozesse und Methoden für verschiedene Projektgrößen schwierig anzupassen (vgl. Berg et. al. 2014, S. 43). Stephens und Rosenberg (2003, zitiert in Berg et. al. 2014, S. 43) sowie Henrich (2002, zitiert in Berg et. al. 2014, S. 43) empfehlen, die Wahl des Vorgehensmodells anhand der Projektgröße zu treffen. Schwaber (2004, zitiert in Berg et. al. 2014, S. 43) zeigt, dass große Projekte durch die Aufteilung in kleinere Teams handhabbar gemacht werden können, was jedoch erhebliche Koordinationsaufwände erfordert.

Vorgehen und Flexibilität

Die Flexibilität eines Vorgehensmodells wird durch sein zugrunde liegendes Vorgehen (sequentiell, iterativ, etc.) bestimmt (vgl. Berg et. al. 2014, S. 44).

Phasenorientierte Modelle reagieren weniger flexibel auf kurzfristige Veränderungen als agile Ansätze und sind besser geeignet, wenn die Stakeholder:innen definierte Anforderungen auf einer stabilen Basis bereitstellen können (vgl. Berg et. al. 2014, S. 44). Berg et al. zufolge (2014, ebd.) liegen die Einschränkungen der phasenorientierten Vorgehensmodelle weniger in ihrer Flexibilität als vielmehr in ihrem sequentiellen Charakter, der eine Reaktion auf kurzfristige Änderungen erschwert.

Darüber hinaus bieten agile Ansätze aufgrund ihres iterativen Vorgehens, Vorteile durch bessere Anpassungsfähigkeit und frühere Wertschöpfung für die Organisation. Im Gegensatz dazu setzen phasenorientierte Modelle auf langfristige Planung und formalisierte Anforderungen, was dazu führen kann, dass der Wert später realisiert wird (vgl. Berg et. al. 2014, S. 44).

Die Flexibilität von agilen Ansätzen birgt jedoch das Risiko, dass dadurch eine schlechte Architektur entstehen kann, was später zu hohen Refactoring-Aufwänden führen könnte. Aus diesem Grund sind sequenzielle Modelle für nichtfunktionale Anforderungen wie Sicherheit oder restriktive Standards besser geeignet, da sequentielles Vorgehen mit formalen Dokumentationen diese Standards zuverlässig erfüllen kann (vgl. Berg et. al. 2014, S. 44).

Methoden

Methoden in der Softwareentwicklung sind systematische Vorgehensweisen, die als Grundlage für Techniken und Werkzeuge in einem Vorgehensmodell dienen. Ihre Praktikabilität ist entscheidend und muss sorgfältig geprüft werden. Beispielsweise könnte eine Methode wie Shared Code bei XP in Großprojekten zu Chaos führen (vgl. Berg et. al. (2014, S. 46).

Folgende Methoden werden von Berg et. al. (2014, S. 46) als praxistauglich erachtet und werden als Grundlage für hybride Modelle berücksichtigt:

  • Requirements Engineering

  • Kosten- und Aufwandsabschätzung

  • Nutzenanalyse

  • Prototyping und Feedbackmechanismen

  • Test-Driven Development

  • Acceptance Test-driven Development

  • Continuous Integration

  • Continuous Delivery

Methoden, die für Festpreisprojekte wie Kosten- und Nutzenanalyse erforderlich sind, fehlen in agilen Modellen wie Scrum und XP, während das V-Modell auf klassische Projektmanagementmethoden zurückgreift (vgl. Berg et. al. (2014, S. 46).

Zusammenfassend folgern Berg et. al. (2014, S. 46), dass weder ein agiler noch ein phasenorientierter Ansatz allein einem:er industriellen Softwareentwickler:in einen vollständigen Methodenansatz für Festpreisprojekte zur Verfügung stellt.

Werkzeuge

Werkzeuge unterstützen die Anwendung von Methoden und Techniken und fungieren als Steuerungselemente. Werkzeuge sollten jedoch nur im Falle von „gesetzliche[n] oder regulatorische[n] Anforderungen eines Projekts“ fest vorgeschrieben werden, da sie sonst die kreative Freiheit einschränken können (Berg et. al. 2014, S. 47).

Die Verwendung mancher Vorgehensmodelle wie beispielweise des V-Modells ist jedoch ohne eine geeignete Computerunterstützung nicht möglich. Aus diesem Grund sollte die Auswahl von Werkzeugen für jedes Projekt individuell erfolgen (vgl. Berg et. al. 2014, S. 47).

Generell sind für moderne Projekte Werkzeuge wie das Daily Build und das Defect Reporting Tool empfehlenswert. Letzteres wird zur Erfassung und Dokumentation von Defekten der Software angewendet und im Falle von agilen Projekten auch zur Erfassung von neuen Anforderungen (vgl. Berg et. al. 2014, S. 47).

Unterstützende Prozesse

In der Betriebswirtschaftslehre stellen unterstützende Prozesse betriebliche Abläufe dar, die die Kernprozesse unterstützen, aber nicht direkt zur Wertschöpfung beitragen und aus der Organisation ausgelagert werden können (vgl. Berg et. al. 2014, S. 48).

Sowohl agile als auch phasenorientierte Modelle verwenden unterstützende Prozesse wie Qualitätssicherung, Konfigurationsmanagement und Projektmanagement. Agile Ansätze integrieren diese Prozesse eng in die Entwicklung, während phasenorientierte Modelle eine mögliche Auslagerung vorsehen (vgl. Berg et. al. 2014, S. 48).

Das V-Modell verwendet folgende unterstützende Prozesse: Qualitätssicherung, Konfigurationsmanagement und Projektmanagement. Diese können externen Partnern übertragen werden, was unter Umständen auch zur Erhöhung der Komplexität von Projekten führen kann, da beispielsweise zusätzliche Kommunikationsschnittstellen notwendig sind (vgl. Berg et. al. 2014, S. 48).

Agile Vorgehensmodelle erfordern eine enge Kollaboration zwischen Arbeitnehmer:innen und Arbeitgeber:innen. Die verschiedenen Rollen und Prozesse sind jedoch stark miteinander verbunden, sodass sich eine klare Trennung zwischen internen und externen Prozessen als schwierig erweist (vgl. Berg et. al. 2014, S. 48). Im Falle von Scrum übernimmt das agile Team sowohl das Konfigurationsmanagement als auch das Projektmanagement. Letzteres wird von der:dem Scrum Master:in und/ oder von dem:der Product Owner:in durchgeführt. Die Qualitätssicherung stellt einen inhärenten Bestandteil der agilen Softwareentwicklung dar (vgl. Berg et. al. 2014, ebd.).

Praxisnähe

Die Akzeptanz und Praxisnähe eines Vorgehensmodells werden anhand der Häufigkeit seiner Nutzung gemessen. „Je häufiger ein Modell in Projekten angewendet wird, desto praxisnäher ist es“ (Berg et. al. 2014, S. 42). In der Praxis akzeptierte Modelle sind laut Studien das Wasserfallmodell, das V-Modell, Scrum und XP, da sie wesentliche Unterstützung bei der Organisation und Arbeit bieten (vgl. Berg et. al. 2014, S. 42).

Risikomanagement

Im Risikomanagement werden Strategien zur Bewältigung von Risiken festgelegt und Maßnahmen zur Erkennung, Bewertung, Kontrolle und Prävention entwickelt (vgl. Berg et al. 2014, S. 49). Agile Ansätze, wie zum Beispiel Sprints, zielen darauf ab, Risiken in Softwareprojekten durch kurze Iterationen zu minimieren. Dabei werden jedoch nicht alle Phasen des Risikomanagements abgedeckt (vgl. Berg et al. 2014, ebd.).

Berg et al. (2014) betonen, dass sowohl in agilen als auch in phasenorientierten Projekten ein umfassendes Risikomanagement erforderlich ist, wie zahlreiche Untersuchungen belegen. Daher sollte in jedem Softwareprojekt ein strukturierter Risikomanagementprozess etabliert werden. Es wird zudem empfohlen, den klassischen Risikomanagementprozess parallel zu agilen Methoden zu integrieren, um eine umfassende Risikoanalyse sicherzustellen. Diese Analyse kann bei phasenorientierten Methoden nach Abschluss jeder Phase und bei agilen Ansätzen nach jeder Iteration vorgenommen werden (vgl. Berg et al. 2014, S. 49).

Qualitätssicherung

Die Qualitätssicherung in Softwareprojekten umfasst interne und externe Aspekte. Interne Qualitätssicherung liegt in der Verantwortung der Projektmitarbeiter:innen, während externe durch unabhängige Expert:innen erfolgt. Eine Vernachlässigung der Qualitätssicherung kann zu einer unzureichenden Umsetzung des Qualitätsmanagements führen (vgl. Berg et. al. 2014, S. 49).

Folgende Kritikpunkte werden in Bezug auf traditionelle Qualitätssicherungsverfahren aufgeführt: Sie haben einen starken Fokus auf Prozesse, der jedoch für die Sicherstellung der Produktqualität unzureichend ist. Zudem konzentriert sich die Standardisierung von Prozessen vor allem auf komplexe Szenarien, was für kleinere und mittlere Softwareprojekte oft zu umfangreich ist. Darüber hinaus erfordern externe Audits eine ausführliche Dokumentation, was oft als belastend und bürokratisch empfunden wird (vgl. Berg et. al. 2014, S. 49).

Im Gegensatz dazu liegt in agilen Projekten der Schwerpunkt weniger auf der Dokumentation, sondern vielmehr auf der Erzielung von "funktionalen und schnellen Ergebnissen" (Berg et al., 2014, S. 50). Dennoch sind Spezifikationen für die Qualitätssicherung und „die langfristige Dokumentation von Designentscheidungen“ wichtig " (Berg et al., 2014, S. 50). In agilen Projekten stellt die Qualitätssicherung kein separater Prozess dar. Stattdessen werden Tests von den Entwicklern durchgeführt. Die Dokumentation des Designs erfolgt in Form von Code-Kommentaren. Durch ein spezielles Qualitätssicherungsteam kann eine Reduktion potenzieller Fehler und eine Optimierung des Entwicklungsprozesses erreicht werden (Berg et al., 2014, S. 50).

Übersicht der bewerteten Modelle

Abschließend wird die von Berg et al. (2014) durchgeführte Bewertung für das Wasserfallmodell, V-Modell, XP und Scrum tabellarisch dargestellt (s. Tabelle 2.8).

Kriterium

Wasserfallmodell

V-Modell

XP

SCRUM

Phasenmodell

Skalierbarkeit

Flexibilität

Vorgehen

Sequentiell

Sequentiell

Iterativ

Iterativ

Methoden

-

Werkzeuge

Unterstützende Prozesse

Praxisnähe

Risikosteuerung

Qualitätssicherung

Erfüllt

– Nicht erfüllt

∗ mit Einschränkungen

Tabelle 2.8: Bewertung von Modellen auf Basis inhärenter Eigenschaften
Quelle: Berg et al. (2014, S. 51)

Berg et al. (2014, S. 50) folgern, dass sowohl rein traditionelle als auch rein agile Vorgehensmodelle für Festpreisprojekte eher ungeeignet sind. Die Rahmenbedingungen solcher Projekte können viel besser durch ein hybrides Modell abgedeckt werden (vgl. Berg et al. 2014, S. 89).

Damit ein Festpreis für die Umsetzung vereinbart werden kann, empfehlen Berg et al. (2014, S. 89) eine Erfassung aller Anforderungen in Zusammenarbeit mit den Kund:innen zu Projektbeginn. Darauf folgend kann die Entwicklungsphase iterativ durchgeführt werden. Jede Iteration sollte mit einem Test und Feedback seitens der Kund:innen abgeschlossen werden um Fehlentwicklungen vorzubeugen (vgl. Berg et al. 2014, S. 89).

Unternehmenskultur

Des Weiteren gehen Berg et al. (2014, S. 45 ff.) auf die Bedeutung des Faktors „Unternehmenskultur“ im Zusammenhang mit der Auswahl von Vorgehensmodellen ein. Linssen (2010, zitiert in Berg et al. 2014, S. 45) untersuchte die Auswirkungen agiler Ansätze und stellte fest, dass „der reine Einsatz von agilen Ansätzen in Unternehmen erhebliche organisatorische Veränderungen erfordert“.

Aufgrund von fehlender klarer Arbeitsteilung und Spezialisierung liegen hohe Anforderungen an die Qualifikation und das Selbstmanagement des Teams vor. Die Koordination erfolgt durch Selbstabstimmung und Entscheidungsbefugnisse werden aufgrund der engen Zusammenarbeit mit der Kund:innen auf das Team übertragen (vgl. Berg et al. 2014, S. 45-46). Folglich bedeutet die Einführung agiler Modelle eine Anpassung der Organisationskultur. Dabei werden gut qualifizierte und selbstorganisierte Mitarbeiter:innen mit ausgeprägten Soft-Skills vorausgesetzt (vgl. Berg et al. 2014, S. 46).

In Großprojekten steigt zudem die Komplexität der Teamkoordination, was mit einer tiefergreifenden Organisationumstellung verbunden ist, um eine effiziente Führung von agilen Teams zu gewährleisten (vgl. Berg et al. 2014, S. 51).

Laut Berg et al. (2014, S. 51) kann die Notwendigkeit einer kompletten Umstellung der Organisationskultur vermieden werden, indem agile Ansätze in einem traditionellen Rahmen integriert werden, wie dies bei den hybriden Vorgehensmodellen der Fall ist.

8.6 Erfolgsfaktoren bei der Auswahl von VM-Modellen

8.6.1 Vorgehensweise

Basis für das theoretische Modell

Ausgehend vom grundlegenden Denkmodell der Erfolgsfaktorenforschung, das besagt, dass „einige wenige Erfolgsfaktoren existieren, die den langfristigen Erfolg maßgeblich beeinflussen“ (Baumgarth & Evanschitzky 2009, S. 237), wird in der vorliegenden Arbeit angenommen, dass es eine Anzahl von Auswahlkriterien gibt, die erfolgskritisch bei der Entscheidung für ein geeignetes Vorgehensmodells sind. Eine Nichtberücksichtigung dieser Erfolgsfaktoren würde zur Auswahl eines nicht geeigneten Vorgehensmodells führen und somit nicht zum „richtigen“ Projektmanagement-Modell für ein IT-Projekt.

Dem Forschungsprozess der Erfolgsfaktorenforschung folgend, soll im ersten Schritt ein theoretisches Erfolgsfaktorenmodell abgeleitet werden, das auf bestehenden Theorien und bisherigen Forschungsergebnissen in der wissenschaftlichen Literatur basiert (vgl. Baumgarth & Evanschitzky 2009, S. 241).

In der wissenschaftlichen Literatur werden häufig verschiedene entscheidende Faktoren bei der Auswahl eines geeigneten Vorgehensmodells aufgeführt. Beispielsweise betonen Hansen et al. (2019, S. 367) die Projektgröße und -dauer, das Ausmaß der Präzision der Anforderungen sowie die Anzahl der erforderlichen Mitarbeitenden als wesentliche Faktoren, während (Tiemeyer 2018, S. 291) neben der Projektgröße auch die Komplexität des Projekts und dessen spezifische Ziele und Anforderungen hervorhebt.

Während in der Fachliteratur Einigkeit darüber besteht, dass ein VM nicht als allgemeingültig angesehen werden kann (vgl. Hansen et al. 2019, S. 367, Lemétayer 2010, S. 1), gibt es keinen Konsens über die relative Bedeutung dieser Faktoren, darüber, wie diese zu messen sind, und über die Intensität ihrer Auswirkungen auf den Projekterfolg (vgl. Lemétayer 2010, S. 34).

Um eine möglichst umfassende Zusammenstellung der potenziellen Erfolgsfaktoren zu erzielen und somit dem Denkmodell der Erfolgsfaktorenforschung gerecht zu werden (vgl. Baumgarth & Evanschitzky 2009, ebd.), soll daher zunächst eine quantitative Inhaltsanalyse durchgeführt werden.

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird eine Häufigkeitsanalyse zur Ermittlung des theoretischen Erfolgsmodells gewählt. Anhand der Häufigkeitsanalyse sollen die potenziellen Top-10-Erfolgsfaktoren aus theoretischer Sicht identifiziert werden, um die theoretische Grundlage für die Beantwortung der ersten Forschungsfrage dieser Arbeit zu schaffen:

  • FF01: Welche in der wissenschaftlichen Literatur diskutierten Erfolgsfaktoren bei der Auswahl von Projektmanagementmodellen sind im Kontext des IT-Projektmanagements in deutschen Großunternehmen der Softwarebranche besonders relevant?

Häufigkeitsanalyse

Bei einer Häufigkeitsanalyse wird ein Kategoriensystem ausgewertet, indem im einfachsten Fall ein Merkmal mit entsprechenden Ausprägungen pro Text einzeln ausgezählt werden. Dabei werden die Zählergebnisse in einer Tabelle eingetragen (vgl. Bortz & Döring 2007, S. 151). Im Falle der Auswahl eines geeigneten Vorgehensmodells wäre es sinnvoll auszuzählen, wie oft verschiedene Autor:innen ein bestimmtes Auswahlkriterium nennen. Die Häufigkeit der Nennung in der analysierten Literatur kann dabei als Indikator für die Intensität der Auseinandersetzung der wissenschaftlichen Literatur mit einem bestimmten Erfolgsfaktor bei der Auswahl eines geeigneten Vorgehensmodells interpretiert werden (vgl. Bortz & Döring 2007, S. 152).

Die für die Häufigkeitsanalyse relevante Literatur wurde anhand einer systematischen Literaturanalyse identifiziert, die im Folgenden näher erläutert wird.

Systematische Literaturanalyse

Um die relevanten Quellen für die deutsche Softwarebranche zu identifizieren, wurde dabei eine umfassende Literaturrecherche in der Datenbank Google Scholar mit diversen Keyword-Kombinationen wie z.B. „Auswahlkriterien AND Vorgehensmodelle AND Softwareentwicklung“, „IT-Projektmanagement“, „Vorgehensmodelle AND Softwareentwicklung“ und „Auswahlkriterien AND Vorgehensmodelle AND Softwareentwicklung“ usw. durchgeführt.

Da es angestrebt wurde, den aktuellen Forschungsstand widerzugeben, wurde zu jeder Keyword-Kombination in Google Scholar nach deutschsprachigen Quellen ab Jahre 2000 nach Relevanz sortiert gesucht. Um die Suche pro Keyword-Kombination etwas einzuschränken wurden nur die Abstracts der ersten 70 Treffer sortiert nach Relevanz reviewt. Dabei wurden Bachelor- und Masterarbeiten ausgeschlossen.

Die ausgewählten Ergebnisse nach Abstract-Review wurden dann in digitaler oder gedruckter Form besorgt. Ein Teil der Quellen konnte jedoch nicht gefunden werden und konnte somit nicht für die weitere Analyse herangezogen werden.

Im Rahmen des Inhaltsreviews stellten sich weitere Ergebnisse als ungeeignet heraus und wurden aussortiert. Die ausgewählten Ergebnisse nach dem Inhaltsreview wurden schließlich als Quellen für die Häufigkeitsanalyse berücksichtigt.

8.6.2 Ergebnisse der systematischen Literaturanalyse

Tabelle 2.9 fasst die Ergebnisse der systematischen Literaturanalyse zusammen.

Insgesamt wurden 52 Quellen identifiziert, die sich mit den Auswahlkriterien von Vorgehensmodellen in der Softwarebranche befassen. Die vollständige Liste der im Rahmen der systematischen Literaturanalyse ermittelten Quellen ist in Anhang 1 aufgeführt.

 

 

Ergebnisse in Google Scholar*

 

Keywords

Gesamt

Berück-sichtigt für Abstract Review**

Ausgewählte Ergebnisse nach Abstract-Review

Quelle nicht gefunden

Berück-sichtigt für Inhalts-review**

Ausgewählte Ergebnisse nach Inhalts-review

Berück-

sichtigt für die Häüfigkeits-

analyse

 

Summe

10998

473

176

77

99

52

52

1

allintitle: "Auswahl von Vorgehensmodellen"

5

5

5

2

3

3

3

2

Auswahl von Vorgehensmodellen AND Cynefin-Framework

38

38

5

2

3

3

3

3

Auswahl von Vorgehensmodellen AND Stacey-Matrix

48

48

7

3

4

4

4

4

Auswahlkriterien AND Vorgehensmodelle AND Softwareentwicklung

443

70

5

4

1

1

1

5

IT-Projektmanagement

1370

70

51

27

24

8

8

6

Erfolgsfaktoren AND Auswahl AND planbasierte Vorgehensmodelle

32

32

6

3

3

0

0

7

Erfolgsfaktoren AND Auswahl AND hybride Vorgehensmodelle

982

70

29

8

21

10

10

8

Erfolgsfaktoren AND Auswahl AND agile Vorgehensmodelle

1010

70

29

13

16

6

6

9

Vorgehensmodelle AND Softwareentwicklung

7070

70

39

15

24

17

17

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Legende

 

 

 

 

 

 

 

 

* Quellen in Google Scholar ab Jahre 2000 sortiert nach Relevanz

 

 

 

 

** Review der ersten 70 Treffer sortiert nach Relevanz ab Jahre 2000

 

 

*** Bachelor- & Masterarbeiten wurden nicht berücksichtigt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tabelle 2.9: Systematische Literaturanalyse
(eigene Darstellung)

Die ermittelten 52 Quellen bildeten die Grundlage für die Identifizierung der Erfolgsfaktoren bei der Auswahl von Projektmanagementmodellen im Kontext des IT-Projektmanagements in deutschen Großunternehmen der Softwarebranche.

8.6.3 Ergebnisse der Häufigkeitsanalyse

Aus den 52 Quellen konnten 97 Auswahlkriterien identifiziert werden, die jeweils zu folgenden 3 Hauptkategorien zugeordnet werden können: Projekt, Projektumfeld und Vorgehensmodell. Basierend auf der absoluten Häufigkeit des Kriteriums in den analysierten Quellen konnte ein Ranking vorgenommen werden (vgl. Tabelle 2.10).

Here is a picture
Tabelle 2.10: Häufigkeitsanalyse – Auszug
(Eigene Darstellung)

Die vollständige Tabelle zur Häufigkeitsanalyse kann im Anhang 2 der vorliegenden Arbeit eingesehen werden.

Das Ranking spiegelt die Intensität der Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Faktor wider und dient als Indikator seiner Relevanz im theoretischen Kontext. Anhand des Rankings konnten die Top-10-Erfolgsfaktoren bei der Auswahl eines geeigneten Vorgehensmodells in der Softwarebranche identifiziert werden.

Dabei handelt es sich um 2 vorgehensmodell-spezifische, 5 projekt-spezifische und 3 projektumfeld-spezifische Faktoren.

  • Vorgehensmodell-spezifische Erfolgsfaktoren:

    • EF01 Vorgehensmodell: Flexibilität & Anpassbarkeit

    • EF05 Vorgehensmodell: Projektspezifisches Tailoring

  • Projekt-spezifische Erfolgsfaktoren:

    • EF02 Projekt: Komplexität des Projekts

    • EF03 Projekt: Projektgröße - Anzahl der Mitarbeiter:innen

    • EF04 Projekt: Dynamik der Anforderungen

    • EF07 Projekt: Projekttyp

    • EF08 Projekt: Projektgröße – Projektdauer

  • Projektumfeld-spezifische Erfolgsfaktoren:

    • EF06 Projektumfeld: Unternehmenskultur & -mindset des:der Auftragnehmer:in

    • EF09 Projektumfeld: Qualifikationsgrad der Teammitglieder

    • EF10 Projektumfeld: Erwartete Beteiligung der Kund:innen.

Die Zuordnung der Faktoren zu den Kategorien Projekt und Projektumfeld erfolgte in Anlehnung an Paukner et al. (2018, S. 168), die projektspezifischen Parameter als durch den jeweiligen Projektauftrag festgelegt betrachten und Umgebungsfaktoren als von der Organisation vorgegeben ansehen. Unter vorgehensmodellspezifischen Parametern werden in der vorliegenden Arbeit Faktoren verstanden, die Charakteristika und Anforderungen eines Vorgehensmodells betreffen.

Die prozentuale Verteilung der Auswahlkriterien pro Häufigkeitsbereich wird in Abbildung 2.35 dargestellt.

Here is a picture
Abbildung 2.35: Auswahlkriterien – Prozentuale Verteilung pro Häufigkeitsbereich
(eigene Darstellung)

Die Ergebnisse zeigen, dass die Mehrheit der identifizierten Erfolgsfaktoren nur selten erwähnt wurde. Insgesamt 63 Faktoren wurden lediglich zwischen 1 und 4 Mal genannt (Häufigkeitsbereich HR04), was darauf hindeutet, dass diese Faktoren als weniger relevant angesehen werden.

16 Faktoren wurden etwas häufiger genannt, nämlich zwischen 5 und 9 Erwähnungen (Häufigkeitsrange HR03), was auf eine moderate Relevanz hinweist. 13 Faktoren wurden noch häufiger erwähnt, nämlich zwischen 10 und 19 Mal (Häufigkeitsrange HR02), was auf eine höhere Bedeutung dieser Faktoren schließen lässt.

Die höchste Erwähnungsfrequenz – zwischen 20 und 28 Erwähnungen (HR01) – wurde bei lediglich 5 Faktoren festgestellt. Diese Faktoren sind vermutlich von größter Bedeutung und werden als die wichtigsten Erfolgsfaktoren angesehen.

Insgesamt deutet die Verteilung der Erwähnungen darauf hin, dass es eine kleine Gruppe von Faktoren gibt, die als besonders entscheidend für den Projekterfolg betrachtet werden.

8.6.4 Das theoretische Erfolgsfaktorenmodell zur VM-Auswahl

Die Häufigkeitsanalyse ergab folgendes, in der Abbildung dargestelltes, theoretisches Erfolgsfaktoren-Modell zur Auswahl von geeigneten Vorgehensmodellen für IT-Projekte in der Softwarebranche.

Here is a picture
Abbildung 2.36: Das theoretische Erfolgsfaktorenmodell zur VM-Auswahl
(eigene Darstellung,
Abkürzungen im Diagramm: PU = Projektumfeld, P = Projekt, VM = Vorgehensmodell)

Die Ergebnisse zeigen eine signifikante Übereinstimmung zwischen den in dieser Arbeit ermittelten Erfolgsfaktoren und den bestehenden Modellen von Böhm und Turner (2009) sowie Timinger (2021). Fünf der hier identifizierten Erfolgsfaktoren (Teamgröße, Dynamik der Anforderungen, Qualifikationsgrad des Personals, Unternehmenskultur und Gefährdungspotenzial) sind sowohl im 5-Dimensionen-Erfolgsfaktorenmodell von Böhm & Turner (2009) als auch in Timingers (2021) Netzdiagramm-Modell enthalten, wobei der Faktor "Gefährdungspotenzial" in der vorliegenden Arbeit basierend auf den Ergebnissen der Kontingentanalyse eine geringere Bedeutung hat (Platz 16 im Ranking s. auch Anhang 2). Darüber hinaus stimmen auch die folgenden zwei weiteren Faktoren im theoretischen Erfolgsfaktorenmodell zur Auswahl von Vorgehensmodellen in der vorliegenden Arbeit mit Timingers Parametern überein: die Komplexität des Projekts und die Einbeziehung der Kund:innen.

Diese Übereinstimmungen unterstreichen die Relevanz der identifizierten Erfolgsfaktoren und bestätigen ihre Bedeutung für die Wahl eines geeigneten Vorgehensmodells in verschiedenen Projektsituationen.

Die gemäß der Theorie ermittelten Erfolgsfaktoren sollen als Basis für den empirischen Teil der vorliegenden Arbeit dienen. Anhand eines Online-Fragebogens soll dann ermittelt werden, inwieweit diese Faktoren von Projektmanager:innen bei der Auswahl von Projektmanagementmodellen für IT-Projekte in deutschen Großunternehmen der Softwarebranche in der Praxis angewendet werden.

Im Folgenden werden die im Rahmen dieser Arbeit anhand der Häufigkeitsanalyse ermittelten Top-10-Erfolgsfaktoren näher erläutert:

EF01 Vorgehensmodell: Flexibilität & Anpassbarkeit

Der primäre Erfolgsfaktor ist die für das Projekt erforderliche Flexibilität und Anpassbarkeit des Vorgehensmodells. Dies bezieht sich auf die Anforderungen des spezifischen Projektkontexts hinsichtlich der inhärenten Flexibilität und Anpassungsfähigkeit des Modells bzw. auf den Grad an Flexibilität und Anpassbarkeit, den das Vorgehensmodell für diesen Kontext erfüllen muss.

Anpassbarkeit wird von Fritzsche & Keil (2007, S. 7) als die Fähigkeit eines Vorgehensmodells zur Anpassung an den Projektkontext definiert. Dabei ist die Möglichkeit des Tailorings, sowie die Fähigkeit, auf Änderungen im Projekt zu reagieren besonders relevant (Fritzsche & Keil 2007, ebd.).

Die Flexibilität eines Vorgehensmodells wird durch seine zugrunde liegende Vorgehensstrategie (sequentiell, iterativ, etc.) definiert (vgl. Berg et. al. 2014, S. 44).

Agile Vorgehensmodelle zeichnen sich aufgrund ihres iterativ-inkrementellen Vorgehens durch höhere Flexibilität aus und erlauben kontinuierliche Anpassungen (vgl. Berg et. al. 2014, ebd., Brönimann & Bommer 2022, S. 124). Sie ermöglichen eine schnellere Reaktion auf Veränderungen, können jedoch schlechte Architektur und hohe Refactoring-Aufwände zur Folge haben (vgl. Berg et. al. 2014, ebd.).

Sequenzielle Modelle zeichnen sich durch eine starre Strukturierung aus und sind daher weniger flexibel gegenüber kurzfristigen Veränderungen (vgl. Berg et. al. 2014, S. 44, Brönimann & Bommer 2022, S. 124). Diese Modelle basieren auf langfristiger Planung und formalen Anforderungen und sind daher besser für nichtfunktionale Anforderungen wie Sicherheit und restriktive Standards geeignet, da sie diese Standards durch formale Dokumentationen zuverlässig erfüllen können (vgl. Berg et. al. 2014, ebd.).

EF02 Projekt: Komplexität des Projekts

Die Wahl eines Vorgehensmodells hängt maßgeblich auch vom Komplexitätsgrad des Projekts ab:

Planbasierte Vorgehensmodelle sind besonders für einfache Projekte geeignet, die sich durch klar definierte und übersichtliche Aufgabenstellungen auszeichnen. Da die Anforderungen und der Lösungsweg gut bekannt und stabil sind, ermöglichen diese Modelle eine präzise Planung und Ausführung. Dabei spielen Best Practices und maßgeschneiderte Anpassungen (Tailoring) eine wesentliche Rolle zur Steigerung des Projekterfolgs. (vgl. Brönimann & Bommer 2022, S. 125, Timinger 2021, S. 196).

Agile Vorgehensmodelle sind besonders vorteilhaft für komplexe Projekte, die durch unbekannte Einflussfaktoren und ein unvorhersagbares System gekennzeichnet sind. Durch das kontinuierliche Feedback von Stakeholdern, das durch die iterativ-inkrementelle Entwicklung ermöglicht wird, kann effektiv auf neue Erkenntnisse und Veränderungen reagiert und der Lösungsweg dynamisch angepasst werden (vgl. Brönimann & Bommer 2022, S. 124-125, Timinger 2021, S. 197).

Hybride Vorgehensmodelle bzw. gezielte Kombinationen aus planbasierten und agilen Vorgehensmodellen sind optimal für komplizierte Projekte, die zwar vorhersehbar, aber komplex in der Handhabung sind. Diese Projekte können zunächst von den Vorteilen agiler Modelle bei der erstmaligen Durchführung profitieren. Mit zunehmender Routine und klaren Aufgabenverteilungen kann jedoch ein strukturiertes planbasiertes Vorgehensmodell vorteilhaft sein. Hybride Modelle kombinieren die Stärken beider Ansätze und passen sich den unterschiedlichen Anforderungen des Projektes an (vgl. Brönimann & Bommer 2022, S. 125, Timinger 2021, S. 197).

Bei als chaotisch eingestuften Projekten sollen zunächst die Aspekte ihrer Komplexität bewältigt werden, indem komplexitätsreduzierende Maßnahmen ergriffen werden (vgl. Schwaber 2004, S. 13, Dittmann & Zaeri 2023, S. 243).

EP03 Projekt: Projektgröße - Anzahl der Mitarbeiter:innen

Die Anzahl der Mitarbeiter:innen im Projekt bzw. die Größe des Teams stellt ebenfalls einen Erfolgsfaktor bei der Auswahl von Vorgehensmodellen dar. Agile Vorgehensmodelle sind am effektivsten für kleine Teams und lassen sich weniger gut auf größere Teams skalieren (vgl. Wysocki 2014, S. 48-49). Größere Teams erfordern einen zusätzlichen Koordinationsaufwand, der durch spezifische Pläne im Rahmen eines planbasierten Vorgehensmodells gut unterstützt werden kann (vgl. Timinger 2021, S. 203).

EP04 Projekt: Dynamik der Anforderungen

Ein planbasiertes Vorgehensmodell sollte gewählt werden, wenn die Anforderungen an das Projekt ausreichend definiert und die Methoden bzw. Technologien zur Umsetzung bekannt sind. In solchen Fällen ist die Zukunft des Projekts planbar, und der Erfolg wird an der Einhaltung und Umsetzung des Plans gemessen. Planbasierte Modelle sind jedoch weniger flexibel und können bei Änderungen zeit- und ressourcenintensiv sein, da sie eine Überarbeitung der Pläne erfordern (vgl. Timinger 2021, S. 13; Wysocki 2014, S. 45, 48).

Im Gegensatz dazu eignen sich agile Vorgehensmodelle besser für Projekte mit unklaren Anforderungen und unbekannten Methoden zur Umsetzung. Diese Modelle sind darauf ausgelegt, mit Unsicherheiten und Veränderungen umzugehen, indem sie Just-in-Time-Planung nutzen und Ressourcenverschwendung vermeiden. Agile Modelle sind darauf angewiesen, kontinuierlich Anpassungen vorzunehmen, um effizient und flexibel auf sich verändernde Bedingungen zu reagieren (vgl. Timinger 2021, S. 13; Wysocki 2014, S. 48).

EP05 Vorgehensmodell: Projektspezifisches Tailoring

Im Rahmen des Tailoring-Prozesses sollen die Aktivitäten und Ergebnisse eines Vorgehensmodells an die spezifischen Anforderungen und Rahmenbedingungen des jeweiligen Projekts gezielt angepasst werden, sodass eine effektive Anwendung des Modells gewährleistet werden kann (vgl. Fischer et al. 1998, S. 29-30).

Tailoring umfasst sowohl vertragsrelevantes als auch technisches Tailoring. Das Modell wird an die spezifischen Bedingungen angepasst, indem z. B. bestimmte Vorgehensbausteine und Strategien ausgewählt oder nicht benötigte Teile des Modells ausgeschlossen werden. Durch Tailoring soll auch eine dynamische Anpassung an neue Erkenntnisse oder Projektgegebenheiten vorgenommen werden (vgl. Fischer et al. 1998, S. 29-30; Broy & Rausch 2005, S. 222-223).

EP06 Projektumfeld: Unternehmenskultur & -mindset des:der Auftragnehmer:in

Die Auswahl eines Vorgehensmodells sollte maßgeblich durch die bestehende Unternehmenskultur sowie das Mindset des:der Auftragnehmer:in bestimmt werden. Planbasierte Vorgehensmodelle eignen sich für strukturierte und hierarchisch organisierte Organisationen, während agile Modelle besser für flexible und kooperative Umgebungen geeignet sind. Hybride Modelle bieten einen Mittelweg für Organisationen, die sowohl planbasierte als auch agile Elemente integrieren möchten.

Planbasierte Vorgehensmodelle sind insbesondere für Organisationen mit komplexen Hierarchien und umfassenden Abstimmungsprozessen geeignet. Sie erfordern detaillierte Planung und Kontrolle, um die Koordination und Umsetzung von Projekten zu gewährleisten. In Unternehmen, die durch zahlreiche Hierarchieebenen und eine auf strukturierte Planung und Kontrolle ausgerichtete Kultur geprägt sind, bieten planbasierte Modelle die notwendige Struktur und Klarheit. Sie sind optimal für Situationen, in denen die Anforderungen an das Projekt klar definiert und die Methoden zu deren Umsetzung bereits bekannt sind. Planbasierte Modelle erfordern keine grundlegende Veränderung der Unternehmenskultur (vgl. Timinger 2021, S. 202).

Agile Vorgehensmodelle lassen sich besonders gut in Organisationen mit flachen Hierarchien und kooperativen Strukturen einsetzen. Sie fördern Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und kontinuierliches Feedback, was in Umfeldern mit offenen Kommunikationswegen und enger Zusammenarbeit von Vorteil ist. Der Einsatz agiler Modelle erfordert eine Anpassung der Unternehmenskultur hin zu mehr Selbstorganisation und Flexibilität. Unternehmen, die eine agile Denkweise bereits besitzen oder bereit sind, diese zu entwickeln, profitieren besonders von agilen Ansätzen. Die Einführung agiler Modelle kann jedoch signifikante organisatorische Veränderungen und eine Anpassung der Unternehmenskultur mit sich bringen, insbesondere bei großen Projekten oder komplexen Teamstrukturen (vgl. Berg et al. 2014, S. 45-46, 51).

Hybride Vorgehensmodelle kombinieren Elemente aus sowohl planbasierten als auch agilen Ansätzen und bieten eine sinnvolle Option, wenn eine vollständige Umstellung der Unternehmenskultur nicht möglich oder wünschenswert ist. Hybride Modelle ermöglichen es, agile Methoden innerhalb eines traditionellen Rahmens zu integrieren, wodurch die Notwendigkeit einer umfassenden kulturellen Anpassung reduziert wird. Sie bieten die erforderliche Flexibilität für sich ändernde Anforderungen, ohne die bestehende Organisationsstruktur vollständig umzugestalten (vgl. Berg et al. 2014, S. 51).

EF07 Projekt: Projekttyp

Die Auswahl eines geeigneten Vorgehensmodells setzt unter anderem die Zuordnung des IT-Projektes zum Projekttyp voraus (vgl. Wieczorrek & Mertens 2008, S. 9). Die Klassifizierung erfolgt dabei je nach geplantem Vorhaben – wie z.B. Integration, Weiterentwicklung, etc. (vgl. Tiemeyer 2018, S. 291).

Jeder IT-Projekttyp erfordert einen spezifischen methodischen Ansatz, um adäquat adressiert zu werden (vgl. Tiemeyer 2018, S. 296). Beispielsweise sind laut Tiemeyer (2018, ebd.) agile Vorgehensmodelle für Migrationsprojekte ungeeignet, da sie durch starre, festpreisgebundene Anforderungen gekennzeichnet sind. Darüber hinaus sind auch je nach Projekttyp unterschiedliche Schätzmethoden erforderlich. Während bei Wartungsprojekten der gegenwärtige Ist-Zustand als Grundlage dient, orientieren sich die Schätzmethoden bei Entwicklungsprojekten am vorgesehenen Soll-Zustand. Folglich ist es von zentraler Bedeutung, das geeignete Vorgehensmodell für jedes Projekt sorgfältig zu identifizieren und anzuwenden (vgl. Tiemeyer 2018, S. 297).

Prototypprojekte haben zu Beginn ein unklar definiertes Ziel, das im Verlauf des Projekts entdeckt wird. Der Ansatz ist iterativ und agil, wobei mehrere Entwicklungszyklen durchlaufen werden, um einen funktionalen Prototyp zu erstellen (vgl. Tiemeyer 2018, S. 294).

Entwicklungsprojekte haben ein klar spezifiziertes Ziel, das im Voraus detailliert definiert wird. Der:die Anwender:in formuliert im Vorfeld präzise die Anforderungen an das gewünschte IT-Produkt. Dem Entwicklungsprozess geht ein Analyseprojekt voraus, in dessen Rahmen die Anforderungen systematisch erfasst, analysiert und spezifiziert werden. Die Anforderungsanalyse und Dokumentation erfolgen vor der eigentlichen Entwicklung, und der Aufwand wird auf Basis von Lasten- und Pflichtenheften geschätzt (vgl. Tiemeyer 2018, S. 294).

Weiterentwicklungsprojekte bauen auf einem bestehenden IT-System auf, indem neue Komponenten, Schnittstellen oder Datenbanktabellen, in die vorhandene Systemarchitektur eingefügt werden und sind daher oft überschaubar. Die Kosten für die Weiterentwicklung können anhand der bisherigen Entwicklungskosten ermittelt werden (vgl. Tiemeyer 2018, S. 295).

Wartungsprojekte zielen darauf ab, bestehende IT-Systeme durch Fehlerbehebungen, Anpassungen an Funktionen und Datenstrukturen sowie kleinere Erweiterungen zu verbessern. Sie werden häufig durch Systemaktualisierungen oder gesetzliche Anforderungen ausgelöst und verursachen signifikante Kosten. Die Aufwandschätzung ist komplex, da sowohl die Anzahl der Fehler als auch die Auswirkungen der erforderlichen Änderungen berücksichtigt werden müssen. Wartungsaufgaben sind typischerweise kurzfristig und wiederkehrend und erfordern eine jährliche Budgetierung (vgl. Tiemeyer 2018, S. 295).

Sanierungsprojekte zielen darauf ab, die Qualität bestehender Systeme zu verbessern, ohne deren Funktionalität zu ändern. Die Qualitätssteigerung erfolgt durch Refactoring des Codes, wobei das Budget fixiert ist und die Zielsetzung flexibel bleibt (vgl. Tiemeyer 2018, S. 296).

Migrationsprojekte haben das Ziel, ein System in eine andere technische Umgebung zu verschieben, z. B. durch Austausch der Programmiersprache oder Hardware. Die funktionale Äquivalenz ist das Hauptziel, wobei oft Kompromisse bei der Qualität gemacht werden (vgl. Tiemeyer 2018, S. 296).

Bei Integrationsprojekten werden bestehende Systeme miteinander verknüpft oder neue Systeme in ein bestehendes Netzwerk integriert. Diese Projekte erfordern hohes technisches Know-how und einen umfangreichen Testaufwand und zeichnen sich durch eine Vielfalt von Technologien und hohe Komplexität aus (vgl. Tiemeyer 2018, S. 296).

Installationsprojekte beinhalten die Einführung von Standard-IT-Produkten in bestehende Umgebungen. Sie erfordern Kenntnisse der Produkte und deren Anpassung an die Umgebung sowie Installation, Prozessanpassungen und Tests. Die Kosten werden auf Basis von Erfahrungen mit ähnlichen Installationen geschätzt und oft durch Produktlieferanten unterstützt (vgl. Tiemeyer 2018, S. 297).

EF08 Projekt: Projektgröße – Projektdauer

Die Projektdauer ist grundsätzlich etwa über die Anzahl der eingesetzten Projektmitarbeiter:innen beeinflussbar. In der Praxis reicht die Projektdauer von wenigen Personenmonaten bis zu mehreren Personenjahren (vgl. Tiemeyer 2018, S. 4).

Eine längere Projektdauer in Personenmonaten korreliert mit einer erhöhten Komplexität des Projekts und erfordert die Implementierung eines Vorgehensmodells, das spezialisierte Konzepte zur Bewältigung von Komplexität umfasst (vgl. Bunse & Knethen 2008, S. 159-160). Laut Bunse und Knethen (2008, S. 160, 172) sind bei einer Projektdauer ab 13 Personenmonaten skalierbare iterativ-inkrementelle Vorgehensmodelle besonders empfehlenswert. Diese Modelle bieten die Flexibilität zur Anpassung und ermöglichen die Zerlegung eines Systems in Inkremente, die aufeinander aufbauend entwickelt werden können, wodurch Risiken effektiv minimiert werden können. (vgl. Bunse & Knethen 2008, ebd.).

EF09 Projekt: Qualifikationsgrad der Teammitglieder

Die Auswahl des Vorgehensmodells sollte auf dem Qualifikationsgrad der Teammitglieder basieren:

Agile Vorgehensmodelle sind optimal, wenn das Team über die Fähigkeit zur selbstorganisierten Arbeitsweise verfügt. Die Implementierung eines agilen Frameworks sollte jedoch schrittweise erfolgen, um die Selbstorganisation und Verantwortungsdelegation innerhalb des Teams systematisch zu fördern (vgl. Dittmann & Zaeri 2023, S. 129-130).

Planbasierte Vorgehensmodelle sind besonders geeignet, wenn das Team nicht über die notwendige Qualifikation für agile und selbstorganisierte Arbeitsweisen verfügt. In solchen Fällen kann eine strukturierte Planung und präzise Koordination der Aufgaben durch planbasierte Modelle eine effektivere Unterstützung bieten (vgl. Timinger 2021, S. 202-203).

EF10 Projektumfeld: Erwartete Beteiligung der Kund:innen

Agil durchgeführte Projekte werden als erfolgreich betrachtet, wenn eine hohe Beteiligung und enge Zusammenarbeit zwischen Kund:innen und Entwicklungsteams gewährleistet ist. Die Entdeckung effektiver Lösungen setzt voraus, dass Kund:innen und Entwicklungsteams in einem offenen und ehrlichen Umfeld kooperativ zusammenarbeiten. Demnach ist eine intensive und konstruktive Interaktion zwischen Kund:innen und Entwicklungsteams ein wesentlicher Erfolgsfaktor für agile Vorgehensmodelle (vgl. Wysocki 2014, S. 48-49).

Bei sequenziellen Vorgehensmodellen wie dem Wasserfallmodell werden Kund:innen ausschließlich zu Beginn des Projekts sowie bei der Produktübergabe eingebunden und besitzen während des Projektverlaufs keinen Einfluss auf die fortlaufende Entwicklung. Diese Vorgehensweise birgt jedoch die Gefahr, dass Fehler oder Unzulänglichkeiten erst während der Nutzung des Produkts identifiziert werden (vgl. Fritzsche & Keil 2007, S. 11).

8.7 Zwischenfazit – theoretischer Teil

Der Theorieteil hatte zum Ziel, die relevante Literatur und den aktuellen Forschungsstand zum Thema „Erfolgsfaktoren bei der Auswahl von Projektmanagementmodellen im IT-Projektmanagement bei deutschen Großunternehmen der Softwarebranche“ zu beleuchten. Zu diesem Zweck wurde zunächst die Definition von Großunternehmen erörtert und anschließend die Besonderheiten der deutschen Softwarebranche analysiert. Dabei wurden die Auswahlkriterien für deutsche Software-Großunternehmen ausgearbeitet, die als Grundlage für die anschließende empirische Untersuchung dienen sollen.

Die Abgrenzung erfolgte anhand quantitativer Kriterien und umfasst Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeiter:innen und einem Jahresumsatz von über 50 Millionen Euro (vgl. Thommen et al. 2023). Es werden ausschließlich Unternehmen der Primär-Softwarebranche berücksichtigt, die Softwareentwicklung als Kerngeschäft betreiben, während Unternehmen der Sekundärbranchen ausgeschlossen werden. Zudem werden sowohl multinationale Unternehmen mit Hauptsitz in Deutschland (z.B. SAP SE) als auch für die deutsche Softwarebranche relevante Global Player mit Tochtergesellschaften in Deutschland (z.B. Microsoft Deutschland GmbH) einbezogen, um eine umfassendere Analyse zu ermöglichen. Die Lünendonk-Listen von 2007 und 2014 dienen als Richtlinie für die Auswahl der Unternehmen, die mittels Online-Fragebogen befragt werden sollen. Diese klar definierten Kriterien sollen eine präzise und relevante Auswahl der zu untersuchenden Unternehmen gewährleisten und somit zur Erreichung der Forschungsziele beitragen.

Die Großunternehmen der deutschen Softwarebranche sind durch ihre spezifischen Markt- und Produktstrukturen einzigartig und operieren in einem dynamischen Umfeld, das durch Trends wie Big Data und Künstliche Intelligenz geprägt ist. Der Erfolg dieser Unternehmen hängt stark von der Fähigkeit ab, sich schnell an technologische und marktbedingte Veränderungen anzupassen und eine möglichst frühe Wertschöpfung für die Organisation zu erzielen (vgl. Buxmann 2011, Friedewald et al. 2001, GTAI 2024).

Folglich sind wichtige Auswahlkriterien für ein geeignetes Vorgehensmodell in deutschen Software-Großunternehmen:

  • die Fähigkeit, sich an die Unternehmensgröße und -struktur anzupassen,

  • Flexibilität, um auf schnelle Innovationszyklen reagieren zu können,

  • die Verfügbarkeit und Qualifikation des Personals und

  • die Möglichkeit zur schnellen Auslieferung von Software.

Die Auseinandersetzung mit dem Begriff „Vorgehensmodell“ in der vorliegenden Arbeit bestätigt die Ergebnisse von Filß et al. (2005, S. 226-227): der Begriff ist vielfältig und umfasst verschiedene Interpretationen wie Metamodelle, Frameworks oder frei wählbare Methodensets. Diese Vielfalt ist besonders relevant für die Auswahl eines geeigneten Vorgehensmodells, da sie den unterschiedlichen Anforderungen jedes Projekts und seines Umfelds gerecht wird. Ein enges Verständnis des Begriffs kann zu Einschränkungen führen, während eine breite Betrachtung alle möglichen Varianten und ihre jeweiligen Vorteile einbezieht.

Projektmanagement in der Softwareentwicklung wird als Submodell bzw. als Rahmen eines Vorgehensmodells betrachtet (vgl. Fischer et al. 1998). In einem Vorgehensmodell können jedoch nicht nur Regeln für das Projektmanagement, sondern auch für andere Tätigkeitsbereiche wie Konfigurationsmanagement, Qualitätsmanagement und Systementwicklung definiert sein (vgl. Fischer et al. 1998, S. 17-18). In der vorliegenden Arbeit werden jedoch zwecks Komplexitätsreduktion die Begriffe Vorgehensmodell und Projektmanagementmodell synonym verwendet.

Im IT-Projektmanagement werden Vorgehensmodelle nach ihrer Ausrichtung als traditionell, agil und hybrid klassifiziert. Traditionelle Modelle wie das Wasserfallmodell sind sequenziell und eignen sich für Projekte mit stabilen Anforderungen. Agile Modelle wie Scrum bieten Flexibilität und Anpassungsfähigkeit für sich ändernde Anforderungen. Hybride Modelle kombinieren die Vorteile agiler und traditioneller Ansätze und bieten somit eine Balance zwischen Struktur und Flexibilität, was sie besonders nützlich in komplexen Projekten macht (vgl. Timinger 2021).

Autor:innen wie Aichele & Schönberger (2014), Broy & Kuhrmann (2021) und die Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e.V. (2019) heben hervor, dass die Identifizierung eines passenden Vorgehensmodells zu Beginn eines Projekts notwendig ist. Dabei gibt es keine universelle Lösung; vielmehr muss die Wahl des Modells auf die spezifischen Anforderungen und Bedingungen des Projekts abgestimmt werden.

Die Auswahl eines geeigneten Vorgehensmodells ist entscheidend für den Projekterfolg, scheint jedoch generell eine komplexe Angelegenheit zu sein, bei der mehrere Faktoren und ihre jeweiligen Ausprägungen beachtet werden müssen. Eine strukturierte Herangehensweise bei der Wahl ist daher essenziell (vgl. Timinger 2021). Bestehende theoretische Hilfsmodelle zur Auswahl eines geeigneten Vorgehensmodells können bei der Entscheidungsfindung unterstützen und zur Komplexitätsreduktion beitragen.

Die Stacey-Matrix kann beispielsweise dabei helfen, das geeignete Vorgehensmodell basierend auf der Komplexität des Projekts zu wählen. Das Cynefin-Framework von Snowden & Boone (2007) unterstützt Führungskräfte dabei, den vorherrschenden Kontext (einfach, kompliziert, komplex, chaotisch) zu erkennen und angemessen zu handeln. Es basiert auf Erkenntnissen der Komplexitätswissenschaft und hilft, den richtigen Entscheidungsstil für verschiedene Kontexte zu finden. Das Diamantmodell von Shenhar & Dvir (2007) zielt darauf ab, Projektmanager:innen zu helfen, den richtigen Ansatz für ein spezifisches Projekt zu wählen, basierend auf den Dimensionen Unsicherheit, Komplexität und Tempo. Das Netzdiagramm-Modell von Timinger (2021) berücksichtigt verschiedene Parameter wie Unternehmenskultur, Teamqualifikation und Stabilität der Anforderungen und bietet eine strukturierte Methode, um die Eignung eines Vorgehensmodells für ein bestimmtes Projektumfeld zu bestimmen. Der Kompass für hybrides Projektdesign von Dittmann & Zaeri (2023) bietet Lösungswege zur optimalen Kombination von klassischen und agilen Bausteinen und ermöglicht es, die Stärken beider Ansätze zu nutzen. Er bietet eine flexible Struktur, die an die spezifischen Anforderungen und Bedingungen eines Projekts angepasst werden kann. Das von Berg et al. entwickelte Bewertungsverfahren ermöglicht einen systematischen Vergleich von konkreten Vorgehensmodellen und berücksichtigt verschiedene Kriterien wie Projektgröße, Komplexität und Risiko (vgl. Brönimann & Bommer 2022, Schwaber 2004, Dittmann & Zaeri 2023, Timinger 2021, Snowden & Boone 2007, Shenhar & Dvir 2007, Berg et al. 2014).

Folglich gibt es eine Reihe von erprobten Hilfsmodellen, die von Entscheidern bei der Auswahl des am besten geeigneten Vorgehensmodells berücksichtigt werden sollten. In Anlehnung an die Erfolgsfaktorenforschung, die davon ausgeht, dass wenige Schlüsselfaktoren den langfristigen Erfolg maßgeblich beeinflussen (vgl. Baumgarth & Evanschitzky 2009), wurde in Bezug auf die Auswahl geeigneter Vorgehensmodelle für IT-Projekte angenommen, dass es eine Anzahl von Auswahlkriterien gibt, die erfolgskritisch sind und deren Missachtung zur Auswahl eines ungeeigneten Vorgehensmodells führen würde. Zur Identifizierung dieser Erfolgsfaktoren wurde auf Basis von 52 Quellen zu bestehenden Theorien und Forschungsergebnissen eine Häufigkeitsanalyse durchgeführt und folglich ein theoretisches Erfolgsmodell ermittelt.

Die Top-10-Erfolgsfaktoren für die Auswahl geeigneter Vorgehensmodelle umfassen folgende Auswahlkriterien:

  • Vorgehensmodell-spezifische Erfolgsfaktoren:

    • Flexibilität und Anpassbarkeit

    • Projektspezifisches Tailoring

  • Projekt-spezifische Erfolgsfaktoren:

    • Komplexität des Projekts

    • Projektgröße: Anzahl der Mitarbeiter:innen

    • Dynamik der Anforderungen

    • Projekttyp

    • Projektgröße: Projektdauer

  • Projektumfeld-spezifische Erfolgsfaktoren:

    • Unternehmenskultur und Mindset des:der Auftragnehmer:in

    • Qualifikationsgrad der Teammitglieder

    • Erwartete Beteiligung der Kund:innen.

Das Modell zeigt eine signifikante Übereinstimmung mit den bestehenden Modellen von Böhm & Turner (2004) und von Timinger (2021), was die Relevanz der identifizierten Faktoren für die Wahl eines geeigneten Vorgehensmodells bestätigt. Diese Faktoren sollen im empirischen Teil der Arbeit weiter untersucht werden, um deren praktische Anwendung zu bewerten.

Die Auswahl von Projektmanagementmodellen im IT-Projektmanagement bei deutschen Großunternehmen der Softwarebranche erweist sich als äußerst komplex und wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Großunternehmen in der Softwarebranche zeichnen sich durch spezifische Anforderungen und Charakteristika aus, die unter anderem auf die organisatorische Struktur, die Natur des Produkts Software und die Dynamik des Marktes zurückzuführen sind.

Einerseits bieten agile Vorgehensmodelle aufgrund der Umsatzrealisierung und der Dynamik der Softwarebranche große Vorteile, da sie zu einer schnelleren Wertschöpfung beitragen. Andererseits stellen Großunternehmen aufgrund ihrer Größe und Hierarchieebenen komplexe Systeme dar. Zudem verfügen Großunternehmen über einen hohen Grad an Spezialisierung der Mitarbeiter:innen (vgl. Stecher 2024b), was eher mit traditionellen Vorgehensmodellen korreliert. Eine starke Ausdifferenzierung der einzelnen Teammitglieder erschwert die Selbstorganisation einer agilen Teamstruktur, die Teammitglieder erfordert, die Generalisten sind (vgl. Brehm & Kaletta, 2015, S. 157).

Folglich scheinen auf Basis der analysierten Literatur die hybriden Vorgehensmodelle, die eine Kombination aus agilen und planbasierten Ansätzen darstellen, besonders geeignet zu sein, um die vielfältigen Anforderungen dieser Unternehmen zu erfüllen. Großunternehmen verfügen über umfangreiche Planungsmechanismen und spezialisierte Aufgabenverteilungen, die traditionelle planbasierte Vorgehensmodelle gut unterstützen. Diese Modelle bieten klare Strukturen und langanhaltende Planungszyklen, die notwendig sind, um die komplexen Hierarchien und Entscheidungsprozesse in Großunternehmen zu bewältigen. Andererseits erfordern dynamische Projekte innerhalb der Softwareentwicklung flexible und adaptive Ansätze, die durch agile Vorgehensmodelle wie Scrum und Kanban bereitgestellt werden können. Durch den Einsatz hybrider Vorgehensmodelle können die strukturelle Klarheit planbasierter Methoden und die Flexibilität agiler Ansätze integriert werden, sodass eine maßgeschneiderte Lösung geboten wird.

Die Softwarebranche ist von schnellen Innovationszyklen und ständigen Marktveränderungen geprägt. Trends wie Big Data, IT-Sicherheit, ERP und Künstliche Intelligenz erfordern flexible Entwicklungsprozesse, die schnell auf neue Anforderungen reagieren können. Agile Methoden sind besonders geeignet, um auf solche Marktveränderungen zu reagieren, da sie iterative und inkrementelle Entwicklungszyklen unterstützen. Hybride Vorgehensmodelle ermöglichen es, agile Vorgehensweisen in spezifischen Projektphasen zu integrieren, während gleichzeitig die langfristige Planung und Stabilität durch planbasierte Ansätze gewährleistet wird.

Die Notwendigkeit, kontinuierlich neue Updates und Verbesserungen bereitzustellen, spricht für den Einsatz agiler Vorgehensweisen. Gleichzeitig erfordern komplexe Großprojekte innerhalb von Großunternehmen oft eine langfristige Planung und detaillierte Dokumentation, wie sie bei traditionellen Methoden üblich sind. Durch hybride Vorgehensmodelle lassen sich die Stärken beider Ansätze kombinieren, indem die Innovationsdynamik agiler Methoden genutzt und gleichzeitig die Stabilität sowie Planbarkeit traditioneller Methoden beibehalten wird.

Die Verfügbarkeit und Qualifikation von Fachkräften ist ein entscheidender Erfolgsfaktor im IT-Projektmanagement. Agiles Arbeiten setzt auf cross-funktionale Teams mit Generalisten, während traditionelle Methoden spezialisierte Rollen und klare Hierarchien fördern. Hybride Modelle bieten die Flexibilität, Teams entsprechend den Anforderungen des Projekts zu organisieren und sowohl Mitarbeiter:innen mit spezialisiertem Wissen als auch Generalisten zu integrieren um eine effektive Nutzung der vorhandenen Fachkräfte zu ermöglichen.

Bei hybriden Vorgehensmodellen lassen sich die Stärken agiler und planbasierter Ansätze kombinieren. Sie bieten somit eine flexible und anpassungsfähige Lösung für die komplexen Anforderungen von Großunternehmen in der Softwarebranche. Diese Modelle ermöglichen eine schnelle Wertschöpfung und Innovationsdynamik durch agile Vorgehensweise, während sie gleichzeitig die notwendige Planungssicherheit und strukturelle Stabilität traditioneller Methoden bieten. Durch die Integration beider Ansätze können Großunternehmen effizient auf Marktveränderungen reagieren und gleichzeitig die Komplexität ihrer internen Strukturen und Prozesse bewältigen. Folglich lässt sich aus der theoretischen Analyse schließen, dass hybride Vorgehensmodelle die optimale Wahl für IT-Projektmanagement in der deutschen Softwarebranche darstellen. Das konkrete hybride Vorgehensmodell sollte jedoch für jedes Projekt individuell ausgewählt werden.

9 Empirischer Teil

Der empirische Teil dieser Arbeit untersucht die praxisbezogenen Forschungsfragen. In einem ersten Schritt wird das Forschungsdesign ( 3.1) vorgestellt, das als Basis für die empirische Untersuchung dient. Anschließend wird die gewählte Forschungsstrategie und Forschungsmethode ( 3.2) erläutert. Darüber hinaus wird die Vorgehensweise ( 3.3) bei der Datenerhebung und -auswertung beschrieben und der Online-Fragebogen ( 3.4), dessen Aufbau, Pretest und Gütekriterien präsentiert. Nach der Darstellung der Datenerfassung ( 3.5) werden die Befunde ( 3.6) ausgewertet und im Hinblick auf die Forschungsfragen analysiert.

9.1 Forschungsdesign

Das Forschungsdesign einer wissenschaftlichen Arbeit wird durch die aufgestellten Forschungsfragen geprägt und soll einen klar nachvollziehbaren Untersuchungsprozess ermöglichen und „methodisch fundierte und intersubjektiv überprüfbare Antworten“ auf die gestellten Forschungsfragen liefern (Warth 2012, S. 124). Yin (2003, S. 19, zitiert nach Warth 2012, S. 124) beschreibt das Forschungsdesign als die logische Verbindung zwischen der Problemstellung und den zu erhebenden Daten, auf deren Basis entsprechende Schlussfolgerungen abgeleitet werden. Das Forschungsdesign verfügt über eine Forschungsstrategie und die dafür angemessenen Forschungsmethoden (vgl. Warth 2012, S. 124).

Die Forschungsstrategie soll die Beantwortung der Forschungsfrage unterstützen und beinhaltet "Umfragen, Experimente, Fallstudien oder Modellierungen" (Warth 2012, S. 124). Forschungsmethoden beziehen sich dagegen auf „Techniken […], mit denen die gewählte Forschungsstrategie umgesetzt bzw. operationalisiert wird“ – bspw. Methoden zur Datenerhebung, -aufbereitung und -auswertung (Warth 2012, S. 124).

Im Rahmen dieser Arbeit wird die Problemstellung der Erfolgsfaktoren bei der Auswahl von Projektmanagementmodellen in Großunternehmen der deutschen Softwarebranche untersucht. Da potenzielle theoretische Erfolgsfaktoren identifiziert und mit praktischen Faktoren verglichen werden sollen, ist eine indirekte Methodik sinnvoll, bei der die praktischen Erfolgsfaktoren konfirmatorisch erhoben werden (vgl. Baumgarth & Evanschitzky 2009, S. 239). Zur Beantwortung der Forschungsfragen eignet sich daher ein quantitatives Forschungsdesign, das Ansätze der Erfolgsfaktorenforschung verwendet. Direkte Methoden identifizieren Erfolgsfaktoren durch Expertenbefragungen in empirischen Studien, während indirekte Methoden Erfolgsfaktoren und Erfolgsindikatoren getrennt erfassen. Die Beziehung zwischen ihnen wird anschließend indirekt mithilfe von Analysetechniken, wie etwa der Regressionsanalyse, ermittelt. Bei konfirmatorischen Methoden werden die Zusammenhänge bereits im Vorfeld als Hypothesen festgelegt, während bei explorativen Methoden die Korrelation zwischen Erfolgsfaktoren und Erfolgsindikatoren erst auf Basis der erhobenen Daten analysiert wird (vgl. Baumgarth & Evanschitzky 2009, S. 240).

Die Abbildung 3.1 veranschaulicht das dargestellte Forschungsdesign, wobei dieses in Blau gekennzeichnet ist.

Here is a picture
Abbildung 3.1: Zuordnung des Forschungsdesigns dieser Arbeit
(Quelle: adaptiert in Anlehnung an Baumgarth & Evanschitzky 2009, S. 239)

9.2 Forschungsstrategie

Die zentrale Annahme dieser Arbeit, basierend auf der Erfolgsfaktorenforschung, ist, dass es eine Reihe von Kriterien bei der Auswahl eines Vorgehensmodells (VM) gibt, die erfolgskritisch sind und deren Nichtberücksichtigung zur Wahl eines ungeeigneten Modells führen könnte. Zudem ist empirisch belegt, dass die Wahl eines passenden Vorgehensmodells entscheidend für den Erfolg von Softwareprojekten ist. Folglich sollten sich die Auswirkungen der Erfolgsfaktoren in bestimmten Projekterfolgsindikatoren widerspiegeln.

Das Forschungsdesign der vorliegenden Arbeit leitet sich aus folgenden zentralen Fragen ab:

  1. Sind die Faktoren des theoretisch abgeleiteten Erfolgsfaktorenmodells entscheidend für die Auswahl des Vorgehensmodells in der Praxis?

  2. Haben die Faktoren des theoretisch abgeleiteten Erfolgsfaktorenmodells einen Einfluss auf den Projekterfolg?

Während für die Beantwortung der ersten Frage eine deskriptive Untersuchung geeignet ist, erfordert die Beantwortung der zweiten Frage eine explanative Untersuchung, bei der die Zusammenhangshypothese überprüft werden kann (vgl. Berger-Grabner 2016, S. 123).

Als Forschungsstrategie wird hierfür eine Befragung von relevanten Projektmitarbeitenden in IT-Projekten großer Unternehmen der deutschen Softwarebranche gewählt, da diese quantitative Erhebungsmethode standardisierte Prinzipien bietet um „möglichst vergleichbare Ergebnisse“ zu erreichen (Berger-Grabner 2016, S. 174). Dabei soll als Erhebungsinstrument in dieser Arbeit ein standardisierter Online-Fragebogen verwendet werden.

9.3 Vorgehensweise

In einem ersten Schritt wurden aus den Forschungsfragen spezifische Fragen abgeleitet, die anschließend entsprechenden Kategorien zugeordnet wurden. Ziel war es, mit den Fragen sowohl Erfolgsfaktoren als auch Erfolgsindikatoren zu identifizieren, um den Zusammenhang zwischen diesen Variablen empirisch messbar zu machen. Zudem wurden relevante demografische Fragen definiert, die eine Beschreibung der Stichprobe ermöglichen. Anschließend wurden den Fragen passende Antwortmöglichkeiten zugeordnet (siehe. Anhang 3). Im nächsten Schritt wurden die Fragen in die Plattform SoSci Survey eingepflegt und durch einen Pretest des Fragebogens überprüft. Nach der Einarbeitung des finalen Feedbacks zu den Fragen wurde der Online-Fragebogen aktiviert und der Zielgruppe zur Verfügung gestellt.

9.4 Online-Fragebogen

Zur Überprüfung der Anwendung theoretischer Erfolgsfaktoren bei der VM-Auswahl in der Praxis und deren Zusammenhang mit bzw. Einfluss auf Projekterfolgsindikatoren sowie zur Beantwortung von FF2 und FF3 eignet sich ein standardisierter Fragebogen mit überwiegend geschlossenen und einigen wenigen offenen Antwortmöglichkeiten als Erhebungsinstrument (vgl. Berger-Grabner 2016, S. 123). Im Folgenden werden der Aufbau, der Pretest und die Erfüllung der Gütekriterien dieses Erhebungsinstruments näher erläutert.

9.4.1 Aufbau

Der standardisierte Online-Fragebogen, der auf der Plattform SoSci Survey erstellt wurde, umfasst insgesamt 13 Seiten und 14 Fragen.

In der Einleitung des Fragebogens werden die Teilnehmer:innen begrüßt und über den Zweck und die Dauer der Umfrage informiert. Es wird betont, dass die Umfrage Teil einer Masterarbeit darstellt und dass die Ergebnisse vertraulich und anonym behandelt werden.

Auf der zweiten Seite wird eine Verifizierung der Zielgruppe anhand einer Filterfrage (F01) vorgenommen, indem abgefragt wird, ob die Teilnehmer:innen über mindestens 3 Jahre Erfahrung in IT-Projekten deutscher Großunternehmen der Softwarebranche verfügen. Darüber hinaus wird darauf hingewiesen, dass der Fokus der vorliegenden Umfrage auf Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeiter:innen und einem Jahresumsatz von über 50 Millionen Euro liegt und dass dabei sowohl Standard-Software-Unternehmen mit Hauptsitz in Deutschland (bspw. SAP SE) als auch multinationale Großunternehmen (bspw. Microsoft Deutschland GmbH) für die Umfrage relevant sind. Für Teilnehmer:innen, die diese Voraussetzungen nicht erfüllt haben und die Frage entsprechend negativ beantwortet haben, wurde die Umfrage an dieser Stelle beendet. Dabei folgt auf der Abschlussseite eine Danksagung für das Interesse der:des Teilnehmenden an der Befragung und es wird erklärt, dass der:diejenige nicht zur Zielgruppe gehört.

Abbildung 3.2 veranschaulicht den Ablauf der Befragung als Flussdiagramm.

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Abbildung 3.2: Fragebogen – Flussdiagramm
(eigene Darstellung)

Der Hauptteil der Umfrage lässt sich in 6 Abschnitte gliedern:

  1. Fragen zu soziodemografischen Angaben: Abfragen von Geschlecht (F02), Projektmanagement-Zertifizierungen (F03), Berufserfahrung (F04) und Tätigkeitsbereich (F05);

  2. Anweisungen zur Beantwortung weiterer Fragen: Die:der Befragte soll sich bei der Beantwortung der nachfolgenden Fragen auf ein spezifisches Referenzprojekt beziehen, idealerweise auf ein aktuelles Projekt;

  3. Fragen zum Vorgehensmodell im Referenzprojekt: VM-Ausrichtung (traditionell, agil, hybrid) (F06), Anwendung von Hilfsmodellen bei der VM-Auswahl (F07), eingesetztes Vorgehensmodell bzw. Framework (F08);

  4. Fragen zu Erfolgsfaktoren: Zustimmung zu vorgehensmodell-spezifischen Faktoren (F09), weitere entscheidende Faktoren bei der VM-Auswahl (F10), Zustimmung zu projekt-spezifischen Faktoren (F11), Zustimmung zu projektumfeld-spezifischen Faktoren (F12);

  5. Frage zu Erfolgsindikatoren: Zustimmung zu Projekterfolgsindikatoren (F13);

  6. Frage zu Handlungsmaßnahmen: Maßnahmen von IT-Projekmanager:innen bei einem ungeeigneten Vorgehensmodell (F14);

Der Endteil des Fragebogens umfasst die Danksagung und den Abschluss der Umfage. Dabei wird den Teilnehmer:innen für ihre Zeit und ihre Teilnahme gedankt und es wird darauf hingewiesen, dass die Umfrage abgeschlossen ist. Darüber hinaus werden Kontaktinformationen bereitgestellt, falls die Teilnehmer:innen Fragen oder Interesse an den Ergebnissen der Umfrage haben.

9.4.2 Pretest

Der Pretest des standardisierten Fragebogens, der in Anlehnung an Lemétayer (2010) entwickelt wurde, wurde mit zwei Personen durchgeführt, die als IT-Projektmanager:innen, Projektmanagement-Berater:innen und Agile Coach:innen über langjährige Erfahrung in Großunternehmen der Softwarebranche verfügen.

Im Pretest wurden folgende Anmerkungen zur Gestaltung des Fragebogens gemacht, die insbesondere die Auswahlmöglichkeiten und die Formulierung der Fragen betreffen:

  • Frage 3: Neben der Scrum Master:in Zertifizierung sollte auch die Product Owner:in Zertifizierung aufgenommen werden. Außerdem sollte bei der Auswahl „Sonstige“ ein Textfeld zur Eingabe weiterer Zertifizierungen, wie bspw. SAFe, zur Verfügung gestellt werden.

  • Frage 5: Es wurde vorgeschlagen, bei der Auswahl „Sonstige“ ebenfalls ein Eingabefeld für spezifische Rollen, wie z.B. Projekt-Designer:in, hinzuzufügen.

  • Frage 8: Die Formulierung sollte von „Vorgehensmodelle“ auf „Vorgehensmodelle und Frameworks“ geändert werden, um der Bandbreite der Antwortmöglichkeiten gerecht zu werden.

  • Frage 14: Die Fragestellung „Wie gehen Sie vor, wenn das ausgewählte Vorgehensmodell nicht erfolgsführend war?“ wurde als missverständlich empfunden, da unklar war, ob sie aus der Perspektive eines:er Beraters:in mit Entscheidungsmacht oder eines:er Mitarbeiters:in ohne solche Befugnisse gestellt wird. Eine Klarstellung der Zielperspektive wurde empfohlen, um die Antworten besser zu lenken. Um der Forschungsfrage 3 gerecht zu werden wurde die Formulierung in „Welche Handlungsmaßnahmen werden von IT-Projektmanager:innen in deutschen Großunternehmen der Software-Branche ergriffen, wenn das ausgewählte Vorgehensmodell nicht erfolgsführend war?“ geändert.

Der Pretest des neu entwickelten Erhebungsinstruments, der an einer kleinen Stichprobe durchgeführt wurde, ermöglichte notwendige Anpassungen und eine realistische Einschätzung des Aufwands. Der Fragebogen wurde auf der Plattform SoSci Survey (www.soscisurvey.de) erstellt, die über eine Pretest-Funktion verfügt, wodurch die Testbedingungen identisch zur Hauptstudie gestaltet werden konnten, um Verzerrungen zu vermeiden (vgl. Berger-Grabner 2016, S. 124).

9.4.3 Bestimmung der Stichprobe

Bestimmung der Merkmale der Grundgesamtheit

Die Zielgruppe der Umfrage sind die folgenden Projektmitarbeitenden von IT-Projekten in Großunternehmen der deutschen Softwarebranche mit mindestens 3 Jahren Berufserfahrung, die eine entscheidende Rolle bei der Auswahl von Vorgehensmodellen spielen können:

  • Führungskräfte

  • Projektmanager:innen

  • Projektmanagement-Berater:innen

  • Scrum Master:innen

  • Agile Coach:innen

  • Product Owner:innen

  • Solution Architect:innen

Dabei sind sowohl deutsche Standard-Software-Unternehmen (bspw. SAP SE) als auch multinationale Großunternehmen mit Sitz in Deutschland (bspw. Microsoft Deutschland GmbH) für die Umfrage relevant. Diese Rollen wurden ausgewählt, weil sie sowohl an der Entscheidungsfindung bei der Auswahl von Vorgehensmodellen beteiligt sein können als auch einen bedeutenden Einfluss darauf ausüben können (vgl. Broy & Kuhrmann 2013, S. 88).

Berechnung der Grundgesamtheit und valide Stichprobengröße

Die Grundgesamtheit der Zielgruppe wurde durch Schätzung ermittelt und umfasst 25.865 Personen für die Gesamtanzahl von Software-Großunternehmen in Deutschland (n=195, Quelle: Listfix 2024). Tabelle 3.1 zeigt die Berechnung der geschätzten Populationsgröße. Als Basis für die Schätzung wurde die Lünendonk-Liste (2007) herangezogen, die die Mitarbeiterzahl für die TOP 25 der Standard-Software-Unternehmen in Deutschland im Jahr 2006 enthält. Darüber hinaus wurde die Anzahl der Mitarbeiter:innen, die für die Zielgruppe relevant sind, pro Rolle bei der SAP SE in Deutschland via LinkedIn ermittelt und im Verhältnis zur Gesamtmitarbeiterzahl berechnet.

Es stellte sich heraus, dass 20% der Mitarbeiter:innen von SAP SE in Deutschland zur Zielgruppe der Umfrage gehören. Zusätzlich wurde das prozentuale Wachstum der Mitarbeiteranzahl bei SAP SE von 2006 bis 2024, das 78% betrug, berechnet. Diese Wachstumsrate wurde dann verwendet, um die geschätzte Mitarbeiteranzahl in Deutschland (2024) für alle verbleibenden Software-Großunternehmen zu ermitteln.

Für die Berechnung der Quote der Zielgruppe wurde der ermittelte Anteil von 20% bei der SAP SE verwendet.

Für die Grundgesamtheit von 25.865 Personen wurde mit der Statistik-Software DATAtab bei einer Fehlerspanne von 5% und einem Konfidenzniveau von 95% eine Stichprobengröße von 379 berechnet.

Bei der Umfrage wurden lediglich 50 Befragte erreicht, was einer Fehlerspanne von 9% und einem Konfidenzniveau von 80% entspricht.

Die tatsächliche Stichprobengröße von 50 Befragten liegt unter der berechneten idealen Stichprobengröße von 379. Dies führt zu einer geringeren Genauigkeit der Umfrageergebnisse und verringert die Wahrscheinlichkeit, dass die Ergebnisse auf die gesamte Population verallgemeinert werden können (vgl. Berger-Grabner 2016, S 217).

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Tabelle 3.1: Schätzung der Populationsgröße
(Quelle: eigene Darstellung basierend auf Lünedonk 2007)

Erreichung der Zielgruppe

Die Umfrage wurde auf LinkedIn und XING geteilt. Zusätzlich erfolgten Posts in 4 großen deutschsprachigen Gruppen zu Projektmanagement, die insgesamt 64.787 Mitglieder beinhalteten. Zudem wurden 80 Personen über die Filterfunktion von LinkedIn nach Position, Unternehmen und Land ermittelt und direkt via Privatnachricht kontaktiert.

9.4.4 Reflexion der Gütekriterien quantitativer Forschung

Die Güte empirisch erhobener Daten „hängt ganz entscheidend von der Qualität des Messvorgangs, insbesondere des Messinstrumentes ab“ (Berger-Grabner 2016, S. 173). In der quantitativen Sozialforschung wird die Qualität einer Untersuchung anhand von drei wesentlichen Gütekriterien bewertet: Objektivität, Reliabilität und Validität (vgl. Berger-Grabner 2016, S. 173).

Objektivität beschreibt den Grad der Unabhängigkeit der Ergebnisse einer Messung. Verschiedene Anwender:innen sollten mit dem gleichen Messinstrument zu denselben Ergebnissen gelangen (vgl. Berger-Grabner 2016, ebd.).

Reliabilität bezieht sich auf die Zuverlässigkeit des Messinstruments. Dabei sollte ein Messinstrument bei mehrfacher Anwendung unter identischen Bedingungen gleichbleibende Ergebnisse liefern (vgl. Berger-Grabner 2016, ebd.).

Die Validität bestimmt die Genauigkeit der Messung einer Variable, indem es überprüft, inwieweit das Messinstrument die Variable erfasst, die es zu messen beabsichtigt, ohne dabei andere Faktoren einzubeziehen (vgl. Berger-Grabner 2016, ebd.).

Bei Frage 10 des Fragebogens sind Objektivität und Reliabilität aufgrund der offenen Formulierung möglicherweise beeinträchtigt. Die Ergebnisse dieser Frage sollen jedoch als Anregung für weitere Forschung dienen. Das Ziel der offenen Formulierung ist es, zusätzliche potenziell relevante Erfolgsfaktoren aus der Praxis zu identifizieren, die durch geschlossene Fragen nicht abgedeckt wurden, was zur Vollständigkeit der Beantwortung der FF02 beiträgt. In der Erfolgsfaktorenforschung werden für die Erfolgsfaktoren-Identifizierung unter anderem häufig qualitative Mittel verwendet (vgl. Baumgarth & Evanschitzky 2009, S. 241). Daher hat die Frage eher einen qualitativen Charakter.

Gleiches gilt für das Textfeld der Frage 14 ‚Sonstiges und zwar‘, bei dem neben den vorgegebenen Handlungsmaßnahmen im Falle eines ungeeigneten Vorgehensmodells auch freie Antworten möglich sind, die potenziell weniger konsistent sein könnten. Auch hier ist das Ziel, zusätzliche Einblicke in die Praxis von Großunternehmen zu gewinnen und damit die FF03 umfassender zu beantworten.

Durch die Anweisung im Fragebogen, dass sich die Befragten bei der Beantwortung der Fragen auf ein spezifisches Referenzprojekt beziehen sollen, soll sichergestellt werden, dass alle Teilnehmer:innen unter den gleichen Bedingungen antworten und somit die Vergleichbarkeit der Antworten verbessert wird.

Die erreichte Stichprobengröße von 50 Befragten ist im Vergleich zur berechneten idealen Stichprobengröße von 379 deutlich geringer, was die Validität der Untersuchung beeinträchtigen kann, da die kleinere Stichprobe möglicherweise nicht in der Lage ist, die untersuchten Variablen in der gesamten Population genau zu erfassen.

9.5 Datenerfassung

Für die Befragung wurde eine Querschnitterhebung als Untersuchungsform gewählt, bei der die Daten einmalig und punktuell erhoben wurden (vgl. Berger-Grabner 2016, S. 123-124). Der auf der Plattform SoSci Survey erstellte Online-Fragebogen war vom 25.07.2024 bis zum 07.08.2024 aktiv. In diesem Zeitraum nahmen 79 Personen an der Umfrage teil. Allerdings haben nur 50 dieser Personen den Fragebogen vollständig bis zur letzten Seite (S. 12) ausgefüllt, sodass nur deren Daten als gültig betrachtet werden können (n=50).

9.6 Auswertung der Befunde

Dieses Kapitel befasst sich mit der Auswertung der erhobenen Daten. Zunächst werden die eingesetzten Auswertungsmethoden beschrieben und anschließend wird die Analyse der ausgewerteten Daten präsentiert.

9.6.1 Auswertungsmethode

Die auf der Plattform SoSci Survey (www.soscisurvey.de) erfassten Daten der Online-Umfrage konnten in verschiedenen Formaten, darunter CSV und SPSS, heruntergeladen werden. Anschließend wurden die Daten in Excel und mit der Statistik-Software DATAtab (https://datatab.de/) ausgewertet.

Die erhobenen Daten wurden mittels deskriptiver Statistik interpretiert, wobei Häufigkeitsanalysen sowie Analysen von Lageparametern und Streuungsmaßen zum Einsatz kamen. Die Zusammenhänge zwischen Erfolgsfaktoren und Erfolgsindikatoren wurden durch Korrelationsanalysen sowie durch die Durchführung mehrerer linearer Regressionsanalysen untersucht. Die Antworten in den Feldern unter der Option „Sonstige und zwar“, die eine offene Texteingabe ermöglichten, wurden aufgrund ihres qualitativen Charakters inhaltlich analysiert.

Bei den genannten Verfahren handelt es sich um uni- und bivariaten Auswertungen. Während die univariate Auswertung (Lageparameter und Streuungsmaße) einzelne Variablen analysiert, um erste Einblicke in die Datenstruktur zu gewinnen, untersucht die bivariate Auswertung (Kontingenz-, Korrelations- und Regressionsanalysen) die Beziehungen zwischen zwei Variablen, um Hypothesen zu überprüfen (vgl. Berger-Grabner 2016, S. 183-186).

9.6.2 Stichprobenverifizierung

Frage 01

F01: Verfügen Sie über mind. 3 Jahre Erfahrung in IT-Projekten deutscher Großunternehmen der Softwarebranche?

[Filterfrage, Fragetyp: Single Choice]

Auswertung zu Frage 01

Die erste Frage des Fragebogens hatte das Ziel, die Stichprobe zu verifizieren und ungeeignete Teilnehmer:innen auszuschließen. Daher wurde explizit nachgefragt, ob die teilnehmende Person über mindestens drei Jahre Erfahrung in IT-Projekten deutscher Großunternehmen der Softwarebranche verfügt. Darüber hinaus wurde klargestellt, dass der Fokus der Umfrage auf Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeiter:innen und einem Jahresumsatz von über 50 Millionen Euro liegt, wobei sowohl Standard-Software-Unternehmen mit Hauptsitz in Deutschland (z. B. SAP SE) als auch multinationale Großunternehmen (z. B. Microsoft Deutschland GmbH) von Relevanz sind.

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Abbildung 3.3: Frage 1 – Ergebnisse der Stichprobenverifizierung
(eigene Darstellung)

Die Umfrageergebnisse zeigen, dass 15% der Teilnehmer:innen nicht über die geforderte Mindestanforderung von drei Jahren Erfahrung in IT-Projekten deutscher Großunternehmen der Softwarebranche verfügten (vgl. Abbildung 3.3). Für diese Teilnehmer:innen wurde die Umfrage an dieser Stelle beendet, da sie nicht zur Zielgruppe der Studie gehörten. Die restlichen 85% der Teilnehmer:innen (n=50) erfüllten die Anforderungen und die Umfrage wurde fortgesetzt.

9.6.3 Demographische Daten der Stichprobe

Frage 02

F02: Bitte geben Sie Ihr Geschlecht an.

[Fragetyp: Single Choice]

Auswertung zu Frage 02

Die Abbildung 3.4 zeigt die prozentuale Verteilung der Befragten nach Geschlecht (n=50). Von den Teilnehmenden waren 60 % Männer und 40 % Frauen. Da sich keine der befragten Personen als divers identifiziert hat, wird diese Kategorie im Diagramm nicht dargestellt.

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Abbildung 3.4: Frage 2 – Prozentuale Verteilung der Befragten nach Geschlecht
(eigene Darstellung)

Frage 03

F03: Verfügen Sie über eine Projektmanagement-Zertifizierung und falls ja über welche?

[Fragetyp: Multiple Choice]

Auswertung zu Frage 03

Das Ziel dieser Frage bestand darin, das theoretische Wissen der Stichprobe sowie dessen Ausrichtung (traditionell oder agil) zu ermitteln. Die konkrete Zertifizierungsstufe (z. B. IPMA D, IPMA C oder CAPM, PMP) war dabei von zweitrangiger Bedeutung und wurde nicht abgefragt.

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Abbildung 3.5: Frage 3 – Verteilung der Zertifizierungen in der Stichprobe
(eigene Darstellung)

Die Abbildung 3.5 verdeutlicht, dass ein signifikanter Anteil der Zielgruppe (66%) über mindestens eine Zertifizierung im Projektmanagement und somit über fundierte theoretische Kenntnisse verfügt. Es ist jedoch anzumerken, dass theoretisches Wissen im Projektmanagement auch bei den Befragten ohne formale Zertifizierung nicht auszuschließen ist.

Insbesondere unter Einbeziehung der Angaben im Textfeld 'Sonstige und zwar' überwiegen agile Zertifizierungen in der Stichprobe mit insgesamt 29 Nennungen. Im Vergleich dazu kommen traditionelle Zertifizierungen auf etwa 21 Nennungen, was auf eine stärkere Verbreitung von agilem Know-how in der befragten Gruppe hinweist. Bei den traditionell ausgerichteten Zertifizierungen ist PMI am häufigsten vertreten. Die Zertifizierungen zum Scrum Master:in und Product Owner:in sind ähnlich verteilt (vgl. Abbildung 3.6).

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Abbildung 3.6: Frage 3 – Häufigkeit der Zertifizierungen in der Stichprobe
(eigene Darstellung)

Insgesamt wurden im Textfeld „Sonstige und zwar“ sechs weitere Zertifizierungen angegeben, darunter SAFe (2), Nexus (1), Agile Leadership (1), ITIL (1) und eine firmeninterne Zertifizierung.

Frage 04

F04: Wie lange sind Sie bereits in Projekten deutscher Großunternehmen der Softwarebranche tätig? [Fragetyp: Single Choice]

Auswertung zu Frage 04

Die Verteilung der Berufserfahrung der Stichprobe in IT-Projekten bei deutschen Großunternehmen der Softwarebranche ist in Abbildung 3.7 dargestellt. Dabei verfügt ein signifikanter Anteil der Befragten (76%) über mehr als 10 Jahre IT-Projekterfahrung in deutschen Software-Großunternehmen. Folglich kann auf eine langjährige Praxiserfahrung zurückgegriffen werden.

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Abbildung 3.7: Frage 4 – Verteilung der Berufserfahrung der Stichprobe
(eigene Darstellung)

Frage 05

F05: Was ist Ihre Tätigkeit?

[Fragetyp: Multiple Choice]

Auswertung zu Frage 05

Die Zielgruppe der Umfrage bestand aus Entscheidungsträger:innen und Schlüsselpersonen in IT-Projekten, die eine wesentliche Rolle bei der Auswahl von Vorgehensmodellen übernehmen können. Dazu zählten Projektmanager:innen, Scrum Master:innen, Agile Coach:innen, Product Owner:innen, Führungskräfte und Solution Architect:innen.

Die Teilnehmer:innen hatten die Möglichkeit, mehrere Tätigkeiten anzugeben. Die häufigste Rolle unter den Befragten war die der Projektmanager:innen, gefolgt von Product Owner:innen und Scrum Master:innen, während ein kleinerer Teil Solution Architect:innen und Agile Coach:innen umfasste (vgl. Abbildung 3.8).

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Abbildung 3.8: Frage 5 – Häufigkeit der ausgeübten Tätigkeiten in der Stichprobe
(eigene Darstellung)

Zehn Teilnehmer:innen gaben ihre Tätigkeit ausschließlich als 'Sonstige' an. Diese wurden im Hinblick auf die Einhaltung der Gütekriterien empirischer Forschung näher analysiert. Zu den im Textfeld 'Sonstige und zwar' angegebenen Rollen zählten:

  • Business Analyst:in

  • Change Manager:in

  • Consultant:in

  • Senior Softwareentwickler:in

  • Manager:in

  • PMO

  • Processmanager:in

  • Programmanager:in

  • Quality Engineer:in

  • Senior Technical Writer:in.

Alle diese Rollen tragen zur Einhaltung der Gütekriterien empirischer Forschung bei, da sie relevante Schnittstellen mit Projektmanagementmodellen darstellen und unterschiedliche Perspektiven auf deren Auswahl und Implementierung bieten können.

Abbildung 3.9 zeigt die Zuordnung der angegebenen Rollen im Textfeld "Sonstiges und zwar" zu übergeordneten Tätigkeitsbereichen. Dabei wird die Häufigkeit der einzelnen Rollen innerhalb dieser Tätigkeitsbereiche dargestellt.

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Abbildung 3.9: Frage 5 – Häufigkeit der sonstigen Rollen nach Bereichen
(eigene Darstellung)

Es überwiegen unter anderem Rollen im Bereich 'PMO', gefolgt von Tätigkeiten im Bereich 'Top-Management' und 'Development'.

Folglich scheint die Stichprobe repräsentativ für die Zielgruppe zu sein, denn sie deckt mehrere relevante Rollen in IT-Projekten ab, die in die Auswahl von Vorgehensmodellen involviert sein können.

9.6.4 Auswertung der Daten zu Vorgehensmodellen

Frage 06

F06: Welcher Ausrichtung lässt sich das Vorgehensmodell in Ihrem Referenzprojekt zuordnen?

[Fragetyp: Single Choice]

Auswertung zu Frage 06

Die Teilnehmer:innen wurden gebeten ein spezifisches Projekt aus einem deutschen Software-Großunternehmen auszuwählen und sich durchgehend auf dieses Projekt zu beziehen, damit mögliche Zusammenhänge zwischen Erfolgsfaktoren und Erfolgsindikatoren untersucht werden können.

Die erste Frage in diesem Kontext bezog sich auf die Zuordnung des Vorgehensmodells im Referenzprojekt zu einer bestimmten Ausrichtung. Dabei entschieden sich die Teilnehmer:innen überwiegend für Referenzprojekte mit einem agilen Vorgehensmodell, gefolgt von Projekten, die hybride oder traditionelle Ansätze verwenden (vgl. Abbildung 3.10).

Abbildung 3.10: Frage 6 – Ausrichtung der Vorgehensmodelle der Stichprobe
(eigene Darstellung)

Abbildung 3.11 zeigt die Ausprägung der Erfolgsindikatoren je nach VM-Ausrichtung. Die agilen und hybriden Vorgehensmodelle in den Referenzprojekten zeichnen sich durch eine termingerechte und planmäßige Lieferung aus (EI F13a, agil: M = 1,97; hybrid: M = 1,6). Traditionelle Vorgehensmodelle schneiden bei diesem Indikator schlechter ab (EI F13a, plangetrieben: M = 2,17) und weisen eine größere Streuung auf (F13a, plangetrieben: SD = 1,17).

Eine enge Zusammenarbeit zwischen Kund:innen und dem Entwicklungsteam ist bei hybriden und traditionellen Vorgehensmodellen zu beobachten (EI F13b, hybrid: M = 2,4; plangetrieben: M = 2,17). Die Referenzprojekte mit agilen Vorgehensmodellen weisen bei diesem Indikator schlechtere Ergebnisse auf (M = 2,9).

Im Gegensatz dazu zeigen die agilen Ansätze bessere Ergebnisse in Bezug auf die Mitarbeiterzufriedenheit (EI F13c, M = 2,21) mit einer relativ geringen Standardabweichung (SD = 0,77), gefolgt von hybriden (M = 2,33) und traditionellen Vorgehensmodellen (M = 2,5).

Die Kundenzufriedenheit (EI F13d) ist bei hybriden und agilen Vorgehensmodellen höher (hybrid: M = 2,07; agil: M = 2,14), während traditionelle Ansätze eine etwas niedrigere Kundenzufriedenheit aufweisen (M = 2,33).

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Abbildung 3.11: Frage 6 – Erfolgsindikatoren nach VM-Ausrichtung
(eigene Darstellung)*
*Legende
F13a: Die Lieferung erfolgt plan- und termingerecht. 
F13b: Es besteht eine enge Zusammenarbeit zwischen den Kund:innen und dem Entwicklungsteam.
F13c: Die Projektmitarbeiterzufriedenheit ist hoch. 
F13d: Die Kundenzufriedenheit ist hoch.

Es fällt auf, dass die Referenzprojekte, in denen agile Vorgehensmodelle eingesetzt wurden, eher im traditionellen Sinne erfolgreich waren, jedoch nicht im agilen Sinne. Nach der Definition von Wysocki (2014) gelten agile Projekte als erfolgreich, wenn sie eine enge Zusammenarbeit zwischen Kund:innen und dem Entwicklungsteam aufweisen, was im gegebenen Fall nicht zutrifft (vgl. Kapitel 2.3.6; Wysocki 2014, S. 45, 48-49).

Frage 07

F07: Wurde die Ausrichtung des Vorgehensmodells (traditionell, agil, hybrid) in Ihrem Referenzprojekt anhand eines Hilfsmodells ermittelt und falls ja anhand welchem? [Fragetyp: Single Choice]

Auswertung zu Frage 07

Anhand dieser Frage sollte überprüft werden, ob die Befragten theoretische Hilfsmodelle zur Bestimmung der VM-Ausrichtung verwenden. Es stellte sich heraus, dass nur in einem Referenzprojekt die Stacy Matrix verwendet wurde (vgl. Abbildung 3.12). In 86% der Fälle beruhte die Bestimmung der Ausrichtung nicht auf theoretischen Empfehlungen (vgl. bspw. Brönimann & Bommer 2022, S. 124ff.).

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Abbildung 3.12: Frage 7 – Verwendung von Hilfsmodellen
(eigene Darstellung)

Die Auswertung des Textfeldes 'Sonstige und zwar' ergab verschiedene Herangehensweisen und Perspektiven, die Einblicke in die Auswahl von Vorgehensmodellen in der Praxis bieten (vgl. Tabelle 3.2). In einigen Fällen wurde die Entscheidung getroffen, kontinuierlich agil zu arbeiten, wobei jedoch keine spezifischen Gründe für diese Wahl bekannt waren oder explizit genannt wurden. Darüber hinaus scheint die vollständige Implementierung agiler Arbeitsweisen nicht immer erfolgreich zu gelingen. In anderen Fällen wurde das Vorgehensmodell mithilfe externer Beratung, im Rahmen eines firmeninternen Projektprozesses oder basierend auf individuellen Erfahrungswerten ausgewählt. Darüber hinaus wurden auch Erfahrungen und Beobachtungen aus anderen Industrien, wie der Automobilindustrie, evaluiert und auf die Softwarebranche übertragen.

Interview-Nummer

F07: Sonstiges und zwar

74

Nachdem ich bereits 1,5 Jahre das Projekt begleitet habe, sehe ich, dass es eher ein Unfall war (irgendwann wurde einfach entschieden, dass man agil arbeiten soll - Teile sind aber verkümmert und werden nun halb agil gemacht!)

131

wir arbeiten immer agil

162

Input Consulting Firma

182

Firmeninterner Projektprozess

273

Erfahrungswert

275

Anhand von Produktion und Prozess-Beobachtungen und -Vergleichen aus der Automobilindustrie und Evaluierung für die Softwarebranche

Tabelle 3.2: Frage 7 – VM-Ausrichtung: Sonstige Herangehensweisen
(eigene Darstellung)

Frage 08

F08: Nach welchem Vorgehensmodell bzw. Framework wird in Ihrem Referenzprojekt gearbeitet?

[Fragetyp: Single Choice]

Auswertung zu Frage 08

Als nächstes wurden die Befragten aufgefordert, die konkreten Vorgehensmodelle bzw. Frameworks anzugeben, die in den Referenzprojekten eingesetzt wurden. Abbildung 3.13 zeigt die Verteilung der ausgewählten Modelle.

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Abbildung 3.13: Frage 8 – Verteilung der ausgewählten Vorgehensmodelle
(eigene Darstellung)

Dabei ist Scrum das am häufigsten genannte Vorgehensmodell und wird in 52% der Referenzprojekte eingesetzt, während PRINCE2 das einzige traditionelle Vorgehensmodell ist, das in den Projekten vertreten ist.

Das V-Modell XT, insbesondere in Kombination mit Scrum (V-Scrum-Modell XT), das in der 3ProcSurvey-Studie (2012/13) als aufkommender Trend identifiziert wurde (vgl. Kuhrmann & Linssen 2015, S. 41), wurde in den Referenzprojekten der Befragten dieser Umfrage nicht verwendet. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass die Teilnehmer:innen der 3ProcSurvey-Studie (2012/13) unterschiedliche Unternehmensgrößen, Tätigkeitsbereiche und Domänen der deutschen Softwarebranche repräsentierten (vgl. Kuhrmann & Linssen 2015, S. 41).

Das zweithäufigste genannte Vorgehensmodell ist Kanban (10%), gefolgt von PRINCE2 (8%) und dem agilen Skalierungs-Framework SAFe (8%). Bei den hybriden Modellen ist insbesondere die agile Kombination Scrumban (6%) vertreten. Zudem wurden im Textfeld 'Sonstiges und zwar' einige weitere Kombinationen aus plangetriebenen und agilen Vorgehensmodellen angegeben (vgl. Tabelle 3.3).

In drei Fällen wurden auch speziell angepasste Vorgehensmodelle und Projektdesigns erwähnt.

Interview-Nummer

Ausrichtung des Vorgehensmodells (F06)

F08: Vorgehensmodelle

im Textfeld

„Sonstiges und zwar“

131

agil

ACE (Agile Cloud Enabling), Cake (Collaborative Agile Knowledge Engine), ROS und weitere

134

agil

Angepasst auf Projektbedürfnisse

182

plangetrieben

Wasserfall

185

hybrid

Wasserfall & Scrum

215

hybrid

Eigens entwickelte Methode

243

hybrid

Interne Firmentools

273

hybrid

Mischung aus SAFe und Prince2 - Planung nach Wasserfall, Ausführung agil

Tabelle 3.3: Frage 8 – Sonstige Vorgehensmodelle
(eigene Darstellung)

Abbildung 3.14 zeigt die Ausprägungen der Erfolgsindikatoren je nach Vorgehensmodell in den Referenzprojekten der Befragten.

Die Referenzprojekte mit Kanban weisen stabile und darüber hinaus die besten Ergebnisse beim Erfolgsindikator F13a – plan- und termingerechte Lieferung auf (M = 1,4; SD = 0,55), während Projekte mit SAFe in dieser Hinsicht am schlechtesten bewertet wurden (M = 2,25; SD = 0,96).

Paradoxerweise wurden Projekten mit dem traditionellen Vorgehensmodell PRINCE2 konsistent am besten beim agilen Erfolgsindikator F13b – enge Zusammenarbeit zwischen Kundinnen und dem Entwicklerteam – bewertet (M = 1,5; SD = 0,58). Projekte, bei denen das agile Vorgehensmodell Scrum eingesetzt wurde, schnitten hier am schlechtesten ab (M = 2,96). Dies wirft die Frage auf, inwieweit agile Prozesse zur kontinuierlichen Verbesserung, wie Inspektion und Anpassung stattgefunden haben.

Die Referenzprojekte mit den unter „Sonstiges und zwar" genannten Vorgehensmodellen erzielten die beste Mitarbeiterzufriedenheit (M = 2,0), gefolgt von den Projekten mit Scrum (M = 2,31) und Scrumban (M = 2,33). Die niedrigste Mitarbeiterzufriedenheit liegt bei Nexus vor (M = 3), wobei das Ergebnis lediglich auf einem einzelnen Datenpunkt basiert.

Auch beim Erfolgsindikator F13d: Kundenzufriedenheit liefert das Referenzprojekt mit Nexus das schlechte Ergebnis. Die höchste Kundenzufriedenheit erzielten die Projekte mit dem hybriden Vorgehensmodell Scrumban (M = 1,33; SD = 0,58).

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Abbildung 3.14: Frage 8 – VM-Bewertung anhand von Erfolgsindikatoren
(eigene Darstellung)

Die Auswertung der Daten zu Frage 8 zeigte eine Diskrepanz zu den Ergebnissen der Frage 6. Laut Abbildung 3.13 sollte der Anteil der Vorgehensmodelle mit agiler Ausrichtung bei 72% liegen. In Abbildung 3.10 (Ausrichtung der Vorgehensmodelle der Stichprobe) hingegen fällt die Zuordnung zu agilen Vorgehensmodellen mit 58% geringer aus.

Eine anschließende Analyse zeigte, dass 11 der ausgewählten Vorgehensmodelle bzw. Frameworks abweichend zur entsprechenden VM-Ausrichtung zugeordnet wurden. Eine Begründung eines:er Befragten im Textfeld „Sonstige und zwar“ bei der Frage 7 (Hilfsmodelle zur Zuordnung der VM-Ausrichtung) lieferte wertvolle Einblicke in die möglichen Ursachen dieser abweichenden Zuordnung:

"Nachdem ich bereits 1,5 Jahre das Projekt begleitet habe, sehe ich, dass es eher ein Unfall war. Irgendwann wurde einfach entschieden, dass man agil arbeiten soll – jedoch sind Teile der Methodik verkümmert und werden nun nur noch halb agil umgesetzt."

Diese Begründung verdeutlicht, dass die Einführung agiler Praktiken in diesem Projekt unzureichend geplant und umgesetzt wurde, was zu einer unsystematischen und ineffektiven Anwendung der Methodik führte. Dies lässt darauf schließen, dass sich das Projekt derzeit in einem Zustand des „hybriden“ Arbeitens befindet, allerdings ohne eine klare Struktur, was die Effizienz beeinträchtigen kann. Die Aussage „halb agil“ beschreibt dabei einen Zustand, in dem agile Prinzipien nur teilweise und unvollständig angewendet werden und die volle Wirksamkeit agiler Methoden nicht erreicht werden kann.

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Tabelle 3.4: Zuordnung von Vorgehensmodellen zu VM-Ausrichtung
(eigene Darstellung)

9.6.5 Auswertung der Daten zu VM-spezifischen Erfolgsfaktoren

Frage 09

F09: Inwiefern treffen folgende Aussagen auf das Vorgehensmodell in Ihrem Referenzprojekt zu?

  • F09a: Die Flexibilität und die Anpassbarkeit des Vorgehensmodells waren von entscheidender Bedeutung für seine Auswahl.

  • F09b: Das Vorgehensmodell wurde durch Tailoring projektspezifisch angepasst.

[Fragetyp: Likert-Skala]

Auswertung zu Frage 09

Nachdem das spezifische Vorgehensmodell bzw. Framework genannt wurde, wurden die Befragten um ihre Einschätzung gebeten, inwieweit vorgehensmodell-spezifische Erfolgsfaktoren bei der Auswahl des Vorgehensmodells für das Referenzprojekt eine Rolle gespielt haben.

Die Abbildung 3.15 veranschaulicht die Häufigkeit der Zustimmung oder Ablehnung hinsichtlich der Relevanz von den zwei vorgehensmodell-spezifischen, theoretisch ermittelten Erfolgsfaktoren im Kontext der Referenzprojekte der Befragten, bewertet auf einer Likert-Skala von „trifft zu (1)“ bis „trifft nicht zu (5).

Abbildung 3.15: Frage 9 – Zustimmung zu vorgehensmodell-spezifischen EFs
(eigene Darstellung)

Die Häufigkeiten der Nennungen zeigen, dass die Flexibilität und die Anpassbarkeit des Vorgehensmodells (F09a) in den meisten Fällen als entscheidend betrachtet wurden. Im Gegensatz dazu wurde der projektspezifischen Anpassung des Modells durch Tailoring (F09b) weniger stark zugestimmt.

Die Lage- und Streuungsparameter der vorgehensmodell-spezifischen Erfolgsfaktoren bestätigen diese Tendenz (siehe Tabelle 3.5). Die Flexibilität und Anpassbarkeit des Vorgehensmodells (F09a) wurden von den Befragten überwiegend als relevante Erfolgsfaktoren bei der VM-Auswahl im Kontext des jeweiligen Referenzprojekts eingestuft. Dies wird durch den relativ niedrigen Mittelwert (M = 2,22) und den Modalwert von 1 (volle Zustimmung) deutlich, die beide auf eine starke Zustimmung hindeuten. Die Werte für Schiefe und Exzess weisen auf eine leichte Asymmetrie und Varianz in den Antworten hin, jedoch ist insgesamt eine klare Tendenz zur Zustimmung erkennbar.

Im Gegensatz dazu zeigt sich beim Erfolgsfaktor projektspezifisches Tailoring (F09b) eine weniger einheitliche Zustimmung. Dies spiegelt sich in einem höheren Mittelwert (M = 2,6) und einer etwas größeren Standardabweichung (SD = 1,39) wider. Der Modalwert von 2 deutet darauf hin, dass auch hier eine überwiegende Zustimmung besteht, jedoch nicht so ausgeprägt wie bei der Flexibilität und Anpassbarkeit des Vorgehensmodells.

F09: a. Die Flexibilität und die Anpassbarkeit des Vorgehensmodells waren von entscheidender Bedeutung für seine Auswahl.

F09: b. Das Vorgehensmodell wurde durch Tailoring projektspezifisch angepasst.

Mittelwert

2,22

2,6

Median

2

2

Modalwert

1

2

Standardabweichung

1,28

1,39

Schiefe

0,72

0,53

Exzess

-0,66

-0,89

Anzahl gültige Werte

50

50

Tabelle 3.5: Frage 9 – VM-spezifische EFs: Lage- & Streuungsparameter
(eigene Darstellung)

9.6.6 Auswertung der Daten zu projekt-spezifischen Erfolgsfaktoren

Frage 11

F11: Inwiefern treffen folgende Aussagen auf Ihr Referenzprojekt zu?

Entscheidende projekt-spezifische Faktoren für die Auswahl des Vorgehensmodells waren:

  • F11a. die Dynamik der Anforderungen

  • F11b. die Komplexität des Projekts

  • F11c. die Anzahl der Mitarbeiter:innen

  • F11d. die Projektdauer

  • F11e. der Projekttyp (z.B. Neuentwicklung, Wartung, etc.)

  • F11f. der Qualifikationsgrad der Teammitglieder

[Fragetyp: Likert-Skala]

Auswertung zu Frage 11

In einem nächsten Schritt wurde die Zustimmung der Befragten zu den 6 projekt-spezifischen, theoretisch abgeleiteten Erfolgsfaktoren (F11a – F11f) erfragt. Dabei sollten sie einschätzen, inwieweit diese Faktoren bei der Auswahl des Vorgehensmodells im Kontext ihres Referenzprojekts relevant waren. Abbildung 3.16 veranschaulicht die Häufigkeit der Zustimmung oder Ablehnung hinsichtlich der Relevanz dieser fünf projektbezogenen Erfolgsfaktoren bei der Wahl des Modells. Der Grad der Zustimmung wurde ebenfalls auf einer Likert-Skala von „trifft zu (1)“ bis „trifft nicht zu (5)“ ermittelt.

Here is a picture
Abbildung 3.16: Frage 11 – Zustimmung zu projekt-spezifischen EFs
(eigene Darstellung)

Abbildung 3.16 zeigt deutlich die positive Zustimmung zur Bedeutung und Relevanz von drei der theoretisch abgeleiteten Erfolgsfaktoren: der Dynamik der Anforderungen (F11a), der Komplexität des Projekts (F11b) und dem Projekttyp (F11e).

Die Analyse der Lage- und Streuungsparameter der projekt-spezifischen Erfolgsfaktoren in Tabelle 3.6 zeigt, dass die Komplexität des Projekts (F11b) mit einem Mittelwert von 1,96 als besonders relevant eingestuft wurde. Die Mehrheit der Befragten bewertete die meisten Faktoren als relevant, was sich im Medianwert von 2 widerspiegelt. Der Modalwert liegt bei den meisten Faktoren bei 1, was auf eine starke Zustimmung hinweist, während die Projektdauer (F11d) mit einem Modalwert von 2 eine etwas geringere, aber dennoch signifikante Zustimmung erfährt.

Die relativ niedrigen Standardabweichungen bei der Dynamik der Anforderungen (F11a) und der Komplexität des Projekts (F11b) deuten auf eine hohe Übereinstimmung unter den Befragten hin. Die positive Schiefe, insbesondere bei der Komplexität des Projekts, unterstreicht die hohe Relevanz, die dieser Faktor für die Befragten hat.

Die negativen Exzess-Werte bei der Anzahl der Mitarbeiter:innen (F11c) und der Projektdauer (F11d) weisen auf flachere Verteilungen und eine breitere Streuung der Antworten hin. Der Qualifikationsgrad des Teams (F11f) zeigt die geringste Zustimmung, was sich in einem höheren Mittelwert (2,86), einem Medianwert von 3 und einer höheren Standardabweichung (1,44) widerspiegelt. Dies deutet auf eine größere Meinungsvielfalt und Unsicherheit hinsichtlich der Relevanz dieses Faktors hin.

Insgesamt werden die Komplexität des Projekts (F11b) und die Dynamik der Anforderungen (F11a) als besonders relevante Erfolgsfaktoren angesehen, während die Anzahl der Mitarbeiter:innen (F11c), die Projektdauer (F11d) und der Qualifikationsgrad des Teams (F11f) differenzierter bewertet werden.

Die Relevanz des Projekttyps (F11e) als Erfolgsfaktor wird insgesamt als hoch eingeschätzt, aber die etwas größere Streuung der Antworten (SD = 1,28; Schiefe = 0,89) deutet darauf hin, dass die Meinungen darüber stärker variieren, was darauf hindeutet, dass die Relevanz des Projekttyps etwas geringer eingeschätzt wird.

F11: a. die Dynamik der Anforderungen

F11: b. die Komplexität des Projekts

F11: c. die Mitarbeiter-anzahl

F11: d. die Projektdauer

F11: e. der Projekttyp (z.B. Neuentwicklung, Wartung, etc.)

F11: f. der Qualifikations-grad des Teams

Mittelwert

2,12

1,96

2,44

2,7

2,2

2,86

Median

2

2

2

2

2

3

Modalwert

1

1

1

2

1

1

Standard-abweichung

1,15

1,18

1,34

1,39

1,28

1,44

Schiefe

0,84

1,17

0,45

0,33

0,89

0,13

Exzess

-0,13

0,38

-1,07

-1,18

-0,24

-1,31

Anzahl

gültige Werte

50

50

50

50

50

50

Tabelle 3.6: Frage 11 – Projekt-spezifische EFs: Lage- & Streuungsparameter
(eigene Darstellung)

9.6.7 Auswertung der Daten zu projektumfeld-spezifischen Erfolgsfaktoren

Frage 12

F12: Inwiefern treffen folgende Aussagen auf Ihr Referenzprojekt zu?

Entscheidende projektumfeld-spezifische Faktoren für die Auswahl des Vorgehensmodells waren:

  • F12a. Die erwartete Beteiligung der Kund:innen.

  • F12b. Die Unternehmenskultur und das Mindset des:der Auftragnehmer:in.

[Fragetyp: Likert-Skala]

Auswertung zu Frage 12

Abbildung 3.17 veranschaulicht den Grad der Zustimmung zu den projektumfeld-spezifischen, theoretisch abgeleiteten Erfolgsfaktoren und deren entscheidender Rolle bei der Auswahl des Vorgehensmodells im Kontext des gewählten Referenzprojekts.

Here is a picture
Abbildung 3.17: Frage 12 – Zustimmung zu projektumfeld-spezifischen EFs
(eigene Darstellung)

Anhand der absoluten Häufigkeiten ist erkennbar, dass die erwartete Beteiligung der Kund:innen (F12a) von den meisten Befragten als neutral oder als nicht entscheidend eingestuft wird. Im Gegensatz dazu betrachten 64% der Befragten die Unternehmenskultur und das Mindset des:der Auftragnehmer:in (F12b) als einen relevanten projektumfeld-spezifischen Faktor.

Der Mittelwert von 3,18 beim Faktor „erwartete Beteiligung der Kund:innen“ (F12a) deutet darauf hin, dass die Befragten diesen im Durchschnitt als moderat relevant einschätzen (vgl. Tabelle 3.7). Die Bewertung tendiert eher zu einer neutralen oder leicht negativen Einschätzung, was auch durch den Median und den Modalwert von jeweils 3 untermauert wird. Die Standardabweichung von 1,34 zeigt, dass die Meinungen der Befragten stark variieren, was auf eine breite Streuung der Antworten hinweist. Die Schiefe von -0,13 und der flache Exzess von -1,03 verdeutlichen ebenfalls, dass es keine starke Neigung zu extremen Bewertungen gibt. Insgesamt wird die erwartete Beteiligung der Kund:innen als neutral bis leicht negativ bewertet, wobei die Erwartungen je nach Projekt stark variieren.

F12: a. Die erwartete Beteiligung der Kundinnen und Kunden.

F12: b. Die Unternehmenskultur und das Mindset des:der Auftragnehmer:in.

Mittelwert

3,18

2,16

Median

3

2

Modalwert

3

1

Standardabweichung

1,34

1,15

Schiefe

-0,13

0,85

Exzess

-1,03

0,21

Anzahl gültige Werte

50

50

Tabelle 3.7: Frage 12 – PU-spezifische EFs: Lage- & Streuungsparameter
(eigene Darstellung)

Im Gegensatz dazu wird die Unternehmenskultur und Mindset des:der Auftragnehmer:in (F12b) von den Befragten als deutlich relevanter eingeschätzt, wie der niedrigere Mittelwert von 2,16 sowie der Median von 2 belegen (vgl. Tabelle 3.7). Der Modalwert von 1 zeigt, dass eine signifikante Anzahl der Befragten diesen Faktor als sehr relevant erachtet. Die geringere Standardabweichung von 1,15 weist auf eine stärkere Übereinstimmung unter den Befragten hin. Die positive Schiefe von 0,85 bedeutet, dass einige Befragte diesen Faktor weniger wichtig finden, aber insgesamt bleibt die Relevanz hoch. Der Exzess von 0,21 zeigt eine leicht steilere Verteilung, was nahe an einer Normalverteilung liegt.

Insgesamt wird jedoch der Faktor Unternehmenskultur und Mindset des:der Auftragnehmer:in (F12b) als entscheidend für den Projekterfolg angesehen, was auf eine starke Übereinstimmung unter den Befragten hinweist.

9.6.8 Weitere entscheidende Faktoren bei der VM-Auswahl

Frage 10

F10: Welche weiteren Faktoren waren bei der Auswahl des Vorgehensmodells in Ihrem Referenzprojekt entscheidend? Bitte nennen Sie maximal 3 Faktoren.

[Fragetyp: Offene Frage]

Auswertung zu Frage 10

Das Ziel dieser Frage war es, zusätzliche entscheidende Faktoren zu identifizieren, die im Kontext deutscher Software-Großunternehmen eine bedeutende Rolle bei der Auswahl eines geeigneten Vorgehensmodells spielen, jedoch nicht durch das Top-10-Erfolgsfaktorenmodell abgedeckt werden. Diese Frage wurde von 39 Personen beantwortet, während 11 Teilnehmer:innen keine Antwort angegeben haben. Die genannten Faktoren wurden vereinheitlicht und in die Kategorien vorgehensmodell-spezifisch (VM), projekt-spezifisch (P) und projektumfeld-spezifisch (PU) eingeordnet. 14 der insgesamt 25 zusätzlich genannten Faktoren entsprechen theoretischen Faktoren, die durch die Häufigkeitsanalyse ermittelt wurden, wobei 6 dieser Faktoren auch zum theoretischen Top-10-Erfolgsfaktorenmodell gehören. Dies ist darauf zurückzuführen, dass diese Frage vor der Erhebung der projekt-spezifischen und projektumfeld-spezifischen Erfolgsfaktoren gestellt wurde.

Die folgende Tabelle 3.8 gibt einen Überblick über die verschiedenen Kriterien, die bei der Auswahl eines Vorgehensmodells in Referenzprojekten als entscheidend genannt wurden.

Auswahlkriterium

F10: Häufigkeit der Nennungen

in der Umfrage abgefragt

Ranking in der Häufigkeits-analyse basierend auf der Theorie

PU: Vorgabe des Unternehmens

11

nein

54

P: Definition & Priorisierung der Projektziele

9

nein

24

PU: Vorgabe des Managements

7

nein

n/a

VM: Struktur & Transparenz

5

nein

n/a

PU: Best Practices

4

nein

39

P: Dynamik der Anforderungen

3

ja

4

VM: Flexibilität & Anpassbarkeit

3

ja

1

VM: Skalierbarkeit

3

nein

30

VM: Vorgehensstrategie

3

nein

23

PU: Bereitschaft & Offenheit des Projektteams

2

nein

n/a

PU: Erfahrung des Projektteams

2

nein

22

PU: Qualifikationsgrad des Teams

2

ja

9

PU: Vorgabe des:der Kunden:in

2

nein

n/a

VM: Akzeptanz in der Belegschaft

2

nein

n/a

VM: Komplexitätsgrad

2

nein

94

VM: Unterstützung kontinuierlicher Verbesserung

2

nein

34

P: Anzahl der Mitarbeiter:innen

1

ja

3

P: Komplexität des Produkts

1

nein

n/a

P: Projektgröße - Projektdauer

1

ja

8

PU: Erfahrung des Konzerns mit Projektmanagement

1

nein

n/a

PU: Teamzusammenstellung

1

nein

n/a

PU: Vertragliche Rahmenbedingungen

1

nein

n/a

PU: Vorgabe des IT-Implementierers

1

nein

n/a

VM: Passung zum Projekt

1

nein

n/a

VM: Passung zum Unternehmen

1

ja

6

Gesamtergebnis

71

 

 

Tabelle 3.8: Frage 10 – Weitere entscheidende Faktoren bei der VM-Auswahl
(eigene Darstellung)

Das projektumfeld-spezifische Auswahlkriterium „Vorgabe des Unternehmens“ wurde mit 11 Nennungen am häufigsten genannt, gefolgt von „P: Definition & Priorisierung der Projektziele“ (9 Nennungen) und „PU: Vorgabe des Managements“ (7 Nennungen).

Den Auswahlkriterien, die auch in der theoretischen Häufigkeitsanalyse vorkamen, wurde zusätzlich das entsprechende Ranking zugeordnet. Die folgenden von den Befragten genannten Faktoren, die auch Teil der in der Häufigkeitsanalyse ermittelten Auswahlkriterien waren, jedoch nicht zum theoretischen Erfolgsmodell dieser Arbeit gehören, sollten in zukünftigen Forschungen näher untersucht werden:

  • Vorgehensmodell-spezifische Faktoren:

    • Skalierbarkeit

    • Vorgehensstrategie

    • Komplexitätsgrad

    • Unterstützung kontinuierlicher Verbesserung

  • Projektumfeld-spezifische Faktoren:

    • Vorgabe des Unternehmens

    • Best Practices

    • Erfahrung des Projektteams

  • Projekt-spezifische Faktoren:

    • Definition & Priorisierung der Projektziele

Elf der von den Befragten genannten entscheidenden Faktoren wurden in der theoretischen Literaturanalyse nicht berücksichtigt. In vier dieser Fälle handelt es sich um Vorgaben seitens des Managements, des Auftraggeber-Unternehmens und des implementierenden IT-Unternehmens. Neben diesen Faktoren sollte auch das Auswahlkriterium ‚Struktur und Transparenz des Vorgehensmodells‘ in Betracht gezogen werden, das mit fünf Nennungen eine gewisse Relevanz aufweist.

Insgesamt zeigte sich, dass in 42 % der Fälle (n = 50) die Vorgehensmodelle in den Software-Großunternehmen vorgegeben sind, was darauf hindeutet, dass IT-Projektmanager:innen in diesen Unternehmen nicht zwangsläufig zu den Entscheidungsträger:innen gehören bzw. in ihrer Entscheidungsfreiheit deutlich eingeschränkt sind.

Die Fähigkeit, sich rasch an veränderte Anforderungen anzupassen, wird im Kontext deutscher Software-Großunternehmen als essenziell betrachtet. Vorgehensmodelle müssen ausreichend flexibel sein, um auf unvorhergesehene Entwicklungen reagieren zu können. Aufgrund der Standardisierung kann das vorgegebene Vorgehensmodell jedoch möglicherweise nicht immer optimal auf spezifische Projektanforderungen abgestimmt werden. Zudem scheinen Entscheidungen über Vorgehensmodelle oft auch durch politische Motive und die Präferenzen von Führungskräften beeinflusst zu sein. Diese Vorgaben könnten zu einer Diskrepanz zwischen dem theoretisch optimalen und dem tatsächlich gewählten Vorgehensmodell führen.

Die vorhandene Expertise und die bisherigen Erfahrungen im Team spielen ebenfalls eine wichtige Rolle, wobei bereits bewährte und akzeptierte Modelle bevorzugt werden.

Es ist darüber hinaus von großer Bedeutung, dass das Vorgehensmodell an die spezifischen Umstände des Unternehmens und des Projekts angepasst wird und mit den Projektzielen abgestimmt ist.

Im Wesentlichen ist die Auswahl von Vorgehensmodellen sowohl durch Unternehmensvorgaben und politische Management-Entscheidungen, als auch durch die Notwendigkeit von Flexibilität und Anpassungsfähigkeit des Vorgehensmodells geprägt. Obwohl ein starkes Bedürfnis nach Flexibilität und Anpassungsfähigkeit besteht, bestimmen Standardisierungen häufig die Wahl eines Vorgehensmodells. Die Lösung des Konflikts zwischen diesen beiden Aspekten stellt in der Praxis eine besondere Herausforderung dar.

9.6.9 Auswertung der Daten zu Projekterfolg-Indikatoren

Frage 13

F13: Inwiefern treffen folgende Aussagen auf ihr Referenz-Projekt zu?

  1. Die Lieferung erfolgt plan- und termingerecht.

  2. Es besteht eine enge Zusammenarbeit zwischen den Kund:innen und dem Entwicklungsteam.

  3. Die Projektmitarbeiterzufriedenheit ist hoch.

  4. Die Kundenzufriedenheit ist hoch.

[Fragetyp: Likert-Skala]

Auswertung zu Frage 13

Ziel der vorliegenden Frage war es, den Erfolg der Referenzprojekte der Befragten anhand von Projekterfolgsindikatoren zu bewerten. Dabei wurden sowohl allgemeine Erfolgsindikatoren im Kontext des Projektmanagements als auch spezifische Projekterfolgsindikatoren für agile und traditionelle Projekte berücksichtigt:

  • allgemeine PM-Erfolgsindikatoren: Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit (vgl. Möller 2009, S. 57-58);

  • agile Erfolgsindikatoren: Enge Zusammenarbeit zwischen Kund:innen und Entwicklungsteams (vgl. Wysocki 2014, S. 48-49);

  • plangetriebene Erfolgsindikatoren: Planerfüllung und termingerechte Lieferung (vgl. Wysocki 2014, S. 45).

Der Grad der Zustimmung zu den Erfolgsindikatoren wurde auf einer Likert-Skala von „trifft zu (1)“ bis „trifft nicht zu (5)“ ermittelt.

Abbildung 3.18 zeigt die Häufigkeit der Zustimmung oder Ablehnung zu den vier verschiedenen Projekterfolgsindikatoren und bietet einen Überblick über den Erfolg der von den Befragten ausgewählten Referenzprojekte.

Aus den absoluten Häufigkeiten wird deutlich, dass die Referenzprojekte überwiegend nach traditionellen Kriterien erfolgreich waren. Darüber hinaus zeichnet sich ein großer Teil der Projekte (64%) durch eine hohe Kundenzufriedenheit aus. Eine hohe Mitarbeiterzufriedenheit wurde jedoch nur bei 56% der Referenzprojekte erreicht. Der agile Projekterfolgsindikator „enge Zusammenarbeit zwischen Kund:innen und Entwicklungsteams“ wird lediglich von 48% der Projekte erfüllt.

Here is a picture
Abbildung 3.18: Frage 13 - Zustimmung zu Projekterfolg-Indikatoren
(eigene Darstellung)

Die relevanten statistischen Kennzahlen in Tabelle 3.9, darunter ein niedriger Mittelwert von 1,88 und eine geringe Standardabweichung von 0,85, verdeutlichen, dass der Erfolgsindikator „plan- und termingerechte Lieferung“ von den Befragten am häufigsten als zutreffend bewertet wurde. Diese Werte zeigen, dass die Mehrheit der Befragten diesem Indikator stark zustimmt und die Meinungen dazu relativ einheitlich sind.

Die Kundenzufriedenheit wird ebenfalls stabil als 'eher zutreffend' eingeschätzt, was der niedrige Mittelwert von 2,14 und die geringe Standardabweichung von 0,86 verdeutlichen. Die konsistente Verteilung der Antworten lässt, darauf schließen, dass die Kundenzufriedenheit in den meisten Projekten als hoch bewertet wird.

Die Projektmitarbeiterzufriedenheit zeichnet sich ebenfalls durch eine positive Bewertung aus, mit einem Mittelwert von 2,28. Die relativ geringe Standardabweichung von 0,78 zeigt, dass die Meinungen der Befragten hierzu relativ einheitlich sind, was auf eine weitgehende Übereinstimmung hinsichtlich der Relevanz dieses Indikators hindeutet.

Die enge Zusammenarbeit zwischen Kund:innen und dem Entwicklungsteam wird weniger stark bewertet, was der höhere Mittelwert von 2,66 zeigt. Die breite Streuung der Meinungen, wie sie durch die Standardabweichung von 1,21 verdeutlicht wird, deutet darauf hin, dass dieser Indikator von den Befragten nicht als erfüllt angesehen wird.

F13: a. Die Lieferung erfolgt plan- und termingerecht.

F13: b. Es besteht eine enge Zusammenarbeit zwischen den Kund:innen und dem Entwicklungsteam.

F13: c. Die Projektmitarbeiter-zufriedenheit ist hoch.

F13: d. Die Kundenzufriedenheit ist hoch.

Mittelwert

1,88

2,66

2,28

2,14

Median

2

3

2

2

Modalwert

2

2

3

2

Standard-abweichung

0,85

1,21

0,78

0,86

Schiefe

0,65

0,19

-0,28

0,13

Exzess

-0,26

-0,96

-0,83

-0,86

Anzahl

gültige Werte

50

50

50

50

Tabelle 3.9: Frage 13 – Projekterfolg-Indikatoren: Lage- & Streuungsparameter
(eigene Darstellung)

9.6.10 Korrelationsanalyse

Das theoretische Erfolgsmodell dieser Arbeit basiert auf der Annahme, dass es eine Gruppe von Auswahlkriterien gibt, die bei der Auswahl eines geeigneten Vorgehensmodells von entscheidender Bedeutung sind. Die korrekte Berücksichtigung dieser Faktoren bei der Auswahl des Vorgehensmodells würde zu einem passenden Modell für das jeweilige Projekt führen und damit zum Projekterfolg beitragen, der wiederum an Erfolgsindikatoren erkennbar ist.

Um den Zusammenhang zwischen den theoretischen Top-10-Erfolgsfaktoren und dem Projekterfolg in der Praxis zu beurteilen, wurde eine Korrelationsanalyse zwischen den EF-Variablen und den EI-Variablen in Excel durchgeführt.

Die Korrelationsanalyse untersucht die Stärke und Richtung eines linearen Zusammenhangs zwischen zwei Variablen, der durch den Korrelationskoeffizienten (r) dargestellt wird. Dieser Koeffizient kann Werte zwischen –1,0 und +1,0 annehmen, wobei ein negativer Wert auf einen entgegengesetzten Zusammenhang hinweist (vgl. Berger-Grabner 2016, S. 189-190).

Die Korrelationsanalyse basierte auf den folgenden Hypothesen:

H ₀ : Es gibt keinen Zusammenhang zwischen jedem einzelnen theoretischen Top-10-Erfolgsfaktor (Variablen: F09a – F09b; F11a – F11f; F12a – F12b) und jedem einzelnen Erfolgsindikator (Variablen: F13a – F13d).
H ₁ : Es gibt einen Zusammenhang zwischen jedem einzelnen theoretischen Top-10-Erfolgsfaktor (Variablen: F09a – F09b; F11a – F11f; F12a – F12b) und jedem einzelnen Erfolgsindikator (Variablen: F13a – F13d).

Die Ergebnisse der Korrelationsanalyse werden in Tabelle 3.10 dargestellt. Die Korrelationskoeffizienten wurden nach Pearson berechnet und geben an, wie stark und in welcher Richtung (positiv oder negativ) die Erfolgsfaktoren mit den jeweiligen Projekterfolgsindikatoren korrelieren. Im Folgenden werden die Ergebnisse zusammengefasst:

  • EF Flexibilität & Anpassbarkeit des Vorgehensmodells (F09a) zeigte einen mittelstarken Zusammenhang mit dem EI Mitarbeiterzufriedenheit (F13c) und einen geringen, jedoch fast mittelstarken Zusammenhang mit dem EI Kundenzufriedenheit (F13d).

  • EF Projekttyp (F11e) zeigte ebenfalls einen mittelstarken Zusammenhang mit dem EI Mitarbeiterzufriedenheit (F13c).

  • EF erwartete Beteiligung der Kund:innen (F12a) zeigte einen mittelstarken Zusammenhang mit dem EI enge Zusammenarbeit zwischen Kund:innen & Entwicklungsteam (F13b).

Alle weiteren Erfolgsfaktoren zeigten nur geringe oder keine signifikanten Zusammenhänge mit den entsprechenden Erfolgsindikatoren.

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Erfolgsfaktoren Flexibilität & Anpassbarkeit des Vorgehensmodells (F09a), Projekttyp (F11e) und erwartete Beteiligung der Kund:innen (F12a) potenziell am relevantesten für den Projekterfolg im Kontext von deutschen Software-Großunternehmen sind.

Here is a picture
Tabelle 3.10: Korrelationsanalyse nach Pearson
(eigene Darstellung)

Als nächstes wurde durch Signifikanztests überprüft, ob die festgestellten Korrelationen auch für die Grundgesamtheit zutreffen (Kuckartz et al. 2013, S. 214). Dabei wurden folgende Entscheidungsregeln befolgt:

Entscheidung mithilfe der berechneten Irrtumswahrscheinlichkeit p

  • Ist p kleiner als α, Entscheidung für die H1, sonst H0 beibehalten. Dabei gilt es zu beachten, ob p für einen einseitigen oder zweiseitigen Test berechnet wurde.

Entscheidung mithilfe einer Tabelle der kritischen t ‐ Werte

  • Freiheitsgrade df bestimmen

  • kritischen Wert für einseitigen bzw. zweiseitigen Test ablesen

  • Ist die Prüfgröße t größer als der kritische t ‐ Wert, Entscheidung für die H1, sonst H0 beibehalten“ (Kuckartz et al. 2013, S. 215).

Here is a picture
Tabelle 3.11: Signifikanz der Ergebnisse der Korrelationsanalyse
(eigene Darstellung)

Sowohl die p-Werte als auch die t-Werte für die Erfolgsfaktoren, bei denen eine mittelstarke Korrelation festgestellt wurde – Flexibilität & Anpassbarkeit des Vorgehensmodells (F09a), Projekttyp (F11e) und erwartete Beteiligung der Kund:innen (F12a), zeigten eine statistische Signifikanz und unterstützten damit die H1 (vgl. Tabelle 3.11). Bei allen weiteren theoretischen Faktoren konnte keine statistische Signifikanz nachgewiesen werden und folglich konnte die H0 nicht verworfen werden.

Der Pearson-Korrelationskoeffizient wird allerdings üblicherweise für intervallskalierte und normalverteilte Variablen verwendet, während bei ordinalen oder nicht-normalverteilten Variablen die Spearman-Rangkorrelation bevorzugt wird (vgl. Berger-Grabner 2016, S. 189-190).

Eine Überprüfung der Normalverteilung der Daten mit DATAtab zeigte, dass die Variablen moderate, aber signifikante Abweichungen von der Normalverteilung aufweisen. Darüber hinaus liefert eine Likert-Skala streng genommen ordinale Daten, obwohl sie häufig als metrische Daten behandelt werden, um statistische Analysen auf Intervallskalenniveau zu ermöglichen (vgl. Berger-Grabner 2016, S. 208).

Aus diesem Grund wurde ergänzend eine Korrelationsanalyse nach Spearman mit DATAtab durchgeführt, deren Ergebnisse im Folgenden zusammengefasst werden:

  • F09a – F13c: Das Ergebnis der Spearman Korrelation zeigte ebenfalls eine moderate, positive Korrelation zwischen EF Flexibilität & Anpassbarkeit des Vorgehensmodells (F09a) und EI Projektmitarbeiterzufriedenheit (F13c), die statistisch signifikant ist, r(48) = 0,39, p = 0,006.

  • F09a – F13d: Das Ergebnis der Spearman Korrelation zeigte ebenfalls eine geringe, positive Korrelation zwischen EF Flexibilität & Anpassbarkeit des Vorgehensmodells (F09a) und EI Kundenzufriedenheit (F13d). Diese erwies sich jedoch als statistisch nicht signifikant, r(48) = 0,27, p = 0,055.

  • F11e – F13c: Das Ergebnis der Spearman Korrelation zeigte eine moderate, positive Korrelation zwischen EF Projekttyp (F11e) und EI Projektmitarbeiterzufriedenheit (F13c), die statistisch signifikant ist, r(48) = 0,49, p = <0,001.

  • F12a – F13b: Das Ergebnis der Spearman Korrelation zeigte eine moderate, positive Korrelation zwischen EF erwartete Beteiligung der Kund:innen (F12a) und EI enge Zusammenarbeit zwischen den Kund:innen und dem Entwicklungsteam (F13b), die statistisch signifikant ist, r(48) = 0,38, p = 0,006.

Mit Ausnahme des Ergebnisses zu F09a – F13d stimmten also die Ergebnisse der Korrelationsanalyse nach Spearman mit denen der Analyse nach Pearson überein.

Wenn eine Korrelationsanalyse einen Zusammenhang zwischen Variablen aufzeigt, kann dieses Wissen genutzt werden, um Regressionsanalysen durchzuführen. Dabei wird versucht, eine abhängige Variable durch eine oder mehrere unabhängige Variablen vorherzusagen (Kuckartz et al. 2013, S. 215).

Insgesamt konnte das in dieser Arbeit entwickelte theoretische Top-10-Erfolgsfaktorenmodell zur Auswahl eines geeigneten Vorgehensmodells für die Praxis von Standardsoftware-Großunternehmen in der deutschen Softwarebranche empirisch nicht bestätigt werden. Die durchgeführten Korrelationsanalysen haben ergeben, dass viele der theoretisch als relevant angenommenen Erfolgsfaktoren keinen signifikanten Zusammenhang mit den untersuchten Projekterfolgsindikatoren haben. Zwar liegen für drei der theoretischen Erfolgsfaktoren – Flexibilität & Anpassbarkeit des Vorgehensmodells (F09a), erwartete Beteiligung der Kund:innen (F12a), sowie Projekttyp (F11e) – signifikante Zusammenhänge vor, doch insgesamt waren die meisten der getesteten Faktoren statistisch nicht signifikant.

9.6.11 Lineare Regressionsanalysen

Im Gegensatz zur Korrelationsanalyse ermöglicht die Regressionsanalyse die Untersuchung von einer “je-desto-Beziehung“, indem sie die Richtung des Zusammenhangs zwischen einer abhängigen und einer oder mehreren unabhängigen Variablen analysiert. Dabei wird die Stärke des Zusammenhangs durch das Bestimmtheitsmaß (R²) ermittelt. Die standardisierten Regressionskoeffizienten werden dann verglichen, um die relative Bedeutung der unabhängigen Variablen zu bestimmen (vgl. Berger-Grabner, 2016, S. 190).

Wenn nur eine Variable zur Vorhersage verwendet wird, handelt es sich um eine einfache oder bivariate Regression, während im Falle von mehreren Variablen von einer multiplen Regression gesprochen wird. Je nach der Art des Zusammenhangs zwischen den Variablen – linear oder nicht-linear, unterscheidet man zwischen linearer und nicht-linearer Regression (vgl. Kuckartz et al. 2013, S. 259).

In der Regressionsanalyse wird – im grafischen Sinne – eine Gerade in das Streudiagramm eingefügt, die den linearen Zusammenhang der Datenpunkte bestmöglich darstellt. Die Länge der Regressionsgerade zwischen dem vorhergesagten Wert und dem tatsächlichen Messwert wird als ‚Residuum‘ bezeichnet (vgl. Kuckartz et al. 2013, S. 260).

Die Regressionsgerade wird nach folgendem Schema berechnet:

“y = a + bx
y…abhängige Variable
x…unabhängige Variable
a…konstanter Wert, Residualwert (zw. 0 und 1)
b…Steigung der Geraden" (Berger-Grabner, 2016, S. 190).

Um den Einfluss der drei theoretischen Erfolgsfaktoren, die eine statistisch signifikante Korrelation zeigten, auf die jeweiligen Erfolgsindikatoren und damit auf den Projekterfolg in der Praxis zu analysieren, wurden drei einfache lineare Regressionsanalysen mithilfe der Software DATAtab durchgeführt. Dabei dienten die Erfolgsindikatoren – Projektmitarbeiterzufriedenheit (F13c) und enge Zusammenarbeit zwischen den Kund:innen und dem Entwicklungsteam (F13b), jeweils als die abhängige Variable, während die theoretischen Erfolgsfaktoren – Flexibilität & Anpassbarkeit des Vorgehensmodells (F09a), Projekttyp (F11e) und erwartete Beteiligung der Kund:innen (F12a), entsprechend als die unabhängige Variable fungierten.

Vor den Regressionsanalysen wurden mit der Software DATAtab Tests auf Normalverteilung von Residuum durchgeführt um sicher zu stellen, dass die nicht signifikant von der Normalverteilung abweichen und sich somit für eine lineare Regression eignen. Die Ergebnisse für das Variablenpaar (F09a,F13c) zeigten keine signifikante Abweichung. Für die anderen zwei Paare – (F11e,F13c) und (F12a:F13b), lieferten die Tests widersprüchliche Ergebnisse und die Beurteilung wurde anhand der entsprechenden Quantile-Quantile-Diagrammen getroffen. Insgesamt deutete die Verteilung der Daten, trotz leichter Abweichung an den Enden, auf eine weitgehende Normalität hin, da die meisten Punkte nahe an der diagonalen Linie liegen. Die Voraussetzungen für eine einfache lineare Regressionsanalyse konnten somit als erfüllt betrachtet werden.

Die Regressionsanalysen basierten auf folgenden Hypothesen:

  1. Einfluss von F09a auf F13c

H ₀ : Die Flexibilität und die Anpassbarkeit des Vorgehensmodells (F09a) haben keinen Einfluss auf die Projektmitarbeiterzufriedenheit (F13c) (β = 0).
H ₁ : Die Flexibilität und die Anpassbarkeit des Vorgehensmodells (F09a) haben einen Einfluss auf die Projektmitarbeiterzufriedenheit (F13c) (β ≠ 0).
  1. Einfluss von F11e auf F13c

H ₀ : Der Projekttyp (F11e) hat keinen Einfluss auf die Projektmitarbeiterzufriedenheit (F13c) (β = 0).
H ₁ : Der Projekttyp (F11e) hat einen Einfluss auf die Projektmitarbeiterzufriedenheit (F13c) (β ≠ 0).
  1. Einfluss von F12a auf F13b

H ₀ : Die erwartete Beteiligung der Kund:innen (F12a) hat keinen Einfluss auf die enge Zusammenarbeit zwischen den Kund:innen und dem Entwicklungsteam (F13b) (β = 0).
H ₁ : Die erwartete Beteiligung der Kund:innen (F12a) hat einen Einfluss auf die enge Zusammenarbeit zwischen den Kund:innen und dem Entwicklungsteam (F13b) (β ≠ 0).

Im Folgenden werden Ergebnisse der Regressionsanalysen präsentiert:

  1. Einfluss von EF „Flexibilität und Anpassbarkeit eines Vorgehensmodells“ (F09a) auf EI „Projektmitarbeiterzufriedenheit“ (F13c)

Die Flexibilität und Anpassbarkeit des Vorgehensmodells zeigt einen signifikanten Einfluss auf die Zufriedenheit der Projektmitarbeiter:innen. Die Analyse ergab, dass etwa 18 % der Varianz in der Mitarbeiterzufriedenheit durch die Flexibilität und Anpassbarkeit des Vorgehensmodells erklärt werden können (R² = 0,18). Der Standardschätzfehler von 0,72 deutet auf eine moderate Abweichung zwischen den vorhergesagten und den tatsächlichen Werten hin. Die statistische Signifikanz des Modells wird durch einen F-Wert von 10,58 und einen p-Wert von 0,002 bestätigt.

Die Regressionsgleichung, welche die Beziehung zwischen der Flexibilität des Vorgehensmodells und der Mitarbeiterzufriedenheit beschreibt, lautet:

Mitarbeiterzufriedenheit = 1,7 + 0,26 * Flexibilität des Vorgehensmodells

Dies bedeutet, dass eine Erhöhung der Flexibilität um eine Einheit zu einem Anstieg der Mitarbeiterzufriedenheit um 0,26 Einheiten führt. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass flexiblere Vorgehensmodelle im Kontext von Standardsoftware-Großunternehmen in der deutschen Softwarebranche zu einer signifikant höheren Zufriedenheit der Projektmitarbeiter:innen beitragen können.

  1. Einfluss von EF „Projekttyp“ (F11e) auf EI „Projektmitarbeiterzufriedenheit“ (F13c)

Die Berücksichtigung des Projekttyps bei der Auswahl des Vorgehensmodells hat ebenfalls einen signifikanten Einfluss auf die Zufriedenheit der Projektmitarbeiter:innen. Der Projekttyp erklärt etwa 13,76 % der Varianz in der Mitarbeiterzufriedenheit (R² = 0,1376), was auf einen beachtlichen Beitrag des Projekttyps zur Erklärung der Unterschiede in der Zufriedenheit hinweist. Der Standardschätzfehler von 0,74 deutet auf eine angemessene Genauigkeit der Vorhersagen des Modells hin. Mit einem p-Wert von 0,008 bestätigt sich die hohe statistische Signifikanz dieses Zusammenhangs.

Die Regressionsgleichung lautet:

Mitarbeiterzufriedenheit = 1,78 + 0,23 * Projekttyp

Diese Gleichung verdeutlicht, dass eine Änderung des Projekttyps um eine Einheit zu einer Erhöhung der Mitarbeiterzufriedenheit um 0,23 Einheiten führt. Die Ergebnisse unterstreichen, dass die Berücksichtigung des Projekttyps (bspw. Neuentwicklung, Wartung, etc.) bei der Wahl des Vorgehensmodells eine entscheidende Rolle spielt und einen signifikanten Einfluss auf die Zufriedenheit der Projektmitarbeiter:innen ausübt.

  1. Einfluss von EF „Erwartete Beteiligung der Kund:innen“ (F12a) auf EI „enge Zusammenarbeit zwischen den Kund:innen und dem Entwicklungsteam“ (F13b)

Die Berücksichtigung der erwarteten Beteiligung der Kund:innen bei der Auswahl des Vorgehensmodells zeigt einen signifikanten Einfluss auf die enge Zusammenarbeit zwischen den Kund:innen und dem Entwicklungsteam. Das Modell erklärt etwa 14,52 % der Varianz in der Zusammenarbeit (R² = 0,1452) und weist eine hohe statistische Signifikanz auf (p = 0,006). Der Standardschätzfehler von 1,13 deutet zwar auf gewisse Abweichungen zwischen den vorhergesagten und den tatsächlichen Werten hin, ist jedoch noch im akzeptablen Bereich.

Die entsprechende Regressionsgleichung lautet:

Zusammenarbeit zw. Kund:innen & Entwicklungsteam =

1,57 + 0,34 * Erwartete Beteiligung der Kund:innen

Diese Gleichung verdeutlicht, dass die Auswahl eines zum Erfolgsfaktor ‚erwartete Kundenbeteiligung‘ passenden Vorgehensmodells zu einer Verbesserung des Erfolgsindikators ‚enge Zusammenarbeit zwischen den Kund:innen und dem Entwicklungsteam‘ (F13b) um 0,34 Einheiten führt. Die Ergebnisse unterstreichen, dass die Berücksichtigung der erwarteten Beteiligung der Kund:innen bei der Auswahl des Vorgehensmodells zu einer signifikant besseren Zusammenarbeit mit dem Entwicklungsteam führt. Wird hingegen ein Vorgehensmodell gewählt, das eine enge Zusammenarbeit nicht ausreichend fördert, obwohl eine hohe Kundenbeteiligung erwartet wird, kann dies den Projekterfolg negativ beeinflussen.

Da der p-Wert in allen 3 Fällen kleiner als 0,05 und somit eine statistische Signifikanz aufweist, kann die Nullhypothese verworfen werden. Die Ergebnisse unterstreichen, dass die Erfolgsfaktoren Flexibilität und Anpassbarkeit des Vorgehensmodells, erwartete Kundenbeteiligung und Projekttyp, signifikante Auswirkungen auf verschiedene Aspekte des Projekterfolgs haben.

9.6.12 Handlungsmaßnahmen bei einem ungeeigneten Vorgehensmodell

Frage 14

F14: Welche Handlungsmaßnahmen werden von IT-Projektmanager:innen in deutschen Großunternehmen der Software-Branche ergriffen, wenn das ausgewählte Vorgehensmodell nicht erfolgsführend war?

[Fragetyp: Multiple Choice]

Auswertung zu Frage 14

Die letzte Frage der Umfrage zielte darauf ab, die Forschungsfrage 03 der vorliegenden Arbeit zu beantworten. Dabei hatten die Befragten sowohl die Möglichkeit, vorgegebene Handlungsoptionen auszuwählen, als auch eigene Maßnahmen im Textfeld unter der Option „Sonstige und zwar“ zu erfassen.

Here is a picture
Abbildung 3.19: Frage 14 – Handlungsmaßnahmen bei einem ungeeigneten VM
(eigene Darstellung)

Wie in Abbildung 3.19 zu sehen ist, liegt keine signifikant unterschiedliche Verteilung der vorgegebenen Handlungsoptionen vor. Die Anteile der verschiedenen Maßnahmen, die von IT-Projektmanager:innen in deutschen Großunternehmen ergriffen werden, sind relativ gleichmäßig verteilt. Dies könnte darauf hindeuten, dass es keine klare Präferenz für eine bestimmte Maßnahme gibt und dass die Wahl der Handlung stark von den spezifischen Umständen des Projekts oder den individuellen Präferenzen der IT-Projektmanager:innen abhängt.

Die Analyse der Störfaktoren und das Tailoring des Vorgehensmodells an spezifische Projektanforderungen ist eine leicht bevorzugte Maßnahme seitens des IT-Projektmanagements. Darüber hinaus werden Projektmanagement-Berater:innen oder Agile Coach:innen herangezogen. Es kommt durchaus auch vor, dass das Vorgehensmodell gewechselt oder das Projekt gestoppt wird.

Die offenen Antworten zu den Handlungsmaßnahmen im Feld 'Sonstige und zwar' (8 Nennungen) verdeutlichen die Vielfalt der Herangehensweisen und Perspektiven der Befragten (vgl. Tabelle 3.12 Here is a picture). Die Ergebnisse zeigen eine große Variation in den Ansätzen, die bei Problemen mit dem Vorgehensmodell gewählt werden. Einige Befragte bevorzugen pragmatische Ansätze wie das Hinauszögern der Problemlösung und das Ausführen von Maßnahmen, die als sinnvoll erachtet werden. Andere hingegen kritisieren, dass die Ursachen häufig eher bei den Projektbeteiligten als beim Vorgehensmodell selbst gesucht werden. Zudem setzen einige auf die Unterstützung durch interne Coach:innen. Für manche kommt ein Wechsel des Vorgehensmodells nicht in Frage; es werden lediglich kleine Anpassungen vorgenommen. Darüber hinaus wird die Erfahrung gemacht, dass ungeeignete Vorgehensmodelle durch Frameworks wie SAFe ersetzt werden, die sich aufgrund ihres hierarchischen Aufbaus ebenfalls als ungeeignet erweisen. Die Empfehlung eines:er Projektmanagement-Berater:in passt in dieses Bild und lautet, dass häufiger eine bewusste Analyse durchgeführt werden sollte, wofür Projekte gestoppt und neu gestartet werden müssten. Diese Vorgehensweise wird jedoch erfahrungsgemäß in der Praxis selten umgesetzt (vgl. Tabelle 3.12 Here is a picture, Interview-Nummer 74).

Interview-Nummer

Rollen

F14: Sonstiges und zwar (offene Eingabe)

66

Projektmanager:in,

Scrum Master:in

Keine Erfahrung damit gemacht

72

Business Analyst:in

Aussitzen und weiter machen

74

Projektmanager:in,

Agile Coach:in,

Berater:in,

Projektanalytiker:in

Viel öfter müssten die Projekte gestoppt und reseted werden. Was leider nicht passiert! Eine bewusste Analyse oder gar Anhalten wird leider in der Regel nicht befürwortet.

114

Projektmanager:in,

Technical Account Manager:in, Customer Success Manager:in

Es werden interne Coach:innen hinzugezogen.

134

Projektmanager:in,

Line Manager:in

Tun was Sinn macht

159

Projektmanager:in,

Scrum Master:in,

Product Owner:in, Entwicklungsleiter

Man sucht den Fehler eher bei den Beteiligten und nicht beim Vorgehensmodell.

164

Product Owner:in,

Solution Architect:in

Es werden dümmlich-hierarchische Konzepte wie SAFe eingeführt

212

Quality Engineer:in

Es werden nur kleine Anpassungen vorgenommen oder mehr Zeit eingeräumt. Das bestehende Modell wird nicht geändert.

Tabelle 3.12: Frage 14 – Sonstige Handlungsmaßnahmen
(eigene Darstellung)

10 Ergebnisse

Im Folgenden werden die empirischen Befunde interpretiert und anschließend mit den theoretischen Befunden bzw. den Ergebnissen vergleichbarer Studien in Verbindung gesetzt.

10.1 Interpretation der Befunde

Die Stichprobe dieser Untersuchung umfasste 50 Befragte (n = 50), von denen 60 % Männer und 40 % Frauen waren. Angaben zu einer diversen Geschlechtsidentität lagen nicht vor. Ein bedeutender Teil der Befragten (66 %) verfügte über mindestens eine Projektmanagement-Zertifizierung, wobei agile Zertifizierungen leicht häufiger vertreten waren. Die Mehrheit der Teilnehmer:innen (76 %) hatte mehr als 10 Jahre Erfahrung in IT-Projekten deutscher Großunternehmen, was auf eine Stichprobe mit hohen Erfahrungswerten hindeutet.

Die häufigsten Rollen unter den Befragten waren Projektmanager:innen, Product Owner:innen und Scrum Master:innen, wobei auch Positionen im Bereich Program und Project Management Office sowie Software Management gut vertreten waren. Diese Verteilung zeigt, dass die Stichprobe eine breite Abdeckung von Positionen umfasst, die bei der Auswahl und Implementierung von Vorgehensmodellen involviert sind. Dies deutet darauf hin, dass die Stichprobe repräsentativ für die Zielgruppe ist, da sie verschiedene relevante Rollen und umfangreiche Erfahrung in der IT-Branche abdeckt.

Die Mehrheit der Teilnehmer:innen bezog sich bei ihren Referenzprojekten auf ein agiles Vorgehensmodell, gefolgt von hybriden und traditionellen Ansätzen. Die Analyse der Erfolgsindikatoren zeigte, dass agile und hybride Modelle bei der termingerechten und planmäßigen Lieferung besser abschnitten, während  dieser Indikator bei traditionellen Modellen schlechter bewertet wurde. Interessanterweise erzielten agile Modelle schlechtere Ergebnisse bei der Bewertung des agilen Erfolgsindikators „enge Zusammenarbeit zwischen Kund:innen und Entwicklungsteams“, was darauf hindeutet, dass sie im traditionellen Sinne erfolgreicher waren als im agilen.

Die Untersuchung ergab auch, dass theoretische Hilfsmodelle zur Bestimmung der Vorgehensmodell-Ausrichtung selten verwendet wurden. In 86 % der Fälle stützte sich die Bestimmung der Ausrichtung nicht auf theoretische Hilfsmodelle wie bspw. die Stacy Matrix oder das Diamantmodell von Shenhar & Dvir (2007). In einigen Fällen scheint die Entscheidung nicht sorgfältig durchdacht worden zu sein, da eine agile Transformation nicht vollständig vollzogen werden konnte, was zu ineffizienten und unsystematischen Arbeitsweisen führt.

Scrum war das am häufigsten genannte Vorgehensmodell, gefolgt von Kanban, PRINCE2 und SAFe. Einige Projekte verwendeten speziell angepasste Vorgehensmodelle oder Kombinationen aus plangetriebenen und agilen Ansätzen. Die Bewertung der Erfolgsindikatoren zeigte, dass Kanban-Projekte bei der plan- und termingerechten Lieferung am besten abschnitten, während PRINCE2-Projekte überraschenderweise beim agilen Erfolgsindikator „enge Zusammenarbeit" besser abschnitten als Scrum-Projekte. Die gewählten Referenzprojekte mit hybriden Modellen wie Scrumban sowie Kombinationen aus agilen und plangetriebenen Vorgehensmodellen erzielten die höchste Mitarbeiter- und Kundenzufriedenheit.

In einigen Fällen wurde eine Diskrepanz zwischen der angegebenen Ausrichtung der Vorgehensmodelle und dem tatsächlich verwendeten Vorgehensmodell bzw. Framework festgestellt. Dies deutet auf eine ineffiziente Implementierung in einigen agilen Projekten hin, was möglicherweise auf eine nur teilweise und unsystematische Anwendung der Methodik zurückzuführen ist. Diese Ergebnisse verdeutlichen die komplexe Realität der Umsetzung von Vorgehensmodellen in IT-Projekten deutscher Software-Großunternehmen und zeigen, dass die Wahl und Implementierung eines Vorgehensmodells stark von den spezifischen Bedingungen des Projekts und der Organisation abhängen.

Die Umfrageergebnisse zu den vorgehensmodell-spezifischen Erfolgsfaktoren zeigen, dass der Erfolgsfaktor (EF) „Flexibilität und Anpassbarkeit des Vorgehensmodells“ von den Befragten als besonders wichtig angesehen wurde. Im Gegensatz dazu erhielt der EF „Tailoring“, also die projektspezifische Anpassung des Modells, weniger Zustimmung. Dies deutet darauf hin, dass in den betrachteten Projekten die Möglichkeit, das Vorgehensmodell flexibel an verschiedene Anforderungen anzupassen, eine entscheidende Rolle spielte, während die individuelle Anpassung des Modells an das spezifische Projekt weniger im Vordergrund stand.

Die Analyse der projekt-spezifischen Erfolgsfaktoren im Kontext von IT-Projekten deutscher Großunternehmen ergab, dass der EF „Dynamik der Anforderungen“ und der EF „Komplexität des Projekts“ von den Befragten als besonders relevante Faktoren bei der Auswahl des Vorgehensmodells eingestuft wurden, was sich in den niedrigen Mittelwerten und der hohen Übereinstimmung unter den Befragten widerspiegelt. Der Projekttyp (bspw. Neuentwicklung, Wartung etc.) wurde ebenfalls als bedeutender Erfolgsfaktor angesehen, jedoch zeigte sich eine etwas größere Streuung in den Antworten. Die Anzahl der Mitarbeiter:innen und die Projektdauer wurden als weniger relevant eingestuft, was sich in höheren Mittelwerten und einer breiteren Streuung der Antworten zeigt. Der EF „Qualifikationsgrad des Teams“ erhielt die geringste Zustimmung. Die Ergebnisse wiesen auf eine größere Meinungsvielfalt und Unsicherheit hinsichtlich der Relevanz dieses Faktors hin.

Insgesamt wurden die EF „Komplexität des Projekts“ und „Dynamik der Anforderungen“ als die beiden wichtigsten projekt-spezifischen Erfolgsfaktoren identifiziert. Andere Faktoren wie die Anzahl der Mitarbeiter:innen, die Projektdauer und der Qualifikationsgrad des Teams wurden differenzierter bewertet. Der Projekttyp spielt ebenfalls eine wichtige Rolle, jedoch variiert seine Einschätzung je nach Projektsituation.

Die Meinungen der Befragten zu den zwei projektumfeld-spezifischen Erfolgsfaktoren bei der Auswahl des Vorgehensmodells in IT-Projekten deutscher Großunternehmen zeigten, dass die Unternehmenskultur und das Mindset des:der Auftragnehmer:in als deutlich relevanter für den Projekterfolg angesehen werden als die erwartete Beteiligung der Kund:innen, die eher als moderat wichtig eingeschätzt wird. Der EF „Erwartete Beteiligung der Kund:innen“ wurde von den meisten Befragten als neutral oder wenig relevant für die Auswahl des Vorgehensmodells eingestuft. Dabei variieren die Meinungen stark, was auf unterschiedliche Erfahrungen oder Erwartungen bezüglich der Kundenbeteiligung in verschiedenen Projekten hinweist. Im Gegensatz dazu wird der EF „Unternehmenskultur und Mindset des:der Auftragnehmer:in“ als deutlich relevanter eingestuft.

Die Umfrage zielte auch darauf ab, den Erfolg der Referenzprojekte anhand von vier Projekterfolgsindikatoren zu bewerten: (1) plan- und termingerechte Lieferung, (2) enge Zusammenarbeit zwischen Kund:innen und dem Entwicklungsteam, (3) Projektmitarbeiterzufriedenheit und (4) Kundenzufriedenheit. Die Ergebnisse zeigten, dass die Referenzprojekte der Befragten überwiegend nach traditionellen Erfolgsindikatoren wie der plan- und termingerechten Lieferung und der Kundenzufriedenheit erfolgreich waren. Die Mitarbeiterzufriedenheit wurde ebenfalls positiv bewertet, jedoch gab es weniger Einigkeit über die enge Zusammenarbeit zwischen Kund:innen und Entwicklungsteams, die in agilen Projekten als entscheidend gilt. Dies könnte darauf hinweisen, dass agile Prinzipien in den untersuchten Projekten nicht vollständig umgesetzt oder nicht als so erfolgreich wahrgenommen wurden wie traditionelle Erfolgsfaktoren.

Das anhand Häufigkeitsanalyse ermittelte theoretische Top-10-Erfolgsmodell dieser Arbeit basierte auf der Annahme, dass bestimmte Auswahlkriterien bei der Wahl eines geeigneten Vorgehensmodells entscheidend für den Projekterfolg sind. Die Ergebnisse der Korrelationsanalyse zeigten, dass der EF „Flexibilität & Anpassbarkeit des Vorgehensmodells“ eine mittelstarke Korrelation mit dem EI „Mitarbeiterzufriedenheit“ und eine etwas schwächere, fast mittelstarke Korrelation mit dem EI „Kundenzufriedenheit“ aufweist. Diese Ergebnisse deuten auf eine entscheidende Bedeutung des EF „Flexibilität und Anpassbarkeit des Vorgehensmodells“ für den Projekterfolg hin. Der EF „Projekttyp“ zeigte ebenfalls eine mittelstarke Korrelation mit dem EI „Mitarbeiterzufriedenheit“, was darauf hindeutet, dass der Projekttyp eine wichtige Rolle bei der Zufriedenheit der Projektmitarbeiter:innen spielt. Der EF „Erwartete Beteiligung der Kund:innen“ korrelierte mittelstark mit der „engen Zusammenarbeit zwischen Kund:innen und dem Entwicklungsteam“, was die Bedeutung der Kundenbeteiligung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit unterstreicht.

Zur Vertiefung der signifikanten Ergebnisse der Korrelationsanalysen wurden lineare Regressionsanalysen durchgeführt. Die Analyse ergab, dass der EF „Flexibilität und Anpassbarkeit des Vorgehensmodells“ einen signifikanten Einfluss auf den EI „Mitarbeiterzufriedenheit“ hat (R² = 0,18, Steigung = 0,26). Dies bedeutet, dass flexible und anpassbare Vorgehensmodelle bei der VM-Auswahl im Kontext von deutschen Software-Großunternehmen tendenziell zu einer höheren Zufriedenheit der Mitarbeiter:innen führen. Der EF „Projekttyp“ hat ebenfalls einen signifikanten Einfluss auf den EI „Mitarbeiterzufriedenheit“ (R² = 0,1376, Steigung = 0,23), während der EI „Zusammenarbeit zwischen den Kund:innen und dem Entwicklungsteam“  signifikant durch den EF „Erwartete Beteiligung der Kund:innen“ geprägt wird (R² = 0,1452, Steigung = 0,34). Diese Ergebnisse bestätigen die Bedeutung der drei untersuchten Erfolgsfaktoren für den Projekterfolg.

Neben den theoretisch untersuchten Erfolgsfaktoren wurden weitere entscheidende Faktoren im Kontext deutscher Software-Großunternehmen identifiziert, die bei der Auswahl eines Vorgehensmodells in der Praxis eine Rolle zu spielen scheinen. Häufig genannte weitere Faktoren bei der VM-Auswahl seitens der Befragten waren die Vorgabe des Vorgehensmodells durch das Unternehmen und durch das Management sowie die VM-Wahl entsprechend der Definition und der Priorisierung der Projektziele. Diese Ergebnisse zeigen, dass in vielen Fällen das Vorgehensmodell durch das Unternehmen oder das Management vorgegeben wird, was die Entscheidungsfreiheit der Projektmanager:innen einschränken kann.

Abschließend zeigte die Untersuchung, dass es keine eindeutigen Präferenzen für Handlungsmaßnahmen gibt, wenn ein ausgewähltes Vorgehensmodell nicht erfolgsführend ist. Die Handlungsmaßnahmen der IT-Projektmanager:innen variieren je nach spezifischen Projektbedingungen und individuellen Präferenzen. Flexibilität und die Anpassungsfähigkeit von Vorgehensmodellen spielen eine zentrale Rolle, um den Projekterfolg in der Praxis sicherzustellen.

10.2 Vergleich der eigenen Ergebnisse mit den theoretischen Befunden

Im folgenden Abschnitt werden die theoretisch ermittelten Erfolgsfaktoren mit den empirischen Befunden verglichen. Dabei wird der Rang des jeweiligen Erfolgsfaktors in der theoretischen Häufigkeitsanalyse angegeben, um den Vergleich mit der Praxis besser zu veranschaulichen.

Flexibilität und Anpassbarkeit des Vorgehensmodells (Rang 1)

Die empirischen Ergebnisse bestätigen die theoretische Bedeutung der Flexibilität und Anpassbarkeit des Vorgehensmodells als einem der wichtigsten Erfolgsfaktoren. Dieser Faktor ist theoretisch von entscheidender Bedeutung, da er es ermöglicht, das Vorgehensmodell an die spezifischen Anforderungen und den Kontext des Projekts anzupassen. Besonders in dynamischen Umgebungen wie der Softwareentwicklung ist diese Anpassbarkeit von großer Bedeutung (vgl. Timinger, 2021, S. 143–145; Dittmann & Zaeri, 2023, S. 76–79). In der Praxis wurde dieser Faktor ebenfalls sehr hoch bewertet.

Komplexität des Projekts (Rang 2)

Die Komplexität eines Projekts hat gemäß der Theorie einen maßgeblichen Einfluss auf die Wahl des Vorgehensmodells, da komplexe Projekte oft flexible und iterative Ansätze erfordern (vgl. Brönimann & Bommer, 2022, S. 124–125; Timinger, 2021, S. 196–197). Auch in der Praxis wird die Bedeutung dieses Faktors als „sehr hoch“ eingeschätzt.

Anzahl der Mitarbeiter:innen (Rang 3)

Die Größe des Projektteams kann laut der Theorie die Effektivität bestimmter Vorgehensmodelle beeinflussen, da größere Teams tendenziell mehr Koordination erfordern (vgl. Wysocki, 2014, S. 48–49; Timinger, 2021, S. 202–203). In der Praxis wurde dieser Faktor jedoch als weniger relevant bewertet, was darauf hindeutet, dass andere Faktoren möglicherweise eine größere Rolle spielen.

Dynamik der Anforderungen (Rang 4)

In Projekten mit dynamischen Anforderungen ist es entscheidend, ein Vorgehensmodell zu wählen, das flexibel auf Veränderungen reagieren kann (vgl. Timinger, 2021, S. 13; Wysocki, 2014, S. 45, 48). Dieser Faktor wird in der Praxis als „sehr hoch“ bewertet, was seine theoretische Relevanz ebenfalls unterstreicht.

Projektspezifisches Tailoring (Rang 5)

Das Tailoring eines Vorgehensmodells, was dessen Anpassung an die spezifischen Bedürfnisse eines Projekts bedeutet, wird theoretisch als wichtig erachtet (vgl. Fischer et al., 1998, S. 29–30). In der Praxis wurde dieser Faktor jedoch nur als „neutral“ bewertet. Die Handlungsmaßnahmen im Falle eines ungeeigneten Vorgehensmodells deuten darauf hin, dass Tailoring meist reaktiv vorgenommen wird, erst wenn sich ein Standardmodell als unpassend herausstellt. Dies deutet darauf hin, dass in vielen Fällen versucht wird, ein standardisiertes Modell ohne projektspezifische Anpassungen anzuwenden, und Tailoring als korrigierende Maßnahme gesehen wird.

Unternehmenskultur und Mindset des:der Auftragnehmer:in (Rang 6)

Die Unternehmenskultur und das Mindset spielen eine wesentliche Rolle bei der Implementierung eines Vorgehensmodells in einer Organisation (vgl. Timinger, 2021, S. 202; Berg et al., 2014, S. 45–46). Dieser Faktor wurde in der Praxis als „hoch“ bewertet, was seine Bedeutung auch in der praktischen Anwendung bestätigt. Das schlechte Abschneiden des agilen Erfolgsindikators deutet darauf hin, dass die Philosophie des Vorgehensmodells nicht mit der entsprechenden Unternehmenskultur korreliert.

Projekttyp (Rang 7)

Das Vorgehensmodell soll gemäß der Theorie vom Projekttyp bestimmt werden, weil unterschiedliche Projekttypen unterschiedliche Arten von Planung und Flexibilität erfordern (vgl. Tiemeyer, 2018, S. 296–297). Dieser Faktor wird in der Praxis ebenfalls als „hoch“ bewertet.

Projektdauer (Rang 8)

Die Dauer eines Projekts kann die Auswahl des Vorgehensmodells beeinflussen, besonders wenn längere Projekte mehr Struktur und Planung erfordern (vgl. Bunse & Knethen, 2008, S. 159–160). Empirisch wurde dieser Faktor jedoch nur als „gering“ relevant beurteilt.

Qualifikationsgrad des Teams (Rang 9)

Ein höherer Qualifikationsgrad des Teams ermöglicht laut Theorie den Einsatz anspruchsvollerer und flexiblerer Vorgehensmodelle (vgl. Dittmann & Zaeri, 2023, S. 129–130; Timinger, 2021, S. 202-203). In der Praxis wird dieser Faktor jedoch als „gering“ angesehen.

Erwartete Beteiligung der Kund:innen (Rang 10)

Der Erfolg agiler Methoden, die auf kontinuierliches Feedback angewiesen sind, hängt von einem hohen Grad der Kundenbeteiligung ab (vgl. Wysocki, 2014, S. 48–49). Empirisch wurde dieser Faktor jedoch als „neutral“ bewertet, was darauf hindeutet, dass agile Prinzipien in der Praxis nicht immer vollständig umgesetzt oder verinnerlicht werden.

Der Vergleich der Ergebnisse mit den theoretischen Befunden zeigt eine weitgehende Übereinstimmung zwischen Theorie und Praxis, insbesondere bezüglich der Flexibilität und Komplexität als zentrale Erfolgsfaktoren. Allerdings gibt es auch signifikante Unterschiede, vor allem in der Bewertung der Kundeneinbindung und des projektspezifischen Tailorings. Diese Unterschiede verdeutlichen, dass in der Praxis oft pragmatischere, weniger formal strukturierte Ansätze bevorzugt werden.

Die folgenden Faktoren, die in der theoretischen Häufigkeitsanalyse weniger prominent waren, haben sich in der Praxis als bedeutend herausgestellt und sollten in zukünftiger Forschung stärker berücksichtigt werden:

  • Vorgabe des Unternehmens (Rang 54)

  • Definition und Priorisierung der Projektziele (Rang 24)

  • Best Practices (Rang 39)

Ein weiterer Unterschied betrifft den Einsatz von Hilfsmodellen wie dem Cynefin-Framework oder dem Diamantmodell von Shenhar & Dvir zur Bestimmung einer geeigneten Vorgehensstrategie (vgl. Snowden & Boone, 2007, S. 70–72; Shenhar & Dvir, 2007, S. 73–76). Die Praxis zeigt, dass diese Modelle selten genutzt werden. Dies deutet auf eine Diskrepanz zwischen theoretischen Empfehlungen und deren praktischer Anwendung hin.

10.3 Vergleich der Erkenntnisse mit den Ergebnissen vergleichbarer Studien

Eine vergleichbare Studie, die sich mit der Auswahl geeigneter Vorgehensmodelle in der Softwareentwicklung auseinandersetzt, ist die Arbeit von Lemétayer (2010) „Identifying the Critical Factors in Software Development Methodology Fit“. Das Erfolgsfaktorenmodell dieser Studie baut auf den Theorien von Boehm & Turner (2003) und Cockburn (2002) auf und berücksichtigt dabei einige der in dieser Arbeit ebenfalls analysierten Faktoren, wie die Komplexität des Projekts, die Teamgröße, die Dynamik der Anforderungen und die Unternehmenskultur. Ziel von Lemétayers Arbeit ist es, eine detaillierte Analyse der Faktoren vorzulegen, die die Passgenauigkeit einer Softwareentwicklungsmethodik (SDM) beeinflussen und deren Rolle für den Projekterfolg untersuchen (vgl. Lemétayer, 2010, S. 3).

Im Gegensatz zur Stichprobe dieser Arbeit (n=50) führte Lemétayer eine internationale Umfrage mit einer größeren Anzahl von Befragten durch, bei der ebenfalls erfahrene IT-Projektmitarbeitende jedoch aus verschiedenen Branchen befragt wurden (vgl. Lemétayer, 2010, S. 71 ff.).

Lemétayer (2010) hebt ebenfalls die Bedeutung der Flexibilität und Anpassbarkeit des Vorgehensmodells als kritischen Erfolgsfaktor hervor. Allerdings wird dieser Faktor in seiner Studie nicht empirisch weiter untersucht. Dennoch unterstreicht seine Forschung die Notwendigkeit, dass die gewählte Methodik flexibel genug sein muss, um auf unterschiedliche Projektanforderungen und -bedingungen reagieren zu können (vgl. Lemétayer, 2010, S. 95 ff.).

In Übereinstimmung mit den Erkenntnissen dieser Arbeit wird der Erfolgsfaktor „Dynamik der Anforderungen“ von Lemétayer (2010, S. 28–30) ebenfalls als entscheidend für den Erfolg von Projekten eingestuft. Gleichzeitig erkennt Lemétayer die Projektkomplexität als einen wichtigen Faktor an, der bei der Auswahl einer geeigneten Methodik berücksichtigt werden sollte. Allerdings wird die Komplexität in seiner Studie nicht als der wichtigste Erfolgsfaktor identifiziert (vgl. Lemétayer, 2010, ebd.).

Die Teamgröße wird in Lemétayers Studie ebenfalls untersucht, jedoch als nicht signifikant für den Projekterfolg betrachtet (vgl. Lemétayer, 2010, S. 28), was mit den Ergebnissen in dieser Arbeit übereinstimmt.

Lemétayer führt multiple Regressionsanalysen durch, um den Einfluss der identifizierten Erfolgsfaktoren auf den Projekterfolg zu bewerten. Dabei wurde die Unternehmenskultur als empirisch signifikant für den Projekterfolg identifiziert. Die Regressionsanalyse zeigte, dass eine unterstützende Organisationskultur, die die gewählte Methodik fördert, positiv mit dem Projekterfolg korreliert (vgl. Lemétayer, 2010, S. 90–93). Auch in dieser Arbeit haben die Befragten diesen Erfolgsfaktor als besonders wichtig bei der Auswahl von Vorgehensmodellen bewertet.

Ein weiterer Faktor, den Lemétayer (2010) als empirisch signifikant in Bezug auf den Projekterfolg identifiziert, ist das „Empowerment des Projektteams“. Die Regressionsanalyse ergab, dass Teams, die in ihren Entscheidungsprozessen autonom und ermächtigt sind, tendenziell erfolgreichere Projekte durchführen (vgl. Lemétayer, 2010, ebd.). Dieser Aspekt wird als signifikant für den Projekterfolg eingestuft, da er die Effektivität der Methodikumsetzung und die Anpassungsfähigkeit des Teams verbessert (vgl. Lemétayer, 2010, S. 95–102). Dieser Faktor konnte im Rahmen der theoretischen Häufigkeitsanalyse in der deutschsprachigen wissenschaftlichen Literatur zu IT-Management nicht identifiziert werden.

11 Fazit

In diesem Kapitel werden die Forschungsfragen der Arbeit beantwortet. Zudem werden Handlungsempfehlungen basierend auf den gewonnenen Erkenntnissen formuliert und mögliche Umsetzungen in der Praxis diskutiert. Abschließend werden die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit zusammengefasst, Limitationen erläutert und ein Ausblick auf zukünftige Forschungsfelder gegeben.

11.1 Beantwortung der Forschungsfragen

FF1: Welche in der wissenschaftlichen Literatur diskutierten Erfolgsfaktoren bei der Auswahl von Projektmanagementmodellen, sind im Kontext des IT-Projektmanagements in deutschen Großunternehmen der Softwarebranche besonders relevant?

Im Kontext des IT-Projektmanagements in deutschen Großunternehmen der Softwarebranche wurden in dieser Arbeit mehrere Erfolgsfaktoren identifiziert, die sowohl in der wissenschaftlichen Literatur diskutiert werden als auch von den Befragten als besonders relevant angesehen wurden.

Zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren, die in der wissenschaftlichen Literatur häufig als zentral hervorgehoben werden, zählen die Flexibilität und Anpassbarkeit des Vorgehensmodells, die Komplexität des Projekts sowie die Dynamik der Anforderungen.

Die empirische Analyse bestätigte insbesondere die Relevanz der Flexibilität und Anpassbarkeit des Vorgehensmodells, des Projekttyps und der erwarteten Beteiligung der Kund:innen. Der Einfluss dieser Faktoren auf den Projekterfolg erwies sich als empirisch signifikant, was ihre zentrale Rolle im IT-Projektmanagement deutscher Software-Großunternehmen unterstreicht.

Tabelle 5.1 fasst die Ergebnisse zur empirischen Signifikanz des Erfolgsfaktorenmodells zusammen.

Kategorie

Theoretisch ermittelter Erfolgsfaktor

Rang
gemäß der theoretischen Häufigkeits-analyse

Empirische Relevanz für den Projekterfolg
auf Basis des Signifikanztests für die Korrelation

Empirische Relevanz für den Projekterfolg
auf Basis des Signifikanztests für die Regression

Vorgehensmodell

Flexibilität und Anpassbarkeit des Vorgehensmodells

1

Signifikant

Signifikant

Projekt

Komplexität des Projekts

2

Nicht signifikant

Nicht signifikant

Projekt

Anzahl der Mitarbeiter:innen

3

Nicht signifikant

Nicht signifikant

Projekt

Dynamik der Anforderungen

4

Nicht signifikant

Nicht signifikant

Vorgehensmodell

Projektspezifisches Tailoring

5

Nicht signifikant

Nicht signifikant

Projektumfeld

Unternehmenskultur und Mindset des:der Auftragnehmer:in

6

Nicht signifikant

Nicht signifikant

Projekt

Projekttyp

7

Signifikant

Signifikant

Projekt

Projektdauer

8

Nicht signifikant

Nicht signifikant

Projektumfeld

Qualifikationsgrad des Teams

9

Nicht signifikant

Nicht signifikant

Projektumfeld

Erwartete Beteiligung der Kund:innen

10

Signifikant

Signifikant

Tabelle 5.1: Empirische Signifikanz des Erfolgsfaktorenmodells
(Quelle: eigene Darstellung)

FF2: Welche konkreten Erfolgsfaktoren werden von Projektmanager:innen bei der Auswahl von Projektmanagementmodellen für IT-Projekte in deutschen Großunternehmen der Softwarebranche in der Praxis angewendet und inwieweit stimmen diese mit den theoretischen Erfolgsfaktoren überein?

Projektmanager:innen in deutschen Großunternehmen der Softwarebranche betrachten in der Praxis die Flexibilität und Anpassbarkeit des Vorgehensmodells sowie die Komplexität des Projekts und die Dynamik der Anforderungen als zentrale Erfolgsfaktoren bei der Auswahl von Projektmanagementmodellen. Ebenso spielen die Unternehmenskultur und das Mindset des:der Auftragnehmer:in in der Praxis eine wichtige Rolle.

Diese Faktoren decken sich weitgehend mit den theoretischen Erfolgsfaktoren, die in der Literatur als entscheidend erachtet werden. Allerdings zeigen sich auch Unterschiede: So wird das projektspezifische Tailoring, das die Anpassung des Modells an die spezifischen Anforderungen eines Projekts beinhaltet, in der Praxis als weniger relevant beurteilt, obwohl es in der Theorie als bedeutend eingestuft wird.

Weitere Faktoren wie die Anzahl der Mitarbeiter:innen, die Projektdauer und der Qualifikationsgrad des Teams werden in der Praxis als weniger bedeutend eingeschätzt, obwohl sie theoretisch als potenziell wichtige Faktoren angesehen werden. Auch die Beteiligung der Kund:innen, die in agilen Methoden als essenziell gilt, findet in der Praxis weniger Berücksichtigung, was darauf hindeutet, dass agile Prinzipien nicht immer vollständig umgesetzt werden.

Tabelle 5.2 fasst die Ergebnisse des Vergleichs zwischen Theorie und Praxis zusammen.

Kategorie

Theoretisch ermittelter Erfolgsfaktor

Rang
gemäß der theoretischen Häufigkeits-analyse

Variable

Zustimmung der Befragten

zu

EF-Relevanz in der Praxis

Vorgehensmodell

Flexibilität und Anpassbarkeit des Vorgehensmodells

1

F09a

Sehr hoch

Projekt

Komplexität des Projekts

2

F11b

Sehr hoch

Projekt

Anzahl der Mitarbeiter:innen

3

F11c

Gering

Projekt

Dynamik der Anforderungen

4

F11a

Sehr hoch

Vorgehensmodell

Projektspezifisches Tailoring

5

F09b

Neutral

Projektumfeld

Unternehmenskultur und Mindset des:der Auftragnehmer:in

6

F12b

Hoch

Projekt

Projekttyp

7

F11e

Hoch

Projekt

Projektdauer

8

F11d

Gering

Projektumfeld

Qualifikationsgrad des Teams

9

F11f

Gering

Projektumfeld

Erwartete Beteiligung der Kund:innen

10

F12a

Neutral

Tabelle 5.2: Empirische Zustimmung zum Erfolgsfaktorenmodell
(Quelle: eigene Darstellung)

Zudem spielen weitere, im theoretischen Erfolgsmodell dieser Arbeit nicht berücksichtigte Erfolgsfaktoren wie die Vorgabe des Unternehmens, die Definition und Priorisierung der Projektziele sowie Best Practices eine signifikante Rolle in der Praxis deutscher Software-Großunternehmen. Insbesondere wird deutlich, dass die Entscheidungsfreiheit der IT-Projektmanager:innen aufgrund der Standardisierung eingeschränkt ist.

Insgesamt lässt sich eine weitgehende Übereinstimmung zwischen Theorie und Praxis feststellen, insbesondere hinsichtlich der Bedeutung von Flexibilität und Komplexität. Allerdings werden häufig pragmatische Ansätze bevorzugt, was zu Abweichungen von den theoretischen Empfehlungen führen kann. Theoretisch empfohlene Hilfsmodelle wie die Stacy-Matrix für die Auswahl einer Vorgehensmodell-Ausrichtung sowie anschließende Bewertungsverfahren für die enge Auswahl konkreter Vorgehensmodelle finden in der Praxis selten Anwendung, was auf eine Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis hinweist.

FF3: Welche Handlungsmaßnahmen werden von IT-Projektmanager:innen in deutschen Großunternehmen der Software-Branche ergriffen, wenn das ausgewählte Projektmanagementmodell nicht erfolgsführend war?

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass keine eindeutige Präferenz für eine spezifische Handlungsmaßnahme besteht. Die Entscheidung für eine Maßnahme hängt maßgeblich von den spezifischen Projektbedingungen sowie den individuellen Präferenzen der Projektmanager:innen ab. Zu den häufig ergriffenen Vorgehensweisen zählen die Analyse von Störfaktoren und die Anpassung des Vorgehensmodells an projektspezifische Anforderungen, das Heranziehen von Berater:innen oder Agile Coach:innen sowie der Wechsel des Vorgehensmodells.

11.2 Handlungsempfehlungen

Auf Basis der in dieser Arbeit gewonnenen empirischen Erkenntnisse und der theoretischen Befunde werden im Folgenden konkrete Handlungsempfehlungen formuliert, die zur Optimierung der Praktiken im IT-Projektmanagement deutscher Großunternehmen der Softwarebranche beitragen sollen. Ziel dieser Empfehlungen ist es, den Einsatz der identifizierten Erfolgsfaktoren gezielt zu fördern und somit die Effizienz und den Erfolg von Projekten durch die Auswahl geeigneter Vorgehensmodelle zu steigern.

Einführung eines transparenten und standardisierten Auswahlprozesses von Vorgehensmodellen im Unternehmen

Durch die Implementierung eines klaren, nachvollziehbaren Auswahlprozesses kann sichergestellt werden, dass die Wahl des Projektmanagementmodells systematisch erfolgt und auf den spezifischen Anforderungen des jeweiligen Projekts basiert. Dies minimiert subjektive Entscheidungen und fördert die konsequente Berücksichtigung der zentralen Erfolgsfaktoren.

Dieser standardisierte Prozess könnte auch helfen, die Diskrepanz zwischen theoretischen Empfehlungen und deren praktischer Anwendung zu verringern, indem er sicherstellt, dass bewährte theoretische Modelle wie die Stacy-Matrix oder das Diamantmodell von Shenhar & Dvir (2007) bei der Entscheidungsfindung der geeigneten Ausrichtung von Vorgehensmodellen systematisch eingebunden werden. Ergänzend sollte ein unternehmensspezifisches Bewertungsverfahren entwickelt werden, um die Auswahl eines optimalen konkreten Vorgehensmodells zu unterstützen.

Die geringe Bedeutung des Tailorings in der Praxis legt nahe, dass viele Projekte Standardvorgehensweisen anwenden, die nicht immer optimal auf die spezifischen Anforderungen zugeschnitten sind. Unternehmen sollten eine stärkere Betonung auf die projektspezifische Anpassung von Vorgehensmodellen legen, um deren Wirksamkeit zu maximieren. Dies könnte durch die Entwicklung von Leitlinien und Best Practices für das Tailoring unterstützt werden.

Dadurch könnten die Effizienz und der Erfolg von IT-Projekten im Unternehmen gesteigert werden.

Kontinuierlicher Verbesserungsprozess für Unternehmensvorgaben anhand Vorgehensmodell-Benchmarking

Durch die Implementierung eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses wird sichergestellt, dass aus vergangenen Projekten regelmäßig Feedback eingeholt wird, um vorgegebene Vorgehensmodelle kontinuierlich zu verbessern. Dadurch können Unternehmensstandards dynamisch an neue Erkenntnisse angepasst werden.

Durch die Definition spezifischer Erfolgsindikatoren, die gezielt auf die Eigenschaften und Zielsetzungen der verschiedenen Vorgehensmodelle abgestimmt sind, kann das Unternehmen präzise Metriken zur Bewertung des Projekterfolgs entwickeln. Dies würde den Aufbau eines Benchmarking-Systems ermöglichen, das den Vergleich von Projekten erleichtert, selbst wenn unterschiedliche Vorgehensmodelle zum Einsatz kommen. Ein solches System würde nicht nur die Auswahl des optimalen Vorgehensmodells für zukünftige Projekte unterstützen, sondern auch kontinuierliche Verbesserungen und Anpassungen der Vorgehensweisen auf Basis von empirischen Daten fördern. Dieses Vorgehen kann die Fähigkeit des Unternehmens stärken, fundierte Entscheidungen zu treffen und die Erfolgschancen von Projekten durch den Einsatz des am besten geeigneten Vorgehensmodells zu maximieren.

Förderung des Bewusstseins für Agilität

Um die erfolgreiche Umsetzung agiler Vorgehensmodelle sicherzustellen, sollte das Unternehmen gezielt den Aufbau eines Agilitätsbewusstseins bei seinen Mitarbeitenden fördern und entsprechende Schulungen anbieten. Agilität ist schließlich nicht nur ein iterativ-inkrementelles Vorgehen, sondern vielmehr ein Mindset.

Die Untersuchungsergebnisse weisen darauf hin, dass agile Prinzipien in einigen Projekten nicht vollständig umgesetzt oder nicht als erfolgreich wahrgenommen wurden. Durch den Aufbau eines Agilitätsbewusstseins können potenzielle Missverständnisse und Fehlanwendungen vermieden werden, was letztlich zu einer effizienteren Umsetzung agiler Projekte und einer verbesserten Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten führt.

Ein tieferes Verständnis für Agilität würde zudem dazu beitragen, Erfolgsindikatoren wie die enge Zusammenarbeit zwischen Kund:innen und Entwicklungsteams besser zu erfüllen und die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit agiler Vorgehensmodellen optimal zu nutzen.

11.3 Zusammenfassung

Das Ziel dieser Arbeit bestand darin, die Erfolgsfaktoren bei der Auswahl von Projektmanagementmodellen im IT-Projektmanagement bei deutschen Großunternehmen der Softwarebranche umfassend zu untersuchen.

Im theoretischen Teil wurden die spezifischen Anforderungen und Charakteristika der deutschen Softwarebranche analysiert sowie die relevanten Theorien und Auswahlkriterien für Projektmanagementmodelle erarbeitet.

Der empirische Teil der Arbeit bestätigte viele der theoretisch ermittelten Erfolgsfaktoren, insbesondere die Bedeutung von Flexibilität und Anpassbarkeit des Vorgehensmodells sowie die Berücksichtigung der Komplexität des Projekts, des Projekttyps und der erwarteten Kundenbeteiligung.

Gleichzeitig wurde deutlich, dass theoretische Hilfsmodelle zur Bestimmung der Vorgehensmodell-Ausrichtung in der Praxis selten angewendet werden, was auf eine Diskrepanz zwischen theoretischen Empfehlungen und der praktischen Umsetzung hinweist, die möglicherweise pragmatisch bedingt ist.

Die Forschungsergebnisse unterstreichen die Bedeutung einer sorgfältigen Auswahl des Vorgehensmodells, das sowohl die spezifischen Anforderungen des Projekts als auch die Unternehmenskultur und das Mindset der Organisation berücksichtigen muss. Darüber hinaus spielen die inhärenten Eigenschaften des Vorgehensmodells eine bedeutende Rolle. Insbesondere erweisen sich die Flexibilität und die Anpassbarkeit des gewählten Modells als entscheidend, um auf Veränderungen im Projektverlauf reagieren und den Projekterfolg sichern zu können.

Diese Arbeit hat den Versuch unternommen, zum Verständnis der Zusammenhänge bei der Auswahl von Projektmanagementmodellen in der deutschen Softwarebranche beizutragen und potenzielle Ansätze für die Praxis aufzuzeigen.

Limitationen

Eine der bedeutendsten Limitationen dieser Arbeit ist die relativ geringe Stichprobengröße von 50 Befragten. Dies könnte die Generalisierbarkeit der Ergebnisse einschränken, da die Stichprobe möglicherweise nicht repräsentativ für die gesamte Population von IT-Projektmitarbeitenden in deutschen Großunternehmen der Softwarebranche ist.

Zudem ist zu berücksichtigen, dass der Einfluss der Erfolgsfaktoren bei der Auswahl von Vorgehensmodellen in Software-Großunternehmen der deutschen Softwarebranche lediglich anhand allgemeiner agiler und traditioneller Erfolgsindikatoren gemessen wurde, was die Präzision der Ergebnisse einschränken könnte.

Darüber hinaus zeigte sich, dass in 42% der Fälle die Vorgehensmodelle in diesen Unternehmen vorgegeben werden, was darauf hindeutet, dass IT-Projektmanager:innen nicht immer zu den Entscheidungsträger:innen gehören.

Empfehlungen für weitere Forschung

Während in dieser Arbeit lediglich eine quantitative Analyse durchgeführt wurde, könnte eine ergänzende qualitative Untersuchung, beispielsweise durch Interviews, tiefere Einblicke in die Entscheidungsprozesse bei der Auswahl von Vorgehensmodellen bieten und die quantitativen Ergebnisse weiter untermauern. Zunächst wäre es sinnvoll, konkrete Entscheidungsträger:innen und Vorgehensweisen im Auswahlprozess von Vorgehensmodellen in Großunternehmen der deutschen Softwarebranche zu identifizieren. Auf dieser Grundlage könnte die Entwicklung spezifischer Erfolgsindikatoren zur Eignung von Vorgehensmodellen im Rahmen qualitativer Analysen erfolgen. Weitere Forschung könnte sich darauf konzentrieren, die praktische Implementierung und Anpassung dieser Modelle in unterschiedlichen Projekttypen genauer zu untersuchen.

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13 Sustainable Development Goals (SDGs)

Die Masterarbeit lässt sich den folgen SDGs zuordnen:

Ziel

Herausforderung

Begründung

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#1: Keine Armut (No poverty):

Das Ziel ist es, die extreme Armut in all ihren Formen überall zu beenden.

  • Living wages

  • Menschen sollen die gleichen Zukunftschancen haben.

  • jeder Mensch Zugang zu Möglichkeiten haben, um aus der Armut heraus-zukommen, zB durch Mikrokredite

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#2: Kein Hunger (Zero hunger):

Das Ziel ist es, den Hunger zu beenden, nachhaltige Landwirtschaft und bessere Ernährung zu fördern und Ernährungssicherheit zu garantieren.

  • Betrachtung der gesamten Lieferkette

  • Kleinere Primärproduzenten

  • Risken hinsichtlich landwirtschaftlicher Produkte

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#3: Gesundheit und Wohlergehen (Good health and wellbeing):

Das Ziel ist es, Gesundheitssysteme zu stärken, Krankheiten zurückzudrängen und ein gesundes Leben für alle zu gewährleisten.

  • Kosten für Volkswirtschaften und Unternehmen durch nichtübertragbare Krankheiten

  • Kosten auf Grund psychischer Gesundheitsprobleme in entwickelten Ländern

  • Verkehrsunfälle

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#4: Hochwertige Bildung (Quality education):

Das Ziel ist es, hochwertige Bildung zu fördern und das lebenslange Lernen voranzutreiben.

  • Bewusstseinsbildung für nachhaltige Entwicklung

  • Partnerschaften Unternehmen und Fachhochschulen

  • Einsatz von Fachkräften

Im Projektmanagement sind kontinuierliche Weiterbildung und Kompetenzentwicklung von entscheidender Bedeutung, um mit dem rasanten technologischen Fortschritt mitzuhalten und den Erfolg von IT-Projekten sicherzustellen.

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#5: Geschlechtergleichheit (Gender equality):

Ziel ist es, die Gleichstellung der Geschlechter zu

erreichen.

  • Zugang zu qualifizierten MitarbeiterInnen

  • Flexibilisierung und Work-life-Balance

  • Diversität in Führungsebenen

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#6: Sauberes Wasser und Sanitär-Einrichtungen (Clean water and sanitation):

Das Ziel ist es, diese verfügbar zu machen und eine nachhaltige

Bewirtschaftung von sauberem Wasser zu gewährleisten.

  • Wasserverbrauch durch Industrien

  • Bessere Gesundheit durch Zugang zu Trinkwasser und Sanitärsversorgung

  • Folgen der Übernutzung und des Klimawandels

  • Betrachtung des gesamten industriellen Wasserkreislaufs


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#7: Bezahlbare und saubere Energie (Affordable and clean energy):

Ziel ist es den Zugang zu nachhaltiger und bezahlbarer Energie für alle zu

garantieren.

  • Zugang zu Strom

  • Energieeffizienz

  • Erneuerbare Energie ◊ Einsatz

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#8: Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum (Decent work and economic growth):

Ziel ist es, ein dauerhaftes und nachhaltiges Wirtschaftswachstum mit menschenwürdiger Arbeit und Vollbeschäftigung zu fördern.

  • Mehrwert für lokale Wirtschaft

  • Menschenrecht in der Lieferkette

  • Arbeitsplatzsicherheit

Die Implementierung effektiver Projektmanagementmodelle unterstützt die Optimierung von Arbeitsprozessen und steigert die Effizienz, was zu einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung und menschenwürdigen Arbeitsbedingungen beiträgt.

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#9: Industrie, Innovation und Infrastruktur (Industry, innovation and infrastructure):

Ziel ist es, umweltfreundliche Verkehrsmittel zu fördern, die Infrastruktur auszubauen und nachhaltige Industrialisierung zu fördern.

  • Adäquate und belastbare Infrastruktur

  • Zuverlässige und nachhaltige kommunale Dienstleistungen

  • Technologische Innovation, Forschung und Entwicklung

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#10: Weniger Ungleichheiten (Reduced inequalities):

Ziel ist es, die Ungleichheiten innerhalb und zwischen Ländern zu verringern und die Potenziale aller Menschen zu nutzen.

  • Zugang zu finanziellen Services

  • Verfügbarkeit von Produkten und Services für Einkommensschwache Haushalte

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#11: Nachhaltige Städte und Gemeinden (Sustainable cities and communities):

Ziel ist es, Städte inklusiv und nachhaltig zu gestalten.

  • Auswirkungen der Unternehmenstätigkeit auf die Stadt

  • Gebäude mit geringem ökologischen Fußabdruck

  • Mobilität der MitarbeiterInnen

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#12: Nachhaltige/r Konsum und Produktion (Responsible consumption and production):

Ziel ist es, die Wirtschafts- und Lebensweisen innerhalb der natürlichen ökologischen Grenzen zu halten und Konsum und Produktion nachhaltig zu gestalten.

  • Veränderungen der Unternehmensaktivitäten auf Grund von Ressourcenknappheit und Klimawandel

  • Reduktion der Kosten durch Ressourceneffizienz

  • Lebensmittelabfälle und –verluste entlang der Wertschöpfungskette

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#13: Maßnahmen zum Klimaschutz (Climate action):

Ziel ist es, umgehend Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels zu treffen.

  • Chancen und Risiken durch Klimawandel

  • Treibhausgas-emissionen

  • Energieeffizienz

  • Ökologische Investments

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#14: Leben unter Wasser (Life below water):

Ziel ist es, die Meeresressourcen nachhaltig und bedacht zu nutzen.

  • Vermeidung und richtige Entsorgung von Plastikabfällen

  • Nachhaltige Quellen bei Fischen und Meeresfrüchten

  • Innovation und Investitionen

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#15: Leben am Land (Life on land):

Ziel ist es, Ökosysteme an Land zu schützen, wieder aufzubauen und nachhaltig zu bewirtschaften.

  • Ökosysteme liefern entscheidenden Betrag für viele Unternehmen

  • Auswirkungen auf Entwaldung durch Kerntätigkeit

  • Compliance

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#16: Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen (Peace, justice and strong institutions):

Ziel ist es, friedliche Gesellschaften für nachhaltige Entwicklungen zu fördern.

  • Compliance

  • Transparenz über Unternehmens-aktivitäten

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#17: Partnerschaften zur Erreichung der Ziele (Partnerships for the goals):

Ziel ist es, Umsetzungsmittel zu verstärken und globale Partnerschaften für nachhaltige Entwicklung einzugehen.

  • Partnerschaften bieten Chancen

  • Komplexe Herausforderungen erfordern integrierte Herangehensweise

  • Investitionen

14 Anhang

14.1 Anhang 1: Systematische Literaturanalyse – ermittelte Quellen

Link zur tabellarischen Darstellung der ermittelten Quellen: Link zu Google Drive

14.2 Anhang 2: Tabelle zur Häufigkeitsanalyse

Link zur tabellarischen Darstellung der Häufigkeitsanalyse: Link zu Google Drive

14.3 Anhang 3: Fragebogen Konzept

Kategorie

#

Code

Frage

Skala

Fragentyp

Demographie

 

 

 

 

 

 

1

DM

Verfügen Sie über mindestens 3 Jahre Erfahrung in Projekten deutscher Großunternehmen der Softwarebranche*?

ja
nein

TrueFalse

 

 

 

* Schwerpunkt dieser Umfrage sind Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitenden und Jahresumsatzerlös von über 50 Millionen Euro. Dabei werden sowohl Standard-Software-Unternehmen mit Hauptsitz in Deutschland (bspw. SAP SE) als auch multinationale Großunternehmen (bspw. Microsoft Deutschland GmbH, ) berücksichtigt.

 

 

 

2

DM

Geschlechtangabe

m/w/d

SingleChoice

 

3

DM

Verfügen Sie über eine Projektmanagement-Zertifizierung und falls ja über welche?

IPMA
PMI
PRINCE2
SM
PO
keine
Sonstige und zwar

MultipleChoice, freier Textfeld

 

4

DM

Wie lange sind Sie bereits in Projekten deutscher Großunternehmen in der Softwarebranche tätig?

seit 3 bis 5 Jahren
seit 5 bis 10 Jahren
seit mehr als 10 Jahren

SingleChoice

 

5

DM

Was ist Ihre Tätigkeit?

PMngr
SM
Agile Coach:in
PO
Solution Architekt:in
Sonstige und zwar

MultipleChoice, freier Textfeld

 

 

 

Anweisungen für die
Beantwortung der nachfolgenden Fragen
Bitte nehmen Sie bei Ihren Antworten Bezug auf ein spezifisches Projekt in einem deutschen Großunternehmen der Softwarebranche. Bitte verwenden Sie durchgehend dasselbe Referenzprojekt. Ideal wäre ein Projekt, an dem Sie aktuell arbeiten.

 

 

Vorgehenmodell - Zuordnung

 

 

 

 

6

VM

Welcher Ausrichtung lässt sich das Vorgehensmodell in Ihrem Referenzprojekt zuordnen?

- traditionell bzw. plangetrieben
(z.B. V-Modell® XT, PRINCE2);
'- agil
(z.B. , eXtreme Programming, Kanban, Scrum, Nexus, SAFe);
'- hybrid
(Kombination agiler und klassischer Vorgehensmodelle z.B V-Scrum-Modell XT, Scrumban);
Ausrichtung nicht bekannt.

SingleChoice, freier Textfeld

 

7

VM

Haben Sie die Ausrichtung des VMs (traditionell, agil, hybrid) in Iherem Referenzprojekt anhand eines Hilfsmodells ermittelt und falls ja anhand welchem?

keines
die Stacey Matrix,
das Cynefin Framework
das Diamantenmodell
Sonstiges und zwar _________________

SingleChoice, freier Textfeld

 

8

VM

Nach welchem Vorgehensmodell bzw. Framework wird in Ihrem Referenzprojekt gearbeitet?

V-Modell® XT
PRINCE2
eXtreme Programming
Scrum

Kanban
Nexus
SAFe
V-Scrum-Modell XT
Scrumban
Sonstiges und zwar

SingleChoice, freier Textfeld

Vorgehensmodell- Erfolgsfaktoren

 

 

 

 

9

FF02-EF-VM

Inwiefern treffen folgende Aussagen auf das Vorgehensmodells in Ihrem Referenzprojekt zu?
a. Die Flexibilität & Anpassbarkeit des Vorgehensmodells waren von entscheidender Bedeutung für seine Auswahl.
b. Das Vorgehensmodell wurde durch Tailoring projektspezifisch angepasst.

zutreffend bis nicht zutreffend (1 bis 5)

5-stufige Likert-Skala je Unterpunkt

 

10

FF01_FF02-EF-VM

Welche weiteren Faktoren waren bei der Auswahl des Vorgehensmodells in Ihrem Referenzprojekt entscheidend? Bitte nennen Sie maximal 3 Faktoren.

freier Textfeld

OpenQuestion

Projekt-Erfolgsfaktoren

 

 

 

 

11

FF01_FF02-EF-P

Inwiefern treffen folgende Aussagen auf Ihr Referenzprojekt zu?
Entscheidende projektspezifische Faktoren für die Auswahl des Vorgehensmodells waren:

a. Dynamik der Anforderungen
b. Komplexität des Projekts
c. Projektgröße - Anzahl der Mitarbeiter:innen
d. Projektgröße - Projektdauer
e. Projekttyp
f. Qualifikationsgrad der Teammitglieder

zutreffend bis nicht zutreffend (1 bis 5)

5-stufige Likert-Skala je Unterpunkt

Projektumfeld-Erfolgsfaktoren

 

 

 

 

12

FF01_FF02-EF-PU

Inwiefern treffen folgende Aussagen auf Ihr Referenzprojekt zu?
Entscheidende projektumfeldspezifische Faktoren für die Auswahl des Vorgehensmodells waren:

a. Erwartete Beteiligung der Kundinnen und Kunden
b. Unternehmenskultur & -mindset des:der Auftragnehmer:in

zutreffend bis nicht zutreffend (1 bis 5)

5-stufige Likert-Skala je Unterpunkt

Projekterfolgindikatoren

 

 

 

 

13

FF01_FF02-PI

Inwiefern treffen folgende Aussagen auf ihr Referenz-Projekt zu:

a. Die Lieferung erfolgt plan- und termingerecht.

b. Es besteht eine enge Kollaboration zwischen Kunden:innen & Entwicklungsteam.

c. Die Projektmitarbeiterzufriedenheit ist hoch.

d. Die Kundenzufriedenheit ist hoch.

zutreffend bis nicht zutreffend (1 bis 5)

5-stufige Likert-Skala je Unterpunkt

Handlungsmaßnahmen

 

 

 

 

14

FF03

Welche Handlungsmaßnahmen werden von IT-Projektmanager:innen in deutschen Großunternehmen der Software-Branche ergriffen, wenn das ausgewählte Vorgehensmodell nicht erfolgsführend war?

a. Es wurde ein externer Projektmanagement-Berater engagiert.
b. Es wurde ein externer Agile Coach engagiert.
c. Das Projekt wurde gestoppt.
d. Analyse der Störfaktoren und Tailoring des Vorgehensmodell an die spezifischen Rahmenbedingungen des Projekts.
e. Das Vorgehensmodell wurde durch ein geeigneteres ersetzt.
f. Sonstiges und zwar

MultipleChoice, f.) freier Textfeld

14.4 Anhang 4: Fragebogen via SoSci Survey

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14.5 Anhang 5: Post in LinkedIn

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14.6 Anhang 6: Filter zur Ermittlung der Stichprobe auf LinkedIn (Beispiel)

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14.7 Anhang 7: Private Nachricht via LinkedIn - Beispiel

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14.8 Anhang 8: Rücklauf im Zeitverlauf

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